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Lexikon

Efrata / Efrat

Andere Schreibweise: Ephrata; Ephrat; Ephratha; Ephrath; Ephrathah

Klaus Koenen

(erstellt: März 2018)

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© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Das Gebiet Efrata im Norden Judas, umrissen durch die Orte Kirjat Jearim, Bethlehem und Chirbet Ǧedūr. Der Ort Efrata in Benjamin ist vielleicht mit Chirbet ‛Ēn Fāra zu identifizieren.

Efrata bezeichnet zum ersten einen nördlich von Jerusalem gelegenen Ort im Stammesgebiet Benjamin und zum zweiten ein südlich von Jerusalem gelegenes Gebiet in Juda, dessen wichtigste Stadt Bethlehem war, die auch mit Efrata gleichgesetzt werden konnte. Auffälligerweise wird bei beiden Orten Rahels Grab lokalisiert.

1. Name

1.1. Schreibweisen. Der Name Efrata findet sich in zwei Schreibweisen: אֶפְרָתָה ’æfrātāh „Efrata“ (z.B. Rut 4,11; 1Chr 2,50) und אֶפְרָת ’æfrāt „Efrat“ (z.B. Gen 48,7; 1Chr 2,19). Dabei ist אֶפְרָתָה ’æfrātāh „Efrata“ leicht mit אֶפְרָת ’æfrāt „Efrat“ + he-locale, also אֶפְרָתָה ’æfrātāh „nach Efrat“ (z.B. Gen 48,7), zu verwechseln. Schon die → Septuaginta und → Vulgata vereinheitlichen die Schreibweise zu Εφραθα Ephratha bzw. Ephratha / Efratha (außer 1Chr 2,19); dem folgen viele deutsche Übersetzungen (z.B. die Lutherbibel). In der Septuaginta bezeichnet Εφραθα Ephratha zudem nicht nur Efrata, sondern meist auch → Ofra, so dass hier eine Verbindung zwischen diesen beiden Orten hergestellt wird.

1.2. Etymologie. Traditionell wird der Name von der Wurzel פרי prj „fruchtbar sein“ (vgl. פְּרִי pərî „Frucht“) abgeleitet (vgl. die Volksetymologie zu Efraim in Gen 41,52). Möglich ist jedoch auch eine Ableitung von אֵפֶר ’efær „Staub / Erde“ im Sinne von „Gebiet“ (vgl. akkadisch eperu „Staub / Erde / Gebiet“; vgl. Heller, 339f; Kutscher, 163; Gesenius, 18. Aufl.).

1.3. Belege. „Efrata / Efrat“ ist in der Hebräischen Bibel 10-mal belegt. An drei dieser Stellen ist die Frau Kalebs gemeint, bei der es sich jedoch um die Personifizierung eines Gebiets handelt (1Chr 2,19.50; 1Chr 4,4). Bei einem weiteren Beleg, Jos 15,59, ist der ursprüngliche, hebräische Text eines Teils des Verses durch aberratio oculi ausgefallen, doch ist er in der Septuaginta erhalten, der die Lutherbibel folgt. Hinzu kommen zudem zwei Belege, die von אֶפְרָתִי ’æfrātî „Efratitern“ sprechen (Rut 1,2; 1Sam 17,12; drei weitere Stellen mit אֶפְרָתִי ’æfrātî beziehen sich dem Kontext nach auf „Efraimiter“: Ri 12,5; 1Sam 1,1; 1Kön 11,26).

