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Lexikon

Aramäisch

Jürg Hutzli

(erstellt: Aug. 2014)

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Hebräisch

1. Einführung

Aramäisch ist eine nordwest-semitische Sprache, die sich im Gebiet des heutigen Syrien und seinen umliegenden Gegenden entwickelte und in ihren ältesten Inschriften für das 9.-8. Jh. v.d.Z. bezeugt ist. In wenigen kleinen Sprachinseln heute noch lebendig, schaut die Sprache auf eine fast 3000jährige Geschichte zurück.

Als auffällige, schon zu Beginn anzutreffende Besonderheiten des Aramäischen im Vergleich mit andern Vertretern der nordwest-semitischen Sprachfamilie (ugaritisch, phönizisch, hebräisch, moabitisch, edomitisch u.a.) gelten u.a. der nachgestellte Artikel -āʼ, das Fehlen eines nun-haltigen Reflexiv- und Passivstammes (N-Stamm, vgl. hebr. Nifal), die weibliche Pluralendung -ān für Verbal- und Nominalformen, sowie die Vokabeln בר br „Sohn“ und חד ḥd „einer“. Andere charakteristische Merkmale bildeten sich im Lauf der weiteren Entwicklung der Sprache heraus (s.u. 2.2.). Bestimmte Sprachphänomene wie der bestimmte Artikel, die Akkusativpartikel und insbesondere gewisse Phoneme zeigen eine eigenartige „zyklische“ Erscheinungsweise im Lauf der Sprachgeschichte (sie bilden sich heraus, verschwinden, tauchen [in veränderter] Form wieder auf). In andern Bereichen (u.a. Verbalkonjugationen) entwickelt sich die Sprache dagegen linear (vgl. Jastrow sowie die Ausführungen unter 2.).

Die heutige Aramaistik unterscheidet vier bis sechs verschiedene Sprachstufen (hier: altaramäisch, reichsaramäisch, mittelaramäisch, spätaramäisch und neuaramäisch, vgl. 2.).

Die aramäische Sprache und ihre Literatur haben in vielfältiger Weise auf die Entstehung der biblischen Schriften eingewirkt. Zum einen sind Teile der biblischen Bücher Esra und Daniel in aramäischer Sprache abgefasst, zum anderen finden sich in verschiedenen Texten Aramaismen (vgl. 3.). Für die Bibelwissenschaft sind ausserdem die alten aramäischen (syrischen) Übersetzungen für die Text- und frühe Rezeptionsgeschichte der biblischen Schriften von Bedeutung.

2. Sprachstufen des Aramäischen

2.1. Die frühesten Zeugnisse: Altaramäisch (9.-8. Jh. v.d.Z.)

Unter dem Ausdruck Altaramäisch werden die inschriftlich bezeugten Dialekte aramäischer Volksgruppen und verschiedener kleiner politischer Gebilde im Gebiet des heutigen Syrien und in angrenzenden Gegenden aus dem 9. und 8. Jh. v.d.Z. subsumiert. Bei der verwendeten altaramäischen Schrift handelt es sich um einen Seitentrieb der phönizischen Alphabetschrift (→ Alphabet; → Schrift). Aufgrund des limitierten Buchstabensatzes entsprechen bestimmte Konsonantenzeichen mehreren Phonemen:

  • šin steht für /š/, // und /ś/.
  • samekh (in Tell Fecherije) steht sowohl für /s/ und //.
  • zajin entspricht /z/ und //.
  • ṣade steht für // und //.
  • qof bringt /q/ und // zum Ausdruck.
  • ḥet entspricht // und //.
  • ‘ajin steht für // und /ġ/.

Die ältesten, oft monumentalen Inschriften (oft auf Stelen) wurden zumeist von Herrschern von Kleinterritorien in Auftrag gegeben. Sie stammen aus dem Gebiet des heutigen Syrien, der Südosttürkei, Mesopotamiens sowie des heutigen Iran:

a) Tell Ḥalāf (Nordostsyrien): Altarinschrift. Die älteste bekannte, mittlerweile aber zerstörte altaramäische Inschrift (KAI 231; ca. 900 v.d.Z.).

b) Tell Feḫerije (Nordostsyrien): Weihinschrift auf einer von Hadd-jiṯʻi für → Hadad geweihten Statue (KAI 309; ca. 850 v.d.Z).

c) Tel → Dan (Nordisrael): Inschrift → Hasaels von Damaskus (KAI 310; ca. 830 v.d.Z.).

d) Afis (Hamat): Steleninschrift von Zakkur, König von Hamat und Lugath (KAI 202; 800-775 v.d.Z.).

e) → Arpad (Nordsyrien): Steleninschrift des Königs Bar-Hadad für Melkart, den Gott von Tyrus (KAI 201; ca. 800 v.d.Z.).

f) → Sfire (Nordsyrien): Steleninschriften mit dem Text eines Vertrages zwischen Mati-Ilu, König von Arpad, und Bar-Gaja, König von Kittik, Regent einer der neo-assyrischen Provinzen Syriens (KAI 222-224; ca. 750 v.d.Z.).

g) Jaʼudi / Samʼal (Südosttürkei; → Sendschirli): Die aramäischsprachigen Inschriften Bar-Rakkibs (KAI 216-221; ca. 730-720 v.d.Z.).

h) Bukan (iranisches Aserbajdschan): Steleninschrift mit Fluchformeln (Bezug zum aramäischen Gott Hadad und dem urartäischen Gott ḥldj, KAI 320, ca 700 v.d.Z.).

i) Luristan (Iran): Vier beschriebene Bronzeschalen, u.a. astronomischen Inhaltes (Schwiderski 293-294; um 700 v.d.Z.).

j) Nerab (südöstl. v. Aleppo). Zwei Grabinschriften für zwei Priester (KAI 225-6; um 700 v.d.Z.).

