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Lexikon

Abydos

Louise Gestermann

(erstellt: März 2008)

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1. Lage

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Karte zur Lage von Abydos.

Abydos (altägyptisch: 3bḏw; demotisch: ἰbt; aramäisch: ’bwd / ’bwṭ; griechisch: Aβυδος) mit seinen verschiedenen archäologischen Stätten befindet sich ca. 500 km südlich von Kairo und etwa 160 km nördlich von Luxor auf dem Westufer des Nils bei den heutigen Dörfern Banī Manṣūr und al-‘Arābā al-Madfūna (Koordinaten: N 26° 11' 13'', E 31° 54' 40''). Die nächst größeren modernen Orte sind al-Balīanā und Sūhāg.

In antiker Zeit gehörte Abydos zum 8. oberägyptischen Nomos („Gau“) mit dem Hauptort Thinis, dessen genaue Lage bislang unbekannt ist. Kern des alten Abydos bei Banī Manṣūr sind Siedlung und Tempel in Kūm as-Sulṭān (s. 3.1), die frühesten Friedhöfe liegen dort und in ‘Umm al-Qa‘āb (s. 3.3). Die archäologischen Stätten erstrecken sich über ein Gebiet, das etwas nördlich von Kūm as-Sulṭān beginnt und von dort ungefähr 5 km nach Süden reicht.

2. Bedeutung

Abydos kann (neben → Heliopolis und → Theben) als eines der großen religiösen Zentren der altägyptischen Kultur angesehen werden und zugleich als Hauptkultort des Gottes Osiris bzw. Osiris-Chontamenti („Erster der Westlichen“, das sind die im Totenreich Lebenden).

Der herausragende Status des Ortes reicht bis in vordynastische Zeit zurück, ist über sämtliche Epochen greifbar und selbst noch in nach-pharaonischer Zeit spürbar. Die Anfänge dieser Entwicklung lassen sich mit den Grabanlagen in Verbindung bringen, die für Herrscher der vor- und frühdynastischen Zeit im Gebiet von ‘Umm al-Qa‘āb errichtet wurden (s. noch im Folgenden). Nicht zuletzt wegen der Bild- und Schriftlosigkeit dieser frühen Anlagen ist die Vorstellungswelt, die mit ihrem Bau verbunden war, aber nur ansatzweise zu erschließen. So bleiben auch die genauen Zusammenhänge zwischen der Errichtung der Gräber und der Verehrung des Gottes Osiris bzw. Chontamenti noch zu diskutieren. Ebenso bleiben die Faktoren und die Entwicklung herauszuarbeiten, die zur Heraufkunft des Gottes Osiris und zu der synkretistischen Verbindung Osiris-Chontamenti geführt haben und die Abydos mit der Verehrung einer alten lokalen Gottheit Chontamenti zum Hauptverehrungsort des Gottes Osiris bzw. Osiris-Chontamenti machten. Dies vor allem auch vor dem Hintergrund, dass die mythische Welt um den Gott Osiris nicht die einzige und nach opinio communis auch nicht die früheste altägyptische Jenseitshoffnung darstellt. Erst zum Ende des Alten Reiches wird der Kult um den Gott Osiris und seine Verehrung mit dem Wunsch jedes Einzelnen verknüpft, selbst am Schicksal des Gottes, an seinem Sterben und vor allem an seiner Wiederauferstehung teilzuhaben (→ Jenseitsvorstellungen in Ägypten, → Osiris). Abydos wird zur Inkarnation dieser Hoffnung auf eine Überwindung des Todes: Seit dem Mittleren Reich (ca. 2050-1800 v. Chr.) gilt das Grab eines der frühdynastischen Herrscher in ‘Umm al-Qa‘āb, das des Djer, als Grab des Gottes Osiris. Damit steht der Ort neben anderen, die den Anspruch erheben, ein Osirisgrab zu beherbergen, doch wird keiner dieser Orte so prominent und populär wie Abydos. Entsprechend wird in einer späteren Ausdeutung des Osirismythos Abydos auch als der Ort angesprochen, wo nach der Ermordung des Osiris durch seinen Bruder → Seth der Kopf des Osiris an das Ufer gespült wurde (Beinlich 1984). Es wird dieses Grab des Djer, interpretiert als Grab des Osiris, in ein festes Zeremoniell eingebunden und selbst zum Zielort kultischer Handlungen. Die baulichen Aktivitäten, die im königlichen Auftrag in Abydos durchgeführt wurden, schaffen den Rahmen für diese Bedeutung des Ortes. Ebenso wie die unter königlicher Obhut stattfindenden Handlungen und Festspiele verleihen sie dem Osiriskult nicht nur einen offiziellen, theologischen Charakter, sie bilden zugleich die Kulisse, innerhalb derer Königen und Privatleuten eine Teilhabe am Osiriskult ermöglicht wurde (s. dazu die folgenden Unterkapitel). Wie an keinem anderen Ort des alten Ägyptens vermischt sich das Geschick eines Gottes mit dem eigenen, persönlichen Schicksal auf die Weise, wie dies in Abydos der Fall ist. Dies führt zu Besonderheiten, z.B. was die dortigen Baudenkmäler anbelangt, aber auch bei den in Abydos zelebrierten Kulthandlungen. Höhepunkt dieser Entwicklung und dieses Glaubens ist das Mittlere Reich (ca. 2050-1800 v. Chr., s. Lichtheim 1988). Die Zahl der in Abydos errichteten Kapellen oder Kenotaphe ist danach rückläufig, doch wächst die Zahl der Stelen, die dort aufgestellt wurden, im → Neuen Reich noch weiter an. Letztlich lassen sich bis in nach-pharaonische Zeit unterschiedliche Aktivitäten in Abydos feststellen.

