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2. Petrus 1,2-11 | Aschermittwoch | 14.02.2024

Einführung in den 2. Petrusbrief

Bemüht euch um die Tugenden des Glaubens!

Der zweite Petrusbrief ist ein polemisches und apologetisches Schreiben, das formal als ‘literarisches Testament’ des Apostels Petrus gestaltet ist, doch ist es höchstwahrscheinlich nicht von dem Apostel Petrus verfasst, sondern lange nach seinem Tod, wohl in der Mitte des zweiten Jahrhunderts, als ‘Pseudepigraphon’. Er ist der späteste Text im Neuen Testament; er ist erst bei Origenes (3. Jh.) bezeugt und von ihm (und noch von vielen Späteren) in seiner Authentizität bezweifelt. 2 Petr steht damit historisch am Rand des Kanons, seine nächsten Verwandten sind Schriften der apostolischen Väter (z.B. 2 Clem).

Im NT ist dieses Schreiben in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Sein griechischer Stil ist elaboriert, sein Vokabular breit und weniger an der griechischen Bibel als an klassischer Literatur orientiert, viele der Vokabeln kommen nur hier im NT vor. Sein realer Autor muss daher eine hohe formale Bildung gehabt haben, was sich auch in der Aufnahme philosophischer Diskurse (3,4-13) zeigt.

1. Verfasserschaft

Die (fiktive) Autorisierung ist stark und konsequent durchgeführt: In 1,1 wird „Symeon“ Petrus feierlich als Sklave und Apostel Christi als Absender eingeführt (1,1), er beansprucht, Augenzeuge der Verklärung Jesu (1,17f.) zu sein und den „lieben Bruder Paulus“ zu kennen (3,15f.). Andere Aspekte der Biografie des Petrus vor und nach Ostern sind nicht aufgenommen, das Wirken Jesu, sein Leiden und Tod spielen hier keine Rolle, auch nicht die Urgemeinde oder andere der Apostel. Auch von Rom (wo 1 Petr verfasst sein will; vgl. 1 Petr 5,13) ist keine Rede.

Quellen des Schreibens sind zunächst die als ‘prophetisches Wort’ (1,19-21) vorausgesetzten ‘Schriften’, Tora, Propheten und Psalmen, aus denen einzelne Ereignisse und Figuren knapp erwähnt werden (so die in 2,4-7.15 genannten Exempel und die in 3,5f. eigenwillig gedeutete Fluterzählung), die aber nie explizit zitiert werden. Die einzige Textübernahme ist der Ps 90,4 LXX variierende Halbsatz in 3,8. Vorausgesetzt sind auch zahlreiche frühchristliche Schriften, so die Evangelienüberlieferung (wahrscheinlich Mt), der 1. Petrusbrief (3,1), eine Sammlung von Paulusbriefen (3,15f.) und vor allem der Judasbrief, dessen Gegnerpolemik (Jud 1,3-18) der Autor komplett übernimmt, aber umformuliert (2 Petr 2,1-3,3) Das alles führt schon zu einer Datierung im 1. Drittel des 2. Jh.s. Die Übertragung vieler Details und Anschuldigungen aus Jud auf die hier bekämpften Gegner wirft die Frage auf, ob diese Gegner tatsächlich so gottlos und amoralisch waren, wie der Autor sie zeichnet, oder ob es sich hier eher um wohlfeile polemische Topoi handelt. Auffällig ist bei der Bezugnahme auf 1 Petrus, dass der Autor von 2 Petrus hier „dasselbe“ sagen will wie in diesem ersten Brief. Faktisch unterscheidet sich 2 Petr aber in Inhalt und Stil deutlich von 1 Petr. Offenbar sieht sich der Autor nicht genötigt, sein Schreiben diesem ersten formal anzupassen (wie etwa 2 Thess an 1 Thess). Das deutet darauf hin, dass es in seinem Kontext nicht ein einziges Bild des Petrus und seiner Botschaft gab, sondern eher eine Mehrzahl von Petrusbildern, einen ‚petrinischen Diskurs‘, in den der Autor eigenständig eintritt. Da gab es die Bilder über Petrus aus Evangelien und Apg, aus Paulus und 1 Petr und vielleicht auch noch aus anderen Petrusschriften, wie sie im 2. Jh. in Fülle (Petrusevangelium, Petrusapokalypse, Petrusakten, Kerygmata Petrou in den Pseudoklementinen etc.) entstanden. Petrus machte als ‚Autor‘ spät Karriere, er konnte für vieles in Anspruch genommen werden, für judenchristliche und heidenchristliche Inhalte – gerade weil er selbst nichts Schriftliches hinterlassen hatte.

