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Lexikon

Furcht (AT)

Sara Kipfer

(erstellt: April 2017)

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Angst beziehungsweise Furcht gehören zu den Grundgefühlen (sog. Basisemotionen). Sie äußern sich als Reaktion auf eine konkrete Bedrohung, ausgelöst durch die Wahrnehmung einer Gefahr und eine körperliche Angstreaktion, oder generell als Existenz- und Zukunftsangst insbesondere in Krisenzeiten. Sie zählen zu den stärksten Triebfedern menschlichen Handelns. Es erstaunt daher nicht, dass Angst beziehungsweise Furcht die überaus dominierende Emotion in den alttestamentlichen Texten ist. Nicht nur die häufige Nennung und Benennung mit einem sehr breiten Vokabular, sondern auch der Stellenwert, der ihr inhaltlich zukommt, belegt dies: Nach Hi 14,1 ist der Mensch geradezu von Angst beziehungsweise Unruhe und Zittern (רֹגֶז rogæz) „gesättigt“ (שָׂבֵעַ śāvea‘). Die Angst gehört in der alttestamentlichen Anthropologie also existentiell zum Menschsein (vgl. auch Hi 15,20; Jes 32,10; Jes 51,13).

Trotz oder vielleicht gerade wegen dieser häufigen Erwähnung ist es schwierig, ein einheitliches Konzept zu erkennen. Es fällt zum einen auf, dass die Trennung zwischen der transitiven Form „sich vor etwas fürchten“ und der intransitiven Form „Angst haben“ für das Hebräische irrelevant ist (anders etwa im The New Interpreter’s Dictionary of the Bible; dazu Kipfer 2016, 17). Entsprechend werden die Begriffe „Angst“ und „Furcht“ im Folgenden synonym verwendet. Auch kennt das Hebräische keine begriffliche Unterscheidung von „Furcht“, „Angst“ und „Ehrfurcht / Respekt / Verehrung“, was es an einigen Stellen schwierig macht zu entscheiden, welcher Aspekt gemeint ist (vgl. etwa Ps 119,116). Furcht wird ferner sowohl als sichtbare als auch als unsichtbare, eine Art „subjektive“ und für Außenstehende nicht wahrnehmbare „Reaktion“ beziehungsweise „Empfindung“ beschrieben. Dabei werden mehrheitlich körperliche Erfahrungen angesprochen, die weitestgehend als kulturübergreifend (cross-cultural) angesehen werden können. In einigen Fällen finden sich jedoch auch Spezifika, die nur schwer verständlich sind. Schließlich kommt auch ein ethisch-weisheitlicher Aspekt dazu: So lassen einige Textbeispiele Zweifel aufkommen, ob mit „Furcht“ überhaupt etwas gemeint ist, das im engeren Sinn als Emotion zu verstehen ist, etwa dann, wenn Furcht befohlen oder verboten wird (s. 5.).

1. Begrifflichkeit

Die zahlreichen hebräischen Lexeme, die im semantischen Umfeld von „Angst“, „Furcht“ und „Schrecken“ stehen, sind nicht leicht zu überblicken. Lauha (1983, 138f.) listet 18 Wortstämme auf, die primär Furcht bezeichnen; hinzu kommen 20 weitere Stämme und Ausdrücke in diesem Bedeutungsumfeld. Insgesamt findet er 873 Belege (= „Gesamtfrequenz“) für Furcht in der Hebräischen Bibel. Derousseaux (1970, 73-80) bespricht 23 Wörter, Fuhs (1982, 872-874) zählt sogar mehr als 30 Begriffe auf.

Eindeutig am häufigsten mit ungefähr 435 Belegen wird die Wurzel ירא jr’ verwendet (davon rund 380-mal als Verb). פחד pḥd kommt mit 75 Belegen (25-mal als Verb) bereits wesentlich seltener vor und hat die Grundbedeutung „zittern“ und „beben“, und zwar einerseits vor Freude (Jes 60,5; Jer 33,9), aber andererseits und überwiegend vor Schrecken (Dtn 28,66; Jes 33,14 u.a.). Ähnlich oft findet sich auch die Wurzel חתת ḥtt I (74 Belege, davon 56-mal als Verb), die im Qal soviel wie „(tödlich) erschreckt sein / von Schreck erfüllt sein“ meint. חיל ḥjl I (47 Belege, „kreißen / beben / sich winden / sich drehen“) und חרד ḥrd (45 Belege, „zittern / erschrecken“, oft auch „aufschrecken“) kommen je noch rund 50-mal vor. פחד pḥd, חיל ḥjl, חרד ḥrd sowie die teilweise wesentlich selteneren Wörter רגז rgz (41 Belege, „erzittern / erbeben“), רעשׁ r‘š (47 Belege, „erbeben / erschüttert werden“), געשׁ g‘š (7 Belege, „schwanken“), נוע nô‘ (36 Belege, „wanken / schwanken“), מוט môṭ (40 Belege, „wanken / schwanken“), מוג môg (17 Belege, „wanken / schwanken“), נוט nôṭ (Hapaxlegomenon) und פלץ plṣ (Hapaxlegomenon) sind allesamt sinnverwandte Wurzeln und tragen das gemeinsame semantische Merkmal von „beben / zittern“ – meist, wenn auch nicht ausschließlich, vor Angst.