Die jüngeren Inschriften stehen am Anfang der Herausbildung einer aramäischen lingua franca (s.u. 2.); die für die Inschriften g und h verantwortlichen Herrscher bedienen sich eines literarischen, von ihrer Muttersprache verschiedenen Idioms.

Weiter gibt es Inschriften, deren Sprachen dem Altaramäischen nahekommen (eventuell eine ältere Sprachstufe darstellen):

k) Jaʼudi: Inschriften „sam’alischer“ Sprache (KAI 214, KAI 215, Stele von Katamuwa [Pardee], ca. 750-730 v.d.Z., sprachlich von Inschrift g. klar verschieden).

l) Wandinschrift von Tell Dēr ‘Allā (Ostjordanland, → Sukkot, KAI 312, Entstehung zw. 850-750 v.d.Z.).

Diese Inschriften weisen Kennzeichen des Altaramäischen (Vokabular: בר br „Sohn“, חד ḥd „einer“) auf, weichen aber in wichtigen Punkten von diesem ab (z.B. Vorkommen des N-Stammes, Fehlen des bestimmten Artikels; Fehlen des Schluss-Nun und Beibehaltung der Fallunterscheidung bei Nomina mask. Pl. [Letzteres nur in den sam’alischen Inschriften]). Das Verhältnis dieser Dialekte zu den altaramäischen Lokalsprachen wie auch die damit zusammenhängende Frage der Bestimmung des proto-aramäischen Sprachbestandes sind umstritten (vgl. Huehnergard).

Besonderheiten des Altaramäischen (zu grundlegenden Merkmalen vgl. 1.) im Vergleich mit den späteren Sprachstufen sind u.a. die Unterscheidung zwischen einem Lang- und Kurz-Imperfekt (Jussiv), die Bildung des Inf. constr. im G-Stamm ohne mem-Präformativ (Ausnahme Inschrift b.) sowie, in einem Teil der Dialekte, die Existenz eines jaqtūl-Präteritum, welches, mit oder ohne Voranstellung von w, die Funktion eines Narrativs hat (Belege in den Inschriften c, d und in jener von Tell Dēr ‘Allā, vgl. Kottsieper).

Grundsätzlich ist anzumerken, dass das Altaramäische dem Kanaanäischen (u.a. dem Hebräischen) relativ nahe steht. Mehrere der bedeutenden phonologischen, morphologischen sowie syntaktischen Unterscheidungsmerkmale bildeten sich erst im Reichsaramäischen heraus.

2.2. Verwendung als lingua franca: Reichsaramäisch (ca. 700-200 v.d.Z.)

Reichsaramäisch ist die Bezeichnung für die zunächst dem neoassyrischen und dem neubabylonischen, später dem persischen Reich dienende internationale Sprache der Reichsadministration, die sich später unter verschiedenen Völkern auch als Umgangssprache durchzusetzen vermochte.

2.2.1. Inschriften und Dokumente aus neuassyrischer und neubabylonischer Zeit

Der Aufstieg des Aramäischen zur lingua franca wurde einerseits begünstigt durch die frühe Niederlassung aramäischer Stämme im zentralen und südlichen Mesopotamien, andererseits durch die Kontrolle und Eingliederung der syrischen Kleinstaaten ins assyrische Grossreich durch Tiglatpileser III. (745 bis 726 v.d.Z.) sowie die Deportierung grosser Bevölkerungsteile nach Mesopotamien (vgl. Tadmor).

Frühe, der assyrischen Reichsadministration dienende Schreiben sind:

a) An den assyrischen König gerichteter Brief eines assyrischen Beamten in Babylon, auf Ostraka (Kopie?) erhalten (KAI 233), Mitte des 7. Jh.s v.d.Z.

b) Gesetzesdekret der neoassyrischen Administration in Syrien (veröffentlicht und verbreitet durch ein an die lokalen Behörden gerichtetes Schreiben auf einer Steinplatte [KAI 317; 626-610 v.d.Z.]).

Die Funktion des Aramäischen als Sprache der assyrischen Diplomatie wird trefflich in der Erzählung von der Belagerung Jerusalems durch die Assyrer (2Kön 18,13-19,37 // Jes 36-37) illustriert. Das Aramäische wird von den Jerusalemer Hofbeamten, nicht aber vom einfachen Volk verstanden (vgl. 2Kön 18,26):

Da sagten Eljakim, der Sohn Hilkijas, sowie Schebna und Joach zu dem Rabschake: Sprich doch aramäisch mit deinen Knechten; wir verstehen es. Sprich vor den Ohren des Volkes, das auf der Mauer steht, nicht judäisch mit uns!

