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Lexikon

Hades

1. Griechischer Gott der Unterwelt

1.1 Allgemeines

Der Name Hades (Namensvarianten Aïs, Aïdas, Aïdoneus) bedeutet mutmaßlich „der Unsichtbare“, entweder, da sein Reich sich unter der Erde befindet, oder aufgrund einer unsichtbar machenden Tarnkappe, die er besitzt. Der seit Mitte des 5. Jh. v. Chr. belegte Alternativname Pluton (= „der Reiche“ oder „Reichtum gebende“, nicht zu verwechseln mit Plutos, dem personifizierten Gott des Reichtums), der ihn in seiner Eigenschaft als Herrn und Spender des aus der Erde wachsenden Getreides und der Bodenschätze, mithin positive Aspekte seiner Persönlichkeit, bezeichnet, dürfte ursprünglich ein Euphemismus sein, um die Namensnennung des als Herrschers über die Toten gefürchteten Gottes zu meiden. Weitere euphemistische Bezeichnungen sind Klymenos, „der Berühmte“, Polydegmon, „der Viele Aufnehmende“ und Pankoites, „der alles zur Ruhe Bringende“. Zur Betonung seines Gegengewichts zum Himmelsherrscher Zeus wird er bisweilen auch als Zeus (kata)chthonios, als unterirdischer Zeus, bezeichnet. – Hades ist Sohn von Kronos und Rheia und als deren viertes Kind Bruder von Hestia, Demeter, Hera, Poseidon und Zeus. Nach dem Sieg der von Zeus angeführten neuen Göttergeneration der Olympier über die Titanen um Kronos teilten die Brüder die Herrschaft über den Kosmos auf (Hom., Il., 15.187ff.): Zeus wurde Herrscher über Himmel und Erde, Poseidon über das Meer und Hades über die Unterwelt, die er mit seiner Gemahlin und Nichte Persephone zusammen regiert. Hades ist zwar ein mitleidloser und unerbittlicher Gott, da niemand, der ihm anheimfällt, aus seinem Reich wieder zurückkehren kann, aber er ist nicht böse und trägt ebenso wenig satanische Züge, wie die griechisch-römische Unterwelt mit der Hölle zu vergleichen ist (vgl. hierzu 2.2, 2.3). Er besitzt die Schlüssel zur Unterwelt (eine künstlerische Darstellung dieser Thematik gab es auf der (nicht erhaltenen) so genannten Kypselos-Lade im Hera-Tempel in Olympia, vgl. Paus. 5.20.3; Orph. Hymn. 18.4) und erscheint gelegentlich auch selbst als Totenrichter; üblicherweise nehmen diese Aufgabe jedoch seine halbgöttlichen Neffen Minos, Rhadamanthys und Aiakos wahr. Aiakos fungiert dann auch als Schlüsselhüter der Unterwelt. Die Darstellung kann sich hier auf den griechischen Kulturraum beschränken, da der römische Unterweltsgott Pluto, dichterisch auch Dis (= „der Reiche“) genannt, und seine Gemahlin Proserpina, wie schon die Namen andeuten, deckungsgleiche Übernahmen der griechischen Gottheiten sind. Auch eine eigene Mythologie hat die römische Literatur nicht ausgeprägt.

1.2 Bildliche Darstellungen

Quelle: Lemma „Hades“ in Wikipedia, 1. Bild, abgerufen am 23.08.2018, 9.55 Uhr; als gemeinfrei gekennzeichnet

Abb. 1 Hades, römische Kopie nach einem verlorenen griechischen Original des 5. Jh. v. Chr., Palazzo Altemps, Rom

Hades wird in der bildenden Kunst selten dargestellt. Die wenigen Statuen und Büsten, die von ihm bekannt sind, zeigen ihn als hochgewachsenen Mann mittleren Alters mit langen, gelockten, bisweilen auf die Stirn hinab hängenden Haaren und einem langen Bart. Er wirkt majestätisch und ernst, aber nicht explizit düster; zum Zeichen seiner Macht trägt er meist ein Zepter. Mit einem Zweizack (analog zu seinem Bruder Poseidon, dessen übliches Attribut der Dreizack ist) wird er erst seit der Renaissance dargestellt. In Ägypten wurde er seit dem Hellenismus häufig mit dem Gott Sarapis identifiziert, in dessen Tempel in Alexandria es eine (nicht erhaltene) vom Bildhauer Bryaxis im späten 4. Jh. v. Chr. geschaffene Kultstatue aus blauschwarzem Metall gab, deren rechte Hand auf dem mittleren Kopf des dreiköpfigen Unterwelthundes Kerberos ruhte. Auf Reliefs und Vasenbildern erscheint er meist zusammen mit seiner Gattin Persephone als Herrscherpaar über die Unterwelt oder im Zusammenhang mit Herakles‘ Besuch in der Unterwelt, um den Wachhund Kerberos mitzunehmen. Weiterhin ist bisweilen der Raub der Persephone durch Hades (s. u. 1.4) dargestellt.