תמהּ tmh (11 Belege) meint in erster Linie „staunen / sich wundern“, kann aber auch so viel wie „vor Schrecken sprachlos / vor Entsetzen starr werden / erstarren“ bedeuten. זוע zô‘ (7 Belege) bedeutet nicht nur „zittern“ (Qal), sondern auch „schwitzen“ (Hifil SirB marg 34,13; SirB marg 37,30). Auch צרר ṣrr I (16 Belege) beinhaltet eindeutig eine physische Komponente, insofern es in erster Linie „in etwas einbinden / eng, zusammengedrängt sein“ und erst im übertragenen Sinn „beengt / bedrängt sein / sich ängstigen“ meint. Nicht nur das „Beben“ und „Zittern“ und das Gefühl der Enge spielen im Kontext der Angst eine wichtige Rolle und führen zur Verwendung sinnverwandter Wörter in diesem Kontext, auch die „Flucht“ steht in einem engen semantischen Zusammenhang: בהל bhl (39 Belege) hat neben „erschreckt sein / werden“, „bestürzt sein“ auch die Bedeutung „eilen / hasten“. Ähnlich hat חפז ḥpz (9 Belege) die Grundbedeutung „forthasten“, dann aber auch „sich ängstigen / zagen“.

Hinzu kommt eine Reihe weiterer Lexeme, die nur vereinzelt auftauchen, so beispielsweise זחל zḥl (3 Belege, vgl. altaramäisch דחל dḥl), das „kriechen“ und übertragen auch „sich verkriechen / sich scheuen / Angst haben“ bedeutet (vgl. Hi 32,6). Zu nennen sind ferner גור gûr III mit der Grundbedeutung „zurückweichen (aus Furcht)“ beziehungsweise „sich fernhalten“ sowie קוץ qôṣ, das neben „überdrüssig sein / verabscheuen“ auch die Bedeutung „vor jemandem Furcht haben / grauen“ annehmen kann. מסס mss Nifal bedeutet „zerfließen / schmelzen“ und übertragen „vor Angst vergehen / verzagen / mutlos werden“. דאג d’g meint „fürchten / sich ängstigen“, dann aber auch „besorgt sein“.

Abgesehen von einigen seltenen Ausdrücken ist kaum ein Lexem für die „Gottesfurcht“ vorbehalten, und Ähnliches gilt auch umgekehrt: Lediglich wenige Wörter (hierzu zählen etwa בהל bhl und חפז ḥpz) werden ausschließlich für die „Angst“ verwendet. So unterschiedlich die einzelnen Begriffe und ihr Bedeutungsspektrum auch sind, so fällt doch auf, dass sie überaus mehrheitlich die gesamte Spannbreite von „erschrecken / sich fürchten“ bis hin zu „jemanden fürchten / verehren“ innehaben. Selbst Begriffe wie חיל ḥjl I (Jer 5,22) und חתת ḥtt (Mal 2,5; vgl. Gen 35,5) können im Sinne von „Gottesfurcht / Ehrfurcht vor Gott“ verwendet werden (vgl. auch גור gûr III in Ps 22,24; Ps 33,8; חרד ḥrd in Esr 10,3; רגז rgz Hitpael in Jes 37,28). Die Grenze zwischen Furcht / Angst und Ehrfurcht / Respekt ist in der Regel eine Frage des Kontextes.

2. Wer fürchtet sich wovor?

2.1. Wer hat Furcht?

Das „passive“ Subjekt der Furcht (derjenige / diejenige, der / die erschreckt wird) ist in erster Linie der Mensch, seltener auch Tiere (vgl. Gen 9,2). Während das Zittern (חָרַד ḥārad) der → Vögel und → Tauben in Hos 11,11 als Vergleich zum Verhalten der Menschen dient, wird umgekehrt in Hi 39,15f.19-25 mit Erstaunen das furchtlose Verhalten der → Strauße und → Pferde beschrieben. Auch die Natur kann „erzittern / erschrecken“. Dies wird etwa von der Erde (1Sam 14,15; 1Chr 16,30; Hi 9,6; Ps 77,19; Ps 96,9 u.a.), den Bergen (Jes 5,25; Ps 18,8; Hab 3,10) oder den Inseln (Ez 26,18) gesagt. Der einzelne Mensch – beispielsweise → Isaak (Gen 26,7), → Jakob (Gen 31,31; Gen 32,8.12), → Mose (Ex 2,14), → Gideon (Ri 6,27), → Saul (1Sam 15,24), → David (1Sam 21,13), → Nehemia (Neh 2,2) – kann ebenso „passives“ Subjekt sein wie das Kollektiv (vgl. die Sünder Jes 33,14, die Weisen Jer 8,9, die → Fremden Jes 64,1 oder die → Ältesten der Stadt 1Sam 16,4). Auch ganze Städte (etwa Damaskus Jer 49,24), das ganze Volk (Ex 19,16; 1Sam 13,7), alle Bewohner des Landes (Joel 2,1) und Israel (Ex 14,10; Dtn 13,12; Dtn 17,13; Dtn 19,20; 1Sam 7,7; 1Sam 17,11; 2Kön 25,26; Jer 41,18) ergreift die Angst. In den Psalmen wird die Gemeinde häufig als „Gottesfürchtige“ bezeichnet (יְרֵאָיו jǝre’āw „die ihn fürchten“ Ps 22,26 u.a.; יִרְאֵי יְהוָה jir’e jhwh Ps 15,4; Mal 3,16 u.a.), d.h. als diejenigen, die Gott vertrauen („auf seine Gnade harren“ Ps 33,18; Ps 147,11).

