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Lexikon

Behemot

Andere Schreibweise: Behemoth

Annette Krüger

(erstellt: März 2010)

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1. Behemot im Alten Testament

Bei dem Begriff Behemot (בְּהֵמוֹת bəhemôt) handelt es sich vermutlich um einen Intensivplural oder pluralis excellentiae von בְּהֵמָה bəhemāh „Tier / Vierfüßler“, der die Größe und Macht des Tieres hervorheben soll. Im Alten Testament wird Behemot nur in Hi 40,15 genannt: „Sieh doch den Behemot, den ich mit dir geschaffen habe, Gras frisst er wie das Rind.“ In der zweiten Gottesrede des → Hiobbuchs (Hi 40,6-26) nennt und beschreibt JHWH zwei gewaltige Tiere, die er geschaffen hat, um seine Größe und Schöpfermacht gegenüber Hiob zu demonstrieren: Behemot (Hi 40,15-24) und → Leviatan (Hi 40,25-26). Aus der Schilderung der V. 15-24 geht hervor, dass es sich bei Behemot um ein pflanzenfressendes Tier mit besonders starkem Körper und hängendem Schwanz handelt. Es hält sich in Schilf und Sumpf bzw. an Rändern von Bächen auf und scheut auch einen reißenden Fluss nicht.

Ob es sich bei dem Behemot um ein wirklich existierendes Tier oder um die Darstellung eines rein mythischen Wesens mit übernatürlichen Ausmaßen und Kräften handelt, ist in der Forschung umstritten. Einen dritten Weg geht Gisela Fuchs, die in Behemot sowohl eine zoologische Spezies wie ein Chaoswesen erkennt (vgl. 1993, 227f.; zur Forschungsgeschichte vgl. Batto, 1999, 166-168 sowie Fuchs, 1993, 225ff.).

Geht man davon aus, dass hinter der Beschreibung ein bestimmtes Tier steht, treffen die oben genannten Charakteristika am besten auf das Nilpferd (Hippopotamus amphibius) zu, das im Jordantal bis ins 4. Jh. v. Chr. heimisch war (→ Elfenbeinschnitzerei 2.2.2.). Vor allem sein massiger Körper und die Nähe zum Wasser weisen in diese Richtung. Darüber hinaus sind Flusspferde Pflanzenfresser, die in der Hauptsache Gräser zu sich nehmen. Zur Nahrungsaufnahme verlassen sie nachts das Wasser, wobei sie mehrere Kilometer weit laufen, um geeignete Grasflächen zu finden. Gefürchtet war das Nilpferd für seine Gefräßigkeit, die den Bauern sehr zu schaffen machte, und für seine Gefährlichkeit: Die „älteren Bullen sind territorial und verteidigen wütend den von ihnen eingenommenen Wasserabschnitt und bilden so eine Gefahr für Schiffer und Viehherden, die Wasserläufe zu passieren haben“ (Störk, 1982, 501). Zudem kann ein aufgestörtes Nilpferd für eine kurze Zeit durchaus sehr schnell laufen. Für Behemot als Nilpferd sprechen sich auch Keel, 1978, 127ff., Fohrer, 1988, 521ff., Strauß, 2000, 377 und Huwyler, 2003, 165 aus.

2. Zum religionsgeschichtlichen Hintergrund

Othmar Keel (1978, 127ff.) verweist als religionsgeschichtlichen Hintergrund zu Hi 40,15-24 auf die rituelle Nilpferdjagd des ägyptischen Königs. Sofern das Nilpferd das Chaotische und Böse repräsentierte, gehörte es seit frühester Zeit zur Rolle des Königs, ein Nilpferd rituell zu erlegen. Mit der Tötung dieses größten und gefährlichsten Tieres im alten Ägypten besiegte der König das → Chaos, vernichtete das Böse und hielt somit die Weltordnung (→ Maat) aufrecht.

