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Nipkow, Karl Ernst (1928-2014)

(erstellt: Februar 2022)

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Nipkow wurde häufig als „Nestor der Religionspädagogik“ bezeichnet. Darin kommt die im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts weitverbreitete Hochachtung vor seiner religionspädagogisch-wissenschaftlichen Lebensleistung sowie seiner hervorgehobenen Stellung in der → Religionspädagogik zum Ausdruck. Nipkow gehörte zu den führenden Vertretern der Disziplin im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts, denen die Religionspädagogik ihre heutige Wissenschaftsgestalt in vieler Hinsicht verdankt. Darüber hinaus war Nipkow in zahlreichen Gremien, Vereinen und Vereinigungen auf nationaler und internationaler Ebene engagiert. Sein Einfluss beschränkte sich dabei nicht auf die Wissenschaft, sondern bezog sich auch auf die kirchliche Bildungspolitik, für deren bewusste Ausgestaltung er sich immer wieder eingesetzt hat. Er verstand sich ebenso als Theologe (→ Theologie) wie als Erziehungswissenschaftler. Zu seinen Schwerpunkten gehörte der Religionsunterricht, ebenso lag ihm an Evangelischen Schulen sowie an der → Erwachsenenbildung, der ethischen Bildung sowie der → Friedenspädagogik.

1. Biografie

Nipkow wurde 1928 in Bielefeld geboren, wo er auch seine Kindheit und Schulzeit verbrachte. Dass er 1944/45 noch als Luftwaffenhelfer herangezogen wurde, hat er sein Leben lang nie vergessen. Bis zuletzt lag ihm die Friedenserziehung besonders am Herzen. Auf das Lehramtsstudium in den Fächern Germanistik, Anglistik, Theologie und Pädagogik folgten sieben Jahre als Gymnasiallehrer, ehe er zunächst Lehrbeauftragter für Gymnasialpädagogik an der Universität Marburg und 1965 Professor für Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Hannover wurde. 1968 führte ihn sein Weg an die Evangelisch-theologische Fakultät der Universität Tübingen, wo er zugleich als kooptiertes Mitglied der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften mehrere Jahre lang den Arbeitsbereich Schulpädagogik leitete. Im Jahre 1990 verlieh die theologische Fakultät der Universität Helsinki Nipkow die Ehrendoktorwürde. Auf sein bereits erwähntes kirchliches und bildungspolitisches Engagement wird unten genauer eingegangen.

1994 wurde er emeritiert, vertrat seinen Lehrstuhl aber noch für ein weiteres Jahr. Bis 2009 blieb er in Tübingen wohnhaft. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Marburg in der Nähe seiner Kinder und Enkelkinder.

Zu seiner Biografie liegen eine von ihm selbst erstellte Kurzdarstellung (Nipkow, 1989) sowie ein auf biografiebezogenen Gesprächen beruhender Band (Boschki/Schlenker, 2001) vor.

2. Werk

Wie bei allen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zählen zum Werk in diesem Sinne vor allem die Veröffentlichungen, aber Nipkows Wirksamkeit bestand auch in einer mehr als 30-jährigen Lehrtätigkeit an verschiedenen Universitäten (zu seiner Lehre an der Universität Tübingen siehe Simojoki/Schweitzer/Henningsen/Mautz, 2021, 44–50) sowie einer breiten nationalen und internationalen Vortragstätigkeit, die zu seiner Lebenszeit wohl als zumindest in der Religionspädagogik einzigartig bezeichnet werden kann. Dies hat sich nicht zuletzt in einem enormen und verästelten Aufsatzwerk niedergeschlagen (zur Bibliografie siehe unten) – hier wird auch sichtbar, dass seine Texte und Bücher in diverse Fremdsprachen übersetzt wurden oder überhaupt in einer anderen Sprache erschienen: vor allem Englisch, Koreanisch, Russisch und Spanisch sowie in skandinavischen Sprachen. Die Darstellung im Folgenden orientiert sich jedoch primär an den selbstständigen Veröffentlichungen, die bei Nipkow in den meisten Fällen systematische und weiterreichende Darstellungen zu den zuvor in Vorträgen und Aufsätzen behandelten Themen sind. Im Zentrum stehen dabei die deutschsprachigen Veröffentlichungen – auf weitere Veröffentlichungen wird unten verwiesen.