Rechtsentscheidungen, Verträge, Güterauflistungen wurden nicht nur in assyrischer, sondern auch in aramäischer Sprache abgefasst. An verschiedenen Orten des Kernlandes des assyrischen Reichs wurden aramäische, gemäß mesopotamischer Schrifttradition auf Tontäfelchen aufgezeichnete Dokumente – manchmal in Form von Beischriften zum assyrischen Haupttext – gefunden. Außerhalb des Zweistromlandes wurden für derartige Aufzeichnungen eher Tinte und Ostraka als Schreibmaterialien verwendet. Beispiele:

c) Schuldurkunden aus Assur (Tontäfelchen; Fales, 225-238, KAI 234-236, 7. Jh. v.d.Z.).

d) Schuldurkunden aus Tell Ḥalāf (Tontäfelchen; Fales, 239-252; Schwiderski, 22; 7. Jh. v.d.Z.).

e) Lieferschein aus El Jemmeh (Philistäa) (mit Tinte beschriebenes Ostrakon; Nahveh, 19; Schwiderski, 287, 7. Jh. v.d.Z.).

Ein bereits der neubabylonischen Zeit zugeordnetes Schreiben dokumentiert den Gebrauch des Aramäischen als Verständigungssprache zwischen einem südkanaanäischen (philistäischen?) Kleinstaat und Ägypten:

f) Brief Adons: Ein an den Pharao gerichtetes Bittschreiben eines südkanaanäischen Vasallenfürsten (jenes von Ekron?) (Papyrusfragment, Porten-Yardeni, I, 6-7; KAI 266; um 600 v.d.Z.).

2.2.2. Inschriften und Dokumente aus persischer und früh-nachpersischer Zeit

Auch unter den Achämeniden diente das Aramäische an der Seite anderer Sprachen (babylonisches akkadisch, elamisch, altpersisch) als Kanzleisprache. Es fand zeitweise von Indien bis Ägypten Verbreitung und wurde von den verschiedenen Völkern mehr und mehr auch als Verkehrs- und Literatursprache, benutzt, so auch unter den Judäern, Samaritanern und den ausserhalb Palästinas lebenden Juden.

Als wichtige Zeugnisse der persischen und früh-nachpersischen Zeit sind zu nennen:

Ägypten:

a) Briefe von Hermopolis (Porten-Yardeni, I, 9-23; Schwiderski, 1-3; 6.-5. Jh. v.d.Z.)

b) Corpus aramäischsprachiger Texte von → Elephantine (Briefe, Rechtsurkunden [Heiratsurkunden, Testamente, Schuldscheine], Listen, literarische Texte [Achikarnovelle, aram. Fassung des Textes der Behistuninschrift] vgl. Porten-Yardeni; 5. Jh. v.d.Z.)

c) Grabinschrift von Sheikh Faḍl (Lemaire, Les inscriptions araméennes de Cheikh-Fadl); Porten-Yardeni, IV, 286-298; Schwiderski, 180-186; erste Hälfte 5. Jh. v.d.Z.)

Arabien:

d) Inschriften von → Tema (Nordarabien; KAI 228; 5.-4. Jh. v.d.Z.)

Mesopotamien, Iran:

e) Geschäftsarchiv der Familie Muraschu (ca. 800 Tontäfelchen in akkadischer und aramäischer Sprache, Nippur; Schwiderski, 296-306; 2. Hälfte 5. Jh v.d.Z.).

f) Inschriften von Persepolis (Iran; Schwiderski, 337-357; 5. Jh. v.d.Z.)

Kleinasien:

g) eine zweisprachige Grabinschrift (Sardes; KAI 260; 5./4. Jh. v.d.Z.; lydisch, aramäisch)

h) dreisprachiges Dekret zur Einrichtung eines Kultes (Xanthos; KAI 319; 358 v.d.Z.; aramäisch, griechisch, lykisch; → Bilingue).

Idumeä, Palästina:

i) Ostrakainschriften von Idumäa (Schwiderski, 203-284; 4. Jh. v.d.Z.).

j) samaritanische Inschriften (Dušek; 450-332 v.d.Z.).

Zu Beginn der hellenistischen Zeit, als das Griechische die Rolle der Sprache der Reichsadministration zu übernehmen begann, wurde das Aramäische von verschiedenen Völkern, die im Einflussbereich des Persischen Reiches standen, weiter gepflegt und von Herrschern weiterhin als internationale Verkehrssprache benutzt.

k) Ein Felsedikt des buddhistischen indischen Königs Aśoka ist in einer griechisch-aramäischen Version erhalten (Kandahar, Afhganistan, KAI 279, 260-250 v.d.Z.).

Auch das Aramäische der biblischen Bücher → Esra und → Daniel weist wichtige Züge des Reichsaramäischen auf und wird mehrheitlichem diesem zugerechnet (s.u. 3.2.).

2.2.3. Kennzeichen des Reichsaramäischen

Bedeutende, im Vergleich mit dem Altaramäischen neu hinzutretende, Kennzeichen des Reichsaramäischen sind: Aufgrund von allmählich sich durchsetzenden Lautverschmelzungen (u.a.: Interdentale > Dentale: /ḏ/ > /d/; /ṯ/ > /t/; /ẓ/ > /ṭ/; sowie /ġ/ > /‘/) kommt es zu neuen Schreibweisen. Protosemitisches /ḏ/ hat nun teilweise ד (statt ausschließlich ז), protosemitisches /ṯ/ größtenteils ת (statt ש [oder ס]), protosemitisches /ẓ/ fast immer ט (statt צ), protosemitisches /ġ/ oft ע (statt ausschließlich ק) als Entsprechung. Folgende Beispiele mögen diese Entwicklungen illustrieren:

  • דהב dhb < altaram. זהב zhb „Gold“,
  • תור twr < altaram. שור šwr (bzw. סור swr) „Stier“,
  • טבי ṭbj < altaram. צבי ṣbj „Gazelle“,
  • ארע ’r‘ < altaram. ארק ’rq „Erde“.

