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1. Mose 16,1-16 | Miserikordias Domini | 14.04.2024

Einführung in das 1. Buch Mose

1. Einführung und Gliederung

Das 1. Buch Mose, die Genesis („Entstehung“), in jüdischer Tradition nach dem ersten Wort בְּרֵאשִׁית bəre’šît „Am Anfang“ genannt, berichtet in seinem ersten Teil, der sogenannten Urgeschichte Gen 1-11, von der Erschaffung der Welt, dem ersten Leben auf Erden, den ersten Problemen dieses Lebens und den darauf bezogenen Reaktionen durch Gott sowie der Ausbreitung der Menschheit über die gesamte (zur Zeit der Entstehung des Buches im Blick befindliche) Erde. Der zweite Teil, die Erzelternerzählung Gen 12–50, berichtet von der Entstehung des späteren biblischen Israel in Form einer großen Familiengeschichte mit der Hauptlinie Abraham und SaraIsaak und RebekkaJakob und Lea, Rahel, Bilha und Silpa, von denen mehrere Nebenlinien, nämlich „Israels“ Nachbarn: die Ismaeliter, Ammoniter, Moabiter und Edomiter, unterschieden werden. Die auf den zweitjüngsten Jakob-Sohn Joseph fokussierte Josephserzählung Gen 37; 39–50 berichtet schließlich, wie Jakob und seine Familie nach Ägypten gekommen sind. In Ägypten wird sodann aus den zwölf Jakob-Söhnen das Volk Israel, die Familiengeschichte somit zur Volksgeschichte: Ex 1.

Markantestes Gliederungssystem des überlieferten Textes und zugleich Spezifikum der Genesis gegenüber den anderen Büchern des Pentateuch ist die (priesterschriftliche) Aufteilung in Geschlechterfolgen (תּוֹלֵדוֹת tôledôt), wonach die einzelnen Teile jeweils die Nachkommensgeschichte der in der Genealogie genannten Person(en) oder Größe(n) berichten: 2,4a; 5,1; 6,9; 10,1; 11,10; 11,27; 25,12; 25,19; 36,1/9; 37,2. Die Geschichte des biblischen Israel wird so als Nachkommensgeschichte Jakobs (37,2) verstanden.

2. Entstehung

Obige Rede vom „biblischen Israel“ (im Unterschied zum „historischen Israel“) deutet an, dass die Genesis, ja die fünf Bücher Mose, der Pentateuch, insgesamt, erzählte, gedeutete Geschichte mitteilt, nicht aber Geschichtsschreibung im historiographischen Sinne darstellt: In den Erzelternerzählungen deuten das historische Israel und Juda ihre Gegenwart des 1.Jt.v.Chr. im Modus von Familiengeschichte: Die Nachbarn Israels und Judas werden zu Nebenlinien in der Familiengeschichte des biblischen Israel. In der Urgeschichte werden altorientalische Traditionen transformiert, deren Kenntnis in Israel und Juda frühestens ab der neuassyrischen Zeit vorauszusetzen sind. Die Genesis ist daher keine Sammlung von Sagen aus vorstaatlicher Zeit, die durch die auch in den anderen Büchern des Pentateuch vorliegenden Quellen des Jahwisten, des Elohisten und der Priesterschrift verschriftlicht wurden, wie in den älteren (literarkritisch und überlieferungsgeschichtlich orientierten) Kommentaren zum Buch vorausgesetzt wird (bes. Hermann Gunkel; Gerhard von Rad; Claus Westermann). Die jüngere Forschung am Buch Genesis im Speziellen und am Pentateuch im Allgemeinen zeigt dagegen immer deutlicher, dass

  1. 1.zahlreiche Texte von Anfang an für ihren literarischen Kontext des werdenden Buches in Auseinandersetzung mit bereits bestehenden Texten geschrieben wurden, dass
  2. 2.der Untergang Israels (also des „Nordreichs“) 722 v.Chr. und erst recht der Untergang Judas (also des „Südreichs“) 587 v.Chr. Katalysatoren für Verschriftlichung und Komposition der Texte darstellten, und dass
  3. 3.das bis in die 1970er Jahre zwar nicht unbestrittene, aber maßgebliche Quellenmodell (mit den vier Quellenschriften Jahwist, Elohist, Deuteronomium und Priesterschrift, die in sukzessiven Redaktionsprozessen miteinander verbunden wurden) den Textbestand der Genesis und des Pentateuch insgesamt nicht hinreichend erklären kann.