Eine dieser Schriften wurde in letzter Zeit intensiv diskutiert, die im frühen 2. Jh. entstandene und im 2. Jh. sehr beliebte Petrusapokalypse, die in einigen Details (Ansage des Todes des Petrus, Verklärung, Weltenbrand) mit 2 Petr Berührungen hat. Während frühere Autoren meist den ‚apokryphen‘ Text als von dem kanonischen abhängig ansahen, hat die neuere Forschung Indizien dafür aufgewiesen, dass 2 Petr bereits auf die Petrusapokalypse rekurrieren könnte. Trifft dies zu, dann ist 2 Petr noch später in der Mitte bzw. im dritten Viertel des 2. Jh.s zu datieren.

Aus dieser Beziehung ließe sich sogar erklären, warum so spät im 2. Jh. ein Autor noch das Pseudonym des Petrus wählte: Die ApkPetr verbindet Jesu Ansage des Todes des Petrus in Rom mit der Erwartung, dass nun mit dem Ende Neros die Endereignisse beginnen und die Parusie Christi kommt. Eine solche ‚naive‘, terminierte Erwartung konnte wenige Jahrzehnte später unglaubhaft wirken. Gegen eine so begründete Skepsis der ‚Spötter‘ gegenüber der Parusiehoffnung (3,3f.) verteidigt nun 2 Petr die Validität der eschatologischen Hoffnung, der Verlässlichkeit der göttlichen Verheissung und auch der Möglichkeit, dass die Welt nicht ‚unveränderlich‘ ist, sondern durch Wasser (Sintflut) und Feuer (Weltenbrand) entscheidende Veränderungen erfahren kann. Dabei nimmt der Autor auf zeitgenössische kosmologische Diskussionen Bezug, verändert aber den stoischen Gedanken unendlich vieler aufeinander folgender Welten im Sinne des biblischen Weltbildes durch die Reihe von nur drei Welten, der vorsintflutlichen, der jetzigen und der kommenden Welt (3,13), die bleiben wird. Im Ganzen verteidigt 2 Petr somit als „letztes Wort“ des Petrus vor seinem Tod die eschatologische Hoffnung, lehnt aber jegliche chronologische Spekulation ab und entkräftet so die Kritik an der ApkPetr. Damit hilft 2 Petr, die Autorität des Petrus im ‚petrinischen Diskurs‘ gegenüber kritischen Zeitgenossen zu verteidigen.

Der Gebrauch einer solchen Autorfiktion in einem vielfältigen ‚petrinischen Diskurs‘ ist kein Versuch, die Leserschaft zu ‚betrügen‘. Vielmehr scheint ein solches Vorgehen für gebildete Zeitgenossen durchsichtig und zugleich legitim. Wie ein Schauspieler im Theater durch die Maske einer anderen ‚persona‘ spricht (und das im Unterricht vielfach übt), so spricht der Autor durch die Maske Petri. Die Pseudepigraphie ist mithin wohl eine „offene“, zumindest für gebildete Kreise. Andere mögen an der Konstruktion ihre Zweifel geäußert haben, und diese Zweifel wirken in der frühen Kirche fort.

2. Adressaten

2 Petr ist ein wirklich ‚katholischer‘ (= allgemeiner) Brief. Er will alle wahren Christen (1,1) ansprechen und ihnen das apostolische Zeugnis des Petrus erinnernd (1,15; 3,1) vor Augen stellen. Anders als im Jud (Jud 12) ist auch keine konkrete Gemeindesituation angesprochen. Vielmehr sind dort, wo 2 Petr den Jud benützt, die konkreten Spuren des dort behandelten Konflikts und das Profil der dortigen Gegner unkenntlich gemacht und verallgemeinert.