Quelle: Britisches Museum, London, http://www.theoi.com/Gallery/K14.3.html, abgerufen am 23.08.2018, 10.10 Uhr; “Theoi Greek Mythology” ist auf der Startseite als “free reference guide” gekennzeichnet

Abb. 2 Persephone und Hades, rotfigurige attische Kylix, c. 430 v. Chr.

1.3 Kult

Hades war ein gefürchteter Gott, mit dem die Menschen im Allgemeinen den Umgang mieden. So genoss er kaum kultische Verehrung; das einzige Heiligtum, von dem wir wissen, welches dem Hades unter diesem Namen geweiht war, befand sich auf der Peloponnes in der Landschaft Elis bei Pylos (Strab. 8.3.14, Paus. 6.25.2f.), dessen Tempel nur einen Tag im Jahr geöffnet und auch dann nur dem Priester zugänglich war. Ebenfalls auf der Peloponnes gab es einen Kultort in Hermione, wo Hades unter dem Namen Klymenos (s.o.) verehrt wurde (Paus. 2.35.10). Hier soll es auch einen Erdschlund gegeben haben, der einen direkten Zugang zur Unterwelt bot (s. hierzu 2.2). Darüber hinaus genoss er unter seinem freundlicheren Namen Pluton an einigen Orten kultische Verehrung, meist zusammen mit seiner Gemahlin Persephone. Eine auffällige Häufung findet sich in Kleinasien östlich von Ephesos in den Städten Acharaka (Strab. 14.1.44), Aphrodisias (inschriftlich belegt) und Hierapolis (Strab. 13.4.14). Der bedeutendste Kultort befand sich aber in Eleusis nahe Athen, wo Hades im Rahmen der Mysterien von Eleusis, die zu Ehren seiner Schwester und Schwiegermutter Demeter und Persephone gefeiert wurden, eine Rolle spielte; noch heute kann man dort eine ihm geweihte Höhle, das Plutonion, besichtigen. Als literarisches Gegenstück zu den Kultorten gibt es im Corpus der nicht datierbaren Orphischen Hymnen (Nr. 18) einen in der griechischen Hymnen-Literatur singulären, 19 Verse umfassenden Hymnos auf Pluton, in dem die Aspekte des düsteren Unterweltherrschers und segensreichen Gabenspenders miteinander verbunden sind. In der Schlussformel (V. 17) wird der Gott sogar mit der gewaltigen Bezeichnung Pantokrator („Allmächtiger“) angerufen.