Genderdifferenzen lassen sich nur bedingt festmachen: Während Jes 19,16f. vermuten ließe, dass Frauen als besonders anfällig für die Emotion „Angst“ angesehen wurden (vgl. Jer 50,37.43; Jer 51,30; Nah 3,13), werden sie tatsächlich aber nur selten als Subjekt der Angst genannt. Mehrfach wird aber ein Mensch, der Angst hat, mit einer Gebärenden verglichen (Jer 49,24 vgl. Ps 48,7; Jer 6,24; Jer 50,43; Mi 4,9 u.a.).

Im ugaritischen Baal-Zyklus (KTU3 1.5 II 6f. und 1.6 VI 30f.) wird festgehalten, dass selbst mächtige Götter wie Baal, Mōt oder Anat Angst haben (vgl. Tropper 1996, 136-139). Im Alten Testament wird diese Emotion jedoch nie als Anthropopathismus (→ Anthropomorphismus) verwendet und auf JHWH übertragen. Lediglich in Hi 41,17 wird gesagt, dass sich nicht namentlich genannte Götter (אֵלִים ’elim) vor → Leviathan fürchten. Umgekehrt dominiert jedoch JHWH als „aktives“ Subjekt, also als derjenige, der jemanden in Furcht versetzen kann. In Hierophanie-Schilderungen (→ Epiphanie) ist vom Schrecken JHWHs (s. 6) die Rede, den er unter den Feinden Israels verursacht (Ex 14,24; Ex 23,27; Jos 10,10; Ri 4,15; 1Sam 7,10; 1Sam 11,7; Jes 2,10.19.21; Jes 19,21; Jer 49,5; 2Chr 14,13; 2Chr 15,16; 2Chr 17,10; 2Chr 19,7; 2Chr 20,29; Hi 13,11; Hi 25,2; u.a.; → Krieg).

2.2. Was wird gefürchtet?

Das Objekt der Angst ist selten der gegenstandsunabhängige kreatürliche Schrecken des Menschen, von einer grundlosen „Existenzangst“ ist kaum die Rede. Als Objekt der Furcht wird jedoch die Angst vor → Schmerzen (עַצֶּבֶת ‘aṣævæt Hi 9,28), vor → Schmach (חֶרְפָּה ḥærpāh Ps 119,39), Unheil (רַע ra‘ Ps 23,4) oder vor einem → Schwur (שְׁבוּעָה šǝvû’āh 1Sam 14,26; Pred 9,2) genannt. Auch → Krankheit (דֶּבֶר dævær und קֶטֶב qæṭæv Ps 91,6) und → Hunger (רָעָב rā‘āv Jer 42,16) werden als lebensbedrohliche Faktoren gefürchtet. Die Angst vor dem Tod wird sehr selten explizit benannt (φόβον θανάτου phobon thanatou Sir 9,13 [Lutherbibel: Sir 9,18], vgl. Ps 55,5). Sie dürfte jedoch häufig implizit mitgemeint sein, etwa dort, wo gesagt wird, dass jemand um sein Leben (נֶפֶשׁ næfæš) fürchtet (Ez 32,10; Jos 9,24).

Nicht immer ist der Anlass der Furcht jedoch lebensbedrohlich. Insbesondere in jüngeren Texten können Gedanken einen Menschen erschrecken und ängstigen (Dan 5,6, vgl. Dan 5,10; Dan 7,28) und Träume ihn verstören (Dan 4,2, vgl. Hi 7,14).

Insgesamt sind die Gründe der Furcht sehr vielfältig: Menschen fürchten sich vor anderen Menschen, so etwa → Adonija vor → Salomo (1Kön 1,50f.), der Prophet → Uria vor → Jojakim (Jer 26,21), das Volk fürchtet → Josua (Jos 4,14) und → Samuel (1Sam 12,18), und umgekehrt fürchtet → Saul das Volk (1Sam 15,24). Auch die Natur zeigt vielfältige Aspekte, vor denen man sich in alttestamentlicher Zeit fürchtete, beispielsweise Anhöhen (גָּבֹהַּ gāvoah Pred 12,5), Tag und Nacht (לַיְלָה וְיוֹמָם lajlāh wǝjômām Dtn 28,66), den Tieren der Erde (חַיַּת הָאָרֶץ ḥajat hā’āræṣ Hi 5,22; vgl. Am 3,8) oder dem Schnee (שֶׁלֶג šælæg Spr 31,21; hier verneint). Und schließlich spielt auch die Angst vor Gott immer wieder eine Rolle: Saul ängstigt ein böser Geist JHWHs (1Sam 16,14f.), und ganze Völker (Ex 15,14) erzittern vor Gott. Die Angst vor dem Zorn JHWHs nimmt insgesamt einen wichtigen Stellenwert ein: Die Völker zittern am Tag JHWHs (Joel 2,6), die Ägypter fürchten sich vor dem Erheben der Hand JHWHs (Jes 19,16) und beben vor dem Ratschluss JHWH Zebaots (Jes 19,17). Auch → Moses fürchtet sich vor dem Zorn JHWHs, der das Volk vernichten wollte (Dtn 9,19), und → Hiob hofft, JHWH nehme seine Rute weg und sein Schrecken ängstige ihn nicht mehr (Hi 9,34).