Die im 2 Petr bekämpften und mit allen Mitteln diskreditierten Gegner waren möglicherweise einfach anders denkende Christen. Sie lasen wohl die Paulusbriefe, redeten von Freiheit und vom Geist. Demgegenüber redet 2 Petr nicht vom Hl. Geist als gegenwärtigem Phänomen der Gemeinde und sieht die Freiheits-Verkündigung als Einfallstor von Zügellosigkeit und Amoralität.

3. Entstehungsort

Lange wurde angenommen, dass 2 Petr in Rom entstanden sei, wie dies ja auch 1 Petr mit dem Gruß aus ‚Babylon‘ (1 Petr 5,13) nahelegen will. Doch dafür spricht nichts. Sowohl die Aufnahme des Weltenbrandmotivs als auch die Rezeption der (wohl ägyptischen) ApkPetr sprechen für Alexandrien als Entstehungsort.

4. Wichtige Themen

  • Eschatologie: Der Autor verteidigt die Parusieerwartung in einer Zeit, in der die Dehnung der Zeit längst spürbar war (3,9). Er verweist auf Gottes Verlässlichkeit und Macht, auf das prophetische Wort und auf die Sintflut, in der die Welt (3,5f.) schon einmal zugrunde ging, so dass eine erneute Zerstörung durch Feuer nicht unplausibel ist. Der Autor nimmt hier die stoische Tradition des Weltenbrandes (korrigierend) auf.
  • Ethik: Der Autor mahnt zum Bemühen um einen tugendhaften christlichen Lebensstil (1,5-7). Mit der Ausbildung von Tugenden antworten Christen auf die ‚Tugend‘, die ihnen Gott bzw. Christus in der Berufung bzw. der Sündenvergebung (Taufe) vorweg erwiesen hat. Dies ist plausibel im Horizont des hellenistischen Wohltäterwesens, in dem Wohltätern (Stifter, Stadtgründer, Herrscher) für ihr Tun Ehre und Loyalität entgegengebracht wird.

Literatur:

  • Jörg Frey, Der Judasbrief und der zweite Petrusbrief, ThHK 15/2, Leipzig 2015.
  • Jörg Frey / Matthijs den Dulk / Jan G. van der Watt (Hg.), 2 Peter and the Apocalypse of Peter. Towards a New Perspective, BIS 174, Leiden 2019.
  • Henning Paulsen, Der zweite Petrusbrief und der Judasbrief, KEK 12/2, Göttingen 1992.

A) Exegese kompakt: 2. Petrus 1,2-11

Der Predigttext bietet den Eingang des 2. Petrusbriefs, den letzten Teil des erweiterten Präskripts (V. 1-4), ohne die fiktive Verfasserangabe V.1, und das Proömium (V. 5-11) mit seinem Tugendkatalog (V. 5-7). Es handelt sich um eine Ermahnung zur Tugend, die Christen in Entsprechung zu den großen Gaben und Verheißungen Christi ausbilden sollen. So passt er an den Anfang der Buß- und Fastenzeit.

2κατὰ πρόγνωσιν θεοῦ πατρὸς ἐν ἁγιασμῷ πνεύματος εἰς ὑπακοὴν καὶ ῥαντισμὸν αἵματος Ἰησοῦ Χριστοῦ, χάρις ὑμῖν καὶ εἰρήνη πληθυνθείη.

