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Bibelrezeption in der modernen Lyrik, bibeldidaktisch

Andere Schreibweise: Biblische Spuren in der modernen Lyrik; Modern Poems on the Bible

(erstellt: März 2023)

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1. Hinführung

Das Thema der „Bibelrezeption in der modernen Lyrik“ impliziert einige Unschärfen, da die damit aufgerufenen Begriffe und Konzepte allesamt umstritten und nur schwer zu definieren sind. Dies gilt …

  • für den literaturwissenschaftlich kontrovers diskutierten Gattungsbegriff der → Lyrik,
  • für die Charakterisierung lyrischer Texte als modern (mögliche Kriterien sind z.B.: Entstehung seit der Mitte des 19. Jahrhunderts oder seit 1880 oder die Verwendung bestimmter „moderner“ Formprinzipien),
  • für die Fragen, welche Schriften genau der → Bibel zugeordnet werden sollen (z.B. auch die sogenannten Apokryphen?) und ob hier die christliche oder die jüdische Bibel im Blick ist,
  • sowie nicht zuletzt auch für den Begriff der Rezeption (diskussionswürdig ist diesbezüglich z.B., welche Rolle die Konstruktion einer „Autorintention“ spielt).

Wie diese Hinweise zu kontrovers diskutierten Einzelfragen bereits anklingen lassen, ist das Thema der Bibelrezeption in der modernen Lyrik in unterschiedlichen Disziplinen wissenschaftlich verortet: in den Literaturwissenschaften und damit im größeren Horizont der Kulturwissenschaften (z.B. Braungart/Jacob/Tück, 2019; Weidner, 2016), in den exegetisch-theologischen Disziplinen – insbesondere den Beiträgen zur Wirkungsgeschichte biblischer Texte und zur Intertextualität (z.B. Luz, 2005; Dieckmann-von Bünau, 2005) – sowie in dem praktisch- bzw. religionspädagogischen Forschungsfeld zu Bibel und Literatur (z.B. Kuschel, 2020; Kuschel, 2019) und zur „Literaturtheologie“ bzw. zu Theologie und Literatur (Crimmann, 1978; Langenhorst, 2005). Abgesehen von dem Feld der Bibeldidaktik, die in dem vorliegenden Beitrag im Zentrum steht, ist das Thema Bibel und moderne Lyrik aus praktisch-theologischer Perspektive insbesondere für die Homiletik relevant.

Will man der Frage nachgehen, inwiefern in der modernen Lyrik die Bibel rezipiert wird, ist es unerlässlich, sich vor Augen zu führen, dass „die Bibliothek der Bibel auch Lyrik enthält“, wobei sowohl der Inhalt als auch die Form dieser „Lyrik in der Bibel“ zum Teil nur schwer greifbar ist (Zimmermann/Zimmermann, 2016, 251).

Im Hinblick auf das Alte Testament ist dabei auf poetische Texte zu verweisen, deren Poetizität an ihrer Gestaltung in hebräischen Versen (Parallelismus membrorum) festgemacht werden kann. Bei einigen dieser poetischen Texte wird kontrovers diskutiert, ob sie auch als Lyrik im engeren Sinn bezeichnet werden können. Exemplarisch genannt seien liturgische Formeln wie der Aaronitische Segen (Num 6,24-26), das Buch Kohelet und das Buch Hiob. Konsens ist hingegen, dass das Hohelied sowie die Psalmen lyrische Texte darstellen (Zimmermann/Zimmermann, 2016, 252).

Noch umstrittener ist die Frage, welche Texte im Neuen Testament als Lyrik bezeichnet bzw. verstanden werden können. Während die formgeschichtliche Forschung zu Beginn des 20. Jahrhunderts u.a. darum bemüht war, aus der neutestamentlichen Überlieferung Lieder und Bekenntnisformeln der frühen Christenheit zu rekonstruieren (vgl. z.B. die Rekonstruktion des sogenannten Philipperhymnus), „wurde in der neueren Forschung erwogen, ob man die Bezeichnung ‚Hymnus‘ bzw. ‚Lyrik‘ nicht besser aufgeben und von gehobenem Prosa-Stil und z.B. ‚epideiktischen Passagen‘ sprechen sollte“ (Zimmermann/Zimmermann, 2016, 252). Gleichzeitig ist nicht zu verkennen, dass einige Texte des Neuen Testaments eine besondere Nähe zur Lyrik bzw. zum Hymnus haben – etwa das Hohelied der Liebe (1 Kor 13), Lieder bzw. „Oden“ in der Johannesapokalypse (Offb 5,9;14,3;15,3) oder das Magnifikat (Lk 1,46-55).