2. Das nördliche Efrata in Benjamin (Benjamins Geburt)

In Gen 35 zieht → Jakob in Etappen von → Bethel Richtung Süden nach → Hebron. Schon zwischen Bethel und Efrata stirbt nach Gen 35,16-20 (vgl. Gen 48,7) kurz vor Efrata seine Frau → Rahel bei der Geburt Benjamins und wird von Jakob vor Ort begraben. An diesem Grab kommt → Saul nach 1Sam 10,1-5 auf seiner Wanderung vom efraimitischen → Rama nach → Gibea vorbei. Das Grab wird hier im Gebiet Benjamins lokalisiert (1Sam 10,2), wohl um Benjamin in seinem Stammesgebiet geboren werden zu lassen. Es muss zwischen Bethel / Bētīn (Koordinaten: 172.148; N 31° 55' 32'', E 35° 14' 20''), dem Ausgangspunkt der Reise Jakobs, und Gibea / Tell el-Fūl (Koordinaten: 1719.1367; N 31° 49' 22'', E 35° 13' 53''), dem Zielpunkt der Reise Sauls, gelegen haben. Somit befand es sich eindeutig nördlich von Jerusalem. Da Efrata nach Gen 35,16 (vgl. Gen 48,7) in der Nähe dieses Grabes lag, muss auch dieser Ort nördlich von Jerusalem gelegen haben (vgl. Dietrich, 426f).

Auch Jer 31,15 setzt voraus, dass Rahels Grab in Hörweite von → Rama und damit nördlich von Jerusalem lag. Die Klage der toten und damit aus dem Grab heraus klagenden Ahnmutter über die Zerstörung Jerusalems ist nämlich bis Rama zu vernehmen.

Wo dieses Efrata im Norden Jerusalems genau gelegen hat, lässt sich freilich nicht sagen. Vom Wort her kann Efrata eine Variante des Ortsnamens → Para (פָּרָה pārāh) sein und wäre dann wie Para mit Chirbet ‛Ēn Fāra zu identifizieren (Koordinaten: 1795.1380; N 31° 50' 03'', E 35° 18' 38''; Lombardi, 60-86). Dagegen hat allerdings schon → Dalman (356) eingewandt, dass sowohl bei dem Weg Jakobs als auch bei dem Sauls an die Höhenstraße als der wichtigsten Verbindung nach Hebron bzw. Gibea zu denken ist. Efrata müsse folglich an dieser Straße gelegen haben. Chirbet ‛Ēn Fāra läge dafür zu weit östlich.

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)

Abb. 2 Rahels Grab und die Gräber der Söhne Israels in Benjamin.

Der Identifikation von Efrata mit Chirbet ‛Ēn Fāra entspricht eine Tradition, die Rahels Grab tatsächlich auf der Linie von Bethel / Bētīn nach Chirbet ‛Ēn Fāra lokalisiert (vgl. Gen 35,16). 4 km westnordwestlich der Chirbe finden sich nämlich im Wādī r-Rudede fünf ungewöhnlich lange, rechteckige Bauten aus Zyklopensteinen, die sich schwer datieren lassen und von denen der palästinische Volksglaube – vielleicht unter Aufnahme alter Traditionen – den südlichsten Bau als qabr umm beni-Israïn „Grab der Mutter der Söhne Israels“ deutet, also als Grab Rahels, und die übrigen als qubūr beni-Israïn „Gräber der Söhne Israels“. Näheres zu der Anlage s. → Para. Außerdem bezeugt Estori ha-Parchi, dass Rachels Grab nur acht Stadien (ca. 1,5 km) von Bethel entfernt und damit nördlich von Jerusalem liegt.

