Aroer

Andere Schreibweise: Aroër

(erstellt: März 2019)

1. Name

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage der verschiedenen Orte mit Namen Aroer.

Bei dem Nomen עֲרוֹעֵר ‘ǎrô‘er handelt es sich angesichts von arabisch ‘ar‘ār „Wacholder“ vermutlich um eine Pflanzenbezeichnung für „Wacholdergebüsch“ (Zwickel 1999). Der Ort Aroer scheint somit für seine Wacholdergebüsche bekannt gewesen zu sein. Die Wurzel ‘R bezeichnet im Phönizischen ebenfalls „Wacholder“. Der Ortsname עֲרוֹעֵר ‘ǎrô‘er ist demnach eine reduplizierte Form der Wurzel ‘R nach dem Nominaltyp qalāqil (Borée 1968), um eine Plural- oder Kollektivbildung „Wacholderort“ zu erhalten (Richter 1996). Alternativ zu diesem Bildetyp wäre auch an eine Zusammenstellung von ‘îr „Stadt“ und ‘R zu denken, sodass dieser Ort dann „Wacholderstadt“ heißen würde. In diesem Fall hätte man ein schönes Wortspiel mit gleichlautenden, aber hinsichtlich ihrer Bedeutung unterscheidbaren Wurzeln. Vielleicht könnte man zudem עֲרוֹעֵר ‘ǎrô‘er von der Wurzel ‘RJ „entblößen“ ableiten. Dann würde der Name auf einen kahlen Berggipfel anspielen. Hieronymus deutet den Ortsnamen Aroer als sublevans vel vacuefactio vigilis aut myricae (Hier Nom 16:6f.), wofür er offenbar unkritisch die verschiedensten Wurzeln bemüht: ‘RJ „entblößen“, ‘ŪR „wachen“ oder die LXX-Deutung von ‘a‘ār als „Tamariske“ nach Jer 17,6.

Für Aroer gibt es in der hebräischen Bibel drei unterschiedliche Schreibweisen: plene עֲרוֹעֵר ‘ǎrô‘er (Jos 12,2; Jos 13,9.16.25; Ri 11,33; 2Sam 24,5; Jer 48,19), defektiv עֲרֹעֵר ‘ǎro‘er (Num 32,34; Dtn 2,36; Dtn 3,12; Dtn 4,48; 1Sam 30,28; 2Kön 10,33; 1Chr 5,8; Jes 17,2) und vermutlich als Verschreibung עַרְעוֹר ‘ǎr‘ôr in Ri 11,26.

2. Aroer in der Bibel

Insgesamt kann man vier verschiedene Orte mit dem Namen Aroer voneinander differenzieren, wobei man in manchen Fällen nicht sicher entscheiden kann, welcher Ort tatsächlich gemeint ist (z.B. Num 32,34; Ri 11,33; 1Chr 5,8; 1Chr 11,44; Jer 48,19).

2.1. Aroer am Arnon

Dtn 2,36; Dtn 3,12; Dtn 4,48; Jos 12,2; Jos 13,9.16; Ri 11,26; 2Kön 10,33; vermutlich auch 2Sam 24,5; 1Chr 5,8; Jer 48,19.