3Εὐλογητὸς ὁ θεὸς καὶ πατὴρ τοῦ κυρίου ἡμῶν Ἰησοῦ Χριστοῦ ὁ κατὰ τὸ πολὺ αὐτοῦ ἔλεος ἀναγεννήσας ἡμᾶς εἰς ἐλπίδα ζῶσαν δι’ ἀναστάσεως Ἰησοῦ Χριστοῦ ἐκ νεκρῶν 4εἰς κληρονομίαν ἄφθαρτον καὶ ἀμίαντον καὶ ἀμάραντον τετηρημένην ἐν οὐρανοῖς εἰς ὑμᾶς 5τοὺς ἐν δυνάμει θεοῦ φρουρουμένους διὰ πίστεως εἰς σωτηρίαν ἑτοίμην ἀποκαλυφθῆναι ἐν καιρῷ ἐσχάτῳ 6ἐν ᾧ ἀγαλλιᾶσθε, ὀλίγον ἄρτι, εἰ δέον ἐστίν, λυπηθέντας ἐν ποικίλοις πειρασμοῖς, 7ἵνα τὸ δοκίμιον ὑμῶν τῆς πίστεως πολυτιμότερον χρυσίου τοῦ ἀπολλυμένου, διὰ πυρὸς δὲ δοκιμαζομένου εὑρεθῇ εἰς ἔπαινον καὶ δόξαν καὶ τιμὴν ἐν ἀποκαλύψει Ἰησοῦ Χριστοῦ 8ὃν οὐκ ἰδόντες ἀγαπᾶτε, εἰς ὃν ἄρτι μὴ ὁρῶντες, πιστεύοντες δὲ ἀγαλλιᾶσθε χαρᾷ ἀνεκλαλήτῳ καὶ δεδοξασμένῃ 9κομιζόμενοι τὸ τέλος τῆς πίστεως ὑμῶν σωτηρίαν ψυχῶν. 10περὶ ἧς σωτηρίας ἐξεζήτησαν καὶ ἐξηραύνησαν προφῆται οἱ περὶ τῆς εἰς ὑμᾶς χάριτος προφητεύσαντες 11ἐραυνῶντες εἰς τίνα ἢ ποῖον καιρὸν ἐδήλου τὸ ἐν αὐτοῖς πνεῦμα Χριστοῦ προμαρτυρόμενον τὰ εἰς Χριστὸν παθήματα καὶ τὰς μετὰ ταῦτα δόξας.

1. Petrus 1:2-11NA28Bibelstelle anzeigen

Übersetzung

2 Gnade und Friede werde euch in Fülle zuteil in der Erkenntnis Gottes und unseres Herrn Jesus, 3 wie ja (doch) seine göttliche Macht uns alles, was zum frommen Leben dient, geschenkt hat, aufgrund der Erkenntnis dessen, der uns berufen hat kraft seiner eigenen vortrefflichen Herrlichkeit 4 durch welche uns die überaus großen und kostbaren Verheißungen geschenkt sind, damit ihr durch diese Teilhaber der göttlichen Natur werdet und so der Vergänglichkeit entflieht, die aufgrund der Begierde in der Welt ist. 5 Und deshalb sollt ihr unter Einsatz allen Eifers in eurem Glauben die Tugend herausbilden, in der Tugend aber die Erkenntnis, 6 in der Erkenntnis aber die Selbstbeherrschung, in der Selbstbeherrschung aber die Geduld, in der Geduld aber die Frömmigkeit, 7 in der Frömmigkeit aber die geschwisterliche Liebe, in der geschwisterlichen Liebe aber die Liebe [überhaupt]. 8 Denn wenn diese [Tugenden] bei euch vorhanden sind und zunehmen, lassen sie euch nicht untätig oder fruchtlos sein hinsichtlich der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus. 9 Derjenige nämlich, dem diese Dinge fehlen, ist blind vor Kurzsichtigkeit und ist vergesslich geworden im Blick auf die Reinigung von seinen früheren Sünden. 10 Darum, Geschwister, eifert (noch) mehr darum, eure Berufung und Erwählung fest zu machen. Wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln. 11 Denn so wird euch der Eingang in die ewige Königsherrschaft unseres Herrn und Retters Jesus Christus reichlich gewährt werden.

1. Fragen und Hilfen zur Übersetzung

V. 2-4 ist ein einziger Satz. Die Vergleichspartikel ὡς am Anfang von V. 3 lässt den Friedenswunsch in den schon gegebenen Gaben Christi gegründet sein. Der Friedenswunsch ist im passivum divinum formuliert. Daher interpretiert die LÜ: „Gott gebe euch…“. 

V. 3: „zum Leben und zur Frömmigkeit“ ist ein ‚Hendiadyoin‘ und in einem Ausdruck („frommes Leben“) zu übersetzen, ebenso „Herrlichkeit und Tugend” (entweder als “vortreffliche Herrlichkeit” oder “ruhmreiche Tugend”). Die LÜ gibt ἀρετή fälschlich mit „Kraft“ wieder und verfehlt damit den Punkt, dass hier in eigentümlicher Weise von der „Tugend“ Christi bzw. Gottes geredet wird.