3. Das südliche Efrata in Juda (Davids Heimat)

3.1. Biblischer Befund

Efrata wird im Alten Testament häufig mit → Bethlehem, dem Heimatort Davids und damit auch dem Ursprungsort des davidischen Königtums, verbunden, aber in unterschiedlicher Weise. In Gen 35,19; Gen 48,7 und Jos 15,59 (LXX) erscheint Efrata durch die Identifikationsformel „das ist Bethlehem“ als ein anderer Name dieser Stadt (vgl. die Identifizierung von z.B. → Bethel und Lus, Gen 35,6; Jos 18,13, sowie Kirjat-Arba und → Hebron, Gen 23,2). In Rut 4,11 werden „in Bethlehem“ und „in Efrata“ parallel gebraucht. Schon in der Einleitung der → Ruterzählung werden Elimelech und seine beiden Söhne als „Efratiter aus Betlehem in Juda“ eingeführt (Rut 1,2). Ganz ähnlich wird → David in 1Sam 17,12 als Sohn → Isais, des „Efratiters aus Betlehem in Juda“ vorgestellt. Auch David war demnach Efratiter, und ist sicher der bekannteste geworden. Die Formulierung „Efratiter aus Betlehem“ legt nahe, dass nicht alle Efratiter aus Bethlehem stammen, mithin Efrata und Bethlehem nicht identisch sind (vgl. Japhet, 303). In Mi 5,1, der Ankündigung eines künftigen Herrschers, sind die beiden Ortsnamen zu „Bethlehem-Efrata“ im Sinne von „Bethlehem Efratas / in Efrata“ (vgl. LXX: „Bethlehem, Haus Efratas“) miteinander verbunden. In Ps 132,6 geht es um die Bundeslade (→ Lade): „Wir haben von ihr in Efrata gehört, sie in den Gefilden von Jaar gefunden“. Da David ab v3 als Sprecher der Psalmenverse erscheint, dürfte Efrata hier als sein Heimatort genannt sein und damit für Bethlehem stehen. Dort haben David und seine Leute von der Rückkehr der Lade aus dem Gebiet der → Philister gehört (vgl. z.B. Na’aman, 526). Mit Jaar ist wohl Kirjat-Jearim (= Dēr el-‘Āzar; Koordinaten: 1599.1353; N 31° 48' 34'', E 35° 06' 13'') gemeint, wo die Lade nach ihrer Rückkehr zunächst stand (1Sam 6,20-7,2).

Efrata bei Jaar / Kirjat-Jearim. Zur Lokalisierung eines Ortes Efrata bei Jaar / Kirjat-Jearim oder auch zur Gleichsetzung der beiden Orte kommt es, wenn Ps 132,6 im Sinne von „Wir haben von ihr gehört: ‚In Efrata!’, wir haben sie in den Gefilden von Jaar gefunden“ verstanden wird (vgl. Vogt, 35; Edelman, 44-58 [Näheres Art. → Chirbet Raddana]). Die These vermag, obgleich sie sich auch auf 1Chr 2,50 stützen kann, wo Kirjat-Jearim als Urenkel Efratas gilt, nicht zu überzeugen, da es keine weiteren Belege für diese Lokalisierung gibt und der Vers sich bei einem Bezug auf das Gebiet um Bethlehem gut verstehen lässt.

3.2. Stadt und Gebiet in Nord-Juda

Was „Efrata“ ist, muss – wie z.B. Gen 35,19 zeigt – schon innerhalb des Alten Testaments erklärt werden. Dass der Begriff bei damaligen Lesern offensichtlich nicht mehr als bekannt bzw. als eindeutiger Begriff vorausgesetzt werden konnte, zeigt, dass Efrata eine Geschichte durchlaufen haben muss, und die lässt sich kaum mehr rekonstruieren.

3.2.1. Die Stadt Efrata. In der Liste der Städte Judas in Jos 15,1-66 bezeichnet Efrata eine Stadt, und sie erscheint hier unmittelbar nach → Tekoa. Auch die Gleichsetzungen mit Bethlehem lassen an eine Stadt denken.

Efrata in Ramat Rahel. Niesiolowski-Spanò hält Efrata – trotz der unterschiedlichen Schreibweisen der Wurzel – für einen anderen Namen von → Gideons Heimatstadt → Ofra, da die Septuaginta beide Ortsnamen mit Εφραθα Ephratha wiedergibt. Efrata / Ofra habe nicht in Manasse gelegen – die Verbindung dorthin beruhe allein auf Ri 6,11.15 –, sondern in der Nähe von → Bethlehem. Ganz konkret will Niesiolowski-Spanò Efrata / Ofra mit Ramat Rahel identifizieren (vgl. Oeming, Art. → Ramat Rahel). Aus diesem Palastort mit königlicher Tradition soll Gideon stammen. Die These wirkt sehr spekulativ, vor allem kann sie nicht erklären, mit welcher Intention die dann sekundäre Zuordnung zu Manasse aufgekommen sein soll.