Die meisten Belege mit dem Namen Aroer sind am → Arnon zu lokalisieren, zumal immer wieder ein entsprechender Hinweis gegeben wird. Aroer am Rand des Arnontals gilt als der südlichste Punkt des Landes, das von den Israeliten in Besitz genommen und den Rubenitern und Gaditern gegeben wurde (Dtn 2,36; Dtn 3,16; Dtn 4,48; Jos 12,2; Jos 13,9). Dieses Gebiet soll vormals dem sagenhaften Amoriterkönig → Sihon gehört haben. Die Stadt Aroer am Arnon wurde zudem den Rubenitern zugesprochen (Jos 13,16), sodass sich vermutlich auch 1Chr 5,8 auf den Ort am Arnon bezieht, da mit dieser Stelle das Gebiet Rubens offenbar durch einen südlichen (Aroer) und einen nördlichen Grenzpunkt (Nebo) angegeben werden soll. In Ri 11,26 weist → Jeftah auf das jahrhundertelange Wohnen der Israeliten im Gebiet von Aroer hin. Vermutlich bezieht sich dieser Hinweis ebenfalls auf den Ort am Arnon, da Aroer am Arnon der klassische südliche Grenzpunkt der ostjordanischen Gebiete Israels war. Außerdem wird im Nahkontext auf Städte auf beiden Seiten des Arnon verwiesen, sodass es hier sicher um das Einzugsgebiet des Arnon geht. Vermutlich handelt es sich bei dem ersten ostjordanischen Ort der Musterung der Israeliten unter → David ebenfalls um Aroer am Arnon (2Sam 24,5), worauf die Angabe der benachbarten Stadt im Flusstal hinweist. Später hat der Aramäerkönig → Hasael von Damaskus die gesamten ostjordanischen Gebiete inklusive Aroer am Arnon verwüstet (2Kön 10,32f.). Auch hier dient dieser Ort als südlichster Grenzort, der die ostjordanischen Besitzungen Israels absteckt.

Unsicher ist hingegen die Verortung Aroers in 1Chr 11,44. Die beiden Helden Davids Schama und Jëiël, die Söhne Hotams, stammen aus einem Ort Aroer, der aber nicht näher lokalisiert wird. Die Helden im Nahkontext stammen vor allem aus ostjordanischen Orten, sodass auch hier der bekannte Ort Aroer am Arnon im Blick sein könnte. In Jer 48,19 handelt es sich vermutlich ebenfalls um den Ort am Arnon, da dieser im weiteren Kontext genannt wird. Hinzu kommt, dass Aroer am Arnon ohnehin seit jeher eine wichtige verkehrsgeographische Funktion einnahm, sodass das vorliegende Szenario der fliehenden Moabiter hier besonders gut getroffen wird.

2.2. Aroer vor Rabba

Jos 13,25, vermutlich auch Ri 11,33.

Der nördliche Ort Aroer, der in der Umgebung von Rabba liegt, war hingegen ein Grenzort des Stammes Gad (Jos 13,26). Vermutlich wird dieser Ort im Norden in Ri 11,33 als Ausgangspunkt der militärischen Aktion des Gileaditers Jeftah genannt. Nach Ri 10,17 versammelte sich das israelitische Heer im ostjordanischen → Mizpa, während das ammonitische Aufgebot in dem nahen Ort Gilead lagerte (→ Gilead). Vor dem Hintergrund dieser Ausgangssituation dient folglich der nördliche Ort Aroer vor Rabba als Startpunkt. Schließlich könnte noch Num 21,26-LXX auf diesen Ort hinweisen, da hier das eroberte Gebiet von Aroer bis zum Arnon skizziert wird (Abel 1938). Fraglich ist die Lokalisierung von Aroer in Num 32,34. Denn hier wird Aroer von den Gaditern erbaut, während ansonsten Aroer am Arnon den Rubenitern zugewiesen wird (Jos 13,16; 1Chr 5,8). Entweder hat dieser Ort irgendwann die Stammeszugehörigkeit gewechselt oder es handelt sich auch hier um das nördliche Aroer bei Rabba. Hier kommt man über Vermutungen kaum noch hinaus. Neuerdings wird vermutet, dass die Zuschreibung von Aroer zu Rabba auf die veränderten politischen Verhältnisse im 8. Jh. v. Chr. Rücksicht nimmt, als Ammon das Gebiet zwischen Jabbok und Arnon beherrschte. Dann würde man vor allem den gleichnamigen Ort Aroer in die Texte eintragen, der bewusst nicht mehr mit → Moab verbunden wird (Bloch-Smith 2015).

2.3. Aroer im Negeb

1Sam 30,28.