Promoviert hat Nipkow in Marburg bei Elisabeth Blochmann im Fach Pädagogik mit einer Untersuchung zu Individualität bei Pestalozzi, Humboldt und Schleiermacher (→ Friedrich Schleiermacher) (Nipkow, 1960). Seine ersten religionspädagogischen Veröffentlichungen betreffen den sich damals abzeichnenden grundlegenden Wandel von Religionsunterricht und Religionsdidaktik („→ Evangelische Unterweisung oder evangelischer Religionsunterricht?“, Nipkow, 1963), aber auch weiterreichende „Grundfragen des Religionsunterrichts in der Gegenwart“ (Nipkow, 1967 – der Buchtitel zeigt ein für Nipkow kennzeichnendes Interesse an Grundfragen an, das sich auch in späteren Veröffentlichungen durchhält), wozu schon damals die Begründung des schulischen Religionsunterrichts zählte. Zu einer umfangreichen Monographie führte die Auftragsarbeit einer Darstellung zum „Deutschen Institut für Bildung und Wissen“ (Nipkow, 1969), die dann – eine Ausnahme unter seinen Büchern – für die wissenschaftliche Diskussion ohne weiterreichende Bedeutung blieb. Die stärkste frühe Wirkung ging von einer Reihe von Studien aus, die Nipkow dann unter dem für seine Arbeit bezeichnenden Titel „Schule und Religionsunterricht im Wandel. Ausgewählte Studien zur Pädagogik und Religionspädagogik“ (Nipkow, 1971a) gesammelt veröffentlichte. Am Untertitel dieses Buches wird die doppelte Verortung des Autors in Pädagogik und Religionspädagogik exemplarisch deutlich. Die starke Rezeption dieses Bandes erklärt sich nicht zuletzt aus dem Horizont der damals für das Bildungswesen in Deutschland grundstürzenden Bildungsreformen, die vor allem auch mit dem Deutschen Bildungsrat verbunden waren. Religionsdidaktisch ging es um den Übergang zum problemorientierten Religionsunterricht (→ Problemorientierter Religionsunterricht), der vielfach als nicht weniger revolutionär angesehen wurde als die allgemeine Bildungsreform. Nipkows wichtigster, 1968 publizierter Beitrag dazu trägt den auch unter dem Aspekt der kirchlichen Bildungspolitik gewählten Titel „Christlicher Glaubensunterricht in der Säkularität – die zwei didaktischen Grundtypen des evangelischen Religionsunterrichts“ (Nipkow, 1971b, 236-263). Insbesondere dieser Aufsatz enthält viele Elemente, die sich auch im späteren Werk wiederfinden – etwa die Forderung, dass sich der christliche Glaube und mit ihm der Religionsunterricht auf die Herausforderungen einer säkularen Welt und einer veränderten Generation von Kindern und Jugendlichen einlassen müsse. Der Begriff „Glaubensunterricht“ wiederholt sich dabei jedoch nicht. Er sollte wohl kirchlichen und theologischen Befürchtungen vor einem Substanzverlust durch Problemorientierung vorbeugen.

Eine neue Stufe nicht nur in Nipkows Werk, sondern auch in der Entwicklung der Religionspädagogik insgesamt markiert das dreibändige Werk „Grundfragen der Religionspädagogik“ (1975a; 1975b; 1982). Diese Darstellung bietet eine umfassende gesellschaftstheoretisch-sozialwissenschaftliche sowie theologische Grundlegung, eine ebenfalls umfassende Theorie kirchlicher Bildungsaufgaben, wissenschaftstheoretische Bestimmungen zur Religionspädagogik mit der für diesen Autor bezeichnenden Intention, Erziehungswissenschaft und Theologie „konvergenztheoretisch“ miteinander zu verbinden (freilich auch unter Beachtung von Divergenzen, was später vielfach übergangen wurde), sowie (in Band 3) eine Theorie religiöser Bildung im Lebenslauf. Dazu gehört dann auch die von Nipkow seit den späten 1970er Jahren vertretene Auffassung von Elementarisierung (→ Elementarisierung), die sich von anderen Auffassungen durch eine entschieden pädagogisch-didaktische und sozialwissenschaftlich-entwicklungspsychologisch informierte Perspektive unterscheidet. Dieses religionsdidaktische Modell belegt zugleich erneut Nipkows bildungstheoretisch fundierten Zugang, der immer auf Vermittlungen zwischen Pädagogik und Theologie zielte.

