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1. Samuel 2,1-8a | Ostersonntag | 31.03.2024

Einführung in die Samuelbücher

Die Samuelbücher sind Teil des deuteronomistischen Literaturwerks über die Geschichte des Gottesvolkes Israel/Juda. Sie vereinigen Überlieferungen, die sich um die drei zentralen Figuren Samuel, Saul und David ranken. Thematisch geht es in erster Linie um die Entstehung des Königtums im Übergang von der Richterzeit („Samuel und Saul“: 1Sam 1–15), Davids Aufstieg zum König von Juda und Israel (1Sam 16–2Sam 5, darin „Saul und David“: 1Sam 16–31) sowie die Frage, welcher Sohn Davids seinem Vater auf dem Thron folgen und damit den Schritt zum Bestand der Dynastie tun soll (2Sam 6–20 mit 1Kön 1f.). In diesen Blöcken sind etliche kleinere Erzählzusammenhänge wie die Ladeerzählungen (1Sam 4–6; 2Sam 6) oder die Texte um David, Bathseba und Uria (2Sam 11f.) enthalten. Die Anhänge in 2Sam 21–24 vereinigen Erzählungen und Lieder.

1. Die Entstehung der Samuelbücher

Dass die Samuelbücher nicht einheitlich sind, zeigt u.a. eine größere Zahl von Doppelüberlieferungen (z.B. in der Geschichte von Davids Aufstieg 1Sam 16–2Sam 5) und Widersprüchen (z.B. in der Bewertung des Königtums in 1Sam 8–12). Die Bücher sind das Ergebnis eines vielschichtigen Bearbeitungsprozesses, in dem mithilfe bestehender Überlieferungen theologische Probleme diskutiert wurden, die durch die Katastrophe Jerusalems im Jahre 587/86 v. Chr. aufgekommen waren: Die Zerstörung der Stadt und des Tempels sowie das Ende der politischen Selbständigkeit hatten zu einer Krise geführt, in deren Verlauf alte Sicherheiten und überkommene Vorstellungen neu verhandelt wurden (s.u.). Die von der älteren Forschung (v.a. Leonhard Rost) herausgearbeiteten literarischen Einheiten wie Aufstiegs- oder Thronfolgegeschichte Davids markieren dabei thematische Zusammenhänge, die literarischen Prozesse (wie etwa die dtr oder weisheitlichen Bearbeitungen) vollziehen sich aber über deren Grenzen hinweg. In der gegenwärtigen Forschung herrscht eine rege Diskussion über den Umfang der alten Materialien und die Intensität der Überarbeitungen. Dabei steht einem großen Vertrauen in die Existenz vordtr Überlieferungen und in die frühe Königszeit als formative Epoche (z.B. Walter Dietrich) eine Sicht gegenüber, die ein lebendiges literarisches Wachstum in nachexilischer Zeit veranschlagt (z.B. Reinhard Müller).

2. Entstehungsort, Verfasser und Adressaten

Die Samuelbücher dürften insgesamt in Palästina bzw. Jerusalem entstanden sein. Zwar sind mündliche Stadien der Überlieferung nicht auszuschließen, aber die Aufnahme und Überarbeitung schriftlicher Materialien setzt eine Zugangsmöglichkeit zu den verfügbaren Quellen voraus, für die nur Jerusalem als geistiges Zentrum in Frage kommt. Die verschiedenen Verfasser- und Adressatenkreise sind im schriftgelehrten Milieu zu suchen. In ihren literarischen Aktivitäten schlägt sich ein bewegter Diskurs über geschichtliche und theologische Fragen nieder, wie sie im folgenden Abschnitt aufgezeigt werden.

