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Lexikon

Deuteronomistisches Geschichtswerk (DtrG)

Simone Paganini

(erstellt: Aug. 2005)

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Deuteronomismus

1. Begriff und Befund

Deuteronomistisches Geschichtswerk (DtrG) ist die in der Forschung üblich gewordene Bezeichnung für ein Werk, das von einer einheitlichen, durch das Buch Deuteronomium geprägten Sprache und Theologie bestimmt ist und die Bücher Deuteronomium bis 2. Könige umfasst – ohne das Buch Rut, das in der hebräischen Bibel nicht in diesem Zusammenhang steht (also Dtn, Jos, Ri, 1-2Sam, 1-2Kön). Das Werk beschreibt die Geschichte Israels von den letzen Tagen der Wüstenwanderung über die Landnahme bis zum Ende der Königszeit.

Gemeinsam ist den genannten Büchern, dass größere und kleinere Textpassagen in ihrer Sprache und theologischen Aussage stark an das → Deuteronomium erinnern. Besonders auffällig ist in diesen Passagen die Fülle der häufig wiederkehrenden, typischen Wörtern und Wendungen (Weinfeld listet 187 auf). Zudem sind eine Reihe von Texten – es handelt sich vor allem um Reden, Gebete und Kommentare – durch Vor- und Rückverweise eng miteinander verbunden. Schließlich weist das Werk ein einheitliches chronologisches Gerüst auf.

2. Erste Erklärungsversuche

Dass im Bereich von Dtn - 2Kön alte und voneinander unabhängige Quellen durch Redaktoren zu einem „Geschichtswerk“ zusammengestellt worden sind, hat bereits 1805 → W.M.L. de Wette vertreten. A. Kuenen betonte dann 1861, dass manche Texte der Königsbücher das Exil voraussetzen, andere hingegen nicht. Er unterschied daher zwischen einer vor- und einer nachexilischen Redaktion. → J. Wellhausen schloss sich dieser Meinung 1899 an und vermutete eine Fortsetzung der Pentateuchquellen → „Jahwist“ und → „Elohist“ ab dem Josuabuch. Die Redaktoren verstand man als Sammler bzw. Kompilatoren, als Gelehrte, welche die vorliegenden Geschichtsbücher bzw. das aus mehreren Quellen bestehende Geschichtswerk in ihrem Sinn, d.h. unter Berücksichtigung geschichtstheologischer Vorstellungen bearbeitet haben. Diese ersten Beobachtungen und Erklärungsversuche mündeten schließlich in die Arbeit von M. Noth, dem so genannten „Erfinder“ des deuteronomistischen Geschichtswerkes.

3. Die These Martin Noths

Nach → M. Noth (1943) handelt es sich bei dem Verfasser des ganzen Werkes von Dtn - 2Kön um eine Einzelperson, die nicht als Sammler, sondern als Schriftsteller und schriftgelehrter Autor zu charakterisieren ist. Der Verfasser hat zum einen verschiedenartige, überkommene Überlieferungen gesammelt, ausgewählt, angeordnet und mehr oder minder harmonisch in den von ihm selbst geschaffenen Rahmen gefügt – vor allem das deuteronomische Gesetz (Dtn 4,44 - 30,20), eine Sammlung von Landnahmeerzählungen (Jos 2 - 11*), eine Sammlung von Heldengeschichten (Ri 3 - 12*) und die Saul-David-Überlieferung (1Sam 9 - 1Kön 2*), in der die Saulüberlieferung, die → Aufstiegsgeschichte Davids und die → Erzählung von der Thronnachfolge Davids bereits zusammengewachsen waren. Zum anderen hat der Verfasser Texte neu formuliert und dabei vor allem wichtigen Personen Reden in den Mund gelegt, die eine Deutung der Geschichte enthalten. Abgesehen von den eingearbeiteten Quellen und zum Teil recht umfangreichen späteren Zusätzen – beide sind jeweils an Diskrepanzen zu erkennen – stammen alle Texte in Dtn - 2Kön aus der Feder dieses „Deuteronomisten“. Er hat das DtrG nach der Zerstörung Jerusalems 587 v. Chr., genauer kurz nach der Begnadigung von König → Jojachin 561 v. Chr. unter den Eindrücken der nationalen, sozialen und wirtschaftlichen Katastrophe geschrieben, wahrscheinlich in Mizpa.