Es sind vor allem Osiris und Osiris-Chontamenti, die in Abydos verehrt werden, doch sind dort auch die (wesensverwandten) Götter → Anubis und Up-waut („Der die Wege öffnet“) anzutreffen. Im Tempel von Sethos I. (1290-1279 / 78 v. Chr., s. 3.2) sind zudem Kapellen für weitere Gottheiten errichtet, von denen der alte Vegetations- und Totengott Sokar sogar eine eigene Raumfolge besitzt.

Abydos ist weitgehend ohne säkulare Bedeutung geblieben, der Ort war z.B. nie Bezirkshauptstadt o.ä., doch sind politischer und religiöser Bereich sicher nicht allzu scharf voneinander zu trennen. Hinweise darauf können ein Dekret der 5. Dynastie sein, das den Tempel des Chontamenti von Steuerzahlungen an Pharao befreite, die königlichen Stiftungen von Totenkapellen und Statuen in der 6. Dynastie wie auch die Tatsache, dass Pepi I. zwei Töchter aus der (mächtigen) Familie der Nomarchen („Gaufürsten“) von Thinis ehelichte. Wenn in späterer Zeit Tempelbauten in Abydos unternommen wurden, so ist auch darin königliches, also politisches Programm zu sehen. Dafür stehen vor allem die Namen von Sesostris II. aus dem Mittleren und Ahmose wie Sethos I. aus dem Neuen Reich. Der Tempelbau unter Sethos I. etwa ist (auch) als die endgültige Abkehr von der (Nach-)Amarnazeit (→ Amenophis IV. Echnaton) und die Hinwendung zu einer neuen Religionspolitik zu verstehen, die z.B. wieder verstärkt Fragen des Jenseits mit einbezieht.