1.4 Mythen

Im Zusammenhang mit den Eleusinischen Mysterien (s. u. 2) steht auch der wichtigste Mythos, der sich um Hades rankt. Die bedeutendsten literarischen Quellen hierfür sind der pseudo-homerische Hymnos an Demeter (495 Verse, wahrscheinlich 7. Jh. v. Chr.) und die beiden Versionen, die Ovid (43 v.-17 n. Chr.) in seinem Epos Metamorphosen (5.346-571) und dem Kalenderlehrgedicht Fasti (4.417-620) bietet. Der spätantike Dichter Claudian (c. 370-404) widmet diesem Thema sogar ein ganzes Epos De raptu Proserpinae (lateinischer Name für Persephone), das jedoch unvollendet blieb. Drei Bücher mit zusammen gut 1100 Versen sind überliefert; die Handlung reicht bis zum Beginn der Suche der Ceres (lateinischer Name für Demeter) nach ihrer Tochter. Der Inhalt des Mythos‘ ist folgender (während die Quellen sich in Details voneinander unterscheiden, sind die Grundzüge der Erzählung immer gleich): Der einsame Unterweltsgott verliebt sich in seine jugendliche Nichte Persephone, raubt sie mit dem Einverständnis ihres Vaters Zeus, als sie mit Freundinnen auf einer Wiese Blumen sammelt, und entführt sie in die Unterwelt. Ihre verzweifelte Mutter Demeter kann lange nichts über ihren Verbleib in Erfahrung bringen und obgleich sie die ganze Mittelmeerwelt durchstreift, bleibt ihre Suche erfolglos. Unterwegs wird Demeter in Gestalt einer alten Frau in Eleusis nahe Athen von dem Königspaar Keleus und Metaneira gastlich aufgenommen. Je nach Version erfährt Demeter schließlich vom Sonnengott Helios (Demeter-Hymnos) oder der Quellnymphe Arethusa (Ovid) die Wahrheit und stellt Zeus zur Rede. Als dieser den Raub Persephones verteidigt und seine Hilfe verweigert, stellt Demeter ihre Arbeit als Göttin der Fruchtbarkeit und aufkeimenden Saaten ein, so dass eine schreckliche Hungersnot sich über die Erde ausbreitet. Daraufhin gibt Zeus nach und schickt den Götterboten Hermes in die Unterwelt mit dem Auftrag, Persephone zurückzuholen. Aufgrund des Genusses von Granatapfelkernen, die ihr Hades reichte, wurde die junge Göttin aber durch ein unauflösbares magisches Band an die Unterwelt gefesselt. Das Rätsel, warum Granatäpfel eine so starke magische Kraft besitzen, dass selbst Götter daran gebunden sind, ist bislang nicht gelöst. Die Selbstverständlichkeit, mit welcher der Demeter-Hymnos dieses Motiv einführt, zeigt jedoch, dass das antike Publikum mit dieser Vorstellung vertraut war. Es gibt jedoch wenigstens einen Kompromiss: acht Monate des Jahres darf Persephone in der Oberwelt verbringen, lediglich vier Monate muss sie bei ihrem Gatten Hades verweilen (Demeter-Hymnos 398-400; Ovid nennt vermutlich aus Gründen der ausgleichenden Gerechtigkeit zweimal sechs Monate: Met. 5.564-567, Fasti 4.613f.). Es ist evident, dass mit diesem Motiv eine aitiologische Erklärung für die Existenz des Winters gegeben werden soll: Während Persephone in der Unterwelt ist, blüht und gedeiht nichts auf der Erde, mit ihrer alljährlichen Rückkehr beginnt der Frühling und das Leben erwacht wieder (vgl. Demeter-Hymnos 401-403). Voll Freude über die wenigstens temporäre Rückkehr ihrer Tochter stiftet Demeter den Mysterienkult von Eleusis. Persephone besitzt von nun an eine merkwürdige Doppelnatur als mädchenhafte Vegetationsgöttin auf der einen und düstere Herrscherin über die Toten auf der anderen Seite. Ihre Ehe mit Hades bleibt kinderlos. Erst spätantike Überlieferung macht die Rachegöttinnen, die drei schlangenhaarigen Erinnyen, zu Töchtern von Hades und Persephone; in der üblichen mythischen Überlieferung sind sie vaterlose Töchter der Nyx (Nacht).

In mehreren anderen Mythen tritt der Halbgott Herakles, Sohn des Zeus und der Alkmene, geradezu als Gegenspieler des Hades auf: Im Kampf um Pylos (s.o. 1.3) fügt Herakles Hades mit einem Pfeil eine schmerzhafte Wunde an der Schulter zu – die griechischen Götter sind zwar unsterblich, aber nicht unverwundbar. Am Eingang der Unterwelt raubt er dem Todesgott Thanatos, der im Allgemeinen als Diener des Hades vorgestellt wurde, die jüngst verstorbene thessalische Königin Alkestis und führt sie ins Leben zurück, womit er massiv in den Hoheitsbereich des Hades eingreift. Weiterhin befreit er den in der Unterwelt gefangenen Theseus, der auf Anstiften seines Freundes Peirithoos mit ihm dort eingedrungen war, um Persephone zu rauben, woraufhin Hades die beiden Eindringlinge an einem Felsen festwachsen ließ. Hades lässt Herakles bei der Befreiung des Theseus gewähren, verhindert jedoch durch ein Erdbeben die Lösung des Hauptschuldigen Peirithoos. Herakles‘ eigentliches Anliegen ist es jedoch, auf Befehl des Königs Eurystheus, dem er Dienste leisten muss, Kerberos, den dreiköpfigen Wachhund der Unterwelt, mitzunehmen. Hades gestattet dies Herakles unter der Bedingung, dass er ihn unbewaffnet mit bloßer Hand überwältigen müsse. Dies gelingt dem Heroen, er bringt nach vollbrachter Aufgabe den Kerberos aber zurück in die Unterwelt.