3.2.2. Das Gebiet Efrata. Efrata dürfte auch ein Gebiet im Norden Judas bezeichnet haben, in dem Bethlehem wohl die wichtigste Stadt darstellte (vgl. Demsky, 51; Willi 2009, 95.105f). Die genauen Grenzen lassen sich freilich nicht mehr feststellen und dürften zu unterschiedlichen Zeiten auch andere gewesen sein. Einen Eindruck von der Ausdehnung Efratas mögen vielleicht die → Chronikbücher vermitteln, wenn auch vermutlich nur für die persische Zeit, in der sie geschrieben worden sind. In den einleitenden Kapiteln, der sog. genealogischen Vorhalle, bietet 1Chr 2,3-4,23 eine Übersicht über die Nachkommen → Judas und verfolgt dabei, wie die Nachkommen mit einem Stadtnamen zeigen (z.B. → Tekoa), ein territorialgeschichtliches Interesse. Efrata erscheint hier als eine Frau, die jedoch als Personifizierung eines Gebiets zu verstehen ist. Nach 1Chr 2,19 hat sich → Kaleb, ein Sohn von Hezron und Urenkel von → Juda und → Tamar, nach dem Tod seiner ersten Frau, Asuba, Efrata zur Frau genommen. Territorialgeschichtlich verstanden deutet die Bemerkung, die vermutlich Entwicklungen der nachexilischen Zeit reflektiert, wohl an, dass die Kalebbiter, deren Kernland im Süden Judas lag, ihr Siedlungsgebiet nach Norden ausgeweitet und dabei Efrata genommen haben (vgl. Willi 1995, 144f; Willi 2009, 91f.95.122f). Seine zweite Frau Efrata hat dem Kaleb dann → Hur geboren, wie die späteren Genealogien der Söhne Kalebs erneut konstatieren (1Chr 2,50; 1Chr 4,4). Zu den Söhnen Hurs (mit LXX und Vulgata ist „Söhne“ statt „Sohn“ zu lesen) gehören nach 1Chr 2,50f (vgl. demgegenüber 1Chr 2,20):

1. Schobal, der Vater von Kirjat-Jearim, einem Ort am Westrand des nordjudäischen Berglands,

2. Salma, der Vater von Betlehem, einem Ort im Osten des nordjudäischen Berglands westlich der Wüste Juda (in 1Chr 4,4 wird dagegen Hur als „Vater von Betlehem“ vorgestellt) und

3. Haref, der Vater von Bet-Gader, das vielleicht mit dem weiter südlich gelegenen Chirbet Ǧedūr (Koordinaten: 1587.1155; N 31° 37' 58'', E 35° 05' 32'') zu identifizieren ist (Abb. 1).

In 1Chr 2,24 wird der Text wohl zu Recht vielfach geändert: Nach dem hebräischen Text starb Kalebs Vater Hezron „in Kaleb-Efrata“ (בְּכָלֵב אֶפְרָתָה). Mit → Septuaginta und → Vulgata ist jedoch wohl zu lesen: בא כלב אפרתה „Nach dem Tod Hezrons ging Kaleb nach Efrat, und die Frau Hezrons war Abija, und sie gebar ihm Aschhur, den Vater Tekoas.“ (vgl. Willi 2009, 69.91.95). Kaleb, dessen Gebiet im südlichen Juda liegt, geht also nach Efrat in Nord-Juda, und zeugt mit der Witwe seines Vaters ein Kind.

Die Übersetzung der Lutherbibel von 1984 (anders 2017) ändert 1Chr 2,24 in zwei weiteren Punkten: Sie streicht „und“ und ändert אֲבִיָּה „Abija“ zu אביו „sein Vater“ (vgl. Noth, 101f; Demsky, 54). Efrat ist dann keine topographische Angabe, sondern der Name der Frau: „Nach dem Tod Hezrons ging Kaleb zu Efrata, der Frau Hezrons, seines Vaters …“. Nach Noth (103f) handelt es sich bei „seines Vaters“ um eine Glosse.