2.1. Die Kultbauten für Osiris(-Chontamenti)

Der (allgemeine) Kult für den Gott Osiris(-Chontamenti) schlug sich in einer Reihe von Tempelbauten nieder sowie in Erweiterungen, die an bereits bestehenden Bauten vorgenommen wurden. Das ursprüngliche Ortsheiligtum für den Gott Chontamenti, später dann für Osiris(-Chontamenti) befindet sich in Kūm as-Sulṭān inmitten der alten Siedlung von Abydos (s. 3.1). Der Ursprung dieses Tempels, der innerhalb der Kulttopographie von Abydos einen wichtigen Platz einnimmt, reicht bis in vordynastische Zeit zurück. Bei dem Bau handelt es sich um einen Verehrungs- oder Göttertempel, er diente als „Residenz“ des Gottes von Abydos. Insofern ist er strukturell anders zu bewerten als die beiden Tempelanlagen, die weiter südlich in der 19. Dynastie unter Sethos I. (1290-1279 / 78 v. Chr.) und → Ramses II. (1279-1213 v. Chr.) errichtet wurden (s. 3.2). Während der Bau von Ramses II. ein Stationsheiligtum darstellen könnte, das bei den Umzügen durch die Nekropole angesteuert wurde, kann der Tempel von Sethos I. als Totentempel oder „Haus für Millionen Jahre“ angesprochen werden. Mit dem Bau des Osireions greift Letzterer Elemente auf, die für das Grab des Osiris charakteristisch sind. Er ist daher als (Toten-)Tempel dieses Gottes aufzufassen, wenngleich sich eine klare Abgrenzung zum Kult des (verstorbenen) Königs nicht vornehmen lässt. Auf Grund der Vorstellung („Kontinuitätsmodell“), wonach → Horus (= regierender König) seinem Vater Osiris (= verstorbener König) in der Herrschaft über Ägypten nachfolgte, besitzt der Kult für Osiris Komponenten, die bei anderen Gottheiten nicht oder nicht in dem Maße festzustellen sind. So steht der Kult für Osiris immer auch in einem engen Zusammenhang zur Verehrung der Vorfahren bzw. Vorgänger, d.h. kultische Handlungen für den Gott Osiris(-Chontamenti) sind immer auch als ein Kult für die verstorbenen Vorgänger des regierenden Königs zu sehen. Der Tempel ist somit auch Kultort für die Ahnherren (s. in diesem Zusammenhang die Königsliste im Tempel von Sethos I.).

Es sind weitere königliche Tempelbauten in Abydos nachweisbar, die ein insgesamt geringeres Ausmaß haben oder schlechter erhalten geblieben sind. Weitere Tempel gehören zu Grabanlagen oder Kenotaphen, sind also (als Taltempel) in diesem Zusammenhang eingebunden und zu verstehen.

2.2. Das Festspiel um Osiris(-Chontamenti)

Der Bedeutung des Ortes trugen die Festspiele um den Gott Osiris Rechnung, in denen sein Sterben und Auferstehen in mehreren Episoden nachgespielt wurde. Dieses jährlich gefeierte, im vierten Monat des Jahres (Choiak) veranstaltete Fest fand im königlichen Auftrag statt und ist mit einer ganzen Reihe von Aktivitäten und Handlungen verbunden.

Wichtige Quelle für die Rekonstruktion der Feierlichkeiten ist die Stele eines Ii-cher-nofret, die dieser im 19. Jahr von Sesostris III. in Abydos aufstellen ließ (Schäfer 1904, Assmann 2001, 308-313). Die Stele berichtet von den Aufgaben, die Ii-cher-nofret durchzuführen hatte, und schildert den Ablauf der Handlungen, Letzteres allerdings in stark verkürzter Form, die viele Fragen offen lässt. Die Feierlichkeiten umfassten zunächst die Anfertigung einer Statue des Osiris wie auch die Anfertigung einer Barke für das Götterbild, beides aus edelsten Materialien. Es schließt sich der Umzug des Gottes Up-waut (s. 2.) an, dann die Prozession der Barke mit Osiris, also der eigentliche (Trauer-)Zug. Dieser bewegt sich zunächst zu Wasser und dann zu Land von Abydos hin nach Peqer, d.i. die alte Königsnekropole von ‘Umm al-Qa‘āb (s. 3.3). Ziel der Prozession ist das Grab des Djer, in dem die Beisetzung des Osiris und die Totenklage erfolgen. Nach dieser Nacht „der Rechtfertigung“ wird das Bild zurück zum Tempel gebracht und dort – wieder belebt – aufgestellt (Otto 1966, Assmann 2001, 310ff.).

