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Andere Schreibweise: Reuben (engl.)

(erstellt: September 2019)

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1. Name und alttestamentliche Belege

Ruben (רְאוּבֵן rə’ûven) ist der erstgeborene Sohn → Jakobs und → Leas (Gen 29,32; Gen 46,8) und zugleich der heros eponymos des Stammes Ruben. Die Namensgebung wird in Gen 29,32 narrativ als Verbindung des Verbs ראה r’h „sehen“ mit dem Nomen בֵּן ben „Sohn“ gedeutet. JHWH hat Leas Betrübnis gesehen bzw. wahrgenommen, deshalb sagt sie: „Seht, ein Sohn“.

Ruben 01
Ruben wird sowohl als Person wie auch als Stamm unterschiedlich beurteilt.

Als Einzelperson ist Ruben einerseits derjenige, der seiner Mutter Liebesäpfel gibt und ihr so eine Liebesnacht mit Jakob und damit die Geburt ihres fünften Sohnes Issachar ermöglicht (Gen 30,14-18). Auch wird Ruben in der → Josefsgeschichte als ethisch vorbildlicher Führer der Brüder dargestellt, der die Tötung Josefs verhindert (Gen 37,18-22; Gen 42,22). Nach dessen Verkauf durch die Brüder sucht er Josef und zerreißt angesichts der leeren Zisterne sein Gewand vor Trauer (Gen 37,29).

Andererseits wird auch geschildert, dass Ruben nach Rahels Tod eine sexuelle Beziehung mit → Bilha, der Magd Rahels, eingeht und damit seinen Vater entehrt (Gen 35,22); im Jakobssegen verliert er deswegen seine Erstgeborenen-Position (Gen 49,3f). Außerdem sind die Nachfahren Rubens, → Datan und Abiram, die exemplarischen Aufrührer in Num 16,1-35* und Dtn 11,6, die in einem singulären Akt von der Erde verschlungen werden.

Dem Stamm Ruben wird einerseits wie allen anderen Stämmen sein Territorium zugeteilt (Num 32,1-37; Jos 13,15-23), andererseits erfährt der Stamm, weil sein Territorium im → Ostjordanland liegt, eine negative Beurteilung bei der Frage nach der Errichtung eines Altars am Jordan (Jos 22,9-34). Im Deboralied (→ Debora) gehört Ruben zu den Stämmen, die dafür getadelt werden, dass sie nicht an der Schlacht teilnahmen (Ri 5,15f).

In den verschiedenen Texten ist zwar in unterschiedlicher Weise von Ruben und den Rubeniten die Rede, die Unterschiede lassen aber nicht auf eine Trennung zwischen Einzelperson und Stamm schließen, sondern entsprechen jeweils dem Kontext:

Ruben 02
Als Einzelperson erscheint Ruben in der Vätergeschichte sowie in den sog. Stammessprüchen und den genealogischen Listen (→ Genealogie). Als Stamm erscheint Ruben dagegen (meist zusammen mit den Gaditen) im siedlungsgeographischen Kontext des → Numeri- und → Josuabuches.

Dabei können die negativen Nachrichten über den Eponymen Ruben bzw. über den Stamm Ruben, anders als früher in der Forschung vertreten, nicht als Beleg für einen frühen Untergang des Stammes in vorstaatlicher Zeit gedeutet werden. Nicht die Frage nach der Geschichte des Stammes, sondern eine redaktionsgeschichtliche Einordnung der alttestamentlichen Belege und eine theologische Beurteilung Rubens sind hier weiterführend.

2. Ruben als Erstgeborener im Stämmesystem

2.1. Das System der zwölf Stämme Israels

Ruben 03
Das System der zwölf Eponymen bzw. der zwölf Stämme Israels hat seinen ältesten Beleg in Gen 29f und ist als dezentrales System eines ideellen Israel zu verstehen, das eine identitätsstiftende Funktion hat (Schorn 1997, 99-103). Die Zwölfzahl der Söhne war bereits in der ursprünglichen Fassung von Gen 29f enthalten (anders Levin 1995, 175, der angesichts dieser Einordnung auch keine Erklärung für die Position Rubens als Erstgeborener findet). Es handelt sich um ein fiktives System mit der 12-Zahl als „für den gesamten Alten Orient geltende symbolische Dimension der Ganzheit“ (Schorn 1997, 102), wie sie sich z.B. auf den hethitischen Zwölfgötter-Reliefs zeigt.

