Eunuch

1. Begriffsbestimmungen

1.1. Eunuch

Das deutsche Wort „Eunuch“ bezeichnet einen kastrierten Mann (s.u.). Es stammt von dem griechischen Begriff εὐνοῦχος eunouchos, der in einem weiteren Sinne gebraucht wird. Er schließt auch von Natur aus zeugungsunfähige Männer mit ein. Darüber hinaus wird der griechische Begriff (ebenso wie seine hebräische Entsprechung) auch übertragen für Stellungen und Aufgaben benutzt, die häufig von kastrierten Männern wahrgenommen wurden.

Die → Septuaginta übersetzt mit εὐνοῦχος eunouchos das hebräische Wort סָרִיס sārîs. Es bezeichnet sowohl kastrierte Männer als auch hochgestellte Beamte an königlichen Höfen (vgl. Kedar-Kopfstein, 949-950).

1.2. Kastration

Medizinisch bedeutet „Kastration“ das Entfernen oder die künstliche Störung der Funktion der Keimdrüsen, also der Hoden oder der Eierstöcke. Das bedeutet zuerst die Unfähigkeit zur Zeugung oder Empfängnis („Unfruchtbarkeit“). Die körperlichen Folgen betreffen beim Menschen auch die sekundären Geschlechtsmerkmale (Behaarung, Stimmlage, Brüste). Bei Männern, die schon als Kinder kastriert werden, kommt es beispielsweise zur sogenannten „Kastratenstimme“, weil der Stimmbruch ausbleibt. Psychische Folgen wie ein verringerter Geschlechtstrieb sind ebenfalls medizinisch gesichert.

Von „Kastration“ ist sowohl die „Entmannung“ zu unterscheiden, die auch die Entfernung oder Verstümmelung des Penis bezeichnen kann, als auch die „Sterilisation“. Letztere bezeichnet die gezielte Herstellung von Unfruchtbarkeit durch Blockieren oder Durchtrennen von Samen- oder Eileitern. Die Keimdrüsen bleiben dabei intakt.

Die Anfänge der Praxis der Kastration von Menschen liegen im Dunkeln (vgl. Guyot, 256-257). Sie scheint jedoch spätestens in der Antike weit verbreitet gewesen zu sein (vgl. Gamauf, 1026). Unterschieden werden kann nach unfreiwilliger Kastration (beispielsweise als Strafe) und freiwilliger Kastration. Letztere gab es unter anderem aus religiösen Motiven, etwa im Kult der Göttin Kybele.

2. Biblischer Befund

2.1. Altes Testament

2.1.1. Allgemeine Haltung zu Eunuchen und Kastration

Direkt ist im Alten Testament nur von der Kastration bei Tieren die Rede. In Lev 22,24 wird verboten, kastrierte Tiere zu opfern (→ Opfer; → Rind; vgl. Hieke, 861). Möglicherweise leitet sich das in Lev 21,20 ausgesprochene Verbot für zeugungsunfähige Männer, den Priesterdienst auszuüben, von den Vorstellungen der Unversehrtheit her, die auch bei den Opfertieren eine Rolle spielen (vgl. Hieke, 839; Kedar-Kopfstein, 954). Am stärksten negativ fällt die Bewertung in Dtn 23,2 aus: Entmannten und Kastrierten wird jede Teilnahme am Kult verboten (vgl. Otto, 1752). Ob dieses Verbot auf eine Abgrenzung zu Religionen in der Umwelt des Alten Testaments zurückgeht, d.h. vor allem eine Kastration bzw. Selbstkastration aus religiösen Motiven im Sinn hat, muss offen bleiben (vgl. Kedar-Kopfstein, 951; Hieke, 839).

Dem Ausschluss vom Gottesdienst im → Deuteronomium steht die einzige Stelle gegenüber, an der es im Alten Testament sachlich um Kastration geht und an der zugleich das hebräische Wort für „Eunuch“, סָרִיס sārîs, auftritt (vgl. Kedar-Kopfstein, 951-952): In Jes 56,3-4 wird Eunuchen versprochen, dass sie, wenn sie sich an den → Bund halten, das Heil erreichen können. So sagt es auch das nur griechisch überlieferte → Buch der Weisheit über den εὐνοῦχος eunouchos (Weish 3,14). Wo sonst im Alten Testament inhaltlich von Kastration (oder auch Entmannung) die Rede ist, kommt der hebräische Begriff סָרִיס sārîs nicht vor (vgl. Rüterswörden, 98; einen Überblick über die Verteilung von סָרִיס sārîs im Alten Testament bietet Ego, 130).