2. Bibelrezeption in moderner Lyrik

Eine Reihe von Publikationen (z.B. Langenhorst, 2019; Kirchner, 2006; Schmidinger, 1999; Curzon, 1994; Bach/Galle, 1989; Berg/Berg, 1986-1990; Vinçon, 1988-1990) sowie die Datenbank „Biblische Spuren in der deutschsprachigen Lyrik nach 1945“ (https://lyrik-projekt.de) (Nicol, 2004) eröffnen vielfältige Zugänge zur Bibelrezeption in der modernen Lyrik.

Obgleich die biblischen Bezüge in modernen Gedichten nicht nur ein sehr weites, sondern auch ein überaus komplexes Feld darstellen, lassen sich gleichwohl einige Grundformen (2.1.) und Grundfunktionen intertextueller Verweise (2.2.) autor(innen)übergreifend beschreiben.

2.1. Formen intertextueller Bezugnahmen auf biblische Texte

Gedichte können auf ganz unterschiedliche Art und Weise auf den biblischen Prätext Bezug nehmen (Gojny, 2004, 63-128; Gojny/Deeg/Nicol, 2002, 299f.):

  • Hinsichtlich der Quantität der biblischen Spuren lassen sich Gedichte mit nur einer einzelnen Bezugnahme auf die Bibel unterscheiden von Gedichten, die mehrere biblische Verweise enthalten.
  • Bezüglich der Ausdehnung einzelner biblischer Bezüge kann gefragt werden, ob sich diese jeweils nur in einem Einzelelement des Gedichts manifestieren (wie z.B. in einem Zitat oder in einer Anspielung) oder ob sich der intertextuelle Verweis auf die Bibel in der gesamten Struktur des Gedichts widerspiegelt, etwa, wenn der gesamte Text auf eine biblische Geschichte bezogen ist.
  • Bei biblischen Bezügen, die sich in einzelnen Elementen des Gedichts zeigen, kann nach dem jeweils verwendeten intertextuellen Verfahren differenziert werden: Handelt es sich um ein Zitat, bei dem eindeutig ein biblisches Sprachmaterial verwendet wird (und zwar unabhängig davon, ob das jeweilige Zitat mit Anführungszeichen markiert wird oder nicht und auch unabhängig davon, ob das Zitat ggf. verändert wird)? Oder handelt es sich eher um eine Anspielung, bei der in erster Linie auf semantischer Ebene der biblische Bezugstext aufgerufen wird, sich dieser Bezug aber nicht durch wörtliche Übernahmen und auch nicht auf der Oberflächenstruktur des Textes zeigt?
  • Die Rezeption biblischer Texte erfolgt in der Literatur längst nicht immer mittels eines direkten Text-Text-Bezugs. Vielmehr spiegelt die Bibelrezeption in der Literatur die komplexen Rezeptionsprozesse biblischer Texte, die über ganz unterschiedliche Instanzen vermittelt werden können: Zu denken ist dabei z.B. an die Rezeptionsformen innerhalb der spezifischen Religionen (z.B. Textüberlieferungen, Übersetzungen, Lesungen, Auswendiglernen wichtiger Textpassagen, aber auch Feste und Liturgien), an kirchliche Verwendungszusammenhänge (z.B. Kirchentagslosungen), an den Kontext der religiösen Erziehung, an kirchenleitende Festlegungen und Verlautbarungen und an Sprachformen der Spiritualität wie Gebete und christliche Lieder. Auch intermediale Rezeptionsprozesse spielen eine wichtige Rolle: Biblische Bezüge können vermittelt sein über die Auseinandersetzung mit biblischen Texten, Motiven und Traditionen in der bildenden Kunst, in der Musik, im Film oder in der Architektur. Darüber hinaus können biblische Bezüge auch über politische und zeitgeschichtliche Kontexte vermittelt sein – z.B. über politische Funktionalisierung biblischer Texte und Traditionen. Nicht zuletzt ist zu verweisen auf biblische Spuren, die über gebundene Sprache wie Sprichwörter (z.B. „Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein“) oder phraseologische Wortpaare (z.B. „wüst und leer“) vermittelt sind.
  • Gerade bezüglich der Aufnahme biblischer Sprachelemente wird deutlich, dass sich biblische Bezüge auch hinsichtlich der Qualität des aufgerufenen biblischen Prätextes unterscheiden lassen: Handelt es sich um biblische Einzeltextreferenz, also um einen Bezug auf einen einzelnen konkreten biblischen Text (wie z.B. auf ein Gleichnis), oder um biblische Systemreferenz, also die Aufnahme von Elementen, die in mehreren biblischen Texten verortet sind (wie z.B. syntaktische Besonderheiten: „Ich aber…“; „wahrlich, …“).
  • Inhaltlich lassen sich biblische Bezugselemente danach untergliedern, ob auf biblische Einzeltexte, Personen, Motive, Gattungen (z.B. Psalmen, Genealogien) oder auch auf übergreifende biblische Stoffe und Sprachzusammenhänge (Weisheit, Prophetie) oder aber auf biblische Sprachelemente und biblischen Stil verwiesen wird.