Das Hafel (Kausativstamm) wird zu Aphel abgeschwächt. Ein auffälliges Merkmal der formellen Sprache ist die Dissimilation langer („verdoppelter“) Konsonanten zur Schreibweise mit nun + betreffendem Konsonanten (Nasalisierung). In einigen der betreffenden Formen ist das nun etymologisch korrekt (z.B. אנת „du“; im Altaramäischen assimiliert), in andern nicht (מנדע „Wissen“; הנעל „er brachte hinein“ [עלל Haf. 3. mask. Sg.]). Die Verbalkonjugationen haben folgende Bedeutungen: die Afformativkonjugation bezieht sich auf die Vergangenheit, die Präformativkonjugation wird für die Zukunft oder in modaler Funktion verwendet, das Partizip (im Altaramäischen nur als Substantiv gebräuchlich) steht manchmal für die Gegenwart. Zum Ausdruck des Genitivverhältnis wird neben der Constructus-Verbindung vermehrt die Konstruktion mit זי bzw. די (z.T. mit proleptischem Suffix) verwendet (vgl. z.B. ביתו די מלכא „der Königspalast“ [wörtlich: „sein Haus, das des Königs“]). Die Akkusativpartikel (altaramäische Form אית) verschwindet fast vollständig. Stattdessen wird das determinierte Akkusativsobjekt gelegentlich durch ל eingeführt.

2.3. Lokale Fortentwicklungen: Mittelaramäisch (ca. 200 v.d.Z. - ca. 250 n.d.Z.)

Ab etwa 200 v.d.Z. lebte das Aramäische verstärkt in lokalen Ausprägungen fort, welche die Sprache, die Rechtschreibung und die Schrift betrafen. Wir unterscheiden Jüdisch-aramäisch, Nabatäisch, Palmyrenisch, Haträisch, Edessenisch u.a. und subsumieren diese Dialekte unter die Sammelbezeichnung Mittelaramäisch.

Jüdisch-aramäisch: Textfunde vom Toten Meer (2. Jh. v.d.Z. - 2. Jh. n.d.Z.): Neben Rechtstexten (Naḥal Ḥever), sind verschiedene theologische Werke (→ Qumran: → Genesis-Apokryphon; Hiob-Targum, → Henochbuch, Testament Levis) zu erwähnen. Weiter stammen wahrscheinlich die aramäischen Übersetzungen des Pentateuch (Targum Onkelos) und der prophetischen Bücher (Targum Jonathan), die Gemeinsamkeiten mit dem Aramäischen der Schriften vom Toten Meer aufweisen, aus besagter Epoche.

Eigenheiten: Hinzufügung eines stummen א nach Vokalbuchstaben am Ende eines Wortes. Für den Laut ś begegnet manchmal ס (Targum Hiob). Das in der Aussprache assimilierte *n wird häufiger in der Schrift weggelassen. Die Akkusativpartikel ית wird verwendet.

Nabatäisch: Die Sprache des Königreichs Petra, das die Sinaihalbinsel, das Ostjordanland sowie Nordwestarabien umfasste, begegnet in beinahe 1000 Grab- oder Weihinschriften aus Petra, Bostra und Hebra (170 v.d.Z. - 256 n.d.Z.). Der Dialekt weist Gemeinsamkeiten mit dem Arabischen auf (Schrift, Lautwandel l - n, Vokabular).

Palmyrenisch: Weih- und Grabinschriften sowie ein Steuertarif der Oasenstadt Palmyra (1. Jh. v.d.Z. - 3. Jh. n.d.Z.), oft zweisprachig aramäisch – griechisch.

Verschiedenes: Isolierte Inschriften aus dem parthischen Königreich Hatra (2. Jh. n.d.Z.), Edessa, Dura Europos, Assur. Besondere Erwähnung verdient der einzige in Keilschrift erhaltene aramäische Text, ein Beschwörungstext aus Uruk (ca. 150 v.d.Z., Schwiderski, 417-418). Der Frühzeit dieser Epoche zuzuordnen sind zudem vielleicht die aramäischen Partien des in demotischer Schrift beschriebenen Papyrus Amherst 63.

Vermutlich in der betreffenden Zeitspanne bildete sich die später (vom 7.-9. Jh. n.d.Z. an) von den massoretischen Schreibern des Tenakh festgehaltene doppelte Aussprache der begad-kepat-Laute heraus (im Fall eines voraufgehenden Vokals wurde der betreffende Laut spiriert ausgesprochen: [] [g] [] [] [p] []). Die Spirierungen machten den Schwund der uraramäischen Laute // // /ġ/ – der vermutlich um einige Jahrhunderte vorausgegangen war (vgl. 2.2.3.) – wieder wett; die betreffenden (bzw. ihnen nahestehende) Laute erschienen wieder als frikative Allophone. Im Syrischen (vgl. 2.4) setzte später die graduelle Phonetisierung der betreffenden Allophone ein; eine Entwicklung, die im Neuaramäischen (vgl. 2.5.) ihren Abschluss findet (sechs neue Phoneme haben sich herausgebildet) (vgl. Jastrow, 1-4).