Im Gegensatz zu seinen notorisch Seitensprüngen zugeneigten Brüdern Zeus und Poseidon ist Hades geradezu ein Musterbild ehelicher Treue. Lediglich zu der Nymphe Minthe entbrannte er in Liebe, woraufhin diese von Persephone zertreten und ihre Überreste in die Pflanze Minze verwandelt wurden (Strab. 8.3.14).

Die in unserer Zeit wohl berühmteste mythische Episode, in der Hades eine Rolle spielt, ist hauptsächlich durch die lateinischen Versionen Vergils (Georg. 4.453-506) und Ovids (Met. 10.1-63) bekannt: Der Sänger Orpheus, dessen junge Gattin Eurydike durch einen Schlangenbiss ums Leben kam, steigt in die Unterwelt, um ihre Rückgabe zu erbitten. Mit seinem Gesang erweicht er sogar die Herzen des „schreckenerregenden Königs“ (Verg. Georg. 4.469) Hades und seiner Gattin und sie gewähren die Rückkehr unter der Bedingung, dass Orpheus sich auf dem Rückweg nicht nach Eurydike umdrehen darf. Schon fast an der Oberwelt angekommen kann Orpheus der Versuchung aber nicht widerstehen und Eurydike gleitet zurück zu den Schatten. Ebenso wie der Mythos von Herakles und Kerberos zeigt auch diese Erzählung, dass Hades nicht unter allen Umständen unerbittlich ist.

Schließlich ist ein Auftritt zu erwähnen, den Hades in einer Werkgattung hat, in der man ihn nicht unbedingt erwarten würde, in Aristophanes‘ 405 v. Chr. aufgeführter Komödie Die Frösche (V. 1414ff.): Der Theatergott Dionysos möchte seinen jüngst verstorbenen Lieblingsdichter Euripides aus der Unterwelt zurückholen. Dort angekommen fungiert er als Schiedsrichter in einem Streit seines Lieblings mit dem älteren Aischylos darum, wer der beste Tragödiendichter sei. Hades wohnt unter dem Namen Pluton diesem Streit bei. Bemerkenswert ist hier, dass, während neben den beiden Tragikern selbst Dionysos zum Opfer derber Späße des Aristophanes wird, Pluton als ganz ernst und würdevoll erscheint. Dies deutet daraufhin, dass der Herrscher der Unterwelt keine Gestalt war, mit der sich selbst der respektloseste Komödiendichter Scherze erlauben wollte.

1.5 Hades in der LXX und dem NT

Während Hades als Ortsname vor allem in der LXX recht häufig ist und auch einige Male im NT vorkommt (s. u. 2.4), wird er als Person naturgemäß sehr selten genannt. In den kanonischen Schriften ist nur an den vier Stellen, an denen Hades in der Apk – interessanterweise immer an zweiter Stelle in Verbindung mit Thanatos (Tod) – vorkommt, eine Deutung als Person möglich. Eindeutig so zu verstehen ist Hades in Apk 6,8 und Apk 20,14, so dass hier tatsächlich ein Auftritt des griechischen Unterweltsgottes im NT zu konstatieren ist, der zunächst gemeinsam mit den vier Reitern als Diener des Einen Gottes fungiert, aber beim Jüngsten Gericht in den Feuersee geworfen wird. Umstritten ist die Deutung in Apk 1,18 (der Genitiv kann als Objekt „Schlüssel zum Hades“ oder als possessive Angabe „Schlüssel des Hades“ verstanden werden, im ersten Fall wäre der Ort, im zweiten die Person gemeint). Apk 20,13 wird allgemein als Ortsangabe aufgefasst, unmittelbar neben Apk 20,14 ist aber auch die personale Auffassung plausibel.

2. Die Unterwelt als Ort

2.1 Herkunft des Namens

Ursprünglich hat die Unterwelt keinen eigenen Namen, sondern wird als „Haus des Hades“ bezeichnet. Bereits bei Homer kann in Verbindung mit Präpositionen der Begriff Haus wegfallen, schwebt aber bei Formulierungen wie „im <Haus> des Hades“ gedanklich weiterhin vor, wie sich am Genitiv „des Hades“, der mit der Präposition „in“ nicht konstruierbar ist, zeigt. Ursprünglich handelt es sich also bei der Bezeichnung Hades für die Unterwelt nicht um eine Metonymie, verselbständigt sich jedoch dann als solche und wird zur gängigen Ortsbezeichnung in der gesamten griechischen Literatur.