Die Feierlichkeiten werden modern häufig mit dem Begriff der „Mysterien“ umschrieben. Diese Charakterisierung wird dem Festspiel nur teilweise gerecht, da einige der Kulthandlungen (Wasserfahrt, Trauerzug und schließlich die Rückkehr in den Tempel nach der Nacht der Totenwache) als Prozessionen durchgeführt wurden und unter Teilnahme der Öffentlichkeit stattfanden. Abgeschottet von jeglicher Öffentlichkeit erfolgten lediglich die Grablegung und die Totenwache und -klage für Osiris.

2.3. Die Teilhabe am Schicksal des Osiris(-Chontamenti)

Die Wallfahrt nach Abydos noch zu Lebzeiten und die Teilnahme an dem Festspiel für Osiris ist Ausdruck des Wunsches, am Schicksal des Osiris teilzuhaben und auf diese Weise die gleiche Hoffnung auf Auferstehung nach dem Tod und Überwindung des Todes zu erlangen, wie dies Osiris erfahren hat. Es ist dies ein Wunsch, der auf das Dasein nach dem Tod ausgerichtet ist und der entsprechend weitere Ausprägungen erfahren hat. Sie reichen von einer eigenen Grablegung in Abydos bis hin zu Grabinschriften, in denen formelhaft die Fahrt nach Abydos und der Weg, den Osiris genommen hat, durchlebt werden.

Vorbild für eine Bestattung an dem Ort, an dem Osiris beigesetzt ist, waren die vor- und frühdynastischen königlichen Grabanlagen von ‘Umm al-Qa‘āb (s. 3.3). Das dortige Grab des Djer, das als Grab des Osiris galt und zum Zielort bestimmter kultureller Handlungen wurde, gab dieser Vorstellung bildlichen Ausdruck. So wie Osiris in Abydos beigesetzt war, wollten es auch diejenigen sein, die an eine Überwindung des Todes durch Osiris glaubten. Allerdings hat sich schon für die frühen königlichen Grabanlagen in Abydos eine wissenschaftliche Diskussion besonderer Art entzündet. Sie greift die Tatsache auf, dass die dynastischen Herrscher sich nicht nur in Abydos, sondern auch in Saqqāra, Nekropole von Memphis im Norden des Landes, Grabanlagen errichten ließen. Die Einschätzungen dazu, welche Grabanlage nun tatsächlich als solche genutzt wurde und welche lediglich als Kenotaph („Scheingrab“) und für ein rituelles Begräbnis diente, sind verschieden. Sicher ist lediglich, dass spätestens seit der 3. Dynastie und mit Djoser Abydos als königlicher Bestattungsort aufgegeben wurde. Dies gilt es im Auge zu behalten, wenn über die Anlage von Gräbern oder Kenotaphen in Abydos gesprochen wird, und zwar sowohl im königlichen als auch im privaten Bereich. Einen prominenten Zweifelsfall bietet ein Bauwerk, das für Sesostris III. (1872-1853 / 52 v. Chr.) in Abydos errichtet wurde (s. 3.4) und bei dem gleichfalls die Frage aufgeworfen ist, ob sich Sesostris III. eventuell nicht nur einen Kenotaph in Abydos erbauen ließ, sondern darin auch beigesetzt war und nicht in seiner Pyramide in Dahšūr. Gesichert ist die Beisetzung von Mitgliedern des (kuschitischen) Königshauses der 25. Dynastie in der Nekropole von Abydos (→ Kuschitenzeit). Weitere königliche Kenotaphe ließ zu Beginn des Neuen Reiches Ahmose (1550-1525 v. Chr.) für sich selbst, für seine Großmutter Tetischeri und vermutlich für seine Gemahlin Ahmose-Nefertari im Süden des Nekropolengebietes errichten (s. 3.6).