In Sir 20,4; Sir 30,20 (Lutherbibel: Sir 30,21) dient der εὐνοῦχος eunouchos als (negativer) Vergleichspartner in Sinnsprüchen, die darauf abzielen, dass ein Eunuch zwar noch einen Geschlechtstrieb besitzt, diesen aber nicht ausleben kann.

2.1.2. Als „Eunuch“ bezeichnete Figuren

An welchen Stellen סָרִיס sārîs im Alten Testament einen Eunuchen im engeren Sinne bezeichnet, ist nicht in allen Fällen abschließend zu klären. Die größte Rolle spielen Eunuchen im Buch → Ester. Für → Persien darf als gesichert gelten, dass es Eunuchen gab (vgl. Koch, 57). Herodot berichtet sogar, die Perser hätten die Kastration bei den Kindern von Kriegsgegnern durchgeführt (Historien, VI, 32; auch III, 92). Möglicherweise wurde das hebräische Wort סָרִיס sārîs von diesen persischen Eunuchen her mit der engeren Bedeutung „kastrierter Mann“ in Verbindung gebracht (vgl. Rüterswörden, 98 Anm. 19). Vor diesem Hintergrund sind die Figuren Hegai (Est 2,3.15), Schaaschgas (Est 2,14) und der „Kämmerer“ Esters (Est 4,4-5) am ehesten als tatsächliche „Eunuchen“ gedacht (vgl. Wahl, 62). Immerhin sind Hegai und Schaaschgas „Aufseher im Harem“ – eine Aufgabe, die in polygamen Kulturen (→ Ehe) zu den ursprünglichen Aufgaben von Eunuchen gehört haben dürfte (vgl. Guyot, 256-257). Die Herkunft des griechischen Wortes von εὐνή ἔχω eunē echō, „das Bett hüten / bewachen“ weist in eine ähnliche Richtung. Die deutsche Übersetzung mit „Kämmerer“, die in vielen Bibelausgaben zu finden ist, gehört in den gleichen Zusammenhang. „Kämmerer“ leitet sich vom Wort „Kammer“ für „Zimmer“ ab und meint hier einen hochgestellten Diener, der für die privaten Räume der Herrschaft zuständig ist.

Solche Aufgaben vertrauter Diener erfüllen auch die übrigen Eunuchen im Buch Ester (vgl. Wahl, 62). Sie sind enge Diener und Ratgeber des persischen Königs (Est 1,10-15; Est 7,9), Türhüter (Est 2,21-23; Est 6,2; inklusive der Belege für εὐνοῦχος eunouchos in den griechischen Zusätzen zum Buch Ester: Est 1,1m-r) oder Leibwächter (Est 6,14; Est 7,8-10).

Die → Genesis kennt „Eunuchen“ am Hof des Pharao in Ägypten (→ Josefserzählung). In Gen 37,36 und Gen 39,1 wird die Figur des → Potifar als סָרִיס sārîs bezeichnet, in Gen 40,2 und Gen 40,7 bleiben die „Eunuchen des Pharao“ namenlos. Potifar ist außerdem שַׂר הַטַּבָּחִים śar haṭṭabbāḥîm „Hauptmann der Leibwache“; die beiden anderen sind „Mundschenk“ und „Hofbäcker“. Nur bei Potifar könnte die Frage, ob er wirklich kastriert war, für den Gang der Erzählung eine Rolle spielen. Die Septuaginta übersetzt in Gen 37,36 mit σπάδων spadōn „Verschnittener“. Das könnte ein Hinweis auf die Praxis der Kastration sein. Ein verminderter Geschlechtstrieb Potifars wäre ein Motiv für seine Frau, sich mit Josef einen anderen Partner zu suchen. Gegen diese Deutung spricht jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der von Potifars Frau die Rede ist (vgl. Ebach, 164). Andererseits gibt es außerbiblische Quellen, die von verheirateten Eunuchen berichten (vgl. Kedar-Kopfstein, 952). Möglicherweise wurde die Bezeichnung aber auch nachträglich in den Text eingefügt, sodass widersprüchliche Angaben stehen blieben (vgl. Rüterswörden, 97-98).