Mit der von Nipkow vertretenen Auffassung von Religionspädagogik verbanden sich eigene Forschungsaufgaben, für ihn selbst ebenso wie für die Regionspädagogik als wissenschaftliche Disziplin. Vor allem soll die Religionspädagogik selbst zu einer forschenden Disziplin werden und nicht mehr nur zuständig für den Transport theologischer Inhalte in den Unterricht sein („von der Exegese zur Katechese“ wurde das in den 1960er Jahren noch genannt – demgegenüber sprach Nipkow in damals ganz neuer Weise von „religionspädagogischer Forschung“, die sich nicht zuletzt an die Erziehungswissenschaft anschließen sollte, Nipkow, 1971c, 127-160). Eingelöst hat Nipkow selbst diese Forderung im Blick auf empirische Forschung am deutlichsten mit einer biografietheoretisch ausgerichteten Studie „Erwachsenwerden ohne Gott?“ (Nipkow, 1987), die auf seiner Auswertung von Schülertexten aufruhte. Obwohl Nipkow sich dabei wohl als einer der ersten in der Religionspädagogik der heute weitverbreiteten → Grounded Theory bediente, ist die starke Rezeption des kleinen Buches (vier Auflagen) wohl auch auf die gelungene Verknüpfung mit theologischen Grundfragen wie der Gottes- und Theodizeefrage (→ Theodizee) zurückzuführen. Die Kontinuität zu Nipkows Verständnis von Problemorientierung angesichts der Säkularität ist nicht zu übersehen – ein induktiver Zugang wird bei Nipkow mit weiterreichenden theoretisch-theologischen und religionspädagogischen Horizonten verbunden. Darüber hinaus ist als empirische Studie der von einer Forschungsgruppe (F. Schweitzer, G. Faust-Siehl und B. Krupka) unter der Leitung Nipkows verfasste Band „Religionsunterricht und Entwicklungspsychologie. Elementarisierung in der Praxis“ (Schweitzer/Nipkow/Faust-Siehl/Krupka, 1995) zu nennen. Neben den Arbeiten von Günter Stachel und seinem Team aus den 1970er Jahren gehört diese Untersuchung zu den frühesten Beispielen religionspädagogisch-empirischer Unterrichtsforschung und war zugleich das wohl erste von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderte Projekt im Bereich der Religionspädagogik. Zu nennen ist aber auch Nipkows historische Forschung, die sich in diversen Beiträgen etwa zu Luther (→ Luther, Martin) und Comenius (→ Comenius, Johann Amos) (bes. Nipkow, 1986) oder Schleiermacher (schon Nipkow, 1960) niederschlug sowie einer dreibändigen Erschließung der Geschichte des evangelischen Bildungsdenkens seit der → Reformation (Nipkow/Schweitzer, 1991; 1994a; 1994b).

Einen weiteren Meilenstein in der Theorieentwicklung und Theoriegeschichte der Religionspädagogik stellt dann der Band „Bildung als Lebensbegleitung und Erneuerung. Kirchliche Bildungsverantwortung in Gemeinde, Schule und Gesellschaft“ (Nipkow, 1990) dar. Das gilt zum einen für das hier entwickelte, auf den gesamten menschlichen Lebenslauf bezogene Bildungsverständnis, das nun auf religionspädagogische und praktisch-theologische Arbeitsfelder sowie verschiedene Bildungsinstitutionen bezogen wird, zum anderen für den im Untertitel verwendeten Begriff der „kirchlichen Bildungsverantwortung“. Mit diesem grundlagentheoretisch verstandenen Begriff verbindet sich das Anliegen, religionsbezogene sowie von Religion ausgehende Bildungsaufgaben auch jenseits des Religionsunterrichts in den Blick zu nehmen, in Schule und Gemeinde ebenso wie in der Gesellschaft. Vor allem die Schulen in evangelischer Trägerschaft, die seit den 1980er Jahren deutlich an Aufmerksamkeit gewonnen hatten, aber auch die evangelische Erwachsenenbildung führten Nipkow vor Augen, dass der Begriff der Religionspädagogik zu eng ist, um das entsprechende Aufgabenspektrum zu fassen. Werkgeschichtlich führt dieser Ansatz einer über die Religionspädagogik hinausweisenden kirchlichen oder evangelischen Bildungsverantwortung den schon im zweiten Band der „Grundfragen der Religionspädagogik“ (Nipkow, 1975b) unternommenen Versuch weiter, den Zusammenhang zwischen Kirche und Bildung systematisch zu durchdringen. Stellte damals noch der Begriff Religionspädagogik die theoretische Klammer dar, so rückt die Religionspädagogik nunmehr selbst in den Horizont der evangelischen Bildungsverantwortung, der sich damit als der weitergefasste, auch die Religionspädagogik einschließende und begründende Horizont erweist. Dies verbindet Nipkow nicht nur mit den Ansätzen einer Evangelischen Pädagogik der 1920er und 1930er Jahre, von denen er sich allerdings tendenziell abgrenzt, weil sie ihm weltanschaulich verengt und pädagogisch unzureichend erschienen, sowie vor allem Oskar Hammelsbeck, der mit seinen grundlegenden Darstellungen zum evangelischen Erziehungsdenken für Nipkow ein wichtiger Gesprächspartner war, sondern weitergehend mit Luther und Schleiermacher. Deren unterschiedlich akzentuierte, aber in beiden Fällen vom christlichen Glauben ausgehende Darstellungen von Erziehungs- und Bildungsfragen werden bei Nipkow unter den Vorzeichen der damals neu bewusst gewordenen „Postmoderne“ fortgeschrieben.