Beides, Grab wie Kenotaph, erfüllt allerdings die Voraussetzungen für eine Teilhabe am Schicksal des Osiris und steht so in gewisser Weise gleichberechtigt nebeneinander. Ursprünglich auf den königlichen Bereich angewandt, wird seit dem ausgehenden Alten Reich das Leben und das Sterben des Osiris, vor allem aber seine Auferstehung zur Hoffnung auf die Überwindung des Todes für jeden Einzelnen. So versuchten Privatleute seit dem ausgehenden Alten Reich zunehmend, in unmittelbarer Weise an der Bedeutung von Abydos und der Heiligkeit des Ortes teilzuhaben. Genutzt wurde auch von ihnen zum einen die Möglichkeit, sich in der Nekropole bestatten zu lassen, zum anderen ließen sich auch Privatleute in Abydos Kenotaphe errichten, kleinere Kapellen, in denen mitunter Stelen („Denksteine“) für die ganze Familie aufgestellt sein konnten. Zahlreiche solcher Kenotaphe des Mittleren Reiches fanden sich im Gebiet von Kūm as-Sulṭān (s. 3.1). Einen gewissen Ersatz für solche Maßnahmen boten Stelen ohne bauliche Einbindung, die in der Nekropole entlang der Wege, die bei den Prozessionen abgelaufen wurden, aufgestellt werden konnten und die gleichfalls eine (immerwährende) Nähe und Teilhabe an den Ereignissen garantierten.

Der Wunsch, an einer Wallfahrt nach Abydos und den dortigen Festspielen teilzunehmen, drückt sich auch in der privaten Grabdekoration aus. Dort wird seit dem Mittleren Reich eine Bootsfahrt des Verstorbenen, seiner Mumie oder seiner Statue, nach Abydos und zurück zu seinem jeweiligen Begräbnisort dargestellt („Abydosfahrt“). Sie ist, da sie in diesem Zusammenhang abgebildet wird, vermutlich Teil des Bestattungsrituals und ist möglicherweise sogar als Kultspiel in der jeweiligen heimischen Nekropole aufgeführt worden (Assmann 2001, 402-405). Darüber hinaus wird in zahlreichen Inschriften im Grab der Wunsch nach einer Fahrt des Verstorbenen nach Abydos formuliert (Assmann 2001, 308ff.).

3. Ausgewählte archäologische Stätten

© Louise Gestermann

Abb. 2 Plan der archäologischen Stätten von Abydos.

Das Gebiet von Abydos hat bereits eine große Anzahl von Baudenkmälern verschiedenster Art und vor allem kleinere Objekte wie z.B. Statuen und Stelen freigegeben. Es haben zahlreiche Privatleute ihre Spuren in Abydos hinterlassen und auch die meisten Pharaonen, wobei einige Herrscher mit der von ihnen initiierten Bautätigkeit deutlich hervortreten, doch ist Abydos damit noch keineswegs als erforscht anzusehen (s. die Beiträge in Hawass / Richards 2007). Zudem sind die Monumente so zahlreich, dass im Folgenden nur auf einen kleinen Teil von ihnen eingegangen werden kann. Die Darstellung folgt der traditionellen Aufteilung des Gebietes in die Bereiche Nord-, Mittel- und Südfriedhof (Mariette), umfasst daneben noch das westlich davon liegende ‘Umm al-Qa‘āb und einige sich weiter südlich anschließende Gebiete mit archäologischen Stätten (s. Abb. 2). Die Angabe der Himmelsrichtungen orientiert sich am sogenannten Nilnorden, also am Verlauf des Nils, der idealerweise nach Norden fließt.

3.1. Nordfriedhof

Der Nordfriedhof, s. Abb. 2 (1), beheimatet vor allem Bestattungen des Alten und Mittleren Reiches, des Weiteren solche der Spätzeit. Größte Anlage ist aber die von Chasechemui, dem letzten Herrscher der 2. Dynastie (ca. 2700 v. Chr.). Sie wird modern als Šūnat az-zibīb („Rosinenspeicher“) bezeichnet. Chasechemui hatte den bisherigen Königsfriedhof in ‘Umm al-Qa‘āb, Abb. 2 (6), verlassen und ließ sich einige Kilometer entfernt und in der Nähe der frühesten Siedlung eine 125 x 65 m große, von einer Umfassungsmauer umgebene Grabanlage errichten. Vermutlich in eine weitere Grabanlage der 2. Dynastie ist das koptische Kloster ‘Ambar Mūsa etwas weiter nördlich eingebaut, zu dem das koptische Dorf Dair al-Sitt Damīāna gehört. Funde von Bootsgräbern in diesem Gebiet stellen wahrscheinlich gleichfalls Teile des frühdynastischen Friedhofs dar (O’Connor 1995).