Sozialgeschichtlich grundlegend ist die Einordnung Israels als → Stammesgesellschaft. Vor diesem Hintergrund ist das System der zwölf Stämme Israels künstlich bzw. fiktiv. Es geht weder auf eine vorstaatliche Institution zurück (so Noth 1930; Noth 1954, 83-94), noch ist es erst eine Konzeption der exilisch-nachexilischen Zeit (so Levin 1995).

Angesichts einer von segmentären Sozialstrukturen geprägten Gesellschaft stellt eine solche Genealogie das geeignete Mittel dar, um Einheit und Solidarität, aber auch die Unterschiede zwischen den einzelnen Mitgliedern zum Ausdruck zu bringen. Deswegen wird in dieser Gesellschaftsform das Verhältnis der Mitglieder zueinander charakteristischerweise in Genealogien beschrieben. Gerade in einer Situation, in der die Zentralgewalt (des zerbrochenen Nordreichs) keine entscheidende Funktion mehr hat, wird somit die Form der → Genealogie bedeutsam (Schorn 1997, 102). Mit einer Entstehung dieser Konzeption ist deshalb nicht vor dem Untergang des Nordreiches zu rechnen. Der Zeitraum zwischen dem 8. und dem 6. Jh. v. Chr. kann als plausibel gelten.

2.2. Literarische Einordnung

Ausgangspunkt für die literarische Einordnung der Genealogie von Gen 29f* ist eine mündliche Tradition des Jakobszyklus im 8. Jh. v. Chr., die dann nach dem Untergang des Nordreiches und der Umsiedlung einer großen Zahl von Israeliten von Nord nach Süd im Zuge einer panisraelitischen Ideologie im Süden verschriftlicht wurde. Dies deckt sich mit den durch die neuesten Ausgrabungsergebnisse begründeten Aussagen Finkelsteins zu Jakobszyklus und Exodus als „Gründungsmythen“ des Nordreichs (Finkelstein, 173; vgl. Hoffman). Dieser literarische Übergang vom Nord- ins Südreich ist auch am → Hoseabuch mit seinen judäischen literarischen Aktualisierungen zu beobachten (Schmid, 366).

Die Geburtsgeschichte der Söhne → Jakobs in ihrer ursprünglichen Fassung in Gen 29f* ist Teil der im Nordreich zunächst als mündliche Tradition beheimateten Jakob-Geschichte in ihrer vorpriesterlichen Gestalt (de Pury 2006). Eine literarische Aktualisierung hat dieser früheste Beleg des 12-Stämme-Systems wohl sehr früh durch eine Art redaktioneller „Überkronung“ erfahren (Schorn 1997, 73). Für eine genauere literarische Einordnung von Gen 29f* ist dabei nach wie vor von einem vorpriesterlichen, → „Jahwist“ zu nennenden, Erzählfaden auszugehen (→ Pentateuchforschung). Dabei ist der Jahwist als Editor, also als Herausgeber oder Redaktor zu verstehen (vgl. Levin 2006, 136f; Van Seters, 157).

Ähnlich diesem Denkmodell sind vielleicht die früher der elohistischen Schicht zugeordneten Texte den, wenn auch nur sehr bruchstückhaft erhaltenen, Erzählstücken eines ebenfalls redaktionell arbeitenden „elohistischen“ Kompositors zuzuordnen. Dieser könnte als Sammler und Redaktor von Nordreichtraditionen in der Zeit des Übergangs nach dem Zerfall des Nordreichs zu verstehen sein. Seine Texte wären dann mit den anderen Stücken der Jakobtradition in eine vorpriesterliche Schicht eingearbeitet worden. Zu seinen Texten sind die ursprüngliche Gestalt der Geburtsgeschichte der Jakobsöhne ebenso zu rechnen wie die „Bethel-Schicht“ / Gen 28 und dann auch Gen 32f* (Schorn 1997, 73-77; weitere Texte wären Gen 20-22* aus dem Bereich der Abraham-Tradition).

An dieser Stelle mag gefragt werden, ob Ruben mit seinem Gebiet möglicherweise eine geographische Verbindung zwischen den beiden zunächst unabhängigen Ursprungstraditionen Israels, Vätertradition und Exodus, darstellt. Welche kompositorische oder redaktionelle Ebene im Rahmen der Pentateuch-Komposition hier zu sehen wäre, bedarf freilich weiterer Diskussion.