2.2 Geographie und Topographie

In der Zeit Homers (spätes 8. Jh. v. Chr.) konkurrieren noch zwei geographische Vorstellungen miteinander: Bald wird der Hades als im äußersten Westen der Welt, bald unter der Erde befindlich gedacht. Die letztere Vorstellung setzt sich ab dem 7. Jh. v. Chr. durch, wobei verschiedenste Orte als Eingänge angenommen wurden. Die bekanntesten sind bei Ephyra in Westgriechenland, wo es ein bedeutendes Totenorakel gab, an Kap Tainaron, der Südspitze der Peloponnes, beim Plutonion in Eleusis (s. o. 1.3) und am Averner See bei Cumae in Kampanien (der heute noch Lago Averno heißt und mit seinem stillen, fast schwarzen Wasser, aus dem gelegentlich infolge vulkanischer Aktivität Blasen aufsteigen, tatsächlich eine eigentümliche, etwas unheimliche Atmosphäre vermittelt). Die Topographie des Hades ist bestimmt durch fünf Flüsse: Der Hauptfluss Acheron („Seufzerstrom“) umfließt ihn und bildet so die Grenze. Im Inneren gliedern die vier Flüsse Kokyktos („Klagefluss“), Pyriphlegethon („Feuerbrandfluss“), Styx („die Verhasste“) und Lethe („das Vergessen“) das Gelände. Die sprechenden Namen der ersten vier Flüsse zeigen bereits, dass ein Dasein im Hades nach antiken Vorstellungen wenig Erstrebenswertes bietet (s. u. 2.3). Im Zentrum befindet sich der riesige Palast des Unterweltskönigs Hades. Von den beiden umfangreichsten Hades-Schilderungen der antiken Literatur bietet Homer im 11. Gesang der Odyssee keine klare Topographie: Es gibt endlose Wiesen, bewachsen mit dem Liliengewächs Asphodelos, auf denen die Schatten der Toten wandeln (s. u. 2.3). Angedeutet ist hier bereits, dass es einen Strafort gibt, an dem große Verbrecher ewige Qualen erleiden müssen, den Tartaros, der tief unter dem eigentlichen Hades liegt. Hier sind auch die im Kampf mit den Olympischen Göttern unterlegenen Titanen um den Gott Kronos untergebracht. Das Elysion, in dem auserwählte Seelen ewiges Glück genießen, liegt bei Homer nicht im Hades, sondern auf einer Insel im äußersten Westen der Welt (Odyssee, 4.561ff.). Eine genauere Topographie bietet Vergil im 6. Buch seiner Aeneis anlässlich der Wanderung, die sein Held Aeneas mit seiner Wegführerin, der Sibylle von Cumae, durch den Hades unternimmt: Nächst dem Eingang liegt eine Reihe von Gefilden, auf denen die Seelen der Toten weder Belohnung noch Strafe erleiden. An einer Weggabelung führt dann der Weg zur Linken in den Tartaros, den man sich nach Vergils Beschreibung (Aeneis, 6.548ff.) ähnlich der Stadt Minas Morgul in Tolkiens „Lord of the Rings“ vorstellen kann, zur Rechten auf die Elysischen Felder. Vergils Beschreibung übte nachmals großen Einfluss auf die Topographie von Dantes Inferno in der Divina Commedia aus.

2.3 Jenseitsvorstellungen

Nach dem Tod gelangten nach antikem griechischem und römischem Glauben die Seelen der Toten in den Hades. Voraussetzung dafür, vom Totenfährmann Charon über den Acheron übergesetzt zu werden, war eine ordnungsgemäße Bestattung (Homer, Ilias, 23.70ff.), bei welcher dem Toten unter anderem eine Münze zur Bezahlung der Überfahrt unter die Zunge gelegt wurde. Die Seele eines jeden Menschen existiert dann als schattenhaftes, körperloses Abbild des irdischen Wesens weiter, die Aussehen, Alter und Charakter beibehält. Alle diese Schatten haben das gleiche Schicksal. Es gibt also keine Belohnung oder Bestrafung für irdische Wohltaten oder Verfehlungen – ein Jenseits existiert, doch ist von ihm nichts zu erhoffen. Zwar sind auch keine Höllenqualen zu befürchten, doch eine erfreuliche postmortale Existenz winkt den Toten nicht. So äußert Achill gegenüber Odysseus bei dessen Unterweltsbesuch, er wäre lieber der Knecht eines Tagelöhners auf der Erde als der Herrscher aller Toten im Hades (Homer, Odyssee, 11.488ff.). Ausgenommen von diesem indifferenten Dasein waren zum einen besonders schlimme Verbrecher wie Tityos, Tantalos und Sisyphos, die im Tartaros mit immerwährenden Martern bedacht wurden, zum anderen einige besondere Heroen wie Menelaos, die Zugang zu den Elysischen Feldern erhielten, wo sie ein ewiges glückliches Leben führen konnten, wobei das Verdienst des Menelaos allein darin bestand, dass er das Glück hatte, als Gatte der schönen Helena Schwiegersohn des Zeus zu sein. In den nachhomerischen Jahrhunderten kam dann die menschlichem Gerechtigkeitsempfinden eher Rechnung tragende Vorstellung von einem regelrechten Totengericht auf, in dem die Hades-Richter Minos, Rhadamanthys und Aiakos Leben und Taten der Verstorbenen bewerteten und sie dann einer Fortexistenz im eigentlichen Hades, dem Tartaros oder dem Elysion zuwiesen (Platon, Gorgias 523a ff.).