Häufig wird der Grund der Furcht nicht explizit benannt, sondern lässt sich lediglich aus dem Kontext erschließen. In einigen Fällen dient die Angst auch zur Begründung eines Geschehens oder Verhaltens (vgl. Gen 32,12; Ri 6,27; 1Sam 14,26; 1Sam 15,24; 2Kön 25,26; Jer 41,18 u.a.), in seltenen Fällen wird damit auch ein Nicht-Handeln begründet (vgl. Gen 19,30; Ri 8,20 u.a.). Zudem wird die Emotion häufig als Folgeerscheinung eines Geschehens genannt, „um dem Hörer oder Leser die unvermittelte psychische Reaktion eines Menschen oder einer Menschengruppe auf ein vorher berichtetes Ereignis mitzuteilen“ (Plath 1963, 25). Furcht entsteht, als beispielsweise die Brüder → Josefs ihre Säcke leerten und darin die Geldbeutel wiederfanden (Gen 42,35), als die Israeliten sahen, dass die Ägypter hinter ihnen her zogen (Ex 14,10), oder als Uria hörte, dass König Jojakim seine Worte hörte und ihn zu töten suchte (Jer 26,21). Angst ist also an einen Grund gebunden, und es verbindet sich auch mit dieser Emotion ein „Kausalitäts-Denken“ (Wagner 2. Aufl. 2011, 90-92). Nicht immer sind Angst, Furcht und Schrecken jedoch die logische Folge eines Geschehens. Hin und wieder tritt diese Emotion auch in Konditional- („Wenn du dich aber fürchtest…“ Ri 7,10) oder in Finalsätzen („um ihnen Furcht und Schrecken einzuflößen“ 2Chr 32,18) auf.

3. Konzeptuelle Metonymien, physiologische Begleiterscheinungen und Verhaltensweisen

Somatische Äußerungen und deren sprachlicher Ausdruck sind bei der Emotion Angst sehr oft zu finden. Eine der häufigsten Reaktionen der Angst ist das Zittern eines Körperteils (z.B. des Leibes Hab 3,16 oder der Hüfte Nah 2,11). Auch die Knie (z.B. Nah 2,11; Jes 35,3) oder die Füße (Hi 12,5) können wanken. Im Gesicht kann die Emotion ebenfalls abgelesen werden: In Joel 2,6 und Nah 2,11 ist vom „Glut sammeln“ der Gesichter (כָּל־פָּנִים קִבְּצוּ פָארוּר kål pānîm qibbǝṣû fā’rûr, vgl. Kipfer 2016, 37f.) und in Jer 30,6 vermutlich vom „blass Werden“ (יֵרָקוֹן jerāqôn) des Gesichts die Rede. Die Haare können sich sträuben (figura etymologica Ez 27,35; Ez 32,10), und vermutlich wird in Hi 4,15 die physische Reaktion der „Gänsehaut“ beschrieben (vgl. auch Ps 119,120).

Die Furcht ist nicht nur äußerlich sichtbar, sondern auch im Innern des Menschen spürbar. Das → Herz ist der „Körperteil“, der am häufigsten mit Furcht in Verbindung gebracht wird. Im Alten Testament sind aber in äußerst seltenen Fällen das starke Herzklopfen und der erhöhte Puls im Blick (möglicherweise in Jes 7,2; Jes 21,4). Stattdessen kann das Herz „weich / schwach“ werden (רַךְ rakh Jer 51,4; Hi 23,16), es kann vor Schreck von seinem Ort aufspringen (Hi 37,1), sich im Leib umdrehen (Klgl 1,20) und „zerbrechen“ (שׁבר šbr Nifal Jer 23,9 u.a.). Im übertragenen Sinne kann das Herz schließlich auch „verschwinden / vergehen“ (אבד ’bd I Jer 4,9), „herausgehen“ (Gen 42,28), jemanden „verlassen“ (Ps 40,13) und „fallen“ (1Sam 17,32). Es kann sich nachträglich auch an den Schrecken erinnern (הגה hgh Jes 33,18). Wesentlich seltener ist die נֶפֶשׁ næfæš Sitz der Angst (vgl. etwa Dtn 28,65; Ps 6,4; Ps 107,5; Jon 2,8). So etwas wie „eine zugeschnürte Kehle“ scheint das biblische Hebräisch nicht zu kennen (zum „Engsein“ der נֶפֶשׁ næfæš s. 4.). In Ps 107,26 wird stattdessen gesagt, dass die נֶפֶשׁ næfæš der Seereisenden „vor Angst“ zerfloss (מוג mwg Hitpolel). Von einer verzagten רוּחַ rûaḥ ist in Ps 77,4; Ps 142,4 und Ps 143,4 die Rede (vgl. zudem Jes 57,16).