Entsprechend wird seit den 1970er Jahren immer stärker eine Kombination von Quellen-, Fragmenten- / Erzählkranz- und Ergänzungs- / Fortschreibungsmodellen zur Erklärung der Theologiegeschichte der Genesis (und des Pentateuch insgesamt) vertreten:

Dabei gilt als relativ konsensfähig, dass der Jakob-Esau-Laban-Erzählkranz aus Israel (Gen *25; *27; *29–33) und der Abraham-Lot-Erzählkranz aus Juda (Gen *13; *18-19; *21,1–7) zu den ältesten Texten der Genesis gehören und dem 8. respektive dem 8. oder 7. Jh. v. Chr. zugewiesen werden können. Dass auch die nicht-priesterschriftliche Urgeschichte (Gen *2-4; *6-8) einen ehedem eigenständigen Erzählkranz aus dem späten 7. oder frühen 6. Jh. v. Chr. darstellt, erscheint plausibel, ist aber umstritten. Vergleichbares gilt für die nicht-priesterschriftliche Josephserzählung.

Erstmalig kombiniert wurden die Urgeschichte, die Erzelternerzählung sowie die Exoduserzählung von der Priesterschrift im 5. Jh. v. Chr., deren Erzählzusammenhang von der Schöpfung bis zur Sinaioffenbarung reicht (wobei das genaue Ende umstritten ist). Dabei ist strittig, ob die Priesterschrift als eigene Quellenschrift zunächst literarisch neben den vor-priesterschriftlichen Texten überliefert und erst von späteren Tradenten mit ihnen kombiniert wurde, oder ob die Priesterschrift von Anfang an eine Ergänzung zu den älteren Texten darstellte und niemals isoliert von ihnen bestand. Der Textbestand der Urgeschichte und der Exoduserzählung sowie das theologische Profil der priesterschriftlichen Mose-Berufung mit der Dreiteilung der Geschichte entsprechend der Gottes(namen)kenntnis in Ex 6,2–8 sprechen für erstere These.

Während im klassischen Quellenmodell die große Masse der Texte vor-priesterschriftlich eingeordnet wurde, wird in der aktuellen Forschung die nach-priesterschriftliche Entstehung vieler Texte erkannt und mit dem Ergänzungsmodell erklärt. Dies gilt in besonderer Weise, aber bei Weitem nicht ausschließlich, für die ehedem dem Elohisten zugewiesenen Texte in Gen 15; 20; 21; 22.

3. Wichtige Themen

Die Genesis stellt in ihren ersten Kapiteln den Gott Israels als den Erschaffer der ganzen Welt dar. Oder anders, in der Reihenfolge der kanonischen Leserichtung, formuliert: Der Erschaffer der ganzen Welt erweist sich in der Genesis als der Gott der Erzeltern „Israels“. Auf die Herausstellung der gesamten Menschheit als Ebenbild Gottes im Unterschied zur restlichen belebten Welt (1,26-27; 5,1-3; 9,6), auf den Schöpfungssegen für die gesamte Menschheit (1,28; 9,1.7) – und teilweise auch für die Tierwelt (1,22) – folgt ab Gen 11 eine Konzentration auf die Linie des Noachsohnes Sem, sodann Terach, Abraham, Isaak und Jakob-Israel. Die restliche (damals bekannte) Welt und insbesondere Israels und Judas Nachbarn werden „Israel“ genealogisch zugeordnet und auf diese Weise von „Israel“ abgegrenzt.