Theoriegeschichtlich-religionspädagogisch nicht weniger gewichtig ist das zweibändige Werk „Bildung in einer pluralen Welt“ (Nipkow, 1998a; 1998b), in dem die Pluralitätsthematik (→ Pluralisierung) in umfassender Weise pädagogisch und religionspädagogisch rezipiert und analysiert wird. Im ersten Band geht es um eine „Moralpädagogik im Pluralismus“, im zweiten um die „Religionspädagogik im Pluralismus“. Darin kommt zugleich das ebenfalls für sein gesamtes Werk kennzeichnende starke Interesse an ethischen Fragen (→ Ethik) zum Ausdruck, aber noch mehr die sich Nipkow seit den 1990er Jahren ebenso zeitgeschichtlich wie theologisch aufdrängende Wahrnehmung, dass die Religionspädagogik nicht einfach in die schon in den 1960er Jahren von ihm als unausweichlich diagnostizierte „Säkularität“ eingezeichnet werden kann, sondern dass immer mehr die religiös-weltanschauliche Pluralität die entscheidende Voraussetzung darstellt. Besonders Judentum und Islam werden für eine „Religionspädagogik im Pluralismus“ ein zentrales Gegenüber. Dabei ist es bezeichnend, dass Nipkows Darstellung einerseits als grundlagentheoretisches Werk zum interreligiösen Lernen (→ Interreligiöses Lernen) gelesen werden kann, andererseits aber jede Vorstellung dieses Lernens im Sinne eines einheitlichen Konzepts aus Nipkows Sicht inhaltlich problematisiert werden muss. Denn zwischen den Religionen haben sich in der Geschichte jeweils besondere Beziehungen entwickelt, die für das Christentum im Falle des Judentums als seiner Mutterreligion von vornherein anders aussehen als im Verhältnis zum Islam. Jede Begegnung mit diesen Religionen kann aber auch an den geschichtlichen Einbrüchen nicht vorbeigehen, die bis heute im Bewusstsein bleiben müssen. Das zeigt vor allem der Holocaust, der jede ungeschichtliche Verhältnisbestimmung zwischen Christentum und Judentum auch im Bereich der Religionspädagogik unmöglich macht. In anderer Weise ist im Falle des Islam an die Kreuzzüge zu denken. Statt eines allgemeinen Konzepts des interreligiösen Lernens, das als ungeschichtlich-abstrakt abgelehnt wird, entwickelt Nipkow deshalb jeweils bestimmte Regeln für den Dialog zwischen den verschiedenen Religionen.

Als letzte Monographien im engeren Sinne zu nennen sind zwei Bände Nipkows zur Friedensthematik. Der nur in englischer Sprache erschienene Band „God, human nature, and education for peace: New approaches to moral and religious maturity“ (Nipkow, 2003) bezieht sich auf Grundfragen einer Friedensethik und -pädagogik, die auch anthropologisch und evolutionstheoretisch reflektiert sein müsse. In diesem Band wird damit ein wichtiger Aspekt von Nipkows Auseinandersetzung mit evolutionstheoretischen Deutungen von Pädagogik und Ethik sichtbar, die sich in anderer Weise auch auf religionsdidaktische Fragen beim Thema → Schöpfung und Evolution bezogen. Ein friedenspädagogisches Pendant in deutscher Sprache bietet dazu der Band „Der schwere Weg zum Frieden. Geschichte und Theorie der Friedenspädagogik von Erasmus bis zur Gegenwart“ (Nipkow, 2007). Wie schon der Titel erkennen lässt, handelt es sich um eine historisch weit ausgreifende Darstellung, deren Kulminationspunkt freilich eine auf die Gegenwart bezogene Grundlegung der Friedenspädagogik darstellt, in die hinein auch das Verhältnis zwischen den Religionen sowie die friedenspädagogische Rolle religiöser Bildung gehören.