Schwierig ist die Beurteilung der Stellen, an denen die Bezeichnung סָרִיס sārîs allein steht, die Septuaginta mit εὐνοῦχος eunouchos übersetzt und die Frage, ob der so bezeichnete Mann kastriert ist, für den Gang der Erzählung keine Rolle spielt. Das gilt zunächst für 1Sam 8,15; 1Kön 22,9; 2Kön 8,6; 2Kön 9,32; 2Kön 23,11; 2Kön 24,12.15; 1Chr 28,1; 2Chr 18,8; Jer 29,2; Jer 34,19; Jer 38,7; Jer 41,16. An diesen Stellen ist von Israeliten die Rede (vgl. ausführlich Kedar-Kopfstein, 953-954). In 2Kön 25,19 und an der Parallelstelle Jer 52,25 tritt noch פָקִיד עַל־אַנְשֵׁי הַמִּלְחָמָה pāqîd ‘al ’anšê hammilḥāmāh „Kommandant der Leibwache“ als Funktionsbezeichnung dazu.

In 2Kön 20,8 (par. Jes 39,7) wird vorausgesagt, die Söhne des Königs → Hiskia würden סָרִיסִים sārîsîm am Hof des Königs von Babylonien werden. Für das neubabylonische Reich ist es zur fraglichen Zeit eher unwahrscheinlich, dass es Eunuchen am Königshof gab (vgl. Rüterswörden, 97). Dann wäre die Prophezeiung Jesajas nicht als persönliche Drohung gegen Hiskias Söhne zu verstehen. Allerdings gibt die Septuaginta in Jes 39,7 den hebräischen Ausdruck wiederum mit σπάδων spadōn „Verschnittener“ wieder. In diesem Fall ginge es um eine sehr harte Drohung (vgl. Kedar-Kopfstein, 952-953; Beuken, 456). Ebenfalls mit Babylon in Verbindung steht der רַב־סָרִיס rav sārîs „Groß-Eunuch“ als Heerführer in Jer 39,3.13. Die Septuaginta macht aus seiner Amtsbezeichnung einen Eigennamen (Ναβουσαρις „Nabusaris“ in Jer 46,3.13 LXX). Den gleichen Titel trägt im Buch → Daniel bei ihrem ersten Auftritt die Figur des Aschpenas (Dan 1,3). Im Verlauf der Geschichte wird Aschpenas dann שַׂר הַסָּרִיסִים śar hassārîsîm genannt, „Führer der Eunuchen“ (Dan 1,7-11.18). Aus diesem Titel wurde auch gefolgert, dass Daniel und seine Freunde ebenfalls Eunuchen sein müssten, wenn sie dem „Führer der Eunuchen“ unterstellt wurden. In diesem Fall kann ihr Schicksal als Erfüllung sowohl der prophetischen Drohung in Jes 39,7 als auch der Heilszusage für Eunuchen in Jes 56,3-4 verstanden werden (vgl. Koch, 56-58).

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 118823, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 16.1.2020

Abb. 1 Höfling auf einem assyrischen Relief. Die Darstellung ohne Bart deutet darauf hin, dass es sich um einen Eunuchen handelt. Er steht in einer Reihe von Höflingen vor dem König, die Hände zum Zeichen des Respekts gefaltet (Palast Sargons II. in Khorsabad; ca. 700 v. Chr.).

Obwohl es in → Assyrien mit hoher Wahrscheinlichkeit kastrierte Eunuchen am Hof gab (siehe die Abbildung), war wahrscheinlich auch der רַב־סָרִיס rav sārîs des Königs → Sanherib in 2Kön 18,17 eher keiner (vgl. Kedar-Kopfstein, 953). Der entsprechende assyrische Ausdruck bezeichnet nicht notwendig kastrierte Männer (vgl. Rüterswörden, 96). רַב־סָרִיס rav sārîs steht in 2Kön 18,17 zudem in einer Reihe mit militärischen Titeln, und die Septuaginta deutet den Ausdruck auch hier eher als Eigennamen (sie gibt ihn mit Ραφις Raphis wieder).