Der priesterschriftliche Schöpfungssegen („Seid fruchtbar und mehret euch…“; 1,28; 9,1.7) findet in der Erzelternerzählung seine (literarhistorisch freilich ältere) Fortsetzung in der Nachkommensverheißung an die Patriarchen, die die einzelnen Erzählungen miteinander verbinden. Dabei wird die Realisierung der Nachkommensverheißung in den Erzählungen immer wieder verzögert und gefährdet – durch die anfängliche Kinderlosigkeit der Erzeltern, durch ihr Verhalten gegenüber fremden Herrschern (12,10–20; 20,1–18; 26,1–11), durch ihre Umgehung der Verheißungslinie (Gen 16), und durch Gottes Erprobung Abrahams (22,1–19). Konflikte zwischen Brüdern kommen nicht nur in der zweiten Generation des Menschengeschlechtes vor (Gen 4), sondern durchgehend in der Genesis (wobei die Priesterschrift die ihr bekannten Brüderkonflikte bemerkenswerterweise nicht erzählt). Zu den Verheißungen an die Erzväter (nur in 16,11–12 erhält auch eine Frau, bemerkenswerterweise die später verstoßene ägyptische Sklavin Hagar, eine vergleichbare Verheißung) gehört auch die Segens- und Landzusage. Letztere weist über das Buch Genesis, ja den Pentateuch insgesamt, hinaus.

Die Priesterschrift weist zudem in Gen 9 und Gen 17 die Vorstellung eines Bundes Gottes mit der gesamten Menschheit sowie der Tierwelt bzw. mit Abraham und seinen Nachkommen auf, die nicht primär an der Beachtung von Geboten liegt wie in älteren bundestheologischen Vorstellungen.

Die unendlich vielseitigen und äußerst breit rezipierten Texte der Genesis zeichnen sich schließlich durch ihre realistische, ungeschönte Darstellung menschlichen Lebens auf Erden im Verhältnis zur menschlichen und nicht-menschlichen Mitwelt und im Verhältnis zu Gott aus, das von allen Seiten immer wieder in Frage gestellt und bedroht wird.

Literatur:

  • Albertz, Rainer, Die Josephsgeschichte im Pentateuch. Ein Beitrag zur Überwindung einer anhaltenden Forschungskontroverse (FAT 153), Tübingen 2021.
  • Bührer, W., 2019, Neuere Ansätze in der Pentateuchkritik, VuF 64, 19–32.
  • Gertz, J. Chr., 22021, Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte Gen 1–11 (ATD 1), Göttingen.
  • Gertz, J. Chr. 62019, Tora und Vordere Propheten, in: Ders. u.a. (Hgg.), Grundinformation Altes Testament. Eine Einführung in Literatur, Religion und Geschichte des Alten Testaments, Göttingen, 193–312.
  • Köckert, M., 2017, Abraham. Ahnvater – Vorbild – Kultstifter (BG 31), Leipzig.
  • Römer, Th., 2014, Das Buch Genesis, in: W. Dietrich u.a. (Hgg.), Die Entstehung des Alten Testaments. Neuausgabe (ThW 1), Stuttgart, 94–110.
  • Schüle, A., 22020, Die Urgeschichte. Genesis 1-11 (ZBK.AT 1.1), Zürich.
  • Tal, Abraham, Genesis, Biblia Hebraica Quinta 1, Stuttgart 2015.
  • Wöhrle, Jakob, Fremdlinge im eigenen Land. Zur Entstehung und Intention der priesterlichen Passagen der Vätergeschichte (FRLANT 246), Göttingen 2012.