Ein eindrückliches Aufsatzwerk stellen schließlich die drei umfangreichen Bände zur „Pädagogik und Religionspädagogik zum neuen Jahrhundert“ dar (Nipkow 2005a; 2005b; 2010). Sie sind thematisch gegliedert und vertiefen zahlreiche Aspekte aus den bereits beschriebenen Veröffentlichungen. Mitunter greift Nipkow dabei auf frühere Veröffentlichungen zurück, aber in der Regel handelt es sich um Studien, die nach dem Jahr 2000 entstanden sind. Vor allem der dritte Band (Nipkow, 2010) belegt die Sorge um die „Zukunftsfähigkeit von Religionsunterricht, Schule und Kirche“ (so der Untertitel), und der Buchtitel selbst „Gott in Bedrängnis?“ zeigt an, dass die kritische Infragestellung des christlichen Glaubens für Nipkow noch einmal deutlich an Gewicht und Schärfe gewonnen hat.

3. Weitere Wirksamkeit

Kennzeichnend für Nipkow war sein jahrzehntelanges Engagement in kirchlich-bildungspolitischen Gremien, von den 1960er bis in die 1990er Jahre. Dazu gehört die Mitarbeit in der Bildungskammer der Evangelischen Kirche Deutschland (EKD) (langjähriger Vorsitz: 1992-2003) und verwandten Ausschüssen, in der Synode der EKD sowie im Vorstand des Comenius-Instituts auch als langjähriger Vorstandsvorsitzender. Auf landeskirchlicher Ebene ist darüber hinaus das Kuratorium des Pädagogisch-Theologischen Zentrums (ptz) in Stuttgart-Birkach zu nennen, dem Nipkow ebenfalls jahrzehntelang angehörte. Der Einfluss, der mit diesen Tätigkeiten verbunden war, ließe sich im Einzelnen nur den entsprechenden Akten und Protokollen entnehmen. Beispielhaft genannt sei ein großes Gutachten zur Leistungsbewertung im Religionsunterricht (Nipkow, 1979). Ob es im Religionsunterricht Noten geben solle, war damals grundsätzlich umstritten, und Nipkows differenziertes Gutachten ebnete mit dem kritisch-konstruktiv gemeinten Plädoyer für eine Notengebung den Weg für die Stellung des Religionsunterrichts als gleichberechtigtes Fach in der Schule – nicht zuletzt auch im Abitur, was ohne Leistungsbewertung und Noten nicht denkbar gewesen wäre.

Unter Nipkows Federführung entstanden auch zwei bildungsbezogene Denkschriften der EKD. Vor allem die 1994 veröffentlichte Stellungnahme „Identität und Verständigung: Standort und Perspektiven des Religionsunterrichts in der Pluralität“, die das erste EKD-weite kirchenamtliche Startsignal für den konfessionell-kooperativen Religionsunterricht gab, hat eine bis heute anhaltende Wirkungsgeschichte entfaltet, bis hinein in den Alltag von Schule. Von grundlegender Bedeutung ist aber auch die stärker bildungstheoretisch ausgerichtete Stellungnahme „Maße des Menschlichen. Evangelische Perspektiven zur Bildung in der Wissens- und Lerngesellschaft“ von 2003. Dass solche Stellungnahmen zu Menschenbild und Bildungsverständnis in der zeitgenössischen Erziehungswissenschaft nur wenig Resonanz erhielten, gehörte zu den Enttäuschungen dieses Autors, der hier immer wieder Brücken nach beiden Seiten hin zu bauen versucht hat.