Efrata steht in 1Chr 2,3-4,23 als Ahnmutter somit für das Gebiet gleichen Namens im Norden Judas, das von den besagten Orten umrissen wird, deren wichtigster Betlehem gewesen sein dürfte (vgl. Willi 2009, 95.105f).

4. Das Verhältnis der beiden Efrata

Im Alten Testament ist der Ort Efrata nördlich von Jerusalem von dem gleichnamigen judäischen Gebiet südlich von Jerusalems zu unterscheiden. Die Frage ist, ob dieser Befund den historischen Verhältnissen entspricht oder es ursprünglich nur ein Efrata gegeben hat.

4.1. Zufällige Namensgleichheit der beiden Efrata

Aus: C. Ninck, Auf biblischen Pfaden – Reisebilder aus Ägypten, Palästina, Syrien, Kleinasien, Griechenland und der Türkei, 5. Aufl. 1897, 184

Abb. 3 Rahels Grab bei Bethlehem (Kupferstich; 19. Jh.).

Nach der meist vertretenen und immer noch wahrscheinlichsten Sicht haben wir es bei den beiden geographischen Größen mit einer zufälligen Namensgleichheit zu tun. Sie hat allerdings dazu geführt, dass das nördliche Efrata mit dem wichtigsten Ort des südlichen Efrata, nämlich Bethlehem, gleichgesetzt wurde, so vor allem in den späten judäischen Glossen Gen 35,19, Gen 48,7 und Jos 15,59 (LXX). Diese Gleichsetzung wurde so traditionsbildend, dass auch Rahels Grab nach Bethlehem verlagert wurde und bis heute an der Nordgrenze Bethlehems zu sehen ist (Knopf, 95ff). In dieser Tradition steht auch Mt 2,18, wo Rahels Klage aus Jer 31,15 im Zusammenhang mit dem Kindermord von Bethlehem zitiert wird.

4.2. Efratiter als Judäer mit efraimitischem Migrationshintergrund

Schon 1924 hat Albright (118-119 Anm. 6) die These aufgestellt, dass „a colony of Ephrathites (i.e. Ephraimites) formed an enclave in northern Juda, in the district of Bethlehem, whose inhabitants were called Ephrathites for centuries thereafter.” Deswegen werde Efrat in 1Chr 2,19 als Kalebs zweite Frau angesehen. Efratiter hätten dann auch bei Bethlehem eine neue Gedenkstätte für Rahel eingerichtet.

Auch nach Sara Japhet ist אֶפְרָתִי ’æfrātî immer als „Efraimit“ zu verstehen. Mi 5,1 könne nicht bedeuten, dass Bethlehem der kleinste Ort Judas sei, da dies unzutreffend gewesen wäre. צָעִיר ṣā’îr solle Efrata vielmehr als „jung“ charakterisieren. Es habe eine Gruppe von Zuwanderern aus Efraim gegeben, die in Juda aufgenommen worden seien (vgl. die Genealogien der Chronik). Davids Vater werde als „Efraimit aus Bethlehem“ (1Sam 17,12) bezeichnet, weil er nicht zur Gruppe der alteingesessenen Judäer gehört habe, sondern zu diesen jungen Judäern efraimitischer Herkunft. Das könne auch erklären, warum David von dem efraimitischen Propheten → Samuel gesalbt wurde und warum er zum Herrscher auch der efraimitischen Gebiete werden konnte. Die Argumentation ist jedoch nicht zwingend, weil צָעִיר ṣā’îr hier sehr wohl im Sinne von „klein“ zu verstehen sein dürfte, da es – wie Mi 5,3 zeigt – um den literarischen Topos geht, dass das Kleine groß wird (vgl. Kessler, 223).