V. 5: ἐπιχορηγήσατε: wörtl. auf eigene Kosten bestreiten – also herausbilden, entwickeln.

V. 9: λήθην λαβὼν: wörtl. er hat Vergessen genommen.

2. Literarische Gestalt und Kontext

2 Petr ist ein Text mit kompliziertem Stil und ‚großer‘, etwas manierierter Rhetorik, was sich in langen Satzgebilden, seltenen Vokabeln und vielen plerophorischen Doppelausdrücken sowie in der wirkungsvollen klimaktischen Reihung von Tugenden V. 5-7 zeigt. Diese in Stufen gegliederte Reihe (gradatio) von Tugenden fällt auf als ein literarisch sehr sorgfältig gestalteter Tugendkatalog. Dieser nimmt hellenistisch-ethische Topoi (z.B. ἐγκράτεια = Selbstbeherrschung, εὐσέβεια = hell. Ausdruck für Frömmigkeit = Scheu vor Gott/den Göttern) auf, ist aber dezidiert christlich gestaltet: Er beginnt mit dem Glauben und zielt auf die allgemeine Liebe. Hier zeigt sich eine selektive, aber klar christliche Rezeption hell. Ethik, die aber in den vorgängigen Wohltaten Christi begründet wird. Zugleich ist eine solche Ethik im Horizont der hellenistisch-römischen Umwelt anschlussfähig und kommunikabel.

Der ganze Abschnitt lehnt sich nämlich an die Sprache zeitgenössischer Ehrendekrete an, wie sie in jeder antiken Stadt auf vielen Inschriften zu lesen waren. Dort wird Wohltätern (Herrscher, Patrone, wohlhabende Stifter) im Gegenzug für ihre Taten zum Wohl der Stadt oder eines Vereins angemessen Dank erwiesen. Ehrungen werden versprochen oder organisiert, und die Leser der Inschrift werden zu adäquatem Handeln aufgefordert. Dieses ‚Patronage‘-System („eine Hand wäscht die andere“) prägte die Antike weithin. Es bildet den Plausibilitätskontext für die hier thematisierte Entsprechung der ‚Tugend‘ Christi und der von den Glaubenden auszubildenden Tugenden.

Hellenistisch geprägt ist auch das in V. 3-4 genannte Ziel, der Vergänglichkeit (φθορά) in der Welt zu entfliehen und „Teilhaber der [unvergänglichen] göttlichen Natur“ zu werden (V. 4). Dieses steht neben dem eher traditionell formulierten Bild vom „Eingang in die ewige Königsherrschaft“ Jesu Christi (V. 11), doch auch hier ist „ewig“ der entscheidende Punkt im Gegenüber zur irdischen Vergänglichkeit. Bei der Teilhabe an der ‚göttlichen Natur‘ (V. 4) geht es nicht um eine physische ‚Vergottung‘, vielmehr ist die Rede von der göttlichen φύσις durchaus ethisch im Sinne der Teilhabe an der göttlichen Wesensart und der imitatio der göttlichen, von Christus vorgängig erwiesenen Tugend zu verstehen. Diese Sprache ist im hellenistischen Judentum (Philo, Josephus) vorgebildet.

3. Historische Einordnung

2 Petr ist als Vermächtnis des Petrus kurz vor seinem Tod (1,14f.) gestaltet, er steht in einer Tradition (Jak – Jud – 2 Petr), die dezidiert un- oder gar antipaulinisch orientiert ist. Vielleicht beriefen sich die in Kap. 2-3 bekämpften Gegner sogar auf Paulus(briefe). Der Autor (im Gewand des Petrus) sagt, sie missverstehen diese Briefe. „Petrus“ weiß, was sein „lieber Bruder Paulus“ (3,15) meinte – eben das, was er selbst für richtig hält. Doch ist es schwer, hinter der Polemik die andere Seite des Disputs zu rekonstruieren.