© Klaus Koenen / Annette Krüger (Detail)

Abb. 1 Horus harpuniert das Nilpferd / Seth (Innenseite der westlichen Umfassungsmauer des Tempels von Edfu; ptolemäische Zeit).

In der ägyptischen Spätzeit, die der Zeit der Gottesreden des Hiobbuches entspricht, übernimmt der Königsgott Horus diese Aufgabe der Überwindung des Bösen: In einem Abschnitt des Osirismythos besiegt Horus im Kampf um die Herrschaft Ägyptens seinen Bruder und Onkel → Seth, den Gott des Chaos und Mörder des Gottes → Osiris, der in der ägyptischen Mythologie auch als Nilpferd dargestellt wird. In → Edfu wurde jährlich ein „Festival des Sieges“ zu Ehren des Horus veranstaltet. Darstellungen dieses Sieges des Horus, der Seth mit Harpunen tötet, sind an der westlichen Umfassungsmauer des ptolemäischen Tempels dargestellt. Dabei wird Seth in Nilpferdgestalt vermutlich aus magischen Gründen besonders klein dargestellt.

© Annette Krüger

Abb. 2 Der Sieger Horus steht auf dem Rücken des Nilpferds (Innenseite der westlichen Umfassungsmauer des Tempels von Edfu; ptolemäische Zeit).

Im Ritual wird Horus vom König oder von einem Priester dargestellt. Am Ende des Rituals steht Horus siegreich auf dem Rücken des Nilpferds / Seths und wird Seth als Götterfeind in Form eines Kuchens aufgeschnitten und gegessen, was seine totale Vernichtung verdeutlichen soll.

© Annette Krüger

Abb. 3 Ein Priester zerschneidet einen Kuchen in Form eines Nilpferds (Innenseite der westlichen Umfassungsmauer des Tempels von Edfu; ptolemäische Zeit).

O. Keel erkennt die Aufgabe Gottes in der zweiten Gottesrede als unablässiges Vernichten des Bösen. Gleich der ägyptischen Tradition, in der Seth als Vertreter des Chaos getötet und somit eliminiert wird, muss Gott das Böse immer wieder vernichten, „das sich u.a. in Nilpferd und Krokodil verkörpert, die immer wieder überwunden werden, aber doch nie endgültig besiegt sind.“ (Keel, 1978, 157). Mit G. Fuchs ist demgegenüber zu konstatieren, dass es in Hi 40 „keineswegs um die immer wieder notwendige Vernichtung des Bösen geht, sondern analog zur ersten Gottesrede um seine Unterwerfung und anschließende Integration“ (1993, 264). Die Aufgabe von Hi 40,15ff. ist es somit, Hiob die Souveränität und Macht Gottes vor Augen zu führen, der diese gewaltigen Wesen geschaffen und ihnen ihren Platz in der Schöpfung angewiesen hat (vgl. auch Ps 104,26).

3. Behemot in den Apokryphen und Pseudepigraphen

Ab dem 2. Jh. v. Chr. findet man in der jüdischen Literatur eine ganz neue, breite Tradition, die Behemot und Leviatan mit dem Endgericht verbindet. Die vermutlich älteste außeralttestamentliche Bezeugung des Behemot liegt in der 3. Bilderrede des äthiopischen → Henoch vor (1. Jh. v. Chr.). In Kap. 60 spricht der Engel Michael zu Noah über den Tag des Gerichts:

