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Lexikon

Astruc, Jean

(1684-1766)

Klaus Koenen

(erstellt: Nov. 2007)

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Abb. 1 Jean Astruc.

Abb. 1 Jean Astruc.

Jean Jacques Astruc, einer der Begründer der sog. „älteren Urkundenhypothese“, wurde am 19.3.1684 in Sauve, nördlich von Montpellier, geboren. Sein Vater, der aus einer jüdischen Familie stammte, war ein hugenottischer Prediger, der kurz nach Jeans Geburt wohl angesichts bevorstehender Verfolgungen (Edikt von Fontainebleau 1685) zum Katholizismus konvertierte und erst kurz vor seinem Tod wieder zum Protestantismus übertrat. Jean wuchs deswegen katholisch auf. Er studierte Medizin in Montpellier und spezialisierte sich später auf Geschlechtskrankheiten. 1707 wurde er Medizinprofessor in Montpellier, später in Toulouse. 1728 war er für kurze Zeit Leibarzt des polnischen Königs August II. des Starken in Dresden. Ab 1730 lebte er bis zu seinem Tod am 5.3.1766 als Leibarzt Ludwigs XV. und Medizinprofessor in Paris.

Über sein Fachgebiet hinaus beschäftigte sich Astruc mit philosophischen und theologischen Fragen. Für die alttestamentliche Wissenschaft ist er als einer der Väter der kritischen → Pentateuchforschung bedeutsam – allerdings gegen seinen Willen! In seinen anonym erschienenen Conjectures will er vor allem gegen Baruch de Spinoza (1632-1677) konservativ daran festhalten, dass → Mose der Verfasser des → Pentateuchs ist, ihm aber auf keinen Fall anlasten, dass es in der Genesis Dubletten und Spannungen, z.B. Unausgeglichenheiten in der Chronologie, gibt. Diese erklärt er – wie schon 1711 → Henning Bernhard Witter (1683-1715), jedoch unabhängig von ihm – mit einer Urkundenhypothese, für die die unterschiedlichen → Gottesbezeichnungen „Elohim“ („Gott“) und „Jehova“ (= „Jahwe“) den Schlüssel bieten. Astruc entdeckt, dass Texte mit der gleichen Gottesbezeichnung hintereinander gelesen einen sinnvollen Zusammenhang ergeben und dass die Texte mit verschiedenen Gottesbezeichnungen vielfach denselben Erzählungsstoff bieten. Daraus schließt er, dass der Genesis zwei durchlaufende Quellenschriften, sog. Urkunden, zugrunde liegen. In zwei Spalten habe Mose sie synoptisch nebeneinander geschrieben und in zwei weiteren Spalten habe er Texte aus zehn anderen, kleineren Quellen zusammengestellt, die zum Teil von Nachbarvölkern stammten. Erst Abschreiber hätten die vier Spalten mechanisch und zum Teil falsch zu dem uns vorliegenden Genesistext zusammengezogen. Ihre Faulheit und Dummheit seien für die Dubletten und Spannungen verantwortlich.

Auch wenn die von Astruc postulierte mosaische Verfasserschaft und die mit ihr verbundene Frühdatierung der Quellen längst aufgegeben wurden, zählt Astruc, dessen Beobachtungen von → Johann Gottfried Eichhorn (1752-1827) aufgenommen und weitergeführt worden sind, zu den Vätern der Urkundenhypothese, die in einer vor allem von → Wellhausen modifizierten Form noch bis in die Gegenwart als Erklärung für die Entstehung der Bücher Genesis bis Numeri vertreten wird, auch wenn in jüngerer Zeit zunehmend Fortschreibungsmodelle bevorzugt werden.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Metzler-Lexikon Christlicher Denker, Stuttgart / Weimar 2000
  • Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (im Internet: http://www.bautz.de)

2. Werk

  • Conjectures sur les mémoires originaux dont il paroit que Moyse s’est servi pour composer le livre de la Genèse, Brüssel 1753 (anonym; deutsch: Muthmaßungen in Betreff der Originalberichte deren sich Mose wahrscheinlicherweise bey Verfertigung des ersten seiner Bücher bedient hat, nebst Anmerkungen, wodurch diese Muthmaßungen theils unterstützt, theils erläutert werden, Frankfurt/M. 1783)

3. Sekundärliteratur

  • Houtman, C., Der Pentateuch (CBET 9), Kampen 1994, 63-72
  • Jarick, J. (Hg.), Sacred conjectures. The context and legacy of Robert Lowth and Jean Astruc (Library of Hebrew Bible / Old Testament Studies 457). New York / London 2007
  • Kraus, H.-J., Geschichte der historisch-kritischen Erforschung des Alten Testaments von der Reformation bis zur Gegenwart, Neukirchen-Vluyn 4. Aufl. 1988
  • Lods, A., Jean Astruc et la critique biblique au XVIIIe siècle (RHPhR Cahiers 11), Strasbourg / Paris 1924 (Sonderdruck von : A. Lods, Astruc et la critique biblique de son temps, RHPhR 4 [1924], 109-139.201-227)
  • O’Doharty, E., The Conjectures of Jean Astruc, CBQ 15 (1953), 300-304
  • Savignac, J. de, L’oeuvre et la personnalité de Jean Astruc, NC 5 (1953), 138-148
  • Vaux, R. de, A propos du second centenaire d`Astruc. Réflexions sur l’état actuel de la critique du Pentateuque (VT.S 1), Leiden 1953, 182-198

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Jean Astruc.

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