Nach 1Sam 30,28 sandte David einen Teil der Beute aus dem Amalekiterfeldzug an die Ältesten der Stadt Aroer, die aufgrund des Nahkontextes im Negev zu verorten ist. Der Ort Aroer im Negev liegt nach den biblischen Angaben in der näheren Umgebung von Jattir, Sifmot und Eschtemoa. Möglicherweise geht der Ort Adada in Jos 15,22 auf eine ursprüngliche Form Arara zurück, zumal sich die beiden hebräischen Konsonanten ר r und ד d sehr ähneln (de Vos 2003). Dieser Ort könnte dann mit Aroer im Negev gleichgesetzt werden.

2.4. Aramäisches Aroer bei Damaskus

Jes 17,2.

Im Kontext des Spruches gegen Aram-Damaskus kommt ebenfalls ein Ort Aroer vor, der offenbar in aramäischem Gebiet liegt (Jes 17,2). Entweder bezieht sich dies auf den Zeitpunkt, als das gesamte ostjordanische Gebiet Israels an die Aramäer fiel; dann wäre durchaus das bekannte Aroer am Arnon oder das nördliche Aroer bei Rabba möglich. Oder man denkt an einen bislang unbekannten Ort im Norden; dieser Ort lässt sich indes allein mit den biblischen Angaben nicht mehr lokalisieren.

3. Außerbiblische Quellen

Der Ort Aroer wird nur selten in außerbiblischen Quellen erwähnt. Bereits die → Amarnakorrespondenz erwähnt einen Ort Araru, der im Land von garu liegt (EA 256:25). Da das Land garu vermutlich nördlich des Yarmuk zu suchen ist (de Vos 2003), könnte dieser Ort bestenfalls mit dem Aroer gleichzusetzen sein, das im Territorium von Damaskus liegt. Ein Gebiet von Aruru wird darüber hinaus bereits in der Sinuhe-Erzählung erwähnt (B 81) und auf einer stark beschädigten Ortsliste in Karnak von Pharao Thutmose III. In der Sinuhe-Erzählung werden besonders die landwirtschaftlichen Qualitäten von Aruru hervorgehoben (Aharoni 1984). Vermutlich liegt dieses Land im Norden, vielleicht in der Beqā‘-Ebene (Aḥituv 1984).

Der Moabiterkönig → Mescha rühmt sich, dass er den Ort Aroer und eine Straße zum Arnon gebaut habe (KAI 181:26). Wahrscheinlich hat die von Mescha genannte „Straße am Arnon“ von Aroer aus in das Arnontal hinabgeführt (Ninow 2006). Meist wird vermutet, dass diese Straße östlich der späteren Via Nova Traiana, und zwar durch das Wādī el-Bālū‘, verlief (Worschech 1990). Bisweilen wird aber auch an eine eisenzeitliche Straße gedacht, die durch das Wādī en-Nuḫēle führte (Kloner / Ben-David 2003). Da das Lexem məsillāh meist eine aufsteigende Rampe zu einer Stadt bezeichnet, die für festliche Prozessionen genutzt wurde, könnte hier auch an eine Prozessionsstraße zu denken sein (Tidwell 1995). Hier kommt man über Vermutungen kaum noch hinaus.

Eusebius beschreibt schließlich eine moabitische Stadt Aroer, die am Steilhang des Arnonflusses liege und vor den Moabitern von Emitern beherrscht worden sei (Euseb, Onomastikon 12:5-7; Eusebs Onomastikon). Darüber hinaus liege Aroer auf einer Bergkuppe (Eus On 12:7f.), was vermutlich nicht auf die Lokalkenntnis des Eusebius, sondern auf eine Interpretation von Dtn 2,36 zurückgeht. Außerdem wird dieser Ort dem Stamm Gad zugewiesen, und angemerkt, dass Aroer vor Rabba zu finden sei (Eus On 12:9f.), wobei hier offenbar die Angaben des nördlichen Aroer fälschlicherweise übernommen werden. Allerdings liegt der Ort Aroer vom Arnon aus gesehen tatsächlich vor Rabba, sodass diese fehlerhafte Zuweisung durch Eusebius durchaus verständlich ist.