2.2. Funktionen des Bibelbezugs in der Lyrik

Mit Renate Lachmann können intertextuelle Bezugnahmen (→ Intertextualität) in der Literatur als Formen der „Sinnkonstitution“ bzw. „Sinnkomplexion“ (Entstehen von Zusatzcodierungen auf der Bedeutungsebene sowohl des zitierenden als auch des zitierten Textes) verstanden werden: Bei ihnen geht es „weder um die Beschwörung einer heilen Welt literarischer Tradition noch um den Nachweis untilgbarer Bildung, die als Zitat in den Text versenkt wird, sondern um die semantische Explosion, die in der Berührung geschieht, um die Erzeugung einer ästhetischen und semantischen Differenz“ (Lachmann, 1990, 57). Dies gilt auch für biblische Spuren in moderner Lyrik (Gojny/Deeg/Nicol, 2002, 302; Zimmermann/Zimmermann, 2016, 253). Für diese Form der Bibelrezeption ist es dabei wesentlich, dass die Bibel zu den Grundtexten der wenigen ‚Großen Traditionen‘ der Menschheit gehört, die über Jahrtausende relativ zeitresistent blieben (Assmann/Assmann, 1987, 7; Assmann, 2000, 56). Diese Kontinuität der Rezeption verdankt sich vor allem der Tatsache, dass die Bibel nicht als literarischer, sondern als kultureller bzw. „heiliger Text“ rezipiert wurde und wird. Dies bedeutet, dass an diesem kanonisierten Text der Anspruch auf eine überzeitliche Wahrheit haftet, der der Sicherung kollektiver Identität dient, und deshalb nicht nur gelesen, sondern auch „bewohnt“ werden will. Sowohl als heiliger als auch als kultureller Text verlangt die Bibel eine Auslegung, die den kanonisierten Text mit jeder neuen Gegenwart vermittelt“ (Assmann, 1995, 234). Inwiefern nun in einem konkreten Gedicht intertextuelle Bezugnahmen auf die Bibel, die von Juden und Christen als Heilige Schrift bzw. als Wort Gottes verstanden wird, Sinn konstituieren bzw. verdichten, kann nur durch die genaue Analyse der jeweiligen literarischen Texte eruiert werden. Für einzelne Lyrikerinnen und Lyriker liegen hierzu bereits Untersuchungen vor (vgl. für einen Überblick: Langenhorst, 2005, 110-127). Eine exemplarische Untersuchung des lyrischen Gesamtwerks Erich Frieds zeigt, dass dieser Bibelverweise insbesondere für eine Auseinandersetzung mit Schuld, Leid und Liebe nutzt (Gojny, 2004). Allgemein kann man davon ausgehen, dass durch biblische Spuren eine Konnotation von Transzendenz (→ Transzendenz [und Immanenz]) aufgerufen werden soll (Gojny/Deeg/Nicol, 2002, 302).