Grundsätzlich finden sich also Reaktionen, die auch heute noch mit Angst in Verbindung gebracht werden. Allerdings konnten auch einige Differenzen festgehalten werden, insbesondere bei Beschreibungen der Reaktion des Herzens, der נֶפֶשׁ næfæš und der רוּחַ rûaḥ. Die Grenze zur Metapher, auf die im Folgenden eingegangen wird, ist nicht immer eindeutig.

4. Konzeptuelle Metaphern

Wie in jeder Sprache werden auch im biblischen Hebräischen Gefühle mit Metaphern verbunden.

Ausgegangen wird im Folgenden von den Metaphern, die Kövecses (1990, 74-79 und 3. Aufl. 2007, 23) für die Furcht im Englischen festgehalten hat. Darüber hinaus finden sich einige weitere Metaphern, die so bislang in der kognitiven Linguistik nicht festgehalten wurden.

Das Bild der räumlichen und / oder körperlichen Enge taucht in Zusammenhang mit der Angst sehr häufig auf (z.B. Ps 31,10; 1Sam 28,15; 2Sam 1,26). Hin und wieder ist auch vom „Engsein“ des Herzens (Ps 25,17) beziehungsweise dem „Engsein“ der נֶפֶשׁ næfæš (Gen 42,21; Ps 31,8) die Rede. Einiges – etwa die Vorstellung der Gefangenschaft in einem engen Raum (Ps 4,2) – spricht dafür, hier nicht ausschließlich von einer physischen Empfindung auszugehen, sondern eine konzeptuelle Metapher (FEAR IS INTERNAL AND EXTERNAL PRESSURE) anzunehmen. Auch die konzeptuelle Metapher FEAR IS HEAT kommt im Alten Testament vor, etwa dann, wenn davon die Rede ist, dass das Herz schmilzt (מסס mss) vor Angst wie das → Manna in der Sonne (Ex 16,21) oder das → Wachs im Feuer (Ps 68,3) (vgl. King 2012, 269-273). Immer wieder wird das Herz, das schmilzt, erwähnt (Jos 2,11; Jos 5,1; Jos 7,5; Jes 13,7; Jes 19,1; Ez 21,12; Nah 2,11; Ps 22,15). Ausnahmslos alle Stellen beschreiben dabei die Emotion der Angst. Der Körper, genauer das Herz, wird also als etwas verstanden, das unter dem Einfluss der Emotion schmilzt beziehungsweise zerfließt (Jes 19,1; Dtn 20,8). Hinzu kommen zwei Stellen im Kontext der Angst, die von den „gehenden“ (הלך hlk) Knien und Wasser sprechen (Ez 7,17; Ez 21,12). Die genaue Bedeutung von כָּל־בִּרְכַּיִם תֵּלַכְנָה מָּיִם kål birkajim telakhǝnāh mmājm ist unklar: Entweder es handelt sich um eine ähnliche Metapher wie beim „Zerfließen“ des Herzens („zergehende“ Knie), oder aber es steckt die körperliche Reaktion des Urinierens (vor Angst) dahinter („die Knie triefen vor Wasser“, s. dazu Müller, Art. → Knie; Kipfer 2015, 51).

Der Mensch als Ganzes kann ausgeschüttet sein (שׁפך špk) wie Wasser (Ps 22,15), beziehungsweise der Psalmbeter schüttet in Ps 142,3 sein Anliegen vor Gott aus und erzählt ihm seine Angst / Bedrängnis (צָרָה ṣārāh vgl. Ps 102,1). Der Kontext der Furcht ist hier sowie in Klgl 2,12.19; Ps 42,5; Hi 30,16 u.a. jedoch nur lose. Grundsätzlich ist es nie die Emotion selbst, die ausgeschüttet wird, weshalb davon ausgegangen werden kann, dass die Gefäßmetapher (FEAR IS A FLUID IN A CONTAINER) kaum vorkommt (vgl. zur aktuellen Diskussion Kruger 2015, 404-409; Wagner 2. Aufl. 2011, 65-69). Eine Ausnahme könnte Jes 21,3 bieten, da hier im Kontext der Angst vom „Vollsein“ (מלא ml’) der Hüften mit Zittern die Rede ist. Allgemein lässt sich festhalten, dass Furcht mehrheitlich nicht als etwas verstanden wird, das aus dem Inneren des Menschen herauskommt, sondern als etwas, das ihn von außen überfällt. Die am häufigsten verwendete Metapher ist diejenige von Furcht als einem Feind beziehungsweise Gegner (FEAR IS AN OPPONENT; vgl. Kruger 2015, 409f.). So kommt beispielsweise אחז ’ḥz (Qal) im Sinne von „ergreifen / übermannen“ im Zusammenhang mit Furcht in Ex 15,14; Ps 48,7; Hi 21,6; Jes 13,8; Jes 33,14; Jer 49,24 (vgl. auch Hi 18,20; 2Sam 1,9) vor. Auch חזק ḥzq (Hifil) kann im Sinne von „ergreifen / festhalten“ verwendet werden und im Kontext der Angst auftreten: Menschen werden von חִיל ḥjl (Mi 4,9), רֶטֶט ræṭæṭ (Jer 49,24), שַׁמָּה šāmmāh (Jer 8,21) und צָרָה ṣārāh (Jer 6,24; Jer 50,43) „ergriffen / gepackt“, also regelrecht von Angst überwältigt. In Hi 21,6 ergreift Zittern das Fleisch, und in Hi 3,25 „trifft“ (אתה ’th Qal) Hiob der Schrecken, und das, wovor er bangte, „kommt“ (בוא bw’ + לְ ) zu ihm (vgl. ähnlich Hi 27,9; Spr 1,27; Jer 49,5; Ez 7,25 u.a.). Furcht und Zittern „kommen“ (בוא bw’ + בְ ) auch „über / in“ den Psalmbeter (vgl. Jenni 1992, 197).