Darüber hinaus erwähnt Eusebius eher beiläufig einen Ort Aroer, der die Grenze des gaditischen Stammesgebietes markiere und vor Rabba, d.h. westlich davon, liege. Denn hier wird die Lage Aroers von Jerusalem aus betrachtet (Eus On 104:15f.).

Außerdem kennt Eusebius einen weiteren Ort Aroer, wo Jeftah die Ammoniter bekämpft habe. Dieses Dorf sei 6 Meilen nördlich von Jerusalem entfernt (Eus On 32:9f.), was eigentlich nicht zur ostjordanischen Jeftahtradition passt. Vielleicht hat Eusebius diese falsche Zuweisung aufgrund von Ri 11,34 getroffen, wo Jeftah von Aroer nach Mizpa zurückkehrt. Dabei hat er wohl das benjaminitische Mizpa im Blick gehabt. Nach Hieronymus liegt dieser Ort Aruir am 20. Meilenstein nördlich von Jerusalem (Hieronymus, Onomastikon 33:10f. Hieronymus, Onomastikon), was in etwa zum Ort Chirbet ‘Arūra (1663.1610) führt.

Schließlich erwähnt Estori haParchi den Ort Aroer in seinem wichtigen Werk Kaftor wa-feraḥ. Nach diesem mittelalterlichen jüdischen Topographen liegt Aroer nördlich oberhalb des Arnon etwa eine Tagereise südlich von → Heschbon. Darüber hinaus sei die Lesart dieses Toponyms ‘ar‘ar (Elitzur 2004).

4. Lokalisierung

4.1. Aroer am Arnon

Aus: Olávarri 1969, Planche I, mit Bearbeitung von Erasmus Gaß

Abb. 2 Plan von Chirbet ‘Arā‘ir.

Bei Ausgrabungen auf Chirbet ‘Arā‘ir (Koordinaten: 2281.0981; N 31° 28' 17'', E 35° 49' 20'') fand man Hinweise auf eine semi-nomadische Bevölkerung in der Nichturbanen Zwischenzeit und in der Mittelbronzezeit (2250-1900 v. Chr.) (Olávarri 1969). Danach folgte eine Besiedlungslücke bis zum Ende der Spätbronzezeit. Der früheisenzeitlichen Siedlung (Stratum V) sind nur wenige Loci aus Areal D zuzuordnen. Manchmal wird vermutet, dass Chirbet ‘Arā‘ir im 10. Jh. v. Chr. zusammen mit el-Lehūn eine israelitische Grenzbefestigung gewesen sei. Für diese ethnische und politische Zuordnung gibt es aber keine Hinweise. Stattdessen wurde Chirbet ‘Arā‘ir vom moabitischen König Mescha als Festung (Stratum IV) ausgebaut (Herr / Najjar 2001). Vermutlich war Aroer nie eine Stadt oder eine Siedlung, sondern immer nur eine strategisch günstig gelegene Festung, die die Verkehrswege überwachen konnte. Ob Aroer von Mescha zuvor zerstört worden ist, wird weder vom Text noch vom archäologischen Befund sicher belegt. Die neu errichtete, 50 qm große Festung, die den Konturen des Hügels einigermaßen folgt, besaß mehrere Befestigungsmauern, wobei die inneren Korridore später mit Füllmaterial der früheren Siedlungsschichten aufgefüllt worden sind. In Areal A fand man eine Reihe hintereinander gestaffelter Mauern (Abb. 2), deren letzte Bauphase aufgrund des Keramikbefundes der Füllschicht in die Mitte des 9. Jh.s v. Chr. datiert werden kann.

Aus: Olávarri 1965, Planche I, mit Bearbeitung von Erasmus Gaß

Abb. 3 Schnitt von Areal A von Chirbet ‘Arā‘ir.