Theologisch zielt sein Werk darauf, die Führer des Volkes für die Katastrophe verantwortlich zu machen. Da sie zusammen mit dem Volk das im Deuteronomium formulierte „Gesetz missachtet haben“, vor allem immer wieder „von JHWH abgefallen sind“, um „anderen Göttern zu dienen“ – so typische Formulierungen –, tragen sie die Schuld. JHWH hatte das Volk gewarnt und gestraft, bis ihm schließlich keine andere Wahl blieb, als es zu vernichten. Die Darstellung der Geschichte – die nach Noth historisch begründet ist – soll zeigen, dass die Schuld für die Zerstörung Jerusalems mit all ihren Konsequenzen dem Volk selbst zuzuschreiben ist: Der Zorn Gottes steht am Ende der Geschichte, eine Zukunftshoffnung gibt es nicht mehr.

Noth begründete seine These mit vier Argumenten:

a. Die Sprache ist durchgehend deuteronomisch geprägt.

b. Die Deutung der Geschichte zieht sich durch das ganze Werk. In den eingeschobenen Reden wichtiger Gestalten – Mose am Anfang und am Ende des Deuteronomiums (Dtn 1-3; Dtn 31); Josua beim Aufbruch und beim Abschluss der Landnahme (Jos 1; Jos 23); Samuel kurz vor seinem Tod (1Sam 12); Salomo bei der Tempelweihe (1Kön 8) – sowie in den Reflexionen des Verfassers (Jos 12; Ri 2; 2Kön 17) wird die Geschichte gedeutet.

c. Das Werk wird von einem einheitlichen chronologischen Gerüst zusammengehalten (1Kön 6,1: 480 Jahre zwischen Exodus und Beginn des Tempelbaus durch Salomo).

d. Das theologische Konzept ist weitgehend einheitlich.

Die These Noths wurde von der Forschung sehr schnell weithin akzeptiert – auch auf internationaler Ebene. Sie hat große Zustimmung gefunden, wurde aber auch in ihren wesentlichen Elementen kontrovers diskutiert, kritisiert, erweitert, verworfen und verbessert. Heute wird sie allerdings in der von Noth vorgetragenen Form kaum noch vertreten, jedoch kann man sie nicht übergehen, sondern muss sich mit ihr auseinandersetzen.

4. Die Forschung nach Martin Noth

1) Die theologische Aussage des deuteronomistischen Geschichtswerks. Nach G. von Rad (1947) bietet das DtrG gegen Noth nicht nur eine Ätiologie des Gerichts. Die Schlussnotiz in 2Kön 25 sei nämlich positiv zu verstehen: JHWH handelt auch rettend und vergebend. H. W. Wolff (1961) sieht im Aufruf zur Umkehr die theologische Botschaft des DtrG.

2) Die literarische Schichtung des deuteronomistischen Geschichtswerks. Problematisch ist an der These Noths vor allem, dass sie das DtrG einem einzigen Verfasser zuschreibt. Die Forschung nach Noth hält das DtrG weithin für uneinheitlich und hat verschiedene Modelle entwickelt, die die Spannungen erklären sollen.

a) Das Zweistufenmodell oder Blockmodell. F.M. Cross (1968) nimmt – ausgehend von der Spannung zwischen Hoffnung auf der einen und hoffnungslosem Zorngericht auf der anderen Seite – zwei deuteronomistische Werke an. Das erste (Dtr I) datiert noch in die Königszeit, da die Zusage einer ewigen Dynastie in 2Sam 7,16 nach dem Ende des Königtums 587 v. Chr. nicht mehr denkbar ist. Der Verfasser, ein einzelner Schriftsteller, hat ein propagandistisches Geschichtswerk geschaffen, das in 2Kön 23, der Darstellung der Josianischen Reform, gipfelt und König → Josia verherrlichen soll. Dieses Werk ist nach dem Ende der Königszeit von einem Verfasserkreis überarbeitet und erweitert worden (Dtr II). Angesichts der Zerstörung Jerusalems sollte die Darstellung der Geschichte eine neue Deutung erhalten.

