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Lexikon

Backe / Kinnbacke

Thomas Hieke, Klaus Koenen

(erstellt: Sept. 2008)

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1. Das Wort

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Der assyrische König Asarhaddon (681-669 v. Chr.) hält die unterworfenen Könige Taharqo von Ägypten und Balu von Tyrus an Kieferringen (Stele aus Sendschirli).

Für die Backen bzw. Wangen, das Kinn, den Unterkiefer sowie den ganzen Bereich der Kinnbacken kennt das Hebräische nur ein Wort, nämlich לְחִי ləḥî.

2. Backen / Wangen

Backen können von Verliebten in ihrer Schönheit besungen werden (Hhld 1,10; Hhld 5,13). Das Schlagen der Backe ist dagegen Ausdruck schimpflicher Behandlung (1Kön 22,24 = 2Chr 18,23; Jes 50,6; Mi 4,14; Ps 3,8; Hi 16,10; Klgl 3,30; Mt 5,39 // Lk 6,29). Die Tränen klagender Menschen laufen über ihre Wangen (Klgl 1,2; Sir 35,18).

3. Kinnbacken

Die Kinnbacken (im Dual) gehören nach Dtn 18,3 neben Vorderkeule und Magen zu den Teilen des Opfertiers, die den Priestern zustehen (→ Opfer).

Aus: Lehmann-Nitsche 1931

Abb. 2 Unterkieferknochen eines Esels.

Eine Reihe von Belegen zeugt davon, dass Tiere mit Haken oder Ringen durch die Backen oder Unterkiefer gefangen bzw. wie mit einem Nasenring geführt werden konnten. Der → Leviatan ist jedoch so mächtig, dass man dies mit ihm nicht machen kann (Hi 40,26). Ez 29,4 sieht den ägyptischen Pharao als → Krokodil, dem Gott einen Haken durch die Kinnlade treibt. Ohne Tierbild wird dies in Ez 38,4 dem Gewaltherrscher → Gog angekündigt und in Jes 30,28 im Blick auf die Völker gesagt.

Ein ganz anderes Bild drückt in Hos 11,4 JHWHs Liebe gegenüber Israel aus: Gott hat das Joch / Zaumzeug von den Kinnbacken genommen, damit das Vieh ungehindert fressen kann (Bons 137).

4. Unterkieferknochen

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 19.9.2008

Abb. 3 Simson erschlägt 1000 Philister mit dem Kieferknochen eines Esels (Katakombe Via Latina, Rom; 4. Jh.).

In Ri 15,15 dient der Unterkieferknochen eines Esels als primitive Waffe, mit der → Simson tausend → Philister erschlägt (genauer ist wohl an eine Hälfte der Mandibula gedacht). Es geht hier wohl hauptsächlich um ein poetisches Wortspiel mit dem Namen des Ortes im judäischen Bergland, an dem dies geschieht: Der Ortsname Lehi (hebräisch לֶחִי Læḥî) gleicht nämlich לְחִי ləḥî „Kinnbacken / Unterkiefer“. Zugleich wird der Ruhm Simsons gemehrt und werden die Philister verspottet, wenn der Held mit einer derart lächerlichen Waffe so viele Männer erschlagen kann. Ein zweites Wortspiel ergibt sich mit dem Begriff חֲמוֹר ḥǎmôr, der sowohl „Esel“ als auch „Haufen“ bedeutet. So sagt Simson in Ri 15,16: „Mit dem Eselskinnbacken (בִּלְחִי הַחֲמוֹר bilḥî haḥǎmôr) schlug ich einen Haufen (ḥǎmôr), zwei Haufen (ḥǎmorātājim)! Mit dem Eselskinnbacken erschlug ich tausend Mann!“ (Elberfelder Übersetzung). Die Lutherübersetzung ergänzt als Verb im ersten Satz anstelle von schlug ich „hab ich sie geschunden“, was ein hebräisches Verb חמר ḥamar (erneutes Wortspiel!) „schinden“ voraussetzt (in Anlehnung an den Septuagintatext [→ Septuaginta] dieser Passage: ἐξαλείφων ἐξήλειψα αὐτούς exaleiphōn exēleipsa autous „ich habe sie ausradiert“). In Ri 15,17 wird dann der Ortsname „Ramat-Lehi“ als „Kinnbackenhöhe“ gedeutet.

Abb. 4 Kain erschlägt Abel (Meister Bertram, Hochaltar der Petrikirche, Hamburg; 1375-1383).

Abb. 4 Kain erschlägt Abel (Meister Bertram, Hochaltar der Petrikirche, Hamburg; 1375-1383).

Die Tat Simsons hat in der Kunstgeschichte auf die Tat → Kains gewirkt. Obwohl Gen 4,8 nicht sagt, wie Kain seinen Bruder erschlägt, geschieht dies in Darstellungen häufig mit einem Unterkieferknochen.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Theologisches Wörterbuch zum Alten Testament, Stuttgart u.a. 1973ff
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992 („Lehi”)
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Bons, E., 1996, Das Buch Hosea (NSK-AT), Stuttgart
  • Gese, H., 1985, Die ältere Simsonüberlieferung (Richter c. 14-15), ZThK 82, 261-280 (276-278)
  • Krinetzki, G., 1976, Prahlerei und Sieg im alten Israel (Gen 4,23f; Ri 15,16; 16,23f; 1 Sam 18,7 par), BZ 20, 45-58
  • Lehmann-Nitsche, R., 1931, Simsons Eselskinnbacken. Die urzeitliche Verwendung von Unterkieferhälften als Waffe und Werkzeug und deren Entwickelung [sic!], MZ 26, 78-83
  • Lehmann-Nitsche, R., 1932, Simsons Eselskinnbacken, FuF 8, 120f
  • O’Connor, M., 1995, War and Rebel Chants in the Former Prophets, in: A.B. Beck (Hg.), Fortunate the Eyes that See (FS D.N. Freedman), Grand Rapids, 322-337

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Der assyrische König Asarhaddon (681-669 v. Chr.) hält die unterworfenen Könige Taharqo von Ägypten und Balu von Tyrus an Kieferringen (Stele aus Sendschirli). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Unterkieferknochen eines Esels. Aus: Lehmann-Nitsche 1931
  • Abb. 3 Simson erschlägt 1000 Philister mit dem Kieferknochen eines Esels (Katakombe Via Latina, Rom; 4. Jh.). Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 19.9.2008
  • Abb. 4 Kain erschlägt Abel (Meister Bertram, Hochaltar der Petrikirche, Hamburg; 1375-1383).

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