A) Exegese kompakt: 1. Mose 16,1-16

1וְשָׂרַי֙ אֵ֣שֶׁת אַבְרָ֔ם לֹ֥א יָלְדָ֖ה ל֑וֹ וְלָ֛הּ שִׁפְחָ֥ה מִצְרִ֖ית וּשְׁמָ֥הּ הָגָֽר׃ 2וַתֹּ֨אמֶר שָׂרַ֜י אֶל־אַבְרָ֗ם הִנֵּה־נָ֞א עֲצָרַ֤נִי יְהוָה֙ מִלֶּ֔דֶת בֹּא־נָא֙ אֶל־שִׁפְחָתִ֔י אוּלַ֥י אִבָּנֶ֖ה מִמֵּ֑נָּה וַיִּשְׁמַ֥ע אַבְרָ֖ם לְק֥וֹל שָׂרָֽי׃ 3וַתִּקַּ֞ח שָׂרַ֣י אֵֽשֶׁת־אַבְרָ֗ם אֶת־הָגָ֤ר הַמִּצְרִית֙ שִׁפְחָתָ֔הּ מִקֵּץ֙ עֶ֣שֶׂר שָׁנִ֔ים לְשֶׁ֥בֶת אַבְרָ֖ם בְּאֶ֣רֶץ כְּנָ֑עַן וַתִּתֵּ֥ן אֹתָ֛הּ לְאַבְרָ֥ם אִישָׁ֖הּ ל֥וֹ לְאִשָּֽׁה׃ 4וַיָּבֹ֥א אֶל־הָגָ֖ר וַתַּ֑הַר וַתֵּ֨רֶא֙ כִּ֣י הָרָ֔תָה וַתֵּקַ֥ל גְּבִרְתָּ֖הּ בְּעֵינֶֽיהָ׃ 5וַתֹּ֨אמֶר שָׂרַ֣י אֶל־אַבְרָם֮ חֲמָסִ֣י עָלֶיךָ֒ אָנֹכִ֗י נָתַ֤תִּי שִׁפְחָתִי֙ בְּחֵיקֶ֔ךָ וַתֵּ֨רֶא֙ כִּ֣י הָרָ֔תָה וָאֵקַ֖ל בְּעֵינֶ֑יהָ יִשְׁפֹּ֥ט יְהוָ֖ה בֵּינִ֥י וּבֵינֶֽיׄךָ׃ 6וַיֹּ֨אמֶר אַבְרָ֜ם אֶל־שָׂרַ֗י הִנֵּ֤ה שִׁפְחָתֵךְ֙ בְּיָדֵ֔ךְ עֲשִׂי־לָ֖הּ הַטּ֣וֹב בְּעֵינָ֑יִךְ וַתְּעַנֶּ֣הָ שָׂרַ֔י וַתִּבְרַ֖ח מִפָּנֶֽיהָ׃ 7וַֽיִּמְצָאָ֞הּ מַלְאַ֧ךְ יְהוָ֛ה עַל־עֵ֥ין הַמַּ֖יִם בַּמִּדְבָּ֑ר עַל־הָעַ֖יִן בְּדֶ֥רֶךְ שֽׁוּר׃ 8וַיֹּאמַ֗ר הָגָ֞ר שִׁפְחַ֥ת שָׂרַ֛י אֵֽי־מִזֶּ֥ה בָ֖את וְאָ֣נָה תֵלֵ֑כִי וַתֹּ֕אמֶר מִפְּנֵי֙ שָׂרַ֣י גְּבִרְתִּ֔י אָנֹכִ֖י בֹּרַֽחַת׃ 9וַיֹּ֤אמֶר לָהּ֙ מַלְאַ֣ךְ יְהוָ֔ה שׁ֖וּבִי אֶל־גְּבִרְתֵּ֑ךְ וְהִתְעַנִּ֖י תַּ֥חַת יָדֶֽיהָ׃ 10וַיֹּ֤אמֶר לָהּ֙ מַלְאַ֣ךְ יְהוָ֔ה הַרְבָּ֥ה אַרְבֶּ֖ה אֶת־זַרְעֵ֑ךְ וְלֹ֥א יִסָּפֵ֖ר מֵרֹֽב׃ 11וַיֹּ֤אמֶר לָהּ֙ מַלְאַ֣ךְ יְהוָ֔ה הִנָּ֥ךְ הָרָ֖ה וְיֹלַ֣דְתְּ בֵּ֑ן וְקָרָ֤את שְׁמוֹ֙ יִשְׁמָעֵ֔אל כִּֽי־שָׁמַ֥ע יְהוָ֖ה אֶל־עָנְיֵֽךְ׃ 12וְה֤וּא יִהְיֶה֙ פֶּ֣רֶא אָדָ֔ם יָד֣וֹ בַכֹּ֔ל וְיַ֥ד כֹּ֖ל בּ֑וֹ וְעַל־פְּנֵ֥י כָל־אֶחָ֖יו יִשְׁכֹּֽן׃ 13וַתִּקְרָ֤א שֵׁם־יְהוָה֙ הַדֹּבֵ֣ר אֵלֶ֔יהָ אַתָּ֖ה אֵ֣ל רֳאִ֑י כִּ֣י אָֽמְרָ֗ה הֲגַ֥ם הֲלֹ֛ם רָאִ֖יתִי אַחֲרֵ֥י רֹאִֽי׃ 14עַל־כֵּן֙ קָרָ֣א לַבְּאֵ֔ר בְּאֵ֥ר לַחַ֖י רֹאִ֑י הִנֵּ֥ה בֵין־קָדֵ֖שׁ וּבֵ֥ין בָּֽרֶד׃ 15וַתֵּ֧לֶד הָגָ֛ר לְאַבְרָ֖ם בֵּ֑ן וַיִּקְרָ֨א אַבְרָ֧ם שֶׁם־בְּנ֛וֹ אֲשֶׁר־יָלְדָ֥ה הָגָ֖ר יִשְׁמָעֵֽאל׃ 16וְאַבְרָ֕ם בֶּן־שְׁמֹנִ֥ים שָׁנָ֖ה וְשֵׁ֣שׁ שָׁנִ֑ים בְּלֶֽדֶת־הָגָ֥ר אֶת־יִשְׁמָעֵ֖אל לְאַבְרָֽם׃ ס