Weitere Funktionen der Bibelrezeption sind u.a.:

  • das phantasievolle, selbstzweckhafte, ästhetisch-kreative intertextuelle Spiel (→ Spielen, Spiel); bei diesem verbinden sich die Sprachlust des Dichters bzw. der Dichterin mit der Entdeckerfreude der Rezipienten (Gojny/Deeg/Nicol, 2002, 301) – etwa, wenn es in dem Fried-Gedicht „Drei Anpassungen“ heißt „Glaub ihnen/denn sie wissen/am besten/wovon sie sprechen“) (Fried, 1993, Bd. 2, 345),
  • Kritik an der Bibel oder ihrer Wirkungsgeschichte, wie z.B. in dem Gedicht „Willentlich“ von Ulla Hahn, wo es in den letzten beiden Versen heißt: „wo du hingehst/da will ich nicht hingehn“ (Hahn, 1983, 32),
  • Kritik an gesellschaftlichen Missständen, die durch das Gewicht der biblischen Tradition verstärkt bzw. legitimiert werden soll, wie z.B. in dem Gedicht „Isotop“ von Hans Magnus Enzensberger, das vor der atomaren Katastrophe warnt und mit den folgenden Versen beginnt: „Reffen wir ruhig die Regenschirme!/Die nächste Sintflut wird seicht sein“ (Enzensberger, 1969, 25),
  • sowie die Steuerung des Rezeptionsprozesses dadurch, dass z.B. im Gedichttitel oder in einem Motto auf den biblischen Prätext hingewiesen wird, z.B. in dem Gedichtband „Höre, Israel!“ (Fried, 1993, Bd. 2, 89-190), oder der Bibeltext modifiziert wird, wie z.B.: „Wer andern eine Grube gräbt/ dem fällt was ein“ in dem Gedicht „Der Menschenacker“ (Fried, 1993, Bd. 2, 210).

2.3. Bibelauslegung durch Bibelrezeption in moderner Lyrik?

In der Forschungsliteratur zum Thema Bibel und Literatur wird immer wieder von literarischen Texten als Beispielen von „Deutung der Bibel“ (Garhammer, 1995, 6) oder einer „externen Bibelauslegung“ (Schröer, 1999, 313) gesprochen; auf die Frage, in welcher Hinsicht die literarischen Texte die Bibel auslegen, wird dabei meist nicht eingegangen. Erhellend kann hier die Intertextualitätstheorie sein. Denn die Frage, ob die bereits erwähnte „Sinnkomplexion“ nicht nur den manifesten (also den aus chronologischer Perspektive „jüngeren“ Text, der auf einen „älteren“ Bezug nimmt), sondern auch den zitierten Prätext betrifft, wird von vielen Vertreterinnen und Vertretern der Intertextualitätstheorie bejaht. Renate Lachmann beschreibt diesen Vorgang wie folgt:

„Es scheint als affiziere die im manifesten Text durch die Intertexualität gewonnene Sinnkomplexion auch den Referenztext, als erfasse der sinndynamisierende Prozeß beide Texte, die evozierend-evoziert miteinander in Kontakt treten, und in diesem Sinne kann auch vom Dialog der Texte […] die Rede sein. Der evozierend-referierende (und usurpierende) Text stört den fremden Text gleichsam auf, bringt dessen zur Ruhe gekommenes Zeichengefüge in Bewegung und läßt ihn im nachhinein zum Aktanten werden, der mit Frage und Antwort ‚reagiert‘“ (Lachmann, 1990, 60). In diesem Sinne kann tatsächlich von einer (häufig nichtintendierten!) Auslegung biblischer Texte durch deren Rezeption in moderner Lyrik gesprochen werden (Gojny, 2004, 431-470).