Die Bedeutung des in Gen 29f* geschaffenen genealogischen Eponymensystems ist nicht auf die Zeit seiner Entstehung beschränkt. Anders als früher vermutet (v.a. Noth), greift es weder auf geschichtliche Realität noch auf eine alte Tradition zurück, sondern ist als literarische Fiktion zu beurteilen. Gerade dadurch bietet es einen so gelungenen Ausdruck der Identität Gesamtisraels, dass es geradezu zur „Mutter“ aller weiteren im Alten Testament begegnenden Listen der zwölf Söhne Jakobs bzw. der zwölf Stämme Israels wird. Alle weiteren Stämme-Listen der → Chronik, des → Numeribuches, in Ez 47f und Dtn 27* lassen sich als redaktionelle Ausgestaltung des einen genealogischen Eponymensystems erweisen.

2.3. Ruben als Erstgeborener

In dieses Stämmesystem werden die einzelnen Jakobsöhne als Stammväter / Eponymen aufgenommen, weil sie für die mit ihnen verbundenen Territorien stehen und nicht, weil sie als Stämme im politischen Sinn verstanden werden.

Durch die Anordnung der Eponyme und ihre Zuweisung zu den verschiedenen Müttern werden vor allem die religiösen Traditionen in den Vordergrund gerückt, die mit den verlorenen Gebieten und mit dem Nordreich verbunden sind. Neben dem Kernbereich des Nordreichs (Josef und Benjamin), den Erzvätertraditionen mit ihrem Haftpunkt in → Beerscheba (Simeon) und → Levi (Funktion als Priestergilde, Rechts- und Gesetzeswahrung) tritt Ruben an die erste Stelle, weil er in seiner Person für die identitätsstiftende religiöse Tradition des → Ostjordanlandes (Mosetradition; → Gilead) steht (Halpern, 130, der zusätzlich noch → Bileam, Baal-Peor (→ Baal) und das Heschbon-Lied nennt). Besonders wichtig mag hier die alte Überlieferung und mögliche Pilgertradition des Mosegrabes im Tal von Beth Peor bzw. am Berg Nebo gewesen sein, die in Dtn 34 aufgenommen wird und damit nach den Angaben von Num 32 im rubenitischen Gebiet zu suchen ist. Benannt werden in Num 32,34-38* als rubenitische Siedlungen → Heschbon, Elale, → Kirjatajim, Nebo, → Baal Meon und Sibma. Num 32 dürfte als ältester Beleg für rubenitisches Gebiet gelten (Schorn 1997, 196-202).

Obwohl der Stamm Ruben, anders als Gad, nicht auf der Mescha-Stele erwähnt wird, sollte daraus nicht der frühe Untergang des Stammes bzw. seine Nicht-Existenz gefolgert werden. Vielmehr muss mit der Möglichkeit gerechnet werden, dass auch im Schatten der moabitischen und ammonitischen Herrschaft im Ostjordanland israelitische Bevölkerungsanteile wohnten (Schorn 1997, 202; vgl. LaBianca, 39; → Gilead).

3. Bedeutung Rubens

Die Frage nach der Bedeutung / Beurteilung Rubens im Alten Testament ist nicht von der nach der Bedeutung des Ostjordanlandes zu trennen.

3.1. Gen 37-50

In den als „Ruben-Schicht“ bezeichneten Erzählstücken der Josefsgeschichte (Schmitt 1980) wird Ruben eine positive Rolle zugeschrieben: Der Erstgeborene Ruben ist hier Sprecher der Brüder und ethisches Vorbild und bildet ein Gegenüber zu Juda. Dadurch wird die positive Rolle des Eponymen, der die östlich des Toten Meeres und des Jordans lokalisierten religiösen Traditionen repräsentiert, für das ganze Volk Israel verdeutlicht. Dass in der Josefsgeschichte Ruben, Simeon, Josef und Benjamin gegenüber Juda die einzigen namentlich genannten Brüder sind, ist ein erzählerischer Hinweis auf die oben beschriebene dezentrale Orientierung des Stämmesystems.

3.2. Num 32 / Jos 13 / Jos 22

Eine differenzierte Position zu Ruben und dem Ostjordanland nimmt die in den siedlungsgeographischen Texten zu Ruben und Gad (Num 32,1-37 sowie Jos 13,15-23; Jos 22,9-34) durchlaufend erkennbare spätpriesterliche Schicht ein. Hier findet sich der Versuch, eine positive Haltung gegenüber Ruben aufrecht zu erhalten. In einer nachexilischen Situation, die offensichtlich mit den Schwierigkeiten der Frage nach der Zugehörigkeit ostjordanischer Israeliten zu kämpfen hat, werden die Vorbehalte gegenüber dem Ostjordanland zwar wahrgenommen. Trotzdem findet sich in dieser Konzeption aber die Möglichkeit, dass bei der Beachtung von Solidarität und Kulteinheit das Ostjordanland als israelitisches Erbland (Vergabe durch die priesterliche Kommission) gesehen werden kann. Diese Haltung wird bewusst im Gegensatz zu einer Position entwickelt, die eine schroffe Ablehnung und Ausgrenzung des Ostjordanlandes vertritt und wohl in den Kreisen um Nehemia erkennbar ist.