Genesis 16:1-16BHSBibelstelle anzeigen

Übersetzung

1 Sarai aber, Abrams Frau, hatte ihm keine Kinder geboren. Sie hatte aber eine ägyptische Sklavin, deren Name Hagar war.

2 Da sprach Sarai zu Abram: „Siehe doch, YHWH hat mich daran gehindert, zu gebären. Gehe doch zu meiner Sklavin ein. Vielleicht werde ich aus ihr erbaut.“ Und Abram hörte auf die Stimme Sarais.

3 Und Sarai, Abrams Frau, nahm die Ägypterin Hagar, ihre Sklavin, nachdem Abram zehn Jahre im Lande Kanaan gewohnt hatte, und gab sie Abram, ihrem Mann, für ihn zur Frau.

4 Und er ging zu Hagar ein, und sie wurde schwanger. Und als sie sah, dass sie schwanger war, wurde ihre Herrin gering in ihren Augen.

5 Da sprach Sarai zu Abram: „Mein Unrecht sei auf dir! Ich selbst habe meine Sklavin in deinen Schoß gegeben. Doch als sie sah, dass sie schwanger ist, wurde ich gering in ihren Augen. YHWH richte zwischen mir und zwischen dir!“

6 Und Abram sprach zu Sarai: „Siehe, deine Sklavin ist in deiner Hand. Mache mit ihr, was gut ist in deinen Augen.“ Da bedrückte Sarai sie, bis sie vor ihr floh.

7 Aber der Bote YHWHs fand sie an einer Wasserquelle in der Wüste, an der Quelle auf dem Weg nach Schur.

8 Und er sprach: „Hagar, Sklavin Sarais, woher bist du gekommen und wohin gehst du?“ Und sie sagte: „Vor Sarai, meiner Herrin, bin ich auf der Flucht.“

9 Und der Bote YHWHs sprach zu ihr: „Kehre zurück zu deiner Herrin und lass dich bedrücken unter ihren Händen.“

10 Und der Bote YHWHs sprach zu ihr: „Ich will deine Nachkommenschaft überaus zahlreich machen, dass man sie nicht zählen kann vor Menge.“

11 Und der Bote YHWHs sprach zu ihr: „Siehe, du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären. Du sollst seinen Namen Ismael nennen, denn YHWH hat deine Bedrückung gehört.