Spätestens ab dem 7. Jh. v. Chr. kamen an verschiedenen Orten diverse Mysterienkulte auf, die für ihre Adepten ein attraktiveres Angebot für eine postmortale Existenz bereithielten. An deren Spitze sind die wirkungsmächtigen Eleusinischen Mysterien zu nennen, in deren Mittelpunkt die Göttinnen Demeter und Persephone standen. Wer in diesen oder einen anderen Mysterienkult eingeweiht war, hatte damit sozusagen die Eintrittskarte ins Elysion gelöst (vgl. Demeter-Hymnos, 480ff., Aristophanes, Frösche, 316ff.). Zeugnis davon legen vor allem die den Dionysos-Mysterien angehörigen so genannten Orphicae lamellae (Orphische Goldblättchen) ab, die als Grabbeigaben gefunden worden. Sie bieten Anweisungen und Informationen für die Seele des jeweiligen Toten, wie er seinen Weg durch den Hades finden kann, um ins Elysion zu gelangen.

2.4 Hades in der LXX und im NT

Hades wird annähernd 100 Mal in der LXX als Übersetzung des hebräischen sche´ol zur Bezeichnung der Unterwelt verwendet. Ein typisches Beispiel ist Jes 14,11-15 LXX: Die Herrlichkeit des Königs von Babylon, der sich in seiner Hybris Gott gleichgestellt hat, ist schon in den Hades hinabgestiegen (Jes 14,11 LXX), er selbst wird folgen (Jes 14,15 LXX). Die räumliche Vorstellung des Hades als eines unterirdischen Ortes ist hier besonders deutlich: „Jetzt aber wirst du in den Hades hinabsteigen und in die Fundamente der Erde.“ Genau dieselbe Vorstellung, diesmal in einer Anrede Jesu an die Stadt Kapharnaum, findet sich in Mt 11,23 und Lk 10,15. Ansonsten gibt es außerhalb der Apk (s. dazu 1.5) nur noch vier weitere Belege für Hades im NT: Im berühmten Jesus-Wort, dass Petrus der Felsen sei, auf den er seine Versammlung (ekklêsia) bauen werde, heißt es, dass die Tore des Hades über diese Versammlung keine Macht haben werden (Mt 16,18). In der Erzählung von Lazarus und dem Reichen sieht dieser, als er im Hades nach oben blickt, jenen hoch oben im Schoß Abrahams (Lk 16,23). In Apg 2,27 schließlich zitiert Petrus in seiner Pfingstpredigt aus Ps 15,10 LXX (Ps16,10), Davids Wort, dass der Herr seine Seele nicht im Hades im Stich lassen werde, und entsprechend auch Christus nicht dem Hades überlassen wurde (Apg 2,31).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Hades, römische Kopie nach einem verlorenen griechischen Original des 5. Jh. v. Chr., Palazzo Altemps, Rom Quelle: Lemma „Hades“ in Wikipedia, 1. Bild, abgerufen am 23.08.2018, 9.55 Uhr; als gemeinfrei gekennzeichnet
  • Abb. 2 Persephone und Hades, rotfigurige attische Kylix, c. 430 v. Chr. Quelle: Britisches Museum, London, http://www.theoi.com/Gallery/K14.3.html, abgerufen am 23.08.2018, 10.10 Uhr; “Theoi Greek Mythology” ist auf der Startseite als “free reference guide” gekennzeichnet

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