In einigen Fällen, etwa Spr 1,27, liegt möglicherweise auch das Metaphernkonzept FEAR IS A SUPERNATURAL FORCE (WIND, STORM, FLOOD, etc.) vor. Die Furcht ist also einem Naturereignis ähnlich, das einem „widerfährt“ (קרא qr’ II Hi 14,4), etwas, das einen „befällt“. Dies wird noch deutlicher zum Ausdruck gebracht mit dem Verb נפל npl „fallen“. נָפַל פַּחַד nāfal paḥad (plus עַל־ ‘al) kommt in Ex 15,16; 1Sam 11,7; Est 8,17; Est 9,2.3; Hi 13,11; Ps 105,38 vor. Aber nicht nur פַּחַד fällt auf einen. Auch andere Ausdrücke der Angst können verwendet werden, wenn ein Mensch von dieser Emotion „überfallen“ wird: In Jos 2,9 ist es der „Schrecken“ (אֵימָה ’êmāh), der auf (עַל ‘al) die Bewohner des Landes [?] fällt (נפל npl vgl. auch Ps 55,5; Gen 15,12), und in Jer 15,8 lässt JHWH „Schrecken und Bestürzung“ (עִיר וּבֶהָלוֹת ‘îr ûvæhālôt) auf sie (die Mutter des jungen Mannes) fallen (vgl. 1Sam 11,7).

Eine Steigerung dieses Gedankens findet sich vermutlich noch im Ausdruck בעת b‘t, der im Nifal „von plötzlichem Schrecken überwältigt werden“ (Dan 8,17; 1Chr 21,30; Est 7,6) beziehungsweise im Piel „plötzlich überfallen“ (1Sam 16,14f.; Hi 15,24 u.a.) meint. Beim Ausdruck פַּלָּצוּת בִּעֲתָתְנִי pallāṣût bi‘ǎtātnî „Schauder haben mich überfallen“ scheint es sich um eine feste Wendung zu handeln, die in Jes 21,4; Hi 9,34; Hi 13,21; Hi 18,11 und Hi 33,7 (vgl. Hi 7,14) vorkommt. „Not und Bedrängnis“ (צַר וּמְצוּקָה ṣar ûmǝṣûqāh) können einen ebenfalls überfallen (בעת b’t Piel, Hi 15,24), „wie ein König, der zum Angriff bereit ist“. In diesem Fall steckt vermutlich das Konzept FEAR IS WAR hinter dem Ausdruck.

Schrecken und Furcht können sich schließlich nicht nur „in“ (בְ ) das Land legen, sondern auch „in“ das Land gegeben werden (Ez 30,13; Ez 32,23.24.25.26.32). Sie können sich auf (עַל־פְּנֵי ‘al pǝnê beziehungsweise עַל ‘al) jemanden „legen“ (נתן ntn Dtn 2,25; Dtn 11,25; 1Chr 14,17) und jemanden bedecken (כסה ksh Piel, Ps 55,6; Ez 7,18). Die Vorstellung, dass der Schrecken angezogen werden kann wie ein Kleid, ist nicht mehr weit entfernt. In Ez 26,16 (vgl. Ez 7,27) ist davon die Rede, dass sich die Fürsten des Meeres in Schrecken kleiden (לבשׁ lbš) werden: Das hier vorfindliche Emotionskonzept, das bislang in der kognitiven Linguistik noch nicht festgehalten wurde, könnte als FURCHT IST EIN KLEID beschrieben werden.

An die 20-mal wird das Bild vom „Erschlaffen der Hände“ (יָד jād + רפה rph / רָפֶה rāfæh / רִפְיוֹן rifǝjôn) verwendet. Allein 13-mal findet sich das Verb רפה rph, um das „Schlaffsein“ der Hände und damit die Verzagtheit und Mutlosigkeit zum Ausdruck zu bringen (2Sam 4,1; 2Sam 17,4; 2Chr 15,7; Esr 4,4; Neh 6,9; Hi 4,9; Jes 13,7; Jer 6,24; Jer 38,4; Jer 50,43; Ez 7,17; Ez 21,12; Zef 3,16; vgl. zudem mit ähnlicher Bedeutung Jos 10,6 sowie 2Sam 24,16 par. 1Chr 21,15). Da es sich beim „Schlaff werden“ der Hände nicht in erster Linie um eine physische Reaktion handelt und mit יָד jād nicht nur das Körperteil „Hand“ oder eine Geste gemeint ist, sondern auch die abstrakt-funktionale Bedeutung „Handlungsmöglichkeit / Macht ausüben“ (vgl. Wagner 2014, 8-11), die Hände also ein synthetisches Bedeutungsspektrum innehaben, dürfte es sich auch hierbei um eine Metapher handeln. Das dahinter stehende Konzept ist jedoch nicht einfach zu eruieren, da רפה rph „nur in wenigen Fällen das faktische Niedersinken eines Gegenstandes“ (Beyse 1993, 637) bezeichnet. Möglich wäre hier etwa das Konzept FEAR IS A BURDEN zu vermuten, also die Furcht als etwas, das den Menschen erschöpft und schwach macht. Die Vorstellung der Furcht als Last findet sich etwa in Ps 88,16, wo gesagt wird, dass der Schrecken „getragen“ (נשׂא nš’) wird (vgl. Kruger 2001, 86).