Die Mauern, in Läufer-Binder-Technik ausgeführt, sind aus großen rechteckigen Blöcken geschaffen, die aus dem lokalen Steinbruch geschlagen und ohne Mörtel verlegt wurden. Ausweislich der Schnittzeichnungen werden wohl Mauer I und III in Areal A zu einer Bauphase gehören (Abb. 3). Beide Mauern setzen sich in Areal B fort. Nur diese beiden Mauern sind auf dem gewachsenen Felsen gebaut, während die anderen Mauern auf einer künstlichen Füllschicht aufruhen. Somit wäre von einer doppelten Befestigungsanlage aus Mauer I und III auszugehen. Erst in einem zweiten Schritt ist dann die Mauer II eingefügt worden. Mauer VII diente zudem als Stützmauer für eine künstliche Aufschüttung, während Mauer IV zur Verstärkung von Mauer III eingefügt wurde. Da sich in anderen Arealen eine ähnliche Abfolge von Mauern nachweisen lässt, scheint in Areal A wohl keine separate Verteidigungsbastion zum Schutz des Eingangs der Festung vorzuliegen. Die innerste Mauer dient vermutlich als Stützmauer für die zentrale Terrasse, auf die die inneren Gebäude der Festung gebaut waren. Neuerdings wird die gesamte Anlage als künstliches, 10 m hohes Podium mit Glacis gedeutet, das die Bauweise der Omriden nachgeahmt hätte (Finkelstein / Lipschits 2010). Ein künstlich angelegtes Bassin an der nordwestlichen Seite der Anlage stellte zudem die Wasserversorgung sicher.

Vom 7. bis 3. Jh. v. Chr. wurde Chirbet ‘Arā‘ir schließlich verlassen. Eine Zerstörung dieses Ortes lässt sich nicht sicher nachweisen. Manchmal wird darauf hingewiesen, dass angeblich im Bereich des Tores Spuren einer Zerstörung im 7. Jh. v. Chr. nachgewiesen seien, die mitunter auf → Nebukadnezar II. zurückgeführt werden könnten (Sabourin 1965). Dies ist aber unsicher.

In hellenistischer Zeit war die Besiedlung von Chirbet ‘Arā‘ir semi-nomadisch geprägt (Stratum III). Die Bevölkerung wuchs schließlich in nabatäischer Zeit an, auch wenn die strategische Bedeutung des Ortes zunehmend verloren ging (Stratum II). In römischer Zeit war Chirbet ‘Arā‘ir nicht mehr permanent besiedelt. Dieser Ort diente fortan nur noch als temporäre Unterkunft von Halbnomaden (Stratum I).

4.2. Aroer vor Rabba

Das nördliche Aroer vor Rabba wird mittlerweile meist mit Chirbet Uḏēnā (Koordinaten: 2335.1520; N 31° 57' 33'', E 35° 52' 55'') innerhalb des heutigen Amman identifiziert, auch wenn es eine Fülle von anderen Vorschlägen gibt (Gaß 2005). Chirbet Uḏēnā liegt etwa 6 km westlich von Rabba, der Zitadelle des heutigen Amman, und würde damit den biblischen Angaben entsprechen. Denn die Präpositionsverbindung עַל־פְּנֵי ‘al pənê in Jos 13,25 wird wohl mit „auf der Vorderseite von / vor“ wiederzugeben sein, also: vor Rabbāh; vom Blickwinkel Jerusalems aus müsste Aroer also vor Rabba, d.h. westlich davon, liegen, was auf Chirbet Uḏēnā bestens zutrifft.

Der Oberflächenbefund von Chirbet Uḏēnā weist in die Eisenzeit I/II (Glueck 1939). Der rechteckige, 60 x 22,5 m große Ort war von einer Mauer umgeben. Außerdem entdeckte man auf Chirbet Uḏēnā eine Grabanlage, die in der Eisenzeit II und der persischen Zeit verwendet wurde (Zayadine 1985). In dieser Grabanlage fand man ein bemerkenswertes Weihrauchfass aus dem 5. Jh. v. Chr. (Khalil 1986).