Eng miteinander verbunden waren bei Nipkow die ökumenischen Erfahrungen und Perspektiven mit seiner ausgeprägten internationalen wissenschaftlichen Tätigkeit und Ausstrahlung. Durch den Ökumenischen Rat der Kirchen wurde er 1971 nach Lima, 1975 nach Nairobi und 1983 nach Vancouver eingeladen, verbunden jeweils mit für ihn dauerhaft bleibenden Eindrücken und Erfahrungen, die auch in seinem wissenschaftlichen Werk immer wieder aufscheinen. Einladungen in verschiedene, vor allem nordeuropäische Länder sowie nach Korea und nach Russland sowie in die Vereinigten Staaten von Amerika ergaben sich zum Teil aus den ökumenischen Kontakten und führten diese in wissenschaftlicher Hinsicht weiter. In diesen Zusammenhang gehören auch die jeweils aus Gastvorlesungen und Vorlesungsreihen entstandenen Monographien in koreanischer und russischer Sprache sowie diverse Aufsätze. Eine besondere Beziehung verband ihn vor allem mit dem amerikanischen Religionspsychologen und -pädagogen James W. Fowler, dessen Theorie der Glaubensentwicklung Nipkow seit Anfang der 1980er Jahren stark rezipierte.

Schon früh beteiligte sich Nipkow am ISREV (International Seminar on Religious Education and Values), das Ende der 1970er Jahre in England gegründet wurde. Unmittelbar beteiligt war er an der Gründung von IAPT (International Academy of Practical Theology) im Jahre 1991, wobei sein Engagement in diesem Bereich auch für sein ebenfalls über die Religionspädagogik hinausreichendes Interesse an der Praktischen Theologie insgesamt stehen kann.

Die doppelte Verankerung in Theologie und Erziehungswissenschaft war ihm immer wichtig. Er dürfte zu den sehr wenigen religionspädagogischen Fachvertretenden gehören, deren Schülerinnen und Schüler nicht nur in der Religionspädagogik, sondern auch in der Erziehungswissenschaft Professuren übernehmen konnten (zu nennen sind Heinrich Dauber, Gabriele Faust-Siehl und Alfred K. Treml) oder im kirchlichen Bereich die Erziehungswissenschaft vertraten (Christoph T. Scheilke als Direktor des Comenius-Instituts).

4. Rezeption, Festschriften und Bibliografie

Nach heutigen wissenschaftlichen Standards müssen Rezeptionsverhältnisse präzise nachgewiesen werden, etwa durch entsprechende Zitationen. Solche Untersuchungen sind für Nipkow – wie auch sonst in der Religionspädagogik – (noch) nicht verfügbar. Ein Hinweis auf seine Wirksamkeit kann aber ein Stück weit darin gesehen werden, dass ihm drei Festschriften gewidmet wurden, die den Präferenzen dieses Autors folgend allerdings nicht seine Person feiern, sondern zentrale Themen erschließen und die wissenschaftliche Arbeit vorantreiben sollten. Die Titelformulierungen verraten etwas darüber, wie die jeweiligen Herausgeber die aktuelle Situation bezogen auf Nipkow wahrnahmen. Zum 60. Geburtstag wurde ihm von R. Preul, C. T. Scheilke, F. Schweitzer und A. K. Treml der Band „Bildung – Glaube – Aufklärung. Zur Wiedergewinnung des Bildungsbegriffs in Pädagogik und Theologie“ (Preul u.a., 1989) überreicht, zehn Jahre später dann „Religion, Ethik, Schule. Bildungspolitische Perspektiven in der pluralen Gesellschaft“ (Scheilke/Schweitzer, 1999). Zum 80. Geburtstag ging es dann um „Religionspädagogik und Zeitgeschichte im Spiegel der Rezeption von Karl Ernst Nipkow“ (Schweitzer/Elsenbast/Scheilke, 2008). Zu Nipkows Bildungsverständnis liegt eine Dissertation vor (Stößinger, 2013). Zwei Jahre nach seinem Tod erschien ein Sammelband, mit würdigenden, aber wiederum auch auf Zukunftsaufgaben ausgerichteten Beiträgen – mit dem Untertitel „Mit Karl Ernst Nipkow weiterdenken“ (Schweitzer/Elsenbast/Schreiner, 2016). In diesen Bänden wird auch nach der Rezeption von Nipkows Werk gefragt, mitunter eher persönlich und aus der Erinnerung, zum Teil aber auch gestützt auf Archivarbeit und Analysen.