3.3. Gen 49

Im Jakobssegen von Gen 49 findet sich ein zentralistisches, ja „zionistisches“ Konzept, das offensichtlich bewusst als Gegenüber zum genealogischen Stämmesystem von Gen29f* angelegt ist: Die nachexilische Letzt-Redaktion von Gen 49 fügt die Ruben- und Simeon- / Levi-Sprüche ein. Hier kommt eine deutliche Ablehnung der durch diese repräsentierten Gebiete und Traditionen zum Ausdruck (vgl. die Kreise um Nehemia). Der Verlust der Erstgeborenenrolle Rubens und der Übergang seiner Bedeutung auf Juda (politisch-geographisch) und Josef (religiös) wird dabei als Strafe für die Bedrohung des väterlichen Erbes durch Ruben verstanden und erzählerisch in Gen 35,21.22a begründet. Unmissverständlich wird dadurch klargemacht, dass der Verlust des Ostjordanlandes als gegeben hinzunehmen ist und Juda nunmehr das Zentrum Israels ausmacht.

3.4. Dtn 33 / Ri 5

Sowohl in der Spruchreihe des Mosesegens in Dtn 33 als auch im Deboralied Ri 5 werden in der nachexilisch anzusetzenden redaktionellen Letzt-Bearbeitung bewusst negative Aussagen über Ruben nachgetragen. Die Stellung des Erstgeborenen wird jetzt dazu benutzt, in besonderer Weise Abwertung und Ausgrenzung Rubens, d.h. aber des Ostjordanlandes, zum Ausdruck zu bringen. Entsprechend dem Erstgeburtsrecht und der führenden Rolle im genealogischen System wird Ruben zwar noch an die Spitze der Stämme gestellt. Umso auffälliger sind aber die mit Ruben verbundenen negativen Aussagen: In Dtn 33,6 wird der Bedeutungsverlust Rubens festgeschrieben, in Ri 5,15f nimmt Ruben die Spitze der negativ beurteilten Stämme ein.

3.5. 1 Chr 5

Die „Genealogische Vorhalle“ der → Chronikbücher rezipiert in 1Chr 5,1-3 den erbrechtlichen Zusammenhang des Verlustes des Erstgeburtsrechts Rubens. In einer differenzierten Beurteilung Rubens und des Ostjordanlandes wird der Verlust des Ostjordanlandes als eine Situation beurteilt, die dem ursprünglichen Heilshandeln JHWHs für sein Volk nicht entspricht. Die geschichtstheologische Erklärung der Chronik für den Verlust besteht darin, dass an Ruben bzw. den Rubeniten beispielhaft verdeutlicht wird, welche Folgen sündiges Verhalten und die Abwendung von JHWHs Willen nach sich zieht. Ruben wird als Repräsentant des Ostjordanlandes zu einem Repräsentanten des Volkes Israel: An seinem Schicksal wird exemplarisch das mögliche Schicksal Israels verdeutlicht.

4. Rezeptionsgeschichte

4.1. Grabtradition

Während die Grabtraditionen Jakobs und Josefs erzählerisch im Alten Testament belegt sind, handelt es sich bei den Erzähltraditionen über die Gräber der weiteren Kinder Jakobs um viel später entstandene volkstümliche Überlieferungen, deren Hintergrund die Rückkehr der ganzen Familie und ihre Ansiedlung, also auch ihre Bestattung, im verheißenen Land bildet.

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In den Rahmen dieser Überlieferungen gehört auch die von einem Grab Rubens, das bei dem heutigen Ort Palmachim verehrt wird, der 14 km südlich von Jaffa am Mittelmeer liegt. 2,5 km östlich dieses Ortes befindet sich nämlich seit dem Mittelalter ein von Muslimen als Grab Rubens verehrter Schrein (vgl. die muslimische Tradition vom Grab → Aarons auf dem Ğebel Hārūn in Petra), der noch aus der Zeit des palästinensischen Dorfes Nabi Rubin stammt, dessen Einwohner 1948 vertrieben wurden. In den 1990er Jahren wurde hier ein jüdischer Schrein errichtet. Auf der Innenseite des Grabes wird Ruben als Erstgeborener Sohn Israels geehrt. Das Zitat aus Gen 49,3 wird auf einem roten Überwurf zitiert, der den ursprünglichen grünen mit der arabischen Inschrift „Es ist kein Gott außer Gott und Ruben ist sein Prophet“ ersetzt hat (Benvenisti, 274-276). Angesichts der oben genannten territorialen Bezüge Rubens zum Ostjordanland ist die muslimische und jüdische Verehrung Rubens an dieser Stelle auffällig.