4.3. Aroer im Negev

Der judäische Ort Aroer wird gerne aufgrund des Kriteriums der Namenskontinuität mit Chirbet ‘Ar‘ara (Koordinaten: 1480.0622; N 31° 09' 08'', E 34° 58' 44''), 22 km südöstlich von → Beerscheba, gleichgesetzt, während der frühere Ort auf dem benachbarten es-Sudēr (Koordinaten: 1482.0638; N 31° 09' 56'', E 34° 58' 55'') gesucht wird. Allerdings klafft ein Siedlungshiat zwischen dem vor allem in der Eisenzeit I besiedelten es-Sudēr und der Chirbet ‘Ar‘ara (Keel / Küchler 1982), was gegen eine Verbindung der beiden Orte spricht. Neuerdings wird Stratum II von es-Sudēr aber in das 8. Jh. v. Chr. datiert (Höhn 2016), was die beiden Orte wiederum zeitlich annähert, sodass die Vorgängersiedlung von Chirbet ‘Ar‘ara durchaus auf es-Sudēr gesucht werden kann. Allerdings ist für das Davidische Aroer nicht notwendigerweise ein alter Siedlungshügel notwendig. Denn bei den „Ältesten von Aroer“ in der Daviderzählung könnte es sich lediglich um die Anführer von nomadischen Stämmen handeln, die nicht in einer Stadt gewohnt haben.

Aus: Thareani 2011, 7, mit Bearbeitung von Erasmus Gaß

Abb. 4 Plan von Chirbet ‘Ar‘ara.

Chirbet ‘Ar‘ara wurde in den Jahren 1975-1978 und 1980-1982 von A. Biran und R. Cohen ausgegraben. Insgesamt wurden sechs Areale geöffnet: B, H, Y innerhalb der Umfassungsmauer, A und D außerhalb der Mauer und C unterhalb des Ruinenhügels (Abb. 4). Der Ort Chirbet ‘Ar‘ara war inklusive der extramuralen Bebauung ungefähr 2 ha groß und wurde vom 8. bis ins frühe 6. Jh. v. Chr. besiedelt (Strata IV-II), danach erst wieder in herodianischer Zeit (Stratum I). Bereits im ältesten Stratum IV verfügte Chirbet ‘Ar‘ara über eine 4 m starke verputzte Mauer, die alternierend mit Vorsprüngen (offset-inset) und einem Glacis gebaut wurde. Die Umfassungsmauer wurde vermutlich während der Eisenzeit in den Strata IV-II verwendet. Die Toranlage befand sich zunächst im westlichen Bereich von Areal D, worauf einzelne Mauerstrukturen hinweisen. Während Stratum III oder II wurde allerdings über der Toranlage ein 20 x 20 m großes Podium errichtet, auf dem vermutlich eine Festung zum Schutz der extramuralen Bebauung stand. Aus diesem Grund wechselte das Tor wohl in Areal B-Nord (Thareani 2011). Die Gebäude waren vor allem entlang der Umfassungsmauer und in der Mitte der Anlage errichtet worden. Am südlichen Hang ist es vor der eisenzeitlichen Umfassungsmauer bereits in Stratum III zu einer etwa 1 ha großen extramuralen Bebauung mit Wohn- und Arbeitsgebäuden gekommen (Areal D und A).

Aus: Thareani-Sussely 2007, 131, mit Bearbeitung von Erasmus Gaß

Abb. 5 Rekonstruktion der Karawanserei von Chirbet ‘Ar‘ara.

In Areal A wurde ein Gebäude freigelegt, bei dem es sich um eine eisenzeitliche Karawanserei handeln könnte (Abb. 5), was mit der wirtschaftlichen Bedeutung des Ortes für den Handel mit Südarabien verbunden werden kann. Auch wenn nur der westliche Flügel ergraben worden ist, wird dieses Gebäude symmetrisch rekonstruiert. Demnach hätte diese Karawanserei einen zentralen Innenhof für die Lasttiere gehabt, der von zwei Flügeln im Westen und Osten flankiert worden wäre, in denen die Händler Unterkunft gefunden hätten. Im Nordwesten der Karawanserei wurde am höchsten Punkt ein kleiner Festungsturm errichtet, in dem eine Garnison zum Schutz der Unterkunft und der Handelsstraße untergebracht war. Diese Anlage hatte ihren Eingang im Norden, sodass man die Aktivitäten in der Karawanserei von der Stadt aus besser kontrollieren konnte (Thareani-Sussely 2007).