Ein weiterer Hinweis auf die Rezeption von Nipkows Werk ergibt sich aus der Bibliografie. Eindrücklich ist hier nicht nur die enorme Anzahl der Veröffentlichungen, sondern auch die breite disziplinäre sowie nationale und internationale Streuung der Publikationsorte (Schweitzer/Elsenbast/Scheilke, 2008, 335-381; Ergänzung mit letzten Veröffentlichungen: Schweitzer Elsenbast, Volker/Schreiner, 2016, 237-241). Im Falle der Monographien ist darüber hinaus auch auf die Auflagenzahl zu verweisen, etwa im Falle der „Grundfragen der Religionspädagogik“ (drei bzw. vier Auflagen), was namentlich für die Religionspädagogik ungewöhnlich ist.

5. Zum Schluß

Nipkows Werk und Wirksamkeit lassen neben seiner Bereitschaft, sich immer wieder neu durch aktuelle Entwicklungen herausfordern zu lassen, auch einige Konstanten erkennen. Dazu gehört übergreifend seine doppelte Verankerung in Theologie und Erziehungswissenschaft mit dem Versuch, diese beiden Disziplinen aufeinander zu beziehen. Dafür bot ihm die lutherische (Rechtfertigungs-)Theologie mit ihrer Offenheit für die weltliche Vernunft und für pädagogische Fragen gleichbleibend auch ihm persönlich wichtige Anstöße. An vielen Stellen ist es die Frage nach Gott, die Nipkow entschieden auch ins Zentrum des Religionsunterrichts rücken wollte. Darüber hinaus war sein religionspädagogisches Denken durchweg von der Überzeugung geprägt, dass Theologie und Religionspädagogik abseits der Herausforderungen durch die Gegenwart (→ Säkularisierung, → Pluralisierung, Moderne und Postmoderne usw.) nicht sinnvoll betrieben werden können. Seine enorme Wirksamkeit erklärt sich im Rückblick wohl aus seinem im weitesten Sinne vermittlungsorientierten Ansatz, der Gegensätze klar benennen soll – um sie dialogisch zu bearbeiten.

Eine Geschichte der Religionspädagogik im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts wird sich ohne ein eigenes Kapitel zu Karl Ernst Nipkow kaum schreiben lassen. Seine Einflüsse sind auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts vielfach noch immer spürbar, auch wenn sie nicht (mehr) immer explizit mit seinem Namen verbunden werden. Eine genauere Untersuchung der damit angesprochenen wissenschafts- und disziplingeschichtlichen Zusammenhänge wäre ein für das Selbstverständnis der Religionspädagogik der Gegenwart sinnvolles Unterfangen.