Beim Nordfriedhof, in Kūm as-Sulṭān, liegt des Weiteren der Tempel des Osiris-Chontamenti, ursprünglich des Chontamenti, der ebenso wie die Siedlung, die ihn umgibt, bis in vordynastische Zeit zurückverfolgt werden kann, s. Abb. 2 (2). Aus dieser Zeit stammen königliche Votivgaben, die dort gefunden wurden. Für die 3.-6. Dynastie lässt sich ein kleiner, aus ungebrannten Lehmziegeln errichteter Tempel mit Nebengebäuden inmitten einer Umfassungsmauer rekonstruieren, an dem auf jeden Fall unter Merenre und Pepi I. (6. Dynastie) gebaut wurde. Der Tempel wurde im Mittleren Reich durch einen Steinbau ersetzt, von dem allerdings auch nur noch einzelne Blöcke und Reste des (steinernen) Inventars erhalten geblieben sind. Der Bau des Neuen Reiches wurde unter den diversen Herrschern kontinuierlich erweitert, bauliche Aktivitäten unterschiedlicher Art sind in diesem Gebiet bis zur 30. Dynastie belegt. Im Areal des Tempels waren die Stelen der Wallfahrer aufgestellt, um den Tempel befanden sich die Kenotaphe von Privatleuten (Simpson 1974 und 1995).

3.2. Mittel- und Südfriedhof

Der als Mittelfriedhof bezeichnete Abschnitt der abydenischen Nekropole, Abb. 2 (3), ist vornehmlich als privater Friedhof von prähistorischer Zeit bis zur 1. Zwischenzeit genutzt worden, danach vom Neuen Reich bis in römische Zeit. Es sind dort zudem Tierbestattungen vorgenommen worden. Die nordöstliche Ausdehnung des Mittelfriedhofes ist heute überbaut. Südlich hinter dem Tempel von Sethos I., Abb. 2 (5), und wahrscheinlich im Norden davon fanden sich Siedlungsreste aus spät-prädynastischer Zeit.

Aus: H. Frankfort, The Cenotaph of Seti I at Abydos II (EES 39), London 1932, II, Frontispiz

Abb. 3 Der Osiristempel von Sethos I. mit dem Osireion.

Den Südfriedhof machen im Wesentlichen die beiden Tempelanlagen von Sethos I. (1290-1279 / 78 v. Chr.) und Ramses II. aus (1279-1213 v. Chr.), von denen die erste Anlage, Abb. 2 (5), bis heute das archäologische Bild von Abydos prägt, da der Tempel anders als die übrigen Bauten sehr gut erhalten geblieben ist und restauriert wurde. Die Anlage, ein „Haus für Millionen Jahre“, ist achsial angelegt und besitzt zwei große Höfe vor dem eigentlichen Tempelhaus, dessen Front als Pfeilerfassade gebildet ist (Abb. 3 und 4).

© public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)

Abb. 4 Der Osiristempel von Sethos I.

Durch zwei überdachte Säulensäle gelangt man zu insgesamt sieben nebeneinander liegenden Sanktuaren (für Osiris, Isis und Horus, die Reichsgötter Amun-Re, Re-Harachte und Ptah sowie für Sethos I.). Das Heiligtum für Osiris ist um eine Raumfolge erweitert, die für die Festspiele genutzt worden sein könnte. Der Tempel besitzt als weitere Besonderheit einen sich südlich anschließenden Trakt, der u.a. Räume für den Gott Sokar enthält und in einer Galerie die Königsliste wiedergibt, in der Herrscher von der Reichseinigung bis zu Sethos I. namentlich aufgeführt werden. Hinter dem Tempel ist das sogenannte Osireion gelegen, das gemeinhin als Kenotaph für Sethos I. angesprochen wird, vornehmlich aber als Osirisgrab aufzufassen ist (Abb. 3 und 5).

