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Lexikon

Adrammelech / Anammelech

Andere Schreibweise: Adrammelek ; Anammelek

Michaela Bauks

(erstellt: Okt. 2009)

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1. Belege

In 2Kön 17,31 sind Adrammelech (’adrammælækh) und Anammelech (‘ǎnammælækh) einmalig als zwei Gottheiten genannt, die von einer durch die Assyrer in Samaria angesiedelten Volksgruppe, den Sefarwajim, als Götterpaar verehrt worden sind (2Kön 17,24-31). Die Gottheit Adrammelech ist nicht mit dem Königsmörder Sanheribs gleichen Namens zu verwechseln (2Kön 19,37; Jes 37,38; vgl. Millard, 1999, 11).

Driver hatte vorgeschlagen, die Volksgruppe mit den Bewohnern Sippars zu identifizieren. In Annäherung an die in dem Kapitel ansonsten genannten Ortslagen (wie z.B. Babel und Kuta) ist es jedoch wahrscheinlicher, an akkadisch Sipíra’ni im Umkreis der südmesopotamischen Stadt Nippur zu denken (Zadok, 114ff.; Fritz, 101). Allerdings ist Sefarwajim noch zwei weitere Male belegt, und zwar in 2Kön 18,34 und 2Kön 19,13 nach → Hamat und → Arpad in einer Liste von syrischen Städten (Day, 46), was für eine syrische Lage sprechen könnte.

2. Identifizierung

Der oben zitierte Bibelkontext zeigt, dass die Immigranten ihre eigenen Götter mitbrachten, und darüber hinaus auch zur JHWH-Verehrung bereit waren. Der deuteronomistisch (→ Deuteronomismus) gefärbte Text widmet sich der Unmöglichkeit dieser Doppelverehrung. Das ihnen vom biblischen Beleg zugeordnete Götterpaar ist in der Umwelt Israels anderweitig nicht nachzuweisen. Der Text bringt ihren Kult mit den im → deuteronomistischen Geschichtswerk oft genannten, stets polemisch konnotierten Kinder-Feuer-Opfern in Verbindung (vgl. 2Kön 16,3 u.ö.; → Menschenopfer; → Moloch). O. Eißfeldt schlug vor (335-339), die Namensbildungen des Götterpaares in Analogie zu dem spätassyrischen Namen Adad-milki-ila-a „Adadmilki ist mein Gott“ zu erklären. Gese (110) u.a. übersetzen Adrammelech durch „Hadad-König“ (bzw. Anamelech durch „Anat-König“; s.u.). Verbreiteter ist die von A.R. Millard bevorzugte westsemitische Lesung als ’addîr-mælæk, die mit „der Ruhmreichste ist der König“ zu übersetzen ist (vgl. schon Driver, 19). Sie ist belegt im Ugaritischen und Phönizischen als Götterepitheton → Baals, im 6. Jh. in einer Inschrift aus → Byblos (KAI 9 B5) sowie auf Münzen aus Byblos aus dem 4. Jh., die den irdischen König als ’drmlk titulieren (Peckham, 47-50; Millard, 1999, 10). Vergleichbar ist die Verwendung von ’addîr „ruhmreich / mächtig“ in biblischen Texten, besonders in Psalmen (Ps 93,4; Ps 8,2.10 auf JHWH bezogen; Ps 136,18; Jer 30,21 auf den irdischen König bezogen; vgl. dazu Ebach / Rüterswörden, 223ff.).

Weiter verfolgen lässt sich die Traditionsgeschichte von ’drmlk in den griechischen Raum. Plutarch (De Iside et Osiride 15) erwähnt einen Malkandros aus Byblos mit seiner Paredra Astarte. Ebach und Rüterswörden weisen darauf hin, dass die Elemente eines zusammengesetzten Namens durchaus auch in umgekehrter Reihenfolge auftreten können, weshalb die Identifizierung mit ’drmlk denkbar ist, zumal auch Malkandros mit einem Opfer-Feuer-Ritus in Verbindung gebracht wird.

Anammelech ist in 2Kön 17,31 neben Adrammelech genannt. Entgegen der häufig vertretenen Erklärung, dass ein babylonisch-westsemitischer Synkretismus vorliege, der mit „(der Himmelsgott) Anu ist König“ zu übersetzen wäre, bevorzugt Millard die Ableitung von dem Gott An, dem maskulinen Gegenstück zur weit verbreiteten westsemitischen Göttin → Anat (Driver, 19; Zadok, 117), der in Personennamen aus Mari zu Beginn des 2. Jt.s begegnet. Eine weitere mögliche Ableitung wäre die Annahme einer Assimilation mit Anat selbst, so dass Anat-Melech eine der in den Papyri von → Elephantine belegten Anat-Yahu verwandte Göttin wäre, die als Paredros des Adrammelech fungiert.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Weitere Literatur

  • Day, J., 1998, Molech. A God of Human Sacrifice in the Old Testament, Cambridge
  • Driver, G.R., 1958, Geographical Problems, Eretz Israel 5, 16-20
  • Ebach, J. / Rüterswörden, U., 1979, ADRMLK, „Moloch“ und BA‘AL ADR. Eine Notiz zum Problem der Moloch-Verehrung im alten Israel, UF 11, 219-226
  • Eißfeldt, O., 1966, Adrammelek und Demarus, in: ders., Kleine Schriften zum Alten Testament, Bd. 3, Tübingen 1966, 335-339
  • Fritz, V., 1998, Das zweite Buch der Könige (ZBK 10.2), Zürich
  • Gese, H., 1970, Die Religionen Altsyriens, in: Gese, H. / Höfner, M. / Rudolph, K., 1970, Die Religionen Altsyriens, Altarabiens und der Mandäer (RdM 10/2), Stuttgart
  • Millard, A.R., 1999, Art. Adrammelech, DDD, 2. Auflage, Leiden, 10-11
  • Millard, A.R., 1999, Art. Anammelech, DDD, 2. Auflage, Leiden, 34-35
  • Peckham, B., 1968, The Development of the Late Phoenician Scripts (HSS 20), Cambridge/MA
  • Zadok, R., 1976, Geographical and Onomastic Notes, JANES 8, 114-126

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