„Und an jenem Tag werden zwei Ungeheuer getrennt werden: ein weibliches mit dem Namen Leviathan, dass es in der Tiefe des Meeres und über den Quellen der Wasser wohne, das männliche heißt Behemot, das mit seiner Brust die unübersehbare Wüste einnimmt, Dendain genannt …“ Und ich bat einen anderen Engel, dass er mir die Macht jener Ungeheuer zeige, wie sie an einem Tage getrennt und eins in die Tiefe des Meeres und eins in das Land der Wüste gesetzt wurden. Und er sprach zu mir: „Du Menschenkind, willst hier wissen, was verborgen ist.“ Im Anschluss daran bekommt Noah die ganzen himmlischen Phänomene, Wind, Mond, Sterne, Donner, Blitz usw. gezeigt. V. 24 setzt wieder mit den beiden Ungeheuern ein: „Diese beiden Ungeheuer, entsprechend der Größe Gottes bereitet, erhalten Nahrung, damit das Strafgericht des Herrn der Geister auf ihnen ruhen kann, auf dass das Strafgericht des Herrn der Geister nicht umsonst hervorbreche.“ (Übersetzung Uhlig, 1984, 606f.609f.)

Hier ist Behemot ein männliches Tier der Wüste, vermutlich eine Art Drachenwesen – Genaueres ist dem Text nicht zu entnehmen. Auch die Rolle, die Leviatan und Behemot an diesem Tag des Gerichts spielen, ist unklar.

Diese wird in 4Esr (ca. 100 n. Chr.; → Esra-Schriften, außerbiblische) konkretisiert. In der Schilderung des fünften Schöpfungstages, im Zusammenhang mit der Erschaffung der Meerestiere und Vögel, heißt es in Kap. 6,49-52:

49. Damals hast du zwei lebende Wesen, die du geschaffen hast, aufbewahrt; das eine hast du Behemoth, das andere Leviathan genannt. 50. Du hast sie voneinander getrennt; denn der siebte Teil (sc. das Meer – die anderen sechs sind zu Land geworden), wo sich das Wasser gesammelt hatte, konnte sie nicht fassen. 51. Du hast Behemoth einen der Teile gegeben, die am dritten Tag trocken geworden waren, damit er in ihm wohne; dort sind die tausend Berge. 52. Leviathan aber hast du den feuchten siebten Teil gegeben. Du hast sie aufbewahrt, damit sie zur Nahrung dienen sollten, wem du willst und wann du willst. (Übersetzung Schreiner, 1981, 340)

Auch hier ist wie im äthiopischen Henoch die Aufteilung Behemot – trockenes Land, Leviatan – Meer zu finden. Ihre Bestimmung ist eindeutig: Sie werden, vermutlich im Eschaton, den Gerechten zur Nahrung dienen. Im Hintergrund steht die Vorstellung von einem Festmahl, das JHWH den Frommen in der zukünftigen Welt bereiten wird.

Noch kürzer und präziser wird der genannte Vorstellungszusammenhang in der etwas jüngeren syrischen → Baruch-Apokalypse dargestellt. Kap. 29,4 dieser pseudepigraphischen Schrift vom Anfang des 2. Jh. n. Chr. lautet:

„Und Behemot wird sich offenbaren aus seinem Ort, und Livjatan wird aus dem Meere kommen, zwei Ungeheuer, die ich schuf am fünften Tag der Schöpfung, die ich geschaffen habe und bewahrt bis hin auf jene Zeit. Die werden Nahrung sein für alle dann, die übrig sind.“ (Übersetzung Klijn, 1976, 141)

4. Behemot in der Literatur des Mittelalters

Abb. 4 Das Festmahl der Gerechten (Biblia Ambrosiana bzw. Mailänder Bibel; 13. Jh.).

Abb. 4 Das Festmahl der Gerechten (Biblia Ambrosiana bzw. Mailänder Bibel; 13. Jh.).