© Ägyptologisches Seminar der Universität Bonn

Abb. 5 Blick in das Osireion am Osiristempel von Sethos I.

Das Innere des (ursprünglich überdachten) Osireions ist als künstliche Insel gestaltet, die von einem Wassergraben umgeben ist. Er wird von dem Kanal gespeist, der (unterirdisch) bis zum Nil reicht. Tempel wie auch Osireion könnten in die Festspiele vor Ort mit einbezogen worden sein.

Der weiter nördlich gelegene Tempel von Ramses II., dem Sohn von Sethos I., Abb. 2 (4), folgt dem üblichen Aufbau eines ägyptischen Tempels. Der Bau, von dem sich lediglich die unteren Steinlagen erhalten haben, ist möglicherweise als Stationsheiligtum aufzufassen, hätte dann vornehmlich bei den Festumzügen durch die Wüste eine Rolle gespielt. Es ist allerdings ungeklärt, ob sich hinter dem Tempel eine zweite Anlage in der Art des Osireions befunden hat.

3.3. ‘Umm al-Qa‘āb und Umgebung

Bei ‘Umm al-Qa‘āb, das ca. 2 km vom Wüstenrand entfernt hinter dem Sethostempel liegt, Abb. 2 (6), handelt es sich um den Begräbnisplatz der örtlichen Elite der vordynastischen Zeit und der ersten gesamtägyptischen Herrscher der 0.-2. Dynastie (Dreyer 1998; Hartung 2001). Sie stammten offensichtlich aus Thinis und ließen sich in der benachbarten, alten Nekropole des Ortes in Abydos ihre Grabanlage errichten. Inwiefern die alte Bezeichnung Peqer (s. 2.2) die gesamte Nekropole benennt oder nur einen Abschnitt daraus, ist nicht zu sagen. Modern werden zwei Friedhöfe B und U unterschieden, die allerdings nicht deutlich voneinander getrennt sind, sondern aneinander anschließen. Friedhof U beherbergt über 500 Gräber etwa aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. („Naqada-Zeit“). Seit ca. 3400 v. Chr. wird der Friedhof nur noch von der Oberschicht benutzt, schließlich allein für königliche Bestattungen vor der Reichseinigung (ca. 3000 v. Chr.). Auf Friedhof B, der südlich an den Abschnitt U angrenzt, finden sich die Gräber der meisten Herrscher aus der sogenannten Thinitenzeit, also der 1. und 2. Dynastie. Zu den eigentlichen Grabanlagen gehören Stätten für den Toten- und Verehrungskult, die am Fruchtland gelegen haben.

Das prominenteste frühdynastische Grab wurde das des Djer, da mit ihm spätestens seit dem Ende des Mittleren Reiches das Grab des Osiris identifiziert und die Anlage entsprechend ausgebaut wurde. Sie wurde vermutlich in der 13. Dynastie neu ausgestattet und erhielt in der 25. / 26. Dynastie ein großes Osirisbett, das sich heute in Kairo befindet.

Während der Spätzeit war dieses Gebiet, anders als in den vorangehenden Epochen, nicht mehr abgeschirmt, sondern konnte von Pilgern betreten werden.

3.4. Tempel und Kenotaph von Sesostris III.

Die Anlage, die für Sesostris III. (1872-1853 / 52 v. Chr.) in Abydos errichtet wurde, Abb. 2 (7), umfasst im Osten einen Taltempel, der am Wüstenrand gelegen ist und von einer Siedlung umgeben war (Wegner 2003). Ein ca. 700 m langer Aufweg führt nach Westen zum eigentlichen Grabmal. Dieses ist als T-förmige Ziegelplattform mit einer Ausdehnung von ca. 160 m x 160 m gebildet und mit einem unterirdischen Gangsystem ausgestattet. Bislang ist nicht abschließend geklärt, ob Sesostris III. diese Anlage als Kenotaph bzw. Osirisgrab oder für seine eigene Bestattung errichten ließ (Arnold 2002, 33.43ff.).