Der Text spricht in eine völlig andere, spätere Situation als die Paulusbriefe, die er bereits in einer Sammlung voraussetzt. Hier geht es nicht mehr um das jüdische Gesetz und die Einfügung von Heiden in das Gottesvolk. Das Problem sind Lehrdifferenzen bzw. Falschlehrer (2,1f.). Gegen sie muss er die Validität der eschatologischen Hoffnung verteidigen und neu begründen, und ihre Rede von „Freiheit“ ist für ihn Quelle verderblicher Amoralität. Seine Theologie unterscheidet sich daher markant von Paulus (und von reformatorischen Denkweisen): Sein Anliegen ist nicht Freiheit vom Gesetz, sondern Ermahnung zur christlich-tugendhafter Lebensführung. Wie schon zuvor in Jak 2 gilt: Glaube „ohne Werke“ wäre fruchtlos (V. 8), und gegenüber den Wohltaten Christi vergesslich (V. 9). Dabei geht es nicht mehr um das Tun des jüdischen Gesetzes, sondern in hellenistischer Terminologie um ‚Tugenden‘. Glaube soll sich in einer Praxis, einem ‚frommen Leben‘ (V. 3), in Tugenden (V. 5-7) auswirken, und umgekehrt führt diese Praxis zum Wachstum in der Erkenntnis Christi (V. 8), zu Glaubenserfahrungen. Letztlich ist der tugendhafte Lebensstil, die Praxis des Glaubens, ein Akt der ‚Befestigung‘ der Erwählung, ja die Bedingung der letztlichen Teilhabe am Reich Christi.

4. Schwerpunkte der Interpretation

Die Mahnung zur Tugend erfolgt aber nicht mit der Drohung (die 2 Petrus auch kennt und nutzt). Sie basiert zunächst auf der Betonung der „überaus großen und kostbaren Verheißungen“ die Gott bzw. Christus den Christusgläubigen geschenkt hat (V. 3f.), zweitens wird die (in der Taufe) erfolgte „Reinigung von früheren Sünden“ (V. 9), die Erfahrung des Neuwerdens, in Erinnerung gerufen, und drittens wird damit gerechnet, dass praktizierter Glaube neue, vertiefte Erkenntnis und Erfahrung bringt (V. 8). Das Ganze steht im Plausibilitätsrahmen des Wohltäterwesens, in dem es ganz natürlich ist, dass dem Wohltäter in angemessener Weise ‚geantwortet‘ wird. Es geht also um ein Entsprechungsverhältnis zwischen göttlichem und menschlichem Handeln, wobei letzteres in dem ersteren gründet. Der Indikativ trägt den Imperativ. Allerdings wäre eine Vernachlässigung der Bemühung um angemessenes Handeln blind und vergesslich gegenüber den Wohltaten Christi, eine undankbare und unangebrachte Haltung, die dann auch zum ‚Straucheln‘ führen und vom Eingang in die Königsherrschaft Christi ausschließen könnte.  Das ist nicht ‚werkgerecht‘, es geht nicht um ‚Verdienst‘, sondern nur darum, dass der Glaube Früchte bringen soll (so auch bei Paulus, z.B. Gal 5,22f.). Der Text zielt darauf, dass Christen in der Gesellschaft Christus gemäß leben, imitatio Christi und Gottes praktizieren.

Der Tugendkatalog folgt zwar keiner klaren Logik, aber doch wächst alles aus dem Glauben (der Berufung, der Christuszugehörigkeit) heraus und zielt auf die unbeschränkte Liebe. Die Tugenden selbst sind durchaus begründbar: Im Kontrast zum hemmungslosen Egoismus ist Selbstbeherrschung weise und sozial verträglich. Geduld ließe sich als Resilienz in Krisenzeiten fassen. Das altertümliche Wort „Frömmigkeit“ macht Mühe, aber εὐσέβεια meint nicht Bigotterie, sondern beinhaltet Achtsamkeit, Taktgefühl, Anstand.