Na’aman knüpft daran an und stellt die Migration von Efraimiten in das Gebiet von Bethlehem in den Kontext der Siedlungsbewegungen der frühen Eisenzeit (bes. 523-525). In ihrer neuen Heimat hätten sich die Siedler nach ihrer Herkunft Efraimiten / Efratiter genannt und schon damals hätten sie die Tradition vom Rahelgrab nach Bethlehem transferiert. Dass David zu diesen Efraimiten zählte, könne vielleicht auch erklären, warum er die ins efraimitische → Silo gehörende → Lade nach Jerusalem gebracht habe, nämlich aus Traditionsverbundenheit. Es bleibt allerdings zweifelhaft, ob die Texte etwas über die vorstaatliche Zeit aussagen können.

David als Efraimit. Nach Schwab bedeutet אֶפְרָתִי ’æfrātî in Rut 1,2 und 1Sam 17,12 wie an den anderen Belegstellen (s.o. 1.3.) „Efraimit“. Isai und David seien also Efraimiter und als solche in Nordisrael beheimatet gewesen. Dafür spreche auch, dass Davids Sohn → Absalom bei → Baal-Hazor in Efraim Schafschur gehalten hat (2Sam 13,23), dort also Land gehabt habe, das er nicht von seiner Mutter, die aus → Geschur stammte (2Sam 3,3), sondern nur von David geerbt haben könne, dessen Familie damit über Landbesitz in Efraim verfügt habe, folglich dort auch beheimatet gewesen sei. David sei also Efraimit gewesen. Dieser Herkunftsangabe widerspreche die Angabe, dass David aus Bethlehem in Juda stamme. Auffällig sei, dass auch Elhanan, dem der Sieg über → Goliat zugeschrieben worden sei (2Sam 21,19), ehe er auf David übertragen wurde (1Sam 17,1-58), ebenfalls aus Bethlehem stammen soll. Deswegen vermutet Schwab, dass nicht nur der Sieg über Goliat von Elhanan auf David übertragen worden sei, sondern auch die Herkunft aus Bethlehem. Dann wäre es die David-Tradition gewesen, die die Bezeichnungen אֶפְרָתִי ’æfrātî „Efraimit / Efratiter“ und dann auch Efrata in den Süden gebracht und dort zunächst zur Bezeichnung einer Sippe oder Landschaft und dann zu einem zweiten Namen Bethlehems gemacht hat. Die Frage ist jedoch, warum man die Herkunft aus Bethlehem auf David übertragen haben soll. Warum sollte Goliat unbedingt von einem Mann aus Bethlehem getötet worden sein?

4.3. Bestreitung der Existenz eines Efrata in Benjamin

Nach Vogt (30-36) hat es einen Ort Efrata in Benjamin nicht gegeben. In Gen 35,16 sei mit Efrata nämlich das nordjudäische Gebiet gemeint. Die in dem Vers meist mit „kurze Wegstrecke“ wiedergegebene Wendung כִּבְרַת־הָאָרֶץ kivrat-hā’āræṣ sei nämlich im Sinne von „ungefähr eine Landmeile“ zu verstehen (כ „ungefähr“ + ברה „Meile; vgl. akkadisch bēri „Doppelstunde / Meile“). Damit sei die Wegstrecke gemeint, die man in zwei Stunden zurücklegt. In Mesopotamien sei eine solche Landmeile ca. 11 km lang gewesen. In Gen 35,16 werde ungefähr dieselbe Distanz vorausgesetzt. Die Entfernung von er-Rām in Benjamin (→ Rama; Koordinaten: 1721.1402; N 31° 51' 17'', E 35° 13' 54''), wo das Grab Rahels ungefähr zu verorten sei, bis zum orthodoxen Kloster Mār Elijās (Koordinaten: N 31° 44' 06'', E 35° 12' 39''), wo das Flurgebiet Efratas wohl begonnen habe, betrage 13 km. Das entspreche „ungefähr einer Landmeile“, und deswegen sei in Gen 35,16 das Gebiet Efrata gemeint. Unerklärt bleibt bei dieser Deutung, warum der Verfasser zur Lokalisierung des Grabes ausgerechnet die Entfernung nach Efrata angibt, wenn dieses so weit entfernt lag. Deswegen dürfte die übliche Wiedergabe im Sinne von „kurze Wegstrecke“ eher zutreffen.

