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Opfer und Feste

Opferverständnis

Opfer sind Gaben der Menschen für rituelle Veranstaltungen, durch die das Verhältnis zwischen Mensch und Gottheit beeinflusst werden soll. Als solches haben sie ihren Platz im täglichen offiziellen Kult, bei besonderen Festen und in der persönlichen Frömmigkeit, etwa bei Bitten in Notlagen. Das Verständnis des Opfers ist im AT nicht einlinig: Es findet sich das Motiv der Speisung der Gottheit (so die Schaubrote im Tempel, Ex 25,23-30, polemisch in Ps 50,8-13) oder das des Verzichts auf Wertvolles. Opfer können der Gottheit huldigen, ihren Zorn stillen, Dank oder Buße ausdrücken. Hinzu kommt bei Verspeisung des Opfertieres der Communio-Gedanke einer heilvollen Mahlgemeinschaft zwischen Gott und Opfernden. Ein sekundäres Element ist das der Versorgung der Priester durch die Reste der Opfer (vgl. die polemische Ausdeutung im deuterokanonischen ZusDan 14, Bel und der Drache).

Sühne

Vom Opfer zu unterscheiden ist die Sühne, bei der durch Handauflegen die menschliche Schuld auf das Tier übertragen wird, das dann an der Stelle des Menschen in den Tod geschickt wird. Die eigentliche Sühne wirkt dabei aber die Gottheit durch einen Priester als Bevollmächtigten.

Opferarten

Einen feststehenden Begriff für „Opfer“ kennt das AT nicht. Zusammenfassend gebraucht werden gelegentlich מִנְחָה (minḥâ, Gabe) und im priesterlichen Sprachgebrauch קָרְבָּן (qårban, Darbietung). Daher wird hier nach den verschiedenen Opferarten gegliedert:

Speise- und Trankopfer

Speiseopfer (מִנְחָה, minḥâ Lev 2; 6,7-11): Hier steht in Israel wie auch sonst im Alten Orient der Gedanke im Hintergrund, dass die Gottheit mit Nahrung zu versorgen ist. Geopfert werden (gesalzene) Brotfladen und Ölkuchen, die vom Priester in das Feuer gegeben werden, dazu als Trankopfer Wein und Wasser.

Brandopfer/Ganzopfer

Brandopfer (עֹלָה, ’olâ, Lev 1; 6,1-6): Als anderer Name ist auch Ganzopfer, כָּלִיל, kalîl, gebräuchlich, vgl. Dtn 33,10. Hierbei wird das ganze Tier ohne Haut und unreine Teile auf dem Altar für die Gottheit verbrannt. So wird die Macht des Gottes anerkannt, vgl. Gen 8,20. Opferbare Tiere sind Ziege, Schaf, Rind und Taube. In späterer Zeit werden Brandopfer als Tamid-Opfer (= festgesetztes, ständiges Opfer) täglich morgens und abends vor dem Tempel dargebracht.

Schlachtopfer

Schlachtopfer (וֶבַח, zœbaḥ, vgl. Ex 18,12; Lev 17,8). Bei diesem wohl ältesten Opfer steht der Communio-Gedanke im Mittelpunkt; das Opfer wird im Rahmen eines Kultmahls ursprünglich innerhalb der Familie oder einer anderen Gruppe vollzogen (vgl. 1Sam 9). Blut und Fett werden verbrannt, das Fleisch wird unter die Teilnehmer verteilt. Durch diesen Ritus entsteht Gemeinschaft mit Gott, die den Teilnehmern Segen vermittelt.

Heilsopfer

Eine gesteigerte Form (oder ein anderer Name?) dieses Opfers ist Heilsopfer, שֶׁלֶם, šœlœm, (in der Regel wird der Plural šelamim verwendet, vgl. Lev 3, 7,11-21). In später Zeit entfällt die Instanz eines allgemeinen Kultmahls. Der Abstand zwischen Gott und Mensch gilt nun als so groß, dass nur noch die Priester das Opfer darbringen dürfen.

Sünd- und Schuldopfer

Sünd- und Schuldopfer (חַטָּאת/אָשָׁמ, ḥaṭṭā't/āšām, Lev 4.1-5,26) sind eher Riten zur Entsühnung als Opfer. Gott nimmt dem Menschen die Sünde ab und überträgt sie auf das Tier. Das Tier wird getötet, das Blut versprengt und die Überreste werden außerhalb des Lagers/Tempels verbrannt. Dieser Vorgang nimmt in späterer Zeit an Bedeutung zu, insbesondere am Versöhnungstag Jom Kippur, Lev 16; unter dem Eindruck der Katastrophe des Exils und der prophetisch/deuteronomistischen Interpretation weiß man, dass Israel ständiger Sündenvergebung bedarf.