5. Theologische Perspektivierung

An 2 Petrus scheiden sich die Geister. Man hat dem Autor vorgeworfen, die urchristliche Tradition ‚hellenisierend‘ umzuformen, ‚frühkatholisch‘, ‚dogmatisch‘ oder ‚werkgerecht‘ zu argumentieren. Ich plädiere dafür, die Stimme des Autors als eine eigene, an ihrem Ort sinnvolle ernst zu nehmen. Der Text ist nicht an Paulus zu messen, sondern in seiner eigenen Logik ernst zu nehmen. Wie kann positiv (ohne falsche Moralisierung und auch ohne apokalyptische Schreckensbilder) ein ethischer Lebensstil eingeübt und vermittelt werden? Und kann der Glaube, die Erinnerung an die Wohltaten Christi, an die eigene Berufung und das Ziel der Teilhabe am Reich Gottes dazu motivieren? Gewiss, es gibt auch einen gesetzlichen Gebrauch des Wortes ‚Das tat ich für dich – was tust du für mich?‘ Aber die Abwehr von Gesetzlichkeit sollte uns nicht hindern, die Herausforderung des Textes aufzunehmen und positiv über den Wert und den (individuell und sozial) heilsamen Charakter allgemeiner und speziell christlicher Tugenden nachzudenken.

B) Praktisch-theologische Resonanzen

1. Persönliche Resonanzen

Die Einführungen zu 2 Petrusbrief vertiefen mein Verständnis dieser biblischen Schrift, die mir bis dato relativ unbekannt war. Dass dieser Brief sich intensiv mit hellenistischem Gedankengut auseinandersetzt, sich im Modell der Pseudepigrafie auf biblische Autoritäten wie Petrus bezieht, um das Gesagte zu untermauern, und Hellenistisches und Biblisches aufeinander bezieht, halte ich fest. Der Autor mischt sich ein in die Wahrnehmung der Welt zu seiner Zeit und in den Diskurs darüber. Er beschreibt „die Möglichkeit, dass die Welt nicht ‚unveränderlich‘ ist…. Er …verändert aber den stoischen Gedanken unendlich vieler aufeinander folgender Welten im Sinne des biblischen Weltbildes.“ Dieser Umgang mit den beiden Traditionen scheint mir stilbildend zu sein auch für den Abschnitt des 1. Kapitels. Hier geht es um die Grundlegung einer Ethik, die selektiv hellenistisch-ethische Topoi aufnimmt und dezidiert christlich gestaltet. Eine solche Ethik ist weltoffen, das ist für mich eine wichtige Entdeckung. Sie sucht vielleicht den Anschluss an die hellenistisch-römische Umwelt, sie macht ihn jedenfalls möglich. Denn Selbstbeherrschung, Frömmigkeit, Gottesfurcht sind keine exklusiv christlichen Themen und Interessen. Sie bewegen auch die Menschen außerhalb der christlichen Gemeinde, die ebenso nach einem „guten“ Leben suchen. Dass die „imitatio Christi“ schon so früh in einen zeitgenössischen Kontext hineingeschrieben wird, ist bemerkenswert. Sie hat genau dadurch eine große Wirkungsgeschichte entfaltet, dass sie immer wieder neu durchbuchstabiert worden ist. Und zwischen radikalen und moderaten Konzepten oszilliert: Thomas a Kempis mit seiner Schrift „Imitatio Christi et contemptus omnium vanitatum mundi (Nachfolge Christi und Verachtung aller Eitelkeit der Welt) aus dem 15. Jhdt. – eine Anleitung zum geistlichen Leben für Anfänger wie für diejenigen, die sich auf ein klösterliches Leben vorbereiten; Dietrich Bonhoeffer in seiner „Nachfolge“-Schrift, die Mystiker Meister Eckhart und Johannes Tauler, die wiederum Martin Luther inspiriert haben – um nur einige zu nennen. Heute sehe ich die imitatio im Kontext einer Spiritualität, die nach Erfahrung, nach Glaubenspraxis und einer Weltbezogenheit fragt, die auf keinen Fall fehlen darf. Und auch heute ist diese Suche keine exklusiv christliche. Christen und Christinnen teilen sie mit Menschen anderer Religionen und mit der Gemeinschaft der SBNR (spiritual but not religious, vgl. Ceming, Aspekte), die größer wird. Deshalb bin ich dankbar für drei wertvolle Aktualisierungen, die das bestätigen: Im Kontrast zum „hemmungslosen Egoismus ist Selbstbeherrschung weise“ und sozial verträglich, „Geduld ließe sich als Resilienz“ in Krisenzeiten fassen, und „Eusebeia als Achtsamkeit, Taktgefühl, Anstand“ begreifen.