2.4. Spätaramäisch (ca. 250-1200 n.d.Z.)

Die verschiedenen aramäischen Sprachen entwickelten sich in den drei Regionen Palästina-Israel, Syrien, Mesopotamien in je verschiedener Weise fort, wo sie noch bis ca. 700 n.d.Z. als gesprochene Sprachen weit verbreitet waren, dann aber vom Arabischen zurückgedrängt wurden. Das Nabatäische hingegen war schon im 3. und 4. Jh. ins Arabische übergegangen.

Palästina: Jüdisch: Synagogen Inschriften (Beth Alpha, Sephoris, Ein Gedi). Religiöse Literatur (Jerusalemer Talmud, Targum Neofiti, Midrashim, Geniza-Fragmente). Christlich: Evangelien-Übersetzung, Inschriften, liturgische Texte. Samaritanisch: Zwei verschiedene Tora-Übersetzungen, liturgisch-poetische und exegetische Werke.

Syrien: Im 4. Jh. entstand die syrische Übersetzung der Bibel (→ Peschitta). Die umfangreiche liturgische Literatur der syrischen Christen ist in zwei verschiedenen Dialekten und Orthographien (westsyrisch: jakobitisch; ostsyrisch: nestorianisch) überliefert.

Mesopotamien: (1) Jüdisch: Die gesprochene Sprache der babylonischen Juden hat sich insbesondere in großen Partien des Babylonischen Talmuds erhalten. Im Vergleich dazu kleine sprachliche Unterschiede weisen die „magischen“ Schalen und die halakhisch nachtalmudische Literatur der gaʼōnîm auf. (2) Mandäisch: Die mündliche und literarische Sprache der gnostischen Glaubensrichtung der Mandäer.

Eine Gemeinsamkeit der genannten Sprachen ist die Reduktion der Relativpartikel zu enklitischem ד (alt-, reichs- und mittelhebräisch זי bzw. די). Eine auffällige Neuentwicklung des östlichen Spätaramäisch ist der Verlust der Unterscheidung zwischen status emphaticus und status absolutus (der status emphaticus wird ohne Rücksicht auf Determiniertheit / Undeterminiertheit als Normalform gebraucht). malkā kann nun sowohl „der König“ oder „ein König“ bedeuten.

2.5. Neuaramäisch

Ost- und westaramäische Dialekte haben in klein umgrenzten Gebieten (Maʼlula bei Damaskus, Südosttürkei, Regionen im kurdischen und im südlichen Irak u.a.) unter den Nachkommen der christlichen, jüdischen und mandäischen Glaubensgemeinschaften bis heute überlebt. Seit dem Ersten Weltkrieg setzten in mehreren dieser Sprachgebiete Abwanderungsbewegungen ein. Einzelne Gruppen sind mehrheitlich nach den USA, Israel oder Europa ausgewandert.

Als besondere sprachliche Entwicklungen sind zu nennen: Mittels Präfigierung wurde eine neue Form des status emphaticus geschaffen, um die Determiniertheit von Substantiven zum Ausdruck zu bringen (Dialekt von Ṭuroyo). Im östlichen Neuaramäisch (Nordöstliches Neuaramäisch, Ṭuroyo) bildete sich auf der Grundlage des passiven Partizips eine neue Vergangenheitszeit heraus (vgl. kətib-li „ich schrieb [ihn]“).

3. Aramäisch im Tenach

Die aramäische Sprache und die aramäischsprachige Literatur spielten bei der Entstehung bestimmter biblischer Passagen eine bedeutende Rolle. Dies hängt zum einen mit der geographischen Nähe des Sprachgebietes des Altaramäischen zu Israel (in der vorexilischen Zeit) und zum andern mit dem Umstand zusammen, dass die Sprache ab ca. 700 v.d.Z. den Status einer lingua franca im Vorderen Orient erlangte und ab der persischen Zeit mehr und mehr auch von den Juden gesprochen wurde (s.o. 2.2.). Von daher sind einerseits das Auftreten von Aramaismen bereits in den vorexilischen biblischen Texten und andererseits die Abfassung längerer aramäischer Einheiten in den späten biblischen Büchern → Esra und → Daniel sowie verstärkt auftretende Aramaismen in der exilisch-nachexilischen Literatur zu erklären.

3.1. Aramaismen

Aramaismen sind sprachliche (lexikalische und grammatikalische) Erscheinungen innerhalb der biblisch-hebräischen Texte, welche im Aramäischen ihren Ursprung haben. Die Identifizierung von Aramaismen unterliegt verschiedenen Schwierigkeiten: Bei einem Teil der fraglichen Belege ist umstritten, ob es sich wirklich um ein Lehnwort oder nicht eher um ein Überbleibsel eines alten, (wie oft vermutet: nordisraelitischen) hebräischen Dialekts oder eines verschiedenen Sprachen gemeinsamen gemeinsemitischen Grundstockes handelt. In einigen Fällen ist nicht sicher entscheidbar, ob das Wort dem Aramäischen oder einer andern Sprache (akkadisch, persisch, arabisch) entlehnt ist. Grob ist zwischen Aramaismen, die von den betreffenden Autoren in planvoller literarischer Absicht als solche verwendet wurden, und solchen, die aus der fortwährenden Beeinflussung des Hebräischen durch das zur lingua franca avancierten Reichsaramäisch resultierten, zu unterscheiden (vgl. Greenstein, 631). Im letzteren Fall wurden die betreffenden Wörter von den Benutzern der Sprache gar nicht als aramäisch, sondern als hebräisch betrachtet.