Bezüglich der Frage nach der Gestalt solcher Bibelrezeption ist auf die Überlegungen zu den Grundtypen der Bibelrezeption in moderner Literatur insbesondere von Karl-Josef Kuschel, Birgit Lermen und Georg Langenhorst zu verweisen (für einen Überblick vgl. Gojny, 2004, 434-437). Die Ordnung der Formen literarischer Bibelrezeption bei Langenhorst, die an Lermen anschließt, orientiert sich an einer immer größeren Entfernung von der Bibel: „Paraphrasierung oder Nacherzählung“, „Psychologisierend-historisierende Ausmalung“, „Dramatisierung“, „Perspektivische Verfremdung“, „Verfremdung durch Umdeutung“, „Verfremdung durch Sprache“, „Aktualisierung“ und „Frei-assoziative Ausgestaltung“ (Langenhorst, 2001).

Überblickt man Sammlungen von Gedichten mit biblischen Bezügen, zeigen sich drei Tendenzen der Literaturauswahl: Ausgewählt werden insbesondere Gedichte, in denen biblische Texte nicht nur in Einzelelementen ‚anwesend‘ sind, sondern denen ein biblischer Text als strukturelle Hintergrundfolie zugrunde liegt (z.B. das gesamte Gedicht erinnert an einen Psalm), die direkt auf die Bibel verweisen (z.B. mittels von Zitaten) und solche, die jeweils nur einen biblischen Prätext, eine biblische Figur oder eine biblische Metapher aufgreifen (z.B. Langenhorst, 2001; Curzon, 1994). Damit gerät die Intermedialität der Bibelrezeption aus dem Blick, die z.B. dann vorliegt, wenn nicht ein Bibeltext im „Original“ zitiert wird, sondern eine spezifische Rezeption dieses Textes in der Kunst oder in der Politik. Auch der Korrelation zum Teil sehr unterschiedlicher biblischer Prätexte durch die gleichzeitige Aufnahme in ein Gedicht wird damit zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei ist gerade die Frage, wie in der modernen Lyrik biblische Prätexte aus unterschiedlichen biblischen Traditionen und Erzählzusammenhängen miteinander ins Gespräch gebracht werden, aus bibeldidaktischer Perspektive interessant.

3. Didaktische Herausforderungen und Potentiale

Die didaktische Grundherausforderung, wie man im Unterricht sowohl dem ‚Eigensinn‘ der behandelten Gegenstände und Inhalte gerecht werden und zugleich in der Auseinandersetzung mit ihnen bestimmte Ziele bzw. Kompetenzen erreichen kann, potenziert sich noch einmal bei dem „Einsatz“ moderner Lyrik mit biblischen Spuren im Religionsunterricht. Die Gefahr, dass hier autonome, in aller Regel nicht religiös grundierte, fragile Sprachkunstwerke als „Aufhänger“ und „Sprungbrett“ für die Thematisierung des jeweils rezipierten Bibeltextes funktionalisiert werden oder als säkular-(post)moderne „Frage“ erscheinen, auf denen dann die biblische Tradition ihre „Antwort“ gibt, ist nicht von der Hand zu weisen (Langenhorst, 2016, 46f.). In der Geschichte des Religionsunterrichts wurden Gedichte immer wieder auch in – aus gegenwärtiger religionspädagogischer Perspektive – problematischer Weise aufgenommen, etwa wenn sie als „Zeugnisse von Glauben und Unglauben“ z.B. zur „Weckung und Vertiefung des Kirchenbewusstseins“ oder als Warnung von pantheistischen Vorstellungen eingesetzt wurden (Willebrand, 2016, 97;122;139). Auch Befürchtungen, dass eine Thematisierung moderner Gedichte im Religionsunterricht durch eine möglicherweise dilettantische Herangehensweise der literarischen Bildung der Schülerinnen und Schüler eher schadet als nützt (Langenhorst, 2011, 11), mögen in Einzelfällen nicht unbegründet sein, obgleich texthermeneutische Fähigkeiten vertieft auch im Theologiestudium geschult werden (sollten) und überdies die Fächerkombination Religionslehre/Deutsch nicht selten ist.

Während sich solche Herausforderungen durch einen qualitätsvollen Unterricht meistern lassen, kommen noch grundsätzlichere Hürden hinzu: Moderne Gedichte sind in der Regel ähnlich weit entfernt von den alltäglichen Medien- und Lebenswelten der Schülerinnen und Schüler wie biblische Texte, erfordern zum Teil ein hohes Sprachniveau, sie werden mit dem bildungsbürgerlichen Milieu assoziiert und nicht zuletzt können das intertextuelle Spiel mit dem „Buch der Bücher“ zunächst nur die Leserinnen und Leser genießen, die die biblischen Texte und Traditionen so gut kennen, dass sie die Polyphonie der aufgerufenen biblischen Prätexte auch tatsächlich mitklingen hören.