4.2. Armenisches Fürstengeschlecht der Rubeniden

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Im 11. Jh. n. Chr. entwickelte sich in Kilikien ein „Kleinarmenien“ genanntes armenisches Fürstentum, das sich einerseits aufgrund geschwächter anderer politischer Kräfte (Byzanz), andererseits aufgrund wiederholter Verpflanzung von armenischen Bevölkerungsteilen nach Kilikien behaupten konnte. Die Namensgebung des ersten markanten Fürsten Ruben I. († um 1138) mag auch auf das Bewusstsein zurückzuführen sein, dass hier ein Gebiet beansprucht wurde, dass nicht zum eigentlichen Siedlungsgebiet der Armenier gehörte. Mit den Rubeniden emigrierten die Armenier dabei in ein ihnen nicht gänzlich fremdes Gebiet, vergleichbar dem Ostjordanland und Israel.

„Überblickt man die Entwicklung bis zum Ende des 12. Jh.s, kann man feststellen, dass sich das Rubenidenfürstentum in Kilikien … zu einem gewichtigen Machtfaktor entwickelt hatte. Die Rubeniden beherrschten als ‚Herren der Berge’ die Gebirgspässe im Taurus- und Amanusgebirge und nunmehr auch die Städte in der Ebene“ (Conrad, 158).

Mit Leon II. erhielten die Rubeniden schließlich die Königswürde, die danach aber dynastisch bedingt an die Hethumiden überging.

4.3 Ikonographie

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a) Ruben sucht Josef. In verschiedenen Ausgaben der Biblia pauperum findet sich als beliebtes Motiv „Ruben sucht Josef und findet die Grube / Zisterne leer“ (Gen 37,29f). Dies wird typologisch auf die Frauen bezogen, die Jesus suchen und das Grab leer finden. Jeweils auf der anderen Seite des als Triptychon angeordneten Bildes findet sich die Suche der Frau nach ihrem Geliebten aus Hhld 3,1-2.

Die gleiche Szene ohne typologischen Bezug zeigt eine Rembrandt zugeschriebene Zeichnung „Ruben am Brunnen“ aus dem Bestand des Städel Museums.

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b) Ruben verlangt die Mitreise Benjamins. Die Wiener Genesis enthält eine Miniatur der Szene aus Gen 42,37f, in der Ruben von seinem Vater Jakob verlangt, dass Benjamin mit nach Ägypten reist, und seine Söhne als Pfand einsetzt.

Literaturverzeichnis

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Abbildungsverzeichnis

  • Genealogie der zwölf Stämme in Gen 29f. Die Ahnväter der Stämme verteilen sich auf vier Mütter, die Nummerierung zeigt die Reihenfolge der Geburt an.
  • Ruben sucht Josef (Biblia Pauperum, 14. Jh.). Aus: Bayerische Staatsbibliothek, München, Bild (Ausschnitt), lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 4.0 International; Zugriff 26.10.2019
  • Prozession der zwölf Unterweltgötter (Yazılıkaya, Kammer B). Aus: Wikimedia Commons; © Klaus-Peter Simon, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 3.0 unported; Zugriff 22.10.2019
  • Grab Rubens in Nabi Rubin. Aus: Wikimedia Commons; © משתמש:מיכאל, Wikimedia Commons, lizenziert unter Creative Commons-Lizenz, Attribution-Share Alike 3.0 unported; Zugriff 22.10.2019
  • Ruben sucht Josef und findet einen leeren Brunnen, die Frauen suchen Jesus und finden das leere Grab (Biblia Pauperum, Holzschnitt um 1465). Aus: Victoria and Albert Museum, London, Nr. E.715-1918, http://collections.vam.ac.uk/item/O130416/biblia-pauperum-print-unknown/; Zugriff: 23.10.2019
  • Ruben sucht Josef am Brunnen (Zeichnung, Rembrandt van Rijn, ca. 1650/51). Aus: Städel Museum, Frankfurt, Inventarnummer 13380
  • Ruben verlangt von seinem Vater Jakob, dass Benjamin mit nach Ägypten reist (Miniatur, Wiener Genesis, 6. Jh.). Aus: Österreichische Nationalbibliothek, Wien, Cod. Theol. gr. 31

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