3.1.1. Gezielt verwendete Aramaismen

3.1.1.1. Poetische Texte. In den älteren poetischen, vorexilischen Traditionen entstammenden Texten Ex 15,1-2.19-21 (Mirjamlied; → Mirjam) und Ri 5 (Deboralied; → Debora), begegnen verschiedentlich Ausdrücke, die im Aramäischen sehr häufig auftreten, im Hebräischen aber ganz selten oder nicht belegt sind (Ex 15,1.21: רמה rmh „werfen“; Ri 5,11: תנה tnh Pi. „besingen / verkünden“; Ri 5,26: מחק mḥq „zerschmettern“). Mitunter wird ein solcher Ausdruck als Synonym zu einem bekannten hebräischen Wort verwendet:

Ri 5,26: וְהָלְמָה סִיסְרָא מָחֲקָה רֹאשׁוֹ וּמָחֲצָה וְחָלְפָה רַקָּתוֹ „Sie erschlug Sisera, zermalmte sein Haupt, und zerschlug, und durchbohrte seine Schläfe.“ Die aramäische (מָחֲקָה) geht der synonymen hebräischen Verbform (וּמָחֲצָה) unmittelbar voraus.

Diese gezielte, paarweise Verwendung aramäischer Ausdrücke zusammen mit ihrem hebräischen Synonym im parallelismus membrorum begegnet dann öfters im Buch → Hiob (s.u.).

Hi 16,19: הִנֵּה־בַשָּׁמַיִם עֵדִי וְשָׂהֲדִי בַּמְּרוֹמִים „Siehe, im Himmel ist mein Zeuge und mein Beglaubiger in der Höhe.“ Der aramäische Ausdruck שָׂהֵד „Zeuge“, der sonst nie in einem hebräischen Text begegnet, ist gleichbedeutend mit dem hebräischen עֵד.

In bestimmten Fällen ist unklar, ob es sich beim fraglichen Ausdruck wirklich um einen Aramaismus handelt. Z.B. halten verschiedene Forscher es für möglich, dass die oben erwähnten Ausdrücke רמה rmh „werfen“ (Ex 15,1.21) sowie תנה tnh Pi. „besingen / verkünden“ (Ri 5,11) einem alten, mehreren Sprachen gemeinsamen gemeinsemitischen Fundus entstammten, auf den sprachkundige Autoren zurückgriffen („archaisms“, vgl. G.R. Driver, Hurwitz, 29-30).

3.1.1.2. Erzählungen mit aramäischem Kolorit. Mit Bedacht verwendet werden Aramaismen auch in Erzählungen, in welchen „Aramäer“ bzw. Glieder von nordöstlich und östlich von Israel beheimateten Völkern auftreten und deren Erzählhandlung einen nicht-israelitischen Hintergrund spiegelt. Mittels des Gebrauchs bestimmter aramäischer Ausdrücke will der Erzähler eine authentische Erzählatmosphäre schaffen. In der Jakoberzählung benennt der Aramäer Laban nach seinem Vertragsabschluss mit Jakob einen Steinhaufen יְגַר שָׂהֲדוּתָא „Steinhaufen des Zeugnisses“, während der Israelit Jakob die entsprechende hebräische Bezeichnung (גַּלְעֵד) verwendet (vgl. Gen 31,47). Besondere, mitunter aramäische Ausdrücke finden sich in der Erzählung 2Kön 6,8-23, die von der Vereitelung von Kriegsunternehmungen der Aramäer durch → Elisa handelt (נְחִתִּים von נֹחֲתִים, das Verb נחת bedeutet „hinuntergehen“; מִשֶּׁלָּנוּ „von uns“; אֵיכֹה „wo?“; זֹה „diese“ [Demonstrativpronomen Fem. Sing.]), sowie in Jes 21,12-14 (Weissagung gegen Edom und Arabien mit drei bzw. zwei Formen von אתה „kommen“ und בעה „suchen“).

3.1.1.3. Weisheitliche Literatur. Weiter finden sich zahlreiche Aramaismen in der Weisheitsliteratur (→ Hiobbuch, → Proverbien, → Kohelet). Hier steht das gehäufte Auftreten der Aramaismen möglicherweise mit der sprichwörtlichen Lokalisierung der Weisheit bei den „Bewohnern des Ostens“ (בני קדם, vgl. 1Kön 5,10) in Zusammenhang. Dieser Hintergrund vermag den auffällig häufigen punktuellen und gezielten Gebrauch aramäischer Ausdrücke (vgl. z.B. das dreimalige Vorkommen von בַּר „Sohn“ in Spr 31,2 oder den aus lauter Aramaismen bestehenden Halbvers Hi 36,2a [כַּתַּר־לִי זְעֵיר וַאֲחַוֶּךָּ „Hab ein wenig Geduld mit mir, und ich will es dir künden!“]) in den betreffenden Büchern erklären (vgl. Hurwitz).