12 Und er wird ein Wildesel von Mensch sein. Seine Hand gegen alle und die Hand aller gegen ihn. Und allen seinen Brüdern gegenüber wird er wohnen.“

13 Und sie nannte den Namen YHWHs, der zu ihr geredet hatte: „Du bist El-Roi.“ Denn sie sprach: „Ja, hier habe ich dem hinterher gesehen, der mich gesehen hat.“

14 Daher nennt man den Brunnen Beer-Lachai-Roi. Siehe, er ist zwischen Kadesch und Bered.

15 Und Hagar gebar Abram einen Sohn. Und Abram nannte den Namen seines Sohnes, den Hagar geboren hatte, Ismael.

16 Abram aber war 86 Jahre alt, als Hagar Ismael dem Abram gebar.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 1a: Die Namensformen Sarai und Abram werden in Gen 17,15 bzw. Gen 17,5 von Gott in Sarah und Abraham geändert.

V. 1a: Das Objekt des Gebärens wird im Hebräischen hier nicht explizit genannt: „Sarai aber … hatte ihm nicht geboren.“

V. 1b: Die Bedeutung des Namens Hagar ist trotz seit alters zahlreicher vorgeschlagener Ableitungsmöglichkeiten (etwa „Fremde“ oder „Geflüchtete“) nicht klar. Dass sie aus Ägypten stammt, dürfte Gen 12,16 entnommen sein, wonach Abram vom Pharao u.a. Sklavinnen erhält.

V. 2: „Vielleicht werde ich aus ihr erbaut“: Mit „Bauen“ (בנה bnh) ist die Gründung eines Hausstandes, die Geburt eines Kindes oder von Kindern gemeint. Vgl. Gen 30,3; Dtn 25,9; Ruth 4,11.

V. 11: Der Name Ismael bedeutet „Gott / El hört / hat gehört“ und wird begründet durch YHWHs Hören (שׁמע šm‘; V. 2.11). Indem YHWH Hagars Bedrückung (עֳנִי ‘ånî) gehört hat, bezieht sich der Text zurück auf Hagars Bedrückung durch Sarai in V. 6.9 (ענה ‘nh). Üblicher ist die Zusammenstellung von Sehen (ראה r’h) und Bedrückung (vgl. Gen 29,32; 31,42; Ex 3,7; 4,31; Dtn 26,7; 1 Sam 1,11 u.ö.).

V. 12: Den Wildesel kennzeichnen sowohl sein Kampf ums Überleben (vgl. Hi 6,5; 24,5 u.ö.) wie auch seine (von Gott gegebene) Freiheit (vgl. Hi 39,5–8; Ps 104,11): Ismael ist so der Knechtschaft enthoben.

V. 13: In V. 13a gibt Hagar YHWH einen besonderen Namen und in V. 13b begründet sie die Benennung. Leitwort hierbei ist nicht etwa das Hören wie bei Ismael, sondern das Sehen (ראה r’h; V. 4.5.13[3x].14). Die masoretische Vokalisation unterscheidet zwischen dem Substantiv רֳאִי rå’î „Sehen; Aussehen“ in V. 13a und dem Verb ראה r’h „sehen; wahrnehmen“ in allen anderen Belegen der Wurzel in Gen 16. Nach der masoretischen Vokalisation bedeutet El-Roi (אֵל רֳאִי ’el rå’î) daher „Gott des Sehens / Gesehenwerdens“; betont wird dabei, dass Gott gesehen werden kann. Diese Deutung bezieht sich auf den ersten Teil von Hagars Begründung (רָאִיתִי rā’îtî „ich habe gesehen“). Der zweite Teil von Hagars Begründung (רֹאִי ro’î „[den,] der mich gesehen hat“), der Name des Brunnens in V. 14