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Lexikon

Amrafel

Andere Schreibweise: Amraphel

Benjamin Ziemer

(erstellt: Dez. 2008)

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1. Name

Die Namensform אמרפל ’mrpl (Gen 14,1.9 sowie im → Genesis-Apokryphon 1QapGen 21,23), gelesen als „Amrafel” im Masoretischen Text (אַמְרָפֵל) und der Vulgata, als „Amarfal” durch die → Septuaginta, ist einhellig bezeugt; lediglich Josephus bietet „Amarapsides” (Antiquitates 1,173 [1,8,3], Text gr. und lat. Autoren). Die Etymologie des Namens ist unklar.

Nach früheren Versuchen, ihn aus dem Hebräischen oder gar dem Sanskrit herzuleiten, wird seit Beginn der Erschließung der Keilschrifttexte meist akkadischer Ursprung angenommen. Vorgeschlagen wurden u.a.: dAmurru-apla (-iddin) „(der Gott) Amurru gab einen Erbsohn”, dAmurru-apalu „Amurru tritt (für mich) ein”, dAmurru-ipul (-iddin) oder dAmurru-apil „Amurru vergilt / vergalt”, Amur-aplu „ich schaute einen Erbsohn”, jeweils akkadisch, ebenso Amur-pi-el „ich schaute den Mund Gottes”, was bei westsemitischer Etymologie „der Mund Gottes hat gesprochen” bedeuten würde. Doch ist keiner dieser Namen bisher inschriftlich belegt. Das gilt auch für die Form Amar(u)-apal, nach Astour (98f.) eine mögliche abgekürzte ideographische Schreibweise für Marduk-apal-iddina resp. Merodach-Baladan. So kann auch eine künstliche Namensbildung oder eine absichtlich oder unabsichtlich verschriebene Form von „Emutpal“ (ein amurritischer Stammesname) oder „Hammurapi” (s.u. 3.) nicht ausgeschlossen werden.

2. Erzählerische Funktion

Amrafel, König von Schinar (Gen 14,1.9), ist der Erstgenannte in einer sonst von → Kedor-Laomer von → Elam angeführten Koalition von Großkönigen und damit der erste namentlich benannte und als solcher bezeichnete König in der Bibel überhaupt.

Dass die vier Großkönige in Gen 14,1 alphabetisch nach ihren Namen geordnet auftreten, könnte darauf hindeuten, dass ihre Namen als passendes Gegenstück zu den frei erfundenen Namen der Könige von → Sodom, Gomorra, Adma und Zebojim ausgewählt worden sind, die durch Bera („Durch Bosheit”) und Birscha („Durch Frevel”) angeführt werden (Gen 14,2; → Humor 3.2.1.). Nicht eine bestimmte historische Konstellation, sondern der literarische Zusammenhang dürfte für die Aufzählung der Kriegsparteien in Gen 14,1f.8f. entscheidend sein, vielleicht sogar so weit, dass nach dem Großreichskönig Amrafel (nebst Arjoch), und dem König von Sodom, Bera (nebst Birscha), auch das erste dem Krieg zum Opfer fallende Volk, nämlich die Refaim (Gen 14,5), und schließlich der zehntgenannte König Melchisedek (Gen 14,18) oder Mamre, der erste der drei namentlich genannten Bundesgenossen Abrams (Gen 14,13), bewusst das Akronym „ABRaM” ergeben sollen.

Sein Königtum, Schinar, wird Gen 10,10 sowie Gen 11,1-9 mit Babel in Verbindung gebracht, so dass „Schinar” in Gen 14 wahrscheinlich als archaisierende Bezeichnung für Babylonien gewählt ist. So verstanden es sowohl die Parallelüberlieferung der Erzählung im → Genesis-Apokryphon (1QapGen 21,23) als auch der Targum Onkelos, die regelmäßig „Schinar” durch „Babel” ersetzen. Versuche, Schinar mit einer Landschaft im nördlichen Mesopotamien zu verbinden, gehen auf das Bemühen zurück, einen historischen Kern hinter Gen 14 zu retten (s.u.).

3. Frage der Historizität

 © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Hammurapi von Babylon vor dem Sonnengott. Gesetzesstele des Hammurapi, gefunden in Susa.

Zur geringen Wahrscheinlichkeit, dass in Gen 14 historische Ereignisse geschildert werden, siehe den Artikel → Kedor-Laomer. Hier ist nur die Frage zu diskutieren, ob eine, und, wenn ja, welche historische Person dem Verfasser von Gen 14 für Amrafel als Anknüpfungspunkt gedient haben könnte. Von den unter 1. genannten Namensformen ist bisher nur Hammurapi (→ Hammurabi) von → Babylon (18. Jh. v. Chr.) sowie Ammurapi von → Ugarit (ca. 1191-1182 v. Chr.) als Königsname belegt.

Nach dem Kontext des Kapitels selbst (s.o. zu Schinar) ist zu erwarten, dass der Verfasser einen südmesopotamischen König des 2. Jt.s v. Chr. als Zeitgenossen Abrams benennen will. Sollte er von Hammurapi als einem bedeutenden Herrscher jener Zeit gehört oder gelesen haben, könnte er in Assimilation an andere ihm bekannte Namen wie „Babel” oder „Pul” (2Kön 15,19 für Tiglat-Pileser) ein Lamed am Wortende für richtiger befunden haben als ein Jod (vgl. im historischen Kontext des 1. Jt.s Assurnasirpal und Assurbanipal, im engsten literarischen Kontext → „Tidal” für Tud-halia). Dass sich für „Amrafel” viel eher akkadische Etymologien anbieten (s.o. 1.) als für den ursprünglich hurritischen Namen → Hammurapis, wäre dann kein Zufall, sondern der Effekt einer Hyperkorrektur durch den Autor von Gen 14. Unter den vielen erwogenen Identifizierungen bleibt die Gleichsetzung von Amrafel mit Hammurapi von Babylon, selbst wenn die Namensähnlichkeit zufällig sein sollte, die einzige, die Anhalt am Personennamen und an der Bezeichnung seines Königreiches hat.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Astour, M.C., 1966, Political and Cosmical Symbolism in Genesis 14 and in Its Babylonian Sources, in: Altmann, A. (Hg.), Biblical Motifs: Origins and Transformations, 65-112
  • Emerton, J.A., 1971, Some false clues in the study of Genesis XIV, Vetus Testamentum 21, 24-47
  • Margalith, O., 2000, The Riddle of Genesis 14 and Melchizedek, ZAW 112, 501-508
  • Schatz, W., 1972, Genesis 14. Eine Untersuchung (EHS 23.2), Bern
  • Westermann, C., 1981, Genesis 12-36 (BK I/2), Neukirchen-Vluyn
  • Ziemer, B., 2005, Abram – Abraham. Kompositionsgeschichtliche Untersuchungen zu Gen 14, 15 und 17 (BZAW 350), Berlin / New York

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Hammurapi von Babylon vor dem Sonnengott. Gesetzesstele des Hammurapi, gefunden in Susa. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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