Weitere Metaphern kommen lediglich vereinzelt vor und lassen sich daher kaum einem eindeutigen Konzept zuordnen. So wird in Spr 29,25 beispielsweise gesagt, dass die Angst eine Falle stellt. Sie wird also als Jäger gesehen, der die Menschen fängt.

Insgesamt lässt sich mit Blick auf die Metaphern festhalten, dass Angst, Furcht und Schrecken im Hebräischen als etwas verstanden werden, das „einengt“, das einzelne Organe oder Körperteile zerfließen lässt und das als Last empfunden wird. In seltenen Fällen kann die Emotion auch angezogen werden und satt machen. Eindeutig am häufigsten ist die Vorstellung, dass die Emotion jemanden überfällt. Ob dies im Sinne eines feindlichen Angreifers und damit im Kontext des Krieges zu verstehen ist oder ob eher an eine übernatürliche Gewalt zu denken ist, lässt sich an den allermeisten Stellen nicht sicher sagen. Angst wird somit vornehmlich als eine Emotion aufgefasst, die von außen über oder in den Menschen kommt, hin und wieder auch von Gott ins Herz gegeben wird (Lev 26,36; Jer 32,40). Nicht zuletzt diese Beispiele sollten davor hüten, Angst ausschließlich als Verhaltensweisen oder als Auslöser einer Handlung zu verstehen.

5. Kontrolle und Regulation der Furcht sowie ihre ethisch-weisheitliche Komponente

Nicht immer handelt es sich bei der Angst jedoch um eine Emotion, die einen Menschen erfasst und überrollt (s. 4.). Hin und wieder ist auch ein Gefühl gemeint, das durchaus kontrolliert und reguliert werden kann. So zumindest legt es die häufige Verwendung des verneinenden Imperativs nahe. 74-mal findet sich im Alten Testament die Formel „Fürchte dich nicht!“ (אַל־תִּירָא ’al tijrā’ beziehungsweise seltener לֹא תִירְאוּ lo’ tîr’û). Dabei lässt sich die Formel jedoch keineswegs auf einen einfachen Ausdruck reduzieren, sondern kommt in unterschiedlichsten Reihen von Befehlen mit variierender Begrifflichkeit vor (s. Kipfer 2016, 31f.)

Im theologischen Kontext kann die Freiheit von Furcht als Ergebnis der vertrauensvollen Hinwendung des Frommen oder der Gemeinde zu einem helfenden und schützenden Gott verstanden werden. Die Formel wird jedoch auch im alltäglichen Kontext verwendet. Sich nicht zu fürchten befehlen die → Hebamme beziehungsweise Frauen der Gebärenden (Gen 35,17; 1Sam 4,20), → Josef seinen Brüdern (Gen 50,19), Boas → Rut (Rut 3,11), → DavidAbjatar (1Sam 22,23) und → Mefi-Boschet (2Sam 9,7), → Absalom seinen Dienern (2Sam 13,28) u.s.w. Die Aufforderung ist also gleichzeitig Zuspruch und Anspruch, mutig und tapfer zu sein.

Der Schritt zum Ethischen ist hier nicht mehr weit: Es findet sich nicht nur die Aufforderung, sich nicht zu fürchten, sondern auch der explizite Befehl, Gott zu fürchten (Dtn 6,2; Dtn 10,20). ירא jr’ kann nicht nur in Verbindung mit „lieben“ (אהב ’hb Dtn 10,12) und „anhangen“ (דבק dbq Dtn 10,20; Dtn 13,5), sondern auch mit „dienen“ (עבד ‘bd Dtn 6,13; Dtn 10,12.20; Dtn 13,5; Jos 24,14; 1Sam 12,14) stehen. Es gilt JHWH genauso zu fürchten wie den → König (Spr 24,21). Gottesfurcht wird als Weisheit (חָכְמָה ḥåkhmāh Hi 28,28) beziehungsweise Anfang der Erkenntnis (דַּעַת da‘at Spr 1,7) beschrieben und ist ein wichtiger Teil des religiösen Glaubens und Handelns, insofern sie das wohlgefällige Verhalten gegenüber Gott im Sinne der Gottesverehrung und des Gehorsams gegenüber seinen Weisungen beinhaltet. Indem man JHWH verehrt, meidet man das Böse (Spr 3,7). Im rechten Lebenswandel, dem aufrichtigen Gehen, äußert sich die Gottesfurcht (Spr 14,2). Ps 34,12 geht daher davon aus, dass die Gottesfurcht auch gelehrt (למד lmd) werden kann. Sie kann in diesem Sinne auch als Tora-Frömmigkeit bestimmt werden (Ps 112,1; Ps 119,36; → Tora).