4.4. Bestreitung der Existenz eines Efrata in Juda

Nach einer ansprechenden These von Jericke (2013, 202f; 2016) sind allerdings Zweifel angebracht, ob es in Juda eine Größe Efrata gegeben hat. Unmittelbar vor der Erzählung von der Geburt Benjamins bei Efrata im Gebiet Benjamins (s.o. 2.) erhält → Jakob eine Königsverheißung (Gen 35,11). Die Verbindung dieses Efrata mit Bethlehem solle „klarstellen, dass sich die Königsverheißung an Jakob … in den Königen aus dem Haus David und nicht in den Königen Israels erfüllt“. Efrata sei somit „ein symbolischer Name, der durch die Verbindung mit Betlehem die Vorrangstellung des judäischen Königtums gegenüber dem israelitischen zum Ausdruck bringt“ (203). Problematisch ist an dieser These, dass die Königsverheißung von Gen 35,11-12 nicht in Efrata, sondern in Bethel (Gen 35,1.3.6.8.15.16) lokalisiert wird. Die These muss voraussetzen, dass man Bethlehem nicht mit der Königsverheißung von Bethel in Verbindung bringen wollte, da Bethel als Ort der Sünde galt, und deswegen auf „Efrata“ als den nächsten genannten Ort ausgewichen ist und Efrata mit Bethlehem identifiziert hat.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Calwer Bibellexikon, 2. Aufl., Stuttgart 2006
  • Encyclopedia of the Bible and its Reception, Berlin / New York / Boston 2009ff

2. Weitere Literatur

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  • Dalman, G., Einige geschichtliche Stätten im Norden Jerusalems, JBL 48 (1929), 354-361
  • Demsky, A., The Clans of Ephrath: Their Territory and History, Tel Aviv 13 (1986), 46-59
  • Dietrich, W., Samuel. 1Sam 1-12 (BK.AT VIII,1), Neukirchen-Vluyn 2010
  • Edelman, D., Saul’s Journey through Mt. Ephraim and Samuel’s Ramah, ZDPV 104 (1988), 44-58
  • Garbini, G., Sul nome antico di Ramat Rahel, Rivista degli studi orientali 36 (1961), 199-205
  • Heller, J., Noch zu Ophra, Ephron und Ephraim, VT 12 (1962), 339-341
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  • Jericke, D., Die Ortsangaben im Buch Genesis. Ein historisch-topographischer und literarisch-topographischer Kommentar (FRLANT 248), Göttingen 2013
  • Jericke, D., Art. Efrata, in: Ortsangaben der Bibel, 2016 Internet (Zugriff: 3.3.2018)
  • Keel, O. / Küchler, M., Orte und Landschaften der Bibel. Ein Handbuch und Studien-Reiseführer zum Heiligen Land, Bd 2: Der Süden, Zürich 1982
  • Kessler, R., Micha (HthKAT), Freiburg u.a. 2. Auflage 2000
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  • Willi, Th., Juda – Jehud – Israel: Studien zum Selbstverständnis des Judentums in persischer Zeit (FAT 12), Tübingen 1995
  • Willi, Th., 1.Chronik (BK.AT XXIV/1), Neukirchen-Vluyn 2009

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Das Gebiet Efrata im Norden Judas, umrissen durch die Orte Kirjat Jearim, Bethlehem und Chirbet Ǧedūr. Der Ort Efrata in Benjamin ist vielleicht mit Chirbet ‛Ēn Fāra zu identifizieren. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Rahels Grab und die Gräber der Söhne Israels in Benjamin. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2001)
  • Abb. 3 Rahels Grab bei Bethlehem (Kupferstich; 19. Jh.). Aus: C. Ninck, Auf biblischen Pfaden – Reisebilder aus Ägypten, Palästina, Syrien, Kleinasien, Griechenland und der Türkei, 5. Aufl. 1897, 184

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