Zugleich gibt es eine Reihe von Argumenten, die dafür sprechen, Gedichte mit biblischen Spuren im Kontext unterschiedlicher Lernbereiche im Religionsunterricht zu thematisieren. Georg Langenhorst nennt folgende religionsdidaktischen Gewinndimensionen des Einsatzes von Literatur mit biblischen Bezügen (Langenhorst, 2001, 28-32; Langenhorst, 2011, 57-63):

  1. 1.„Textspiegelung“: Wenn im Gedicht Bezüge auf biblische Motive, Stoffe, Erzählungen, Personen oder konkrete Einzelverse identifiziert werden können, kann von einer Textspiegelung gesprochen werden; bei dieser geht es darum, dass jeweils zwei Dimensionen einander gegenübergestellt werden: „Der literarische Text und die mit verschärftem Blick betrachtete Texttradition, die in ihm aufgegriffen wird“ (Langenhorst, 2011, 58). Lernchancen bestehen insofern sowohl darin, die Wahrnehmungskompetenzen zu schulen und für intertextuelle Bezüge sensibilisiert zu werden, als auch darin, Fortschritte hinsichtlich der Deutungskompetenz zu erzielen.
  2. 2.„Sprachsensibilisierung“: Der Umgang mit Lyrik bietet in besonderer Weise die Chance, den eigenen Umgang mit Sprache zu reflektieren und zu schulen und dabei vor allem auch „das produktive Erbe gerade religiöser Sprache zu erkennen und für eigenes Schreiben oder eigene Analysen zu nutzen“ (Langenhorst, 2011, 59). Dadurch kann ein Beitrag zur Wahrnehmungs- und Ausdruckskompetenz geleistet werden.
  3. 3. „Erfahrungserweiterung“: Gedichte können Zugänge eröffnen zu den (nie unmittelbar zugänglichen) gedeuteten und gestalteten Erfahrungen (→ Erfahrung) der Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die selbst wiederum jeweils individuell von den Leserinnen und Lesern gedeutet werden. Durch die → Korrelation von gegenwärtigen Erfahrungen und biblischen Traditionen eröffnen sich, so die Hoffnung, neue Perspektiven auf beide Dimensionen.
  4. 4.Wirklichkeitserschließung“: Gedichte mit biblischen Bezügen können die Mehrdimensionalität der Wirklichkeit wahrnehmbar machen und auf diese Weise die Wahrnehmungs- und Deutungskompetenz erweitern.
  5. 5.Möglichkeitsdeutung“: Sowohl biblische Traditionen als auch poetische Texte weisen über die vorfindliche Wirklichkeit hinaus und haben utopische bzw. visionäre Kraft.

Zwei Aspekte, die im weiteren Sinne der „Textspiegelung“ zugeordnet werden können, seien besonders herausgehoben:

Eine Auseinandersetzung mit der Bibelrezeption in moderner Lyrik macht sinnfällig, dass die Bibel einerseits als Literatur wahrgenommen und weitergeschrieben wird. Zugleich wird deutlich, dass sie als „heiliger“ Text auch ein identitätsstiftender, immer noch kanonischer Text ist, deren (Wieder-)Aufnahme in gegenwärtige Kontexte zumindest Fragmente dieser Überlieferung wieder ins kulturelle Gedächtnis zurückholt. Damit scheint zugleich auf, wie sehr → Religion und Kultur bei aller religiösen und weltanschaulichen Pluralität in jeder Gesellschaft miteinander verflochten sind.

Gleichzeitig lassen sich – im Anschluss an den „weiten und faszinierenden Kontext ‚jüdischer Hermeneutik‘“ Gedichte mit biblischen Spuren auch als (nichtintentionale!) „Auslegungen des biblischen Textes“ verstehen (Gojny/Deeg/Nicol, 2002, 307), die zu neuen Entdeckungen der Merk-, Frag- und Denkwürdigkeiten der jeweiligen Bibeltexte und ihrer gegenwärtigen Relevanz anregen und dazu ermuntern, die Leerstellen im biblischen Text neu zu füllen.