6. Gottesschrecken und Gottesfurcht

Religionsgeschichtlich gibt die enge begriffliche Verschmelzung von Gottesschrecken und Gottesfurcht immer noch Rätsel auf. Mit einer ähnlichen Terminologie werden verschiedene Reaktionen auf die Begegnung mit Gott ausgedrückt: Entsetzen vor dem heiligen Gott auf der einen und das Verhalten des Frommen gegenüber Gott auf der anderen Seite (vgl. Nielsen 2000, 1212). Bislang fanden Vorschläge für eine Entwicklungslinie der Gottesfurcht (beispielsweise vom religiösen Gottesschrecken zu ethischen Überlegungen der Gottesverehrung) keinen Forschungskonsens. Etwa in Dtn 10,20f. stehen beide Aspekte von ירא jr’ unmittelbar nebeneinander, Furcht und Ehrfurcht vor Gott werden im gleichen Atemzug genannt: Der Imperativ „Fürchte (ירא jr’) Gott!“ steht unmittelbar neben der Erinnerung an die „großen“ und „furchtbaren“ (ירא jr’) Taten JHWHs.

Gott wird also immer wieder „Angst erregend / furchtbar“, als numen fascinosum et tremendum erfahren (vgl. z.B. Ex 15,11; Dtn 7,12; Dtn 10,17; Neh 1,5; Neh 9,32; Ps 68,36, Ps 76,8.13; Ps 89,8; Ps 96,4; Zef 2,11). Gott jagt Angst und Schrecken ein und „macht verzagt“ (s. 2.). Auch der → Tag JHWHs wird Schrecken erregend sein (Joel 2,11; Joel 3,4; Mal 3,23). JHWH ist „mehr zu fürchten als alle Götter“ (1Chr 16,25) und die Menschen fürchten sich, ihn anzuschauen (z.B. Ex 3,6). Der „Gottesschrecken“ פַחַד־יְהוָה paḥad jhwh wird in 1Sam 11,7; Jes 2,10.19.21; 2Chr 14,13; 2Chr 17,10 und 2Chr 19,7 sowie פַּחַד אֱלֹהִים paḥad ’älohîm in Ps 36,2 und 2Chr 20,29 direkt benannt. Mit ganz ähnlichen Ausdrücken ist aber auch vom Schrecken Isaaks (Gen 31,42 פַּחַד יִצְחָק paḥad jiṣḥāq, vgl. Gen 31,53), vom Schrecken der Feinde פַּחַד אוֹיֵב paḥad ’ôjev (Ps 64,2), vom Schrecken der Nacht פַּחַד לָיְלָה paḥad lājlāh (Ps 91,5; vgl. Hld 3,8), dem Schrecken des Unheils פַּחַד רָעָה paḥad rā‘āh (Spr 1,33) oder von den Stimmen des Schreckens קוֹל־פְּחָדִים qôl pəḥādîm (Hi 15,21) die Rede (vgl. zudem חִתַּת אֱלֹהִים ḥitat ’älohîm Gen 35,5; לְחֶרְדַּת אֱלֹהִים lǝḥærǝdat ’älohîm 1Sam 14,15; יִרְאַת אֱלֹהִים jirǝ’at ’älohîm Gen 20,11; 2Sam 23,3; Neh 5,15; יִרְאַת יְהוָה jirǝ’at jhwh Ps 19,10; Ps 34,12; Ps 111,10; Spr 1,7; Spr 2,5; Spr 8,13; Spr 9,10; Spr 10,27; Spr 14,17; Spr 15,33; Spr 19,23; Spr 22,4; Spr 31,30; Jes 33,6 u.a.).

Während der Gottesschrecken lähmt und sich eine Kluft zwischen der mächtigen Erscheinung Gottes und dem ohnmächtigen Ausgeliefertsein des Menschen auftut – Otto (1917) hat dies sowohl mit Gefühlen des Erschreckens, des Staunens als auch der Nichtigkeit („schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl“) beschrieben –, scheint dies bei der Ehrfurcht vor Gott gerade umgekehrt: Hier steht das Handeln der Menschen im Mittelpunkt. Die Gottesfurcht äußert sich im richtigen Tun, im Halten der Gebote und der rechten Lebensführung (s. 5.). Die Gottesfurcht bietet Trost (Hi 4,6) und gibt dem Leben seine Richtung (vgl. Spr 14,2; Hi 1,1.8). Dafür wird dem Gottesfürchtigen Lohn – ein glückliches (Ps 128,1) und gesegnetes (Ps 128,4) Leben – oder bei Nicht-Einhalten Strafe (Spr 13,13) in Aussicht gestellt. Gottesschrecken und Gottesfurcht verhalten sich also komplementär zueinander. Sie sind zwei Seiten einer Medaille und verdeutlichen die Relationalität von Gott und Mensch.

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Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

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