Erstlingsopfer

Erstlingsopfer haben im gesamten Alten Orient eine große Bedeutung; die erste Frucht eines Baumes und der erste Wurf eines Tieres werden als Dank für die erwiesene Fruchtbarkeit und als Bitte für weiteren Segen geopfert, vgl. Ex 22,29; 34,19f. Dies geschieht im Rahmen kultischer Mahlzeiten, bei denen es in der Frühzeit keines Priesters bedarf (vgl. Gen 4); der Familienvater konnte das Opfer vollziehen. Später gelten die Erstlingsopfer vor allem der Versorgung der Priester (vgl. Num 28,26ff.; Dtn 12,17f.; 26,4).

Kinderopfer/Menschenopfer

Kinderopfer als Opfer des menschlichen Erstlings werden im AT zwar gelegentlich erwähnt, 2Kön 3,27, oft in Zusammenhang mit dem Gott Moloch, 2Kön 23,10. Inzwischen kann es als sicher gelten, dass es im phönizischen Bereich solche Kinderopfer gab, in Israel sind sie nicht nachgewiesen. Schon im AT gibt es Anzeichen für Ersatzhandlungen, vgl. Gen 22, oder Auslösungen, Ex 34,20.

Entwicklung

In den späteren Schichten des AT werden die einzelnen Opferarten dem einen Gedanken der nötigen Sühne untergeordnet (Priesterschrift), daneben beginnt auch eine Spiritualisierung der Opferbegriffe, insbesondere in weisheitlich beeinflussten Schriften. Vor allem in den dem Tempel – religiös wie geographisch – fernstehenden Gruppen des Judentums kommt es zu Ersatzhandlungen wie Fasten, Almosengeben und Gebeten.

Feste

Feste sind ebenfalls kultische Begehungen, die am Heiligtum oder im Familienkreis gefeiert werden können. Sie haben einerseits eine identitätsstiftende Funktion, was sich in Israel auch daran zeigt, dass an ihnen Ereignisse der Heilsgeschichte vergegenwärtigt werden. Andererseits strukturieren Sie den Jahreslauf. Ursprünglich haben die meisten Feste daher einen agrarischen oder astronomischen Hintergrund. Das ist beim Mazzot- (Gerste), Wochen- (Weizen) und Laubhüttenfest (Wein) noch gut zu sehen, da hier ausdrücklich auf den Ernteaspekt verwiesen wird (vgl. auch oben zu den Erstlingsgaben).

Passa- und Mazzotfest wurden später vereint und mit dem Exodusereignis verbunden; es gibt unterschiedliche Anweisungen, ob das Fest in den Familien (so auch heute) oder zentral am Heiligtum (so zur Zeit Jesu, vgl. Mk 14), gefeiert wird.

Übersicht über den heutigen jüdischen Festkalender

Mazzotfest (Ex 23,14; 34,18, vgl. Dtn 16,1-8) Fest der ungesäuerten Brote, zu Beginn der neuen Ernte im Monat Abib gefeiert. Später wurde es mit dem Passa verbunden, vgl. Ex 12. [Christlich: Ostertermin]
Wochenfest (Ex 23,16; 34,22; vgl. Dtn 16,10) sieben Wochen nach dem Mazzotfest gefeiertes Fest, bei dem die Erstlinge der Weizenernte dargebracht wurden. [Pfingsttermin]
Herbst-/Laubhüttenfest (Ex 23,16); 34,22; vgl. Dtn 16,13.16) Nach Lev 23,43 mit dem Exodusgeschehen verbundenes Fest, das ursprünglich ein Herbst- und Jahreswechselfest war.

Der Jahresbeginn war in Israel mit der Tag- und Nachtgleiche im Herbst oder im Frühjahr verbunden. Bis heute beginnt das jüdische Kalenderjahr daher im Herbst, allerdings im siebten Monat, was auf eine Verschiebung des Jahresbeginns zurückzuführen ist.

Literatur

I. Willi-Plein, Opfer und Kult im alttestamentlichen Israel, SBS 153, 1993.

I. Müllner, P. Dschulnigg, Jüdische und christliche Feste, NEB Themen 9, 2002.

Jahrbuch für Biblische Theologie, Bd. 18, Das Fest, 2003.

C. Körting, Art. Fest (AT), WiBiLex 2007, www.wibilex.de

Chr. Eberhart, Art. Sühne (AT), Wibilex 2007, www.wibilex.de

I. Willi-Plein, Ein Blick auf die neuere Forschung zu Opfer und Kult im Alten Testament, VuF 56, 2011, 16-33.

die-Bibel.dev.4.16.16
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