2.2. Neues Testament

Im → Matthäusevangelium (Mt 19,12) bezeichnet der Ausdruck εὐνοῦχος eunouchos ausdrücklich zeugungsunfähig geborene Männer und Kastraten, und zwar sowohl durch Fremdeinwirkung wie aus freien Stücken Kastrierte. Um die Auslegung des Zusammenhangs von Kastration mit dem Erreichen des „Himmelreichs“ gibt es kontroverse Diskussionen: Ist damit gemeint, dass Männer sich selbst aus religiösen Gründen kastriert haben, oder ist an eine übertragene Kastration, d.h. an sexuelle Enthaltsamkeit, gedacht?

Aus: Gerard de Jorde, Thesaurus Novi Testamenti elegantissimis iconibus expressus continens historias atque miracula do[mi]ni nostri Iesu Christi, ca. 1580; mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 1968,1018.1.363, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 16.1.2020

Abb. 2 Philippus tauft den äthiopischen Eunuchen (handkolorierter Kupferstich nach Maarten de Vos; Buchillustration aus dem 16. Jh.).

Eine besondere Bedeutung erreicht schließlich der „Kämmerer der Kandake“ oder „äthiopischer Eunuch“ genannte εὐνοῦχος eunouchos in Apg 8,27-39. Er ist mit Sicherheit als Eunuch gedacht, denn das macht den Sinn der Geschichte aus. Wegen der Bestimmung in Dtn 23,2 kann er als kastrierter Mann nicht Jude werden; seine Taufe wird daher zum paradigmatischen Beispiel für die Möglichkeit, dass Nichtjuden Christen werden können.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament, Stuttgart 1933-1979
  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff.
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973-2015
  • Der Neue Pauly, Stuttgart / Weimar 1996-2003
  • Pschyrembel. Klinisches Wörterbuch, Berlin u.a. 258. Auf. 1998
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Beuken, W. M. A., 2010, Jesaja 28-39 (HThKAT), Freiburg
  • Ebach, J., 2007, Genesis 37-50 (HThKAT), Freiburg
  • Ego, B., 2017, Ester (BK.AT XXI), Göttingen
  • Gamauf, R., 1997, Art. Castratio, in: Der Neue Pauly, Bd. 2, Stuttgart / Weimar, 1026-1027
  • Guyot, P., 1998, Art. Eunuchen, in: Der Neue Pauly, Bd. 4, Stuttgart / Weimar, 256-258
  • Hieke, T., 2014, Levitikus, 2 Bde. (HThKAT), Freiburg
  • Kedar-Kopfstein, B., 1986, Art. סָרִיס sārîs, in: ThWAT, Bd. V, Stuttgart u.a., 948-954
  • Koch, K., 2005, Daniel (BK.AT XXII/1), Neukirchen-Vluyn
  • Otto, E., 2016, Deuteronomium 12-34. Erster Teilband 12,1-23,15 (HThKAT), Freiburg
  • Rüterswörden, U., 1985, Die Beamten der israelitischen Königszeit (BWANT 117), Stuttgart
  • Wahl, H.M., 2009, Das Buch Esther, Berlin / New York

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Höfling auf einem assyrischen Relief. Die Darstellung ohne Bart deutet darauf hin, dass es sich um einen Eunuchen handelt. Er steht in einer Reihe von Höflingen vor dem König, die Hände zum Zeichen des Respekts gefaltet (Palast Sargons II. in Khorsabad; ca. 700 v. Chr.). Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 118823, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 16.1.2020
  • Abb. 2 Philippus tauft den äthiopischen Eunuchen (handkolorierter Kupferstich nach Maarten de Vos; Buchillustration aus dem 16. Jh.). Aus: Gerard de Jorde, Thesaurus Novi Testamenti elegantissimis iconibus expressus continens historias atque miracula do[mi]ni nostri Iesu Christi, ca. 1580; mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 1968,1018.1.363, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 16.1.2020

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