4. Didaktisch-methodische Zugänge

Dem Paradigma intertextueller Bezüge entsprechend, kann es einerseits sinnvoll sein, bei einem einzelnen Gedicht mit vielen biblischen Bezügen einzuhaken und der Frage nachzugehen, welche biblischen Texte hier jeweils mit welcher Intention aufgegriffen werden und wie auf diese Weise ggf. auch unterschiedliche biblische Bezugstexte untereinander und mit gegenwärtigen Kontexten verknüpft werden. Andererseits laden gerade biblische Geschichten und Personen, die eine besonders breite und vielfältige Wirkungsgeschichte nicht nur in der Literatur, sondern z.B. auch in der bildenden Kunst oder auch in der Politik nach sich gezogen haben (z.B. die Sintfluterzählung), dazu ein, mehrere Gedichte, die sich auf denselben Bibeltext beziehen, in den Blick zu nehmen und als ‚Auslegungen“ dieses Bibeltextes zu betrachten.

Angesichts der Vielzahl möglicher Lernzusammenhänge und anzustrebender Ziele und Kompetenzen kann nur allgemein auf die erprobten didaktisch-methodischen Vorschläge für dem Umgang mit Gedichten im Religionsunterricht für die unterschiedlichen Phasen der Textpräsentation, der Textanalyse wie auch auf den eigenständigen und kreativen Umgang mit den Texten bzw. die Textvariation verwiesen werden. Besonders empfohlen wird der Einsatz handlungs- und produktionsorientierter Verfahren und es wird geraten, klassische Verfahren der Textanalyse im Religionsunterricht nur im Ausnahmefall einzusetzen (Langenhorst, 2011, 66). Empirische Untersuchungen zur Wirksamkeit unterschiedlicher Methoden bezüglich einer Auseinandersetzung mit der Bibelrezeption in moderner Lyrik liegen allerdings bislang nicht vor.

Sinnvoll wird es in jedem Fall sein, die Gedichte möglichst motivierend zu präsentieren und den Sprachklang auch zu Gehör zu bringen. Beliebte Methoden, die eine verlangsamte Textbegegnung ermöglichen sollen, sind z.B. der Lückentext, bei dem zentrale Textbausteine von den Schülerinnen und Schülern ergänzt werden, sowie das Textpuzzle (Langenhorst, 2011, 66-70). Solche Methoden, aber auch Inszenierungen durch die Lernenden, können bereits erste Hinweise auf die sprachlichen Besonderheiten der Gedichte, ihre Wirkung und mögliche Deutungen geben. Bezüglich eines kreativen Umgangs mit Gedichten mit biblischen Spuren bieten sich u.a. folgende Methoden des kreativen Schreibens an: Die Schülerinnen und Schüler schreiben den ihnen vorgegebenen Gedichtanfang weiter; sie verfassen zum Thema des ausgewählten Gedichtes (z.B. „der barmherzige Samariter heute“) einen Texte, der anschließend mit dem Ausgangstext verglichen wird; sie schreiben einen „Gegentext [...] dessen Aussage zur These des vorgegebenen […] Gedichtes in Kontrast steht […]“ (Zimmermann, 2018, 555).

Unabhängig davon, welche Methode im Einzelnen passend zu den anvisierten Kompetenzen und Zielen, den konkreten Gedichten und den individuellen Lern-voraussetzungen der Schülerinnern und Schüler gewählt werden: Immer wird es zentral um die Frage nach dem Sprachgewinn durch biblische Spuren in moderner Lyrik gehen: Warum brauchen die Schriftstellerinnen und Schriftsteller die (selbst in ihrer Negation noch mit Religion und Transzendenz konnotierten) Worte, Motive und Symbole der Bibel? Und inwiefern kann die Auseinandersetzung mit der Bibel und ihrer Wirkungsgeschichte in der Literatur die Sprach- und damit auch die Erfahrungswelten von Kindern und Jugendlichen bereichern und erweitern?

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