3. Inhaltliche Schwerpunkte

Ein zentrales Thema ist das Königtum und die Erwählung des konkreten Königs durch Jhwh. Die Tatsache, dass es mit Saul einen König über Israel gibt, wird einerseits verhalten positiv (1Sam 9,1–10,16; 11,1–15), andererseits negativ als Abfall von Jhwh (8,1–22; 10,17–27; 12,1–25) bewertet. Hierin schlägt sich ein Diskurs nieder, der mit der Katastrophe von 587/86 v. Chr. in Gang gesetzt worden ist. König Saul wird als glücklose, wenn nicht tragische Figur gezeichnet (vgl. etwa c. 28); sein Verhalten führt schon bald dazu, dass sich Jhwh von ihm abwendet, ihn verwirft (c. 13–15). Ein ausführlicher Blick gilt davor dem „Königsmacher“ Samuel, der als Kultdiener am Heiligtum in Schilo, als Prophet sowie als Kleiner und Großer Richter zugleich charakterisiert wird (c. 1–7). Im Auftrag Jhwhs lenkt er die geschichtlichen Verläufe, die zu Sauls Königserhebung führen.

Schon zu Lebzeiten Sauls wird David als der von Jhwh erwählte König eingeführt, so die spätere theologische Interpretation und mit ihr das Leserwissen im Hintergrund (16,1–13). Mit David beschäftigen sich vielfältige Überlieferungen, die etwa von seinem Aufstieg am Königshof (16,14–23; 18–20), seinen Umtrieben als Haupt einer Truppe von Freischärlern (c. 22–26) und seinem Dienst unter Philisterkönig Achisch von Gat (c. 27 – 29) wissen. Der folgenden Darstellung scheint daran gelegen, ihn von jeglicher Schuld am Tod Sauls und der Seinen sowie am Ende der saulidischen Dynastie freizusprechen (1Sam 31; 2Sam 1–4; 9). Andere Texte wie die Geschichte von Bathseba und Uria mit der Nathanparabel (2Sam 11f.) äußern explizite Kritik. Hierin schlägt sich eine Diskussion über die Zukunft der davidischen Dynastie nieder, die in den Jahrhunderten nach dem Exil geführt wurde, denn die Hoffnung auf deren Restitution wurde nicht aufgegeben.

Die Überlieferungen von Davids späteren Jahren (2Sam 13–20) laufen auf die Königserhebung Salomos (1Kön 1f.) zu. Die Davidsöhne Amnon (2Sam 13f.), Absalom (2Sam 15–19) und Adonia (1Kön 1f.) kommen nicht als Davids Nachfolger in Frage. In der Erzählung von Absaloms Aufstand wird gezeigt, dass David trotz großer militärischer Bedrängnis letztlich durch Jhwhs Hilfe siegt.

Während all diese Texte David als mindestens schillernde Figur zeichnen, sehen andere in ihm den frommen Kultgründer. Nachdem er Jerusalem als künftige Hauptstadt erobert hat (2Sam 5,6–12), holt er das Unterpfand von Jhwhs Gegenwart, die Lade, nach deren Irrfahrten in die Stadt (c. 6). Seinem Wunsch, Jhwh ein Haus (einen Tempel) zu bauen, wird mit der Verheißung begegnet, vielmehr werde Jhwh dem David ein Haus (eine Dynastie) bauen. Nach diesem späten theologischen Deutetext 2Sam 7 geht der Bestand der davidischen Dynastie auf göttlichen Willen zurück, Davids Nachkomme auf dem Thron wird Gottes Sohn genannt (V. 14).

Es sind gerade die Nebenfiguren, die die Samuelbücher lebendig machen. Abgesehen von den Stoffen über die Angehörigen von Sauls Familie (Jonathan, Michal, Abner, Meribbaal u.a.) und von Davids Familie (Amnon, Absalom, Adonia u.a.) verleihen z.B. die Erzählungen von Hannah (1Sam 1f.), von Eli und seinen Söhnen (c. 4–6), von Abigail und Nabal (c. 25), von der Frau aus En Dor (c. 28), von Nathan (2Sam 7; 11) oder von der Frau aus Thekoa (c. 14) den Büchern ein vielfältiges Profil. Und dies sind nur wenige Beispiele.