b) Das Schichtenmodell (Göttinger Schule). Der Lösung des Problems der zahlreichen Unstimmigkeit in Dtn - 2Kön gelten die Studien von R. Smend jr. (1971) und in Anschluss an ihn, mit manchen Unterschieden, die Arbeiten von T. Veijola und E. Würthwein. Die Unstimmigkeiten werden auf mehrere redaktionelle Bearbeitungen zurückgeführt. Smend unterscheidet grundsätzlich drei Schichten:

1. Die Grundlage des Geschichtswerkes wurde von einem deuteronomistischen Historiker (DtrH), der gleichzeitig Hauptautor des ganzen Werkes ist, in exilischer Zeit geschaffen.

2. Eine erste Bearbeitungsschicht, die DtrH erheblich ausbaut, enthält vor allem prophetische Texte. Smend bezeichnet ihren Verfasser deswegen als prophetischen Deuteronomisten (DtrP).

3. Das Hauptinteresse der dritten Schicht gilt dem Gesetz. Mehrere nomistische Deuteronomisten (DtrN) erweiterten das bisher entstandene Werk und verliehen der in ihm vertretenen deuteronomistischen Theologie ihr endgültiges Profil.

In neueren Arbeiten, die das Schichtenmodell weiterentwickeln, wird die Zahl der Schichten und mit ihnen der Abkürzungen vermehrt und fast unübersichtlich. Beide Modelle haben dazu geführt, dass man heute häufig – allerdings mit großen Unterschieden im Einzelnen – einen vorexilischen Deuteronomisten sowie exilische und nachexilische Redaktionen annimmt (vgl. z.B. Hoffmann; H. Weippert; Lohfink; Braulik).

5. Zur aktuellen Diskussion

Die Diskussion über das DtrG und über seine Theologie ist nach wie vor im Fluss. Bisherige Ansätze verfeinernd werden immer wieder neue Bearbeitungsschichten angenommen. Ein allgemeiner Konsens ist nicht abzusehen.

Die neuere Diskussion um die Entstehung des Pentateuchs hat dazu geführt, dass die These eines deuteronomistischen Geschichtswerks als Zusammenhang von Dtn - 2Kön grundsätzlich in Frage gestellt wird (z.B. Kratz). Zum einen findet man auch im Pentateuch immer mehr deuteronomistisch geprägte Texte, also Verbindungen zum Bereich des DtrG, die einen Einschnitt zwischen Numeri und Deuteronomium in Frage stellen, zum anderen fordern die Landnahmeverheißungen in Gen - Num eine Landnahmeerzählung, die entweder – so Noth – bei der Verbindung mit dem DtrG weggefallen sein muss – doch wie will man das nachweisen? – oder im Josuabuch vorliegt. Wenn sie dort vorliegt, ist das Josuabuch aber an den Pentateuch gebunden, bildet mit ihm den Hexateuch, und Noths These vom DtrG als einem ursprünglichen Erzählzusammenhang von Dtn - 2Kön wird problematisch.

Nach E. Zenger wurde dem deuteronomistischen Geschichtswerk das jahwistisch/elohistische Geschichtswerk vorangestellt (Münsteraner Pentateuchmodell). Jahwistisch/elohistisches Geschichtswerk und DtrG bilden dadurch eine Einheit, eine umfassende Geschichtsdarstellung von der Schöpfung bis zur Zerstörung Jerusalems und dem Exil. Zenger spricht in dem Zusammenhang von einem „großen deuteronomistischen Geschichtswerk“ (großen DtrG). Diese These wird jedoch kontrovers diskutiert.

Allgemein anerkannt ist, dass die Schichten des DtrG nicht so heterogen sind wie im Pentateuch. Die verschiedenen Autoren bewegen sich sprachlich und theologisch auf gleichem Boden und spätere bauen auf frühere auf. Man kann daher von einer „deuteronomistischen Schule“ sprechen, die für die Komposition des DtrG verantwortlich ist.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

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2. Weitere Literatur

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  • Zenger, E. (Hg.), 2004, Einleitung in das Alte Testament, 5. Aufl., Stuttgart

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