3.5. Siedlung des Mittleren und Neuen Reiches

Das direkt am Wüstenrand gelegene Areal südlich der Anlage von Sesostris III., Abb. 2 (8), ist bislang nicht umfassend erforscht. Die Funde, die dort gemacht wurden, deuten auf eine Siedlung hin, die im Neuen Reich, möglicherweise aber auch schon im Mittleren Reich existierte. Um die Siedlung waren Gräber angelegt.

3.6. Königliche Bauten der frühen 18. Dynastie

In einem weiteren Gebiet im Süden der Nekropole von Abydos befinden sich einige kleinere Bauten der frühen 18. Dynastie, deren genaue Bestimmung nicht ganz sicher ist, Abb. 2 (9). Direkt am Fruchtlandrand haben sich die Reste eines Tempels und einer Pyramide erhalten. Sie ließ möglicherweise der Gründer des Neuen Reiches Ahmose (1550-1525 v. Chr.) für seine Gemahlin Ahmose-Nefertari erbauen. Der Tempel war mit farbigen Reliefs ausgestattet, die vom Sieg über die Hyksos berichten (www.museum.upenn.edu/ne/research). Dahinter und weiter in die Wüste hinein liegt der Kenotaph, den Ahmose für seine Großmutter Tetischeri erbauen ließ. Auch diese Anlage ist mit einer Pyramide ausgestattet, eine Stele aus dem Kenotaph, die über den Bau berichtet, befindet sich heute im Kairener Museum. Es folgt schließlich noch ein Stück weiter in Richtung Wüste das Felsgrab, ebenfalls ein Kenotaph und nicht vollendet, und der Terrassentempel für Ahmose selbst (Harvey 1998).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Lexikon der Ägyptologie, Wiesbaden 1975-1992

2. Weitere Literatur

Allgemeiner Überblick

  • Kemp, B.J., 1975, Abydos, in: Lexikon der Ägyptologie I, Wiesbaden, 28-41
  • Abydos – ein heiliger Ort, 2000, Kemet 9, Heft 2

Bedeutung von Abydos

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  • Kees, H., 1977, Der Götterglaube im alten Ägypten, 3. Aufl., Berlin
  • Kees, H, 1956, Totenglauben und Jenseitsvorstellungen der alten Ägypter. Grundlagen und Entwicklung bis zum Ende des Mittleren Reiches, 2. Aufl., Leipzig
  • Lichtheim, M., 1988, Ancient Egyptian Autobiographies Chiefly of the Middle Kingdom: a study and an anthology (OBO 84), Freiburg, Schweiz / Göttingen
  • Otto, E., 1966, Osiris und Amun, München
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Archäologische Stätten

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  • Harvey, St.P., 1998, The cults of King Ahmose at Abydos, Ann Arbor
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  • Wegner, J.W., 2003, The mortuary complex of Senwosret III: a study of Middle Kingdom state activity and the cult of Osiris at Abydos, Ann Arbor
  • Wegner, J., 2006, The archaeology of south Abydos: Egypt’s Late Middle Kingdom microcosm, Expedition. the magazine of archaeology, anthropology 48, 6-10

  • zu den Aktivitäten des Deutschen Archäologischen Instituts Kairo: www.dainst.org
  • zu den Aktivitäten des University of Pennsylvania Museum und der University Yale: www.museum.upenn.edu/ne/research

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Karte zur Lage von Abydos. © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 2 Plan der archäologischen Stätten von Abydos. © Louise Gestermann
  • Abb. 3 Der Osiristempel von Sethos I. mit dem Osireion. Aus: H. Frankfort, The Cenotaph of Seti I at Abydos II (EES 39), London 1932, II, Frontispiz
  • Abb. 4 Der Osiristempel von Sethos I. © public domain (Foto: Klaus Koenen, 2010)
  • Abb. 5 Blick in das Osireion am Osiristempel von Sethos I. © Ägyptologisches Seminar der Universität Bonn

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