4. Besonderheiten

  • Im Kanon der Hebräischen Bibel werden 1 und 2Sam als ein Buch gezählt.
  • Masoretischer Text, Qumran (v.a. 1QSama) und LXX weichen an einzelnen Textstellen erheblich voneinander ab. Das Verhältnis der Textüberlieferungen ist aber noch nicht abschließend geklärt.
  • In 2Sam 11f. wird paradigmatisch das Problem von Schuld und Vergebung behandelt.
  • 2Sam 22 stellt eine Parallelüberlieferung zu Ps 18 dar.
  • In 2Sam 21,19 wird ein gewisser Elhanan ben Jair (statt Davids, 1Sam 17) als Bezwinger des riesengroßen Philisters Goliath genannt.

Literatur:

  • Dietrich, W., 1997, Die frühe Königszeit in Israel. 10. Jahrhundert v. Chr. (BE 3), Stuttgart / Berlin / Köln.
  • Müller, R., 2004, Königtum und Gottesherrschaft. Untersuchungen zur alttestamentlichen Monarchiekritik (FAT II/3), Tübingen.
  • Rost, L., 1926, Die Überlieferung von der Thronnachfolge Davids (BWANT 42), Stuttgart.

Kommentare

  • Stoebe, H. J., 1973, Das erste Buch Samuelis (KAT VIII/1), Gütersloh.
  • Stoebe, H. J., 1994, Das zweite Buch Samuelis. Mit einer Zeittafel von A. Jepsen (KAT VIII/2), Gütersloh.

A) Exegese kompakt: 1. Samuel 2,1-8

1וַתִּתְפַּלֵּ֤ל חַנָּה֙ וַתֹּאמַ֔ר עָלַ֤ץ לִבִּי֙ בַּֽיהוָ֔ה רָ֥מָה קַרְנִ֖י בַּֽיהוָ֑ה רָ֤חַב פִּי֙ עַל־א֣וֹיְבַ֔י כִּ֥י שָׂמַ֖חְתִּי בִּישׁוּעָתֶֽךָ׃ 2אֵין־קָד֥וֹשׁ כַּיהוָ֖ה כִּ֣י אֵ֣ין בִּלְתֶּ֑ךָ וְאֵ֥ין צ֖וּר כֵּאלֹהֵֽינוּ׃ 3אַל־תַּרְבּ֤וּ תְדַבְּרוּ֙ גְּבֹהָ֣ה גְבֹהָ֔ה יֵצֵ֥א עָתָ֖ק מִפִּיכֶ֑ם כִּ֣י אֵ֤ל דֵּעוֹת֙ יְהוָ֔ה וְלֹ֥א נִתְכְּנ֖וּ עֲלִלֽוֹת׃ 4קֶ֥שֶׁת גִּבֹּרִ֖ים חַתִּ֑ים וְנִכְשָׁלִ֖ים אָ֥זְרוּ חָֽיִל׃ 5שְׂבֵעִ֤ים בַּלֶּ֨חֶם֙ נִשְׂכָּ֔רוּ וּרְעֵבִ֖ים חָדֵ֑לּוּ עַד־עֲקָרָה֙ יָלְדָ֣ה שִׁבְעָ֔ה וְרַבַּ֥ת בָּנִ֖ים אֻמְלָֽלָה׃ 6יְהוָ֖ה מֵמִ֣ית וּמְחַיֶּ֑ה מוֹרִ֥יד שְׁא֖וֹל וַיָּֽעַל׃ 7יְהוָ֖ה מוֹרִ֣ישׁ וּמַעֲשִׁ֑יר מַשְׁפִּ֖יל אַף־מְרוֹמֵֽם׃ 8מֵקִ֨ים מֵעָפָ֜ר דָּ֗ל מֵֽאַשְׁפֹּת֙ יָרִ֣ים אֶבְי֔וֹן לְהוֹשִׁיב֙ עִם־נְדִיבִ֔ים וְכִסֵּ֥א כָב֖וֹד יַנְחִלֵ֑ם כִּ֤י לַֽיהוָה֙ מְצֻ֣קֵי אֶ֔רֶץ וַיָּ֥שֶׁת עֲלֵיהֶ֖ם תֵּבֵֽל׃