Stratum III wurde vermutlich vom assyrischen Heer unter Sanherib zerstört (Thareani 2011), danach aber bald wiederaufgebaut. Stratum II, das sich in zwei Phasen untergliedert, wird in das 7. Jh. v. Chr. datiert und reicht bis zum frühen 6. Jh. v. Chr. (Thareani 2014). Mit der babylonischen Eroberung Judas endete vorerst die Besiedlung in Aroer. Die Zerstörung von Chirbet ‘Ar‘ara, die durch eine dicke Ascheschicht, gebrannte Lehmziegel und heruntergefallene Steine markiert wird, geht entweder auf die Babylonier oder die mit ihnen verbündeten Edomiter zurück (Thareani 2011).

Der materielle Befund von Chirbet ‘Ar‘ara ist in der Eisenzeit als kosmopolitisch zu bezeichnen, da edomitische Keramik und Epigraphik sowie assyrische Keramik und Gewichte neben dem judäischen Befund entdeckt wurden, der sich durch spezifische Keramik, → Pfeilerfigurinen, ein Schekel-Gewicht und drei lmlk-Siegel (→ Siegel) auszeichnet. Diese Kombination von judäischem, edomitischem und assyrischem materiellen Befund deutet wirtschaftliche, kulturelle und politische Verbindungen an. Auf Chirbet ‘Ar‘ara siedelten vermutlich unterschiedliche soziale und ethnische Gruppen: Händler, Beamte, Soldaten, lokale Stammesverbände sowie Judäer, Edomiter und wahrscheinlich auch Araber (Thareani 2014).

Ab der hellenistischen Zeit wurde Chirbet ‘Ar‘ara in drei Phasen besiedelt (Stratum Ia-c). Die hellenistische Zeit ist nur durch wenige Funde dokumentiert (z.B. Münzen von Antiochos III. aus Areal D), die aber kaum stratigraphisch mit bestimmten Mauerresten verbunden werden können. Vermutlich handelt es sich nur um eine temporäre Besiedlung. Das darauffolgende Stratum Ib von Chirbet ‘Ar‘ara wurde möglicherweise bereits unter Herodes d. Gr. gegründet, auch wenn es wahrscheinlicher ist, dass erst Agrippa I. hierfür verantwortlich ist. Über das eisenzeitliche Podium wurde auf dem höchsten Punkt des Hügels ein 12,5 x 11,25 m großer, vermutlich zweistöckiger Festungsturm errichtet, der mit sorgfältig behauenen Quadersteinen erbaut wurde und von einem 1 m hohen Glacis umgeben war. Die Festung bestand aus vier Räumen und hatte ihren Eingang an der Nordwestecke. Nördlich davon war ein 35 x 30 m großer Hof vorgelagert (Taxel 2011). Diese Phase der frührömischen Besiedlung wurde im Jüdischen Krieg zerstört, worauf eine kurze Besiedlungslücke folgte. Die dritte Phase, die nur aus Wohnbebauung bestand (Stratum Ic), hatte bis zur Bar-Kochba-Revolte Bestand.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage der verschiedenen Orte mit Namen Aroer. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Plan von Chirbet ‘Arā‘ir. Aus: Olávarri 1969, Planche I, mit Bearbeitung von Erasmus Gaß
  • Abb. 3 Schnitt von Areal A von Chirbet ‘Arā‘ir. Aus: Olávarri 1965, Planche I, mit Bearbeitung von Erasmus Gaß
  • Abb. 4 Plan von Chirbet ‘Ar‘ara. Aus: Thareani 2011, 7, mit Bearbeitung von Erasmus Gaß
  • Abb. 5 Rekonstruktion der Karawanserei von Chirbet ‘Ar‘ara. Aus: Thareani-Sussely 2007, 131, mit Bearbeitung von Erasmus Gaß

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