2. Thematische Fokussierung

„Spiritualität ist die Kunst, der Sehnsucht nach dem Reich Gottes zu folgen“ (F. Steffensky). Der Text redet im Stil einer entfachten Sehnsucht und weniger im Stil einer Drohung, wenn es um einen ethischen Lebensstil und seine Vermittlung geht. In der apokalyptischen Weltwahrnehmung der Gegenwart, für die sich Beispiele leicht nennen lassen, ist das ein sehr wichtiger Gegenpol. Die Basis von Veränderung ist eine positive: das göttliche Geschenk dessen, was zum Leben führt und Menschen dazu bringt, Gott auf richtige Weise Gott zu ehren, und die Kraft, die Gutes wirkt, zu erkennen im Glauben. Wer sich dem zuwendet, wird am Wesen Gottes teilhaben. Das entwickelt in der Logik dieses Textes eine Sogkraft, eine Sehnsucht nach einem tugendhaften Leben, nach imitatio Christi und Gottes. Dann ist Glaube Verinnerlichung, Nachahmung, in das hineinwachsen, was verheißen ist als gutes Leben, als Reich Gottes. Die Mahnung, sich fernzuhalten von dem, was durch die Gier dieser Welt Verderben bringt, ist eingebettet in einen großen Tugendkatalog. Auch hier also nur eine Spur Negativität, umso größer wirkt die positive und aufsteigende Reihung der Tugenden. Und über jede Einzelne ließe sich viel sagen in einer Predigt.

3. Theologische Aktualisierung

Die Verkürzung der Gottesrede auf „den lieben Gott“, auf den „beschützenden Gott“ verursacht eine Infantilisierung des Christentums in der Öffentlichkeit. Ich sehe in diesem Predigttext die Chance, eine andere Form der Gottesnähe zu predigen. Sie ist gegeben als großes Geschenk. Die Zuwendung der Gemeinschaft oder jedes einzelnen Glaubenden schenkt Teilhabe, imitatio Christi, und das Gute entsteht von selbst: Selbstbeherrschung, Resilienz, Achtsamkeit, Liebe. Eine Ethik, die weder erdrückt im Stil der Vorbildchristologie, die Jesus als den ganz Großen zu feiern, der alles „richtig“ und „gut“ gemacht hat, noch in einem künstlichen Gegeneinander von Glauben und Taten/Werken stecken bleibt.  Eine Ethik, die Erkenntnisgewinn verspricht, eine Wechselwirkung von Glauben und Handeln.

4. Bezug zum Kirchenjahr

Als Predigttext für den Aschermittwoch ist 2 Petr 1,2-11 ein Paradebeispiel dafür, dass Umkehr keine schwarze Pädagogik nötig hat. Der Aschermittwoch steht am Beginn der Passionszeit, in der sowohl das Fasten, als auch die Umkehr im Mittelpunkt steht. Es geht um ein Freiwerden von dem, was dem Leben schadet, das Leben eng und verdrießlich macht. Es geht darum, die eigene Ebenbildlichkeit oder Gotteskindschaft wieder zu entdecken und der Sehnsucht nach Gott und seinem Reich zu folgen. Eingang gefunden in die Perikopenordnung hat er sicher wegen des Hinweises, dass die Teilhabe am Wesen Gottes zugleich ein Entkommen der irdischen Vergänglichkeit ist. Und das Aschekreuz am Aschermittwoch, auf die Stirn gemalt, hat diese tiefe spirituelle Bedeutung.

Literatur

  • Spiritualität der Zukunft, hrsg. M.Rötting & Ch. Hackbarth-Johnson, EOS 2019, siehe hier besonders den Aufsatz „Aspekte einer Spiritualität der Zukunft“ von Katharina Ceming.

Autoren

  • Jörg Frey (Einführung und Exegese)
  • Melitta Müller-Hansen (Praktisch-theologische Resonanzen)

Permanenter Link zum Artikel: https://bibelwissenschaft.de/stichwort/500022

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