Wirkungen der antik-jüdischen Behemot-Tradition sind in bildlicher Form auch in die christliche Buchmalerei des Mittelalters eingedrungen. So zeigt die Mailänder Bibel, eine im 13. Jh. entstandene süddeutsche Bibelhandschrift, eine Darstellung des Festmahls als königliche Tafelgesellschaft unter drei Bäumen. Die fünf in königliche Gewänder gekleideten Personen (die Gerechten) haben Tierköpfe und tragen Kronen. Seitlich der Tafel spielen zwei tierköpfige Musikanten. Über den Bäumen fliegen weiße Tauben:

„Diese Darstellung entspricht weitestgehend einer rabbinischen Tradition bezüglich des Lebens der Gerechten im messianischen Zeitalter.“ (Schubert, 1976, 88). Oberhalb dieser Mahlszene sind in Form von Stier, Fisch und Greif die drei (mythischen) Tiere Behemot, Leviatan und Ziz abgebildet. Diese Zuordnung entspricht nach St. Schreiner der nachbiblischen rabbinischen Exegese: „Denn der rabbinische Midrasch war es, der Behemot zu einem Stier, Liwjatan zu einem Riesenfisch und Ziz zu einem Greif und Liwjatan dabei zum weiblichen Gegenüber des männlichen Behemot gemacht hat (…). Dass der rabbinische Midrasch die Tiere umgewandelt hat (…), hat nicht zuletzt halachische Gründe (…). Sind doch Nilpferd und Schlange nach den Bestimmungen von Lev 11,3ff.29f; Lev 20,25 ‚unreine Tiere‘. ‚Unreine Tiere‘ jedoch dürfen sie nicht sein, wenn sie den Gerechten dermaleinst als Speise vorgesetzt werden sollen.“ (Schreiner, 2004, 361f).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Biblisches Reallexikon, 2. Aufl., Tübingen 1977
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 6. Aufl., München / Zürich 2004
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Batto, B.F., 1999, Art. Behemot בהמות, in: Dictionary of Deities and Demons in the Bible, Leiden u.a., 2. Aufl., 165-169
  • Fohrer, G., 1988, Das Buch Hiob (KAT 16), Berlin
  • Fuchs, G., 1993, Mythos und Hiobdichtung. Aufnahme und Umdeutung altorientalischer Vorstellungen, Stuttgart u.a.
  • Huwyler, B., 2003, Art. Behemot, in: Calwer Bibellexikon, Stuttgart, 165
  • Keel, O., 1978, Jahwes Entgegnung an Ijob (FRLANT 121), Göttingen
  • Klijn, A.F.J., 1976, Die syrische Baruch-Apokalypse (JSHRZ V,2), Gütersloh
  • Schreiner, J., 1981, Das 4. Buch Esra (JSHRZ V,4), Gütersloh
  • Schreiner, St., 2004, Das Festmahl der Gerechten in mittelalterlicher jüdischer Überlieferung, in: Chr. Grappe (Hg.), Le Repas de Dieu / Das Mahl Gottes (WUNT 169), Tübingen, 343-376
  • Schubert, U. und K., 1983, Jüdische Buchkunst. Erster Teil, Graz
  • Störk, L., 1982, Art. Nilpferd, Lexikon der Ägyptologie IV, Wiesbaden, 501-506
  • Strauß, H., 2000, Hiob, 2. Teilband: 19,1-42,17 (BK 16,2), Neukirchen-Vluyn
  • Uhlig, S., 1984, Das äthiopische Henochbuch (JSHRZ V,6), Gütersloh

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Horus harpuniert das Nilpferd / Seth (Innenseite der westlichen Umfassungsmauer des Tempels von Edfu; ptolemäische Zeit). © Klaus Koenen / Annette Krüger (Detail)
  • Abb. 2 Der Sieger Horus steht auf dem Rücken des Nilpferds (Innenseite der westlichen Umfassungsmauer des Tempels von Edfu; ptolemäische Zeit). © Annette Krüger
  • Abb. 3 Ein Priester zerschneidet einen Kuchen in Form eines Nilpferds (Innenseite der westlichen Umfassungsmauer des Tempels von Edfu; ptolemäische Zeit). © Annette Krüger
  • Abb. 4 Das Festmahl der Gerechten (Biblia Ambrosiana bzw. Mailänder Bibel; 13. Jh.).

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