3.1.2. Aramaismen als Folge der fortwährenden Beeinflussung des Hebräischen durch das Aramäische

In den späten Büchern → Jona, → Ester, → Chronik sowie → Esra und Nehemia begegnen verhältnismässig viele aramäische Ausdrücke, die nicht auf eine bestimmte Erzählabsicht zurückzuführen sind. Für die Klassifizierung dieser Ausdrücke als Aramaismen sind folgende Kriterien ausschlaggebend:

1. Das betreffende Lexem begegnet verschiedentlich in „späten“, aus der Perserzeit stammenden Texten. 2. Der Ausdruck bzw. seine besondere Verwendung ist dem Klassischen Hebräisch fremd. 3. Der fragliche Term kommt – in der betreffenden Verwendung – häufig im achämenidischen Reichsaramäisch vor.

Beispiele (Vokabular): Das Substantiv אִגֶּרֶת „Brief“ kommt in der Hebräischen Bibel insgesamt 10-mal vor; seine Vorkommen verteilen sich auf die späten Bücher Ester, Nehemia und Chronik (vgl. Est 9,26.29; Neh 2,7.8.9; Neh 6,5.17.19; 2Chr 30,1.6). Im Klassischen Biblisch Hebräisch wird für „Brief“ סֵפֶר verwendet. אגרה bzw. אגרתא ist im Reichsaramäischen häufig (seit dem 5. Jh.). Möglicherweise handelt es sich beim aramäischen אגרה bzw. אגרתא seinerseits um ein Lehnwort aus dem Akkadischen (<egirtu? vgl. Kaufman 1974, 48; Wagner, 19); doch der Umstand, dass das hebräische אגרת „Brief“ erst in sehr spätem biblischen Schrifttum begegnet, macht es wahrscheinlich, dass der Ausdruck aus dem Aramäischen entlehnt ist (vgl. Hurwitz, 35). Weitere Beispiele: סוף „Ende“ (vgl. Jo 2,20; Pred 3,11; Pred 7,2; Pred 12,13; 2Chr 20,16); שׁלט Qal „Macht gewinnen / haben“ (vgl. Pred 2,19; Pred 8,9; Est 9,1bis; Neh 5,15); Hif. „Macht verleihen / ermächtigen“ (Pred 5,18; Pred 6,2; Ps 119,133).

Die aramäische Sprache hat auch auf die Syntax des späten Hebräisch eingewirkt: Hervorzuheben sind insbesondere die Einführung des Akkusativobjekts durch לְ sowie das sukzessive Verschwinden der Konjugationen mit waw consecutivum.

Schließlich ist die von den Massoreten festgehaltene Tradition der doppelten Aussprache der Begad-kepat-Laute vermutlich vom Aramäischen beeinflusst (vgl. 2.3.).

3.2. Die aramäischen Passagen in Esra, Daniel, Jeremia

Die Zuordnung zu einer Sprachstufe (Reichs- oder Mittelaramäisch) sowie die Datierung der betreffenden aramäischen Passagen sind aufgrund bestimmter Eigenheiten ihrer Entstehung und ihrer Überlieferung schwierig: Esra (aram.) und Daniel (aram.) haben längere redaktionelle Prozesse durchlaufen. Weiter ist in Rechnung zu stellen, dass die biblischen Texte erst im 1. Jh. v.d.Z. ihre orthographische Fixierung erhielten. Daher wird mit Adaptierungen bestimmter Formen an das Mittelhebräische durch spätere Schreiber gerechnet (Beyer I, 33; Folmer 1995, 41, 754, siehe aber unten 3.2.1.).

Ein schwieriges, viel diskutiertes Problem in der Forschung ist die Frage des Sprachwechsels in Esra und Daniel. Der Übergang ins Aramäische vollzieht sich in den beiden Büchern in gleicher Weise: In der Einleitung einer Rede wird diese als „aramäischsprachig“ gekennzeichnet (Esr 4,7; Dan 2,4), anschließend tritt das Aramäische an die Stelle des Hebräischen.

Die biblisch-aramäischen Passagen weisen im Vergleich mit dem achämenidischen Reichsaramäisch, dem sie mehrheitlich zugeordnet werden (s.u.), u.a. folgende Besonderheiten auf: Der vermehrte Gebrauch des Partizips bezieht sich nicht nur auf die Gegenwart (vgl. 2.2.), sondern als Präsens historicum häufig auch auf die Vergangenheit. Die in den späteren Dialekten oft anzutreffende Verwendung des Partizips mit einer konjugierten Form des Verbs הוה als zusammengesetzte Zeit begegnet bereits im Biblisch Aramäischen häufig, sowohl für vergangene (vgl. z.B. Dan 6,4; Esr 4,24) wie für zukünftige (gebotene) Handlungen (vgl. u.a. Dan 2,43; Esr 6,8-9). Als Eigentümlichkeit ist weiter die Ersetzung des Präformativs י durch ל in den 3. Personen des jiqtol von הוה erwähnenswert (vgl. לֶהֱוֵה, לֶהֱוֹן, לֶהֶוְיָן). Die Autoren (Schreiber) vermieden auf diese Weise Wortformen, die mit dem Tetragramm identisch oder ihm ähnlich sind.