Literaturverzeichnis

  • Boschki, Reinhold/Schlenker, Claudia, Brücken zwischen Pädagogik und Theologie. Mit Karl Ernst Nipkow im Gespräch, Gütersloh 2001.
  • Nipkow, Karl Ernst, Die Individualität als pädagogisches Problem bei Pestalozzi, Humboldt und Schleiermacher, Weinheim 1960.
  • Nipkow, Karl Ernst, Evangelische Unterweisung oder evangelischer Religionsunterricht?, Essen 1963.
  • Nipkow, Karl Ernst, Grundfragen des Religionsunterrichts in der Gegenwart, Heidelberg 1967.
  • Nipkow, Karl Ernst, Christliche Bildungstheorie und Schulpolitik. Deutsches Institut für Bildung und Wissen 1958-1968, Gütersloh 1969.
  • Nipkow, Karl Ernst, Schule und Religionsunterricht im Wandel. Ausgewählte Studien zur Pädagogik und Religionspädagogik, Heidelberg/Düsseldorf 1971a.
  • Nipkow, Karl Ernst, Christlicher Glaubensunterricht in der Säkularität – die zwei didaktischen Grundtypen des evangelischen Religionsunterrichts“, in: Nipkow, Karl Ernst, Schule und Religionsunterricht im Wandel. Ausgewählte Studien zur Pädagogik und Religionspädagogik, Heidelberg/Düsseldorf 1971b, 236-263.
  • Nipkow, Karl Ernst, Anmerkungen zu Stand und Aufgabe religionspädagogischer Forschung heute, in: Nipkow, Karl Ernst, Schule und Religionsunterricht im Wandel. Ausgewählte Studien zur Pädagogik und Religionspädagogik, Heidelberg/Düsseldorf 1971c,127-160.
  • Nipkow, Karl Ernst, Grundfragen der Religionspädagogik Bd. 1: Gesellschaftliche Herausforderungen und theoretische Ausgangspunkte, Gütersloh 1975a; Bd. 2: Das pädagogische Handeln der Kirche, Gütersloh 1975b; Bd. 3: Gemeinsam leben und glauben lernen, Gütersloh 1982.
  • Nipkow, Karl Ernst, Religionsunterricht in der Leistungsschule. Gutachten – Dokumente, Gütersloh 1979.
  • Nipkow, Karl Ernst, Bildung – Glaube – Aufklärung. Zur Bedeutung von Luther und Comenius für die Bildungsaufgaben der Gegenwart, Konstanz 1986.
  • Nipkow, Karl Ernst, Erwachsenwerden ohne Gott? Gotteserfahrung im Lebenslauf. München 1987.
  • Nipkow, Karl Ernst, Regionspädagogik zwischen Theologie und Pädagogik, Kirche und Gesellschaft, in: Lachmann, Rainer/Rupp, Horst F. (Hg.), Lebensweg und religiöse Erziehung. Religionspädagogik als Autobiographie Bd. 2, Weinheim 1989, 215-234.
  • Nipkow, Karl Ernst/Schweitzer, Friedrich (Hg.), Regionspädagogik. Texte zur evangelischen Erziehungs- und Bildungsverantwortung seit der Reformation. Bd. 1: Von Luther bis Schleiermacher, München 1991; Bd. 2/1: 19. und 20. Jahrhundert, Gütersloh 1994a; Bd. 2/2: 20. Jahrhundert, Gütersloh 1994b.
  • Nipkow, Karl Ernst, Bildung als Lebensbegleitung und Erneuerung. Kirchliche Bildungsverantwortung in Gemeinde, Schule und Gesellschaft, Gütersloh 1990.
  • Nipkow, Karl Ernst, Bildung in einer pluralen Welt. Bd. 1: Moralpädagogik im Pluralismus, Gütersloh 1998a; Bd. 2: Regionspädagogik im Pluralismus, Gütersloh 1998b.
  • Nipkow, Karl Ernst, God, Human Nature, and Education for Peace: New Approaches to Moral and Religious Maturity, Aldershot u.a. 2003.
  • Nipkow, Karl Ernst, Pädagogik und Religionspädagogik zum neuen Jahrhundert. Bd. 1: Bildungsverständnis im Umbruch, Religionspädagogik im Lebenslauf, Elementarisierung, Gütersloh 2005a; Bd. 2: Christliche Pädagogik und Interreligiöses Lernen, Friedenserziehung, Religionsunterricht und Ethikunterricht, Gütersloh 2005b; Bd. 3: Gott in Bedrängnis? Zur Zukunftsfähigkeit von Religionsunterricht, Schule und Kirche, Gütersloh 2010.
  • Nipkow, Karl Ernst, Der schwere Weg zum Frieden. Geschichte und Theorie der Friedenspädagogik von Erasmus bis zur Gegenwart, Gütersloh 2007.
  • Preul, Reiner/Scheilke, Christoph T./Schweitzer, Friedrich u.a. (Hg.), Bildung – Glaube – Aufklärung. Zur Wiedergewinnung des Bildungsbegriffs in Pädagogik und Theologie, Gütersloh 1989.
  • Scheilke, Christoph T./Schweitzer, Friedrich (Hg.), Religion, Ethik, Schule. Bildungspolitische Perspektiven in der pluralen Gesellschaft, Münster u.a. 1999.
  • Schweitzer, Friedrich/Elsenbast, Volker/Scheilke, Christoph T. (Hg.), Religionspädagogik und Zeitgeschichte im Spiegel der Rezeption von Karl Ernst Nipkow, Gütersloh 2008.
  • Schweitzer, Friedrich/Elsenbast, Volker/Schreiner, Peter (Hg.), Religionspädagogik und evangelische Bildungsverantwortung in Schule, Kirche und Gesellschaft. Mit Karl Ernst Nipkow weiterdenken, Münster/New York 2016.
  • Schweitzer, Friedrich/Nipkow, Karl Ernst/Faust-Siehl, Gabriele/Krupka, Bernd, Religionsunterricht und Entwicklungspsychologie. Elementarisierung in der Praxis, Gütersloh 1995.
  • Simojoki, Henrik/Schweitzer, Friedrich/Henningsen, Julia/Mautz, Jana-Raissa, Professionalisierung des Religionslehrerberufs. Analysen im Schnittfeld von Lehrerbildung, Professionswissen und Professionspolitik, Paderborn 2021.
  • Stößinger, Edwin, Der Bildungsbegriff von Karl Ernst Nipkow unter besonderer Berücksichtigung religiöser Bildung, Bonn 2013.

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