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Übersetzung

(1) Da betete Hannah und sprach: Mein Herz frohlockt im Herrn, / Mein Horn erhebt sich im Herrn. // Mein Mund wird weit gegen meine Feinde, / Denn ich freue mich über deine Hilfe. // (2) Keiner ist heilig wie der Herr, / Denn es gibt keinen außer dir, / Und keiner ist ein Fels wie unser Gott. // (3) Redet nicht weiter lauter Hochmütiges: / Freches kommt aus eurem Mund. // Denn ein Gott der Weisheit ist der Herr, / Und Taten haben keinen Bestand. // (4) Der Bogen von Helden ist zerbrochen, / Strauchelnde aber gürten sich mit Kraft. // (5) Satte verdingen sich um Brot, / Aber Hungrige werden für immer fett. // Die Unfruchtbare gebiert sieben, / Die Kinderreiche aber verwelkt. // (6) Der Herr tötet und macht lebendig, / Führt hinab ins Totenreich und bringt herauf. // (7) Der Herr macht arm und macht reich, // Erniedrigt und erhöht auch. // (8) Er erhebt den Geringen aus dem Staub, / Aus der Asche erhöht er den Armen, // Um sie bei den Edlen wohnen zu lassen, / Und einen Ehrenthron lässt er sie erben.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V.1: Die Erhebung des Hornes ist ein Bild für Stärke und Macht, vgl. Ps 89,25; 92,11; 112,9 u.ö., zur Bedeutung der weiten Öffnung des Mundes vgl. Jes 57,4; Ps 35,21.

V.2: Das zweite Glied „Denn es gibt keinen außer dir,“ ist wahrscheinlich sekundär. Die Aussage geht in Richtung eines dezidierten Monotheismus, zwischen erstem und drittem Glied (dort 3. Pers.) wird zur direkten Anrede gewechselt, außerdem wird die Versstruktur gestört (s.u.).

V.3: Das letzte Glied „Und Taten haben keinen Bestand“ ist textlich sehr unsicher. Nach Qere, LXX und Vulgata wäre auch möglich: „Und von ihm werden Taten gewogen“.

V.4: Bei der Konstruktion „Der Bogen von Helden ist zerbrochen“ richtet sich das hebräische Prädikat nach dem nomen rectum der Cstr.-Verbindung, s. Gesenius Grammatik §146a, Brockelmann Syntax §124a. Zum Bild vom Zerbrechen des Bogens vgl. Sach 9,10; Ps 37,15; 46,10; 76,4.

V.5: Der Atnach trennt hier das Wort „für immer“ zu früh ab. Bei der Übersetzung „werden fett“ wird das Prädikat von חדל II abgeleitet. V. 5b hat eine enge Parallele in Jer 15,9.

2. Literarische Gestalt

Hannahs Lied ist ein Psalm außerhalb des Psalters mit deutlichen Elementen des Hymnus (vgl. etwa V.1f und bes. den Partizipialstil in V.6f) sowie Zügen des Dankliedes. Es ist im parallelismus membrorum und (vorwiegend) in Bikola gehalten, in denen der Doppeldreier überwiegt. Eine Gliederung in Strophen scheint nicht angebracht. Die Parallelismen sind in V. 1–3.8a synthetisch und in V. 4f. antithetisch. In V. 6f. liegt die Antithese bereits in je einem Versglied („tötet und macht lebendig“ etc.), so dass die Parallelismen hier verdichtend und steigernd wirken. Außerdem zeigen V. 6–8 starke Assonanzen auf den Buchstaben Mem. Der Text ist durch großen Bilder- und Gedankenreichtum sowie durch die Topik der Gebetssprache geprägt. Der Psalm bildet mit Davids Danklied in 2Sam 22, zu dem ein paar semantische Parallelen bestehen, eine Klammer um das ganze Buch.