3.2.1. Esr 4,8-6,18; 7,12-26

Bei den aramäisch überlieferten Texten in → Esra handelt es sich neben narrativen Texten mehrheitlich um angeblich offizielle Schreiben und Verlautbarungen der persischen Reichsadministration. Authentizität, Datierung und literarische Schichtung der Texte sind umstritten. Die Sprachanalyse spielt in diesen Fragen eine wichtige Rolle. Im aramäischen Text von Esra wechseln die ältere Form der Pronominalsuffixe der 2. bzw. 3. Pers. Pl. כם- bzw. הם- mit der jüngeren Form כון- bzw. הון- ab. Das erste Schreiben in Esr 4,8-23 und der narrative Teil Esr 5,1-3a brauchen ausschließlich jüngere Formen. In den Briefen von Esr 5-6 sowie im sog. Artaxerxes-Reskript (Esr 7,12-26), kommen mitunter auch ältere Formen vor. Der Vergleich mit reichs- und mittelaramäischer Literatur ist instruktiv: Die älteren Formen überwiegen in früheren reichsaramäischen Texten (→ Elephantine: mehrheitlich ältere Formen, Wādī Dālije [→ Wādī Dālije]: nur ältere Formen), die jüngeren Formen in hellenistischen Texten (Palmyra, Nabatäisches Reich) sowie Daniel (vgl. Folmer, 1995). Die Inkonsistenz des Sprachgebrauchs in Esra – sie wurde von den späteren Kopisten nicht beseitigt – weist auf eine literargeschichtliche Gestuftheit der Texte hin. Man mag vorsichtig schließen, dass das Schreiben in Esr 4,8-23 nicht authentisch und jünger als die Korrespondenz (bzw. bestimmte Teile davon) in Esr 5-6, Esr 7,12-26 ist (vgl. Pakkala, 49-53). Zumindest der Brief Tettanais (Esr 5,7-17), in dem nur ältere Formen der Pronominalsuffixe der 2./3. Pers. Pl. vorkommen, könnte „authentisches“ Material enthalten (vgl. Grabbe).

3.2.2. Daniel 2,4b-7,28

Im Vergleich mit Esra weist Daniel einige Merkmale jüngeren Sprachgebrauchs auf. Daniel aram. (MT) hat durchgehend die oben erwähnte jüngere Form der Suffixe der 2. bzw. 3. Pers. Pl. (הון- bzw. כון-); allerdings bewahrt ein Qumranfragment die alte Schreibweise (vgl. 4QDana 2,41.42: מנהם). Auch anderweitig ist die „Nunisierung“ weiter fortgeschritten (selbstständiges Personalpronomen der 3. Pers. Pl. המון statt המו [so durchgehend in Esra]). Daniel weist auch ein Vorkommen der Akkusativpartikel ית auf. Aus diesen Gründen ordnet z.B. Kaufmann (1997, 116) Daniel dem Mittelaramäischen zu. Allerdings weist das Aramäische von Daniel neben relativ „späten“ Merkmalen wie jenes von Esra auch konservative Züge auf (Kausativstamm Hafel und die Beibehaltung von ursprünglichem sin).

Bezüglich der Frage des Sprachwechsels (der sich in den Qumran-Fragmenten 1QDana [2,4] sowie 4QDana und 4QDanb [8,1] an den gleichen Stellen findet) drängt sich folgende redaktionsgeschichtliche Erklärung auf: Als ältester Teil liegen dem Buch aramäischsprachige Legenden zugrunde ([Dan 1;] Dan 2-6). Diese wurden später mit der ebenfalls aramäischen Weissagung Dan 7, welche mit Dan 2 korrespondiert, ergänzt. In einer dritten Phase wurden weitere, im Ich-Stil formulierte, auf Antiochos IV. zielende, hebräisch verfasste Weissagungen hinzugefügt (Dan 8-12, Zusätze in 7) und eine einleitende, wohl aus dem aramäischen übersetzte Erzählung (Dan 1) vorangestellt, um dem Buch einen hebräischen Rahmen zu verleihen (vgl. u.a. Collins, 24-38).

3.2.3. Jeremia 10,11

Der polemisch anti-polytheistische Vers Jer 10,11 hebt sich nicht nur durch seine Sprache von seinem Kontext ab. Auffallend ist die chiastische Struktur der direkten Rede (ABCDD’C’B’A’: אֱלָהַיָּא דִּי־שְׁמַיָּא וְאַרְקָא לָא עֲבַדוּ יֵאבַדוּ מֵאַרְעָא וּמִן־תְּחוֹת שְׁמַיָּא אֵלֶּה׃ „Die Götter, die Himmel und Erde nicht gemacht haben, müssen vernichtet werden von der Erde und unter diesem Himmel.“), die sich dem Gebrauch gleicher und ähnlich lautender Ausdrücke verdankt (vgl. u.a. Allen 127). Der Vers wird mehrheitlich für einen späteren Zusatz gehalten.

Sprachliche Eigenheiten des Satzes weisen diesen als ein wenig älter als Esra (aram.) und Dan (aram.) aus. Für „Erde“ wird die ältere Form אֲרַק (neben dem jüngeren אֲרַע) verwendet (in Esra und Daniel immer אֲרַע). Wie bestimmte Passagen in Esra (s.o.), weist der Vers die ältere Form des Pronominalsuffixes der 3. Pers. Pl. auf (vgl. לָהֶם).

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Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

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