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Einführung: Das Buch Jesaja

Im Buch Jesaja lassen sich drei Buchteile unterscheiden: Der erste Buchteil (1–39) vereint ganz verschiedene Texte und bietet Worte des Propheten Jesaja, der im Zeitraum von 740–700 v. Chr. gewirkt hat. Der zweite Buchteil (40–55) setzt die Zerstörung Jerusalems 586 v. Chr. voraus und richtet sich an Judäer, die nach Babylonien weggeführt wurden und dort in der Verbannung leben. Die Verkündigung in diesem Buchteil geht auf einen Propheten zurück, den man auch als »zweiten Jesaja« (griechisch: Deuterojesaja) bezeichnet. Im dritten Buchteil (56–66) folgen prophetische Texte noch späterer Zeit. Die Übersicht zeigt, dass die Botschaft Jesajas über einen langen Zeitraum ergänzt, aktualisiert und fortgeschrieben worden ist. Die Texte wurden schließlich unter dem Namen des Jesaja zu einem einzigen Prophetenbuch vereint. 



Über den Propheten selbst ist wenig bekannt. Seine Berufung, die er in einer Vision im Jerusalemer Tempel erfährt, wird in das Jahr 736 v. Chr. datiert (6,1). Jesaja steht mit dem Königshaus in Verbindung und hat Zugang zum Palast (22,15-24). Seinen beiden Söhnen gibt er symbolische Namen (7,3 »ein Rest kehrt um« und 8,1 »Eilige Beute – Schneller Raub«), die auf das Ende des Nordreichs Israel und des mit ihm verbündeten aramäischen Reichs hinweisen. 705 v. Chr. versucht König Hiskija, sich aus der Abhängigkeit von Assyrien zu lösen, und will dazu ein Bündnis mit den Ägyptern eingehen. Vergeblich warnt ihn Jesaja vor dieser verfehlten Politik (31,1-3). Über die Strafaktion der Assyrer und die Belagerung Jerusalems 701 v. Chr. berichten die Jesaja-Erzählungen (36–39), die auch in 2. Könige 18–20 überliefert sind. 



Der erste Buchteil bietet in seinem ersten Abschnitt (1–12) vor allem Gerichtsworte über Juda und Israel. Sie richten sich gegen die Oberschicht (3), gegen falsche Gottesdienste (1,10-17) und soziale Missstände (5,1-25). Dazwischen stehen aber auch einige Texte, die eine heilvolle Zukunft erwarten wie das bekannte Wort vom Umschmieden der »Schwerter zu Pflugscharen« (2,1-4) oder die Verheißungen eines künftigen Retters (7,10-17; 9,1-6; 11,1-10). Im zweiten Abschnitt folgen Gerichtsworte über andere Völker (13–23) und die »Jesaja-Apokalypse«, die einen Ausblick auf das Ende der Welt und die Zukunft Israels gibt (24–27). Schließlich wurden im dritten Abschnitt verschiedene Prophetenworte zusammengestellt, die einerseits die Situation der Belagerung Jerusalems durch die Assyrer 701 v. Chr. nochmals aufgreifen (28–31), andererseits aber bereits Themen wie die Heimkehr der Erlösten zum Zion anschneiden (35). Diese Themen spannen eine Brücke zum zweiten Buchteil. 



Schon die ersten Worte des zweiten Buchteils »›Tröstet, tröstet mein Volk!‹, spricht euer Gott!« (40,1) lassen eine gegenüber der Gerichtsbotschaft des Propheten Jesaja veränderte Situation erkennen. Das von Jesaja angekündigte Gericht ist mit der Zerstörung Jerusalems 586 v. Chr. und der Wegführung der Judäer nach Babylonien eingetroffen. In diese neue Situation weist nun die Botschaft des namentlich nicht bekannten Propheten, den man den zweiten Jesaja nennt. Sie nährt die Hoffnung der Weggeführten, dass Gott sie in einem »neuen Exodus« nach Jerusalem zum Zion zurückbringen wird. Der frühere Auszug aus Ägypten soll überboten werden durch den wunderbaren Auszug der Gefangenen aus Babylonien. Dazu wird ihnen eine Straße durch die Wüste verheißen (40,3-5), auf der sie unter dem Jubel der Natur in die Heimat zurückkehren werden (55,12-13). Dieses Thema ist beim zweiten Jesaja eng verbunden mit Hinweisen auf die Schöpfermacht Gottes (43,19; 44,24) und die Erwählung Israels (43,1). Auch der Perserkönig Kyros II. (558–530 v. Chr.) wird einbezogen. Mit ihm ist die Erwartung verbunden, dass er die Stadt Babylon erobern wird (45,1-7). Weitere Texte befassen sich mit den babylonischen Götterbildern, die für unwirksam erklärt und lächerlich gemacht werden (44,9-20). Eine besondere Textgruppe bilden schließlich die »Gottesknechtslieder« (42,1-4; 49,1-6; 50,4-9; 52,13–53,12). Hier wird der Titel »Knecht des HERRN« stellvertretend auf einen einzelnen Gerechten bezogen. Manche deuten diese Texte auch auf Israel als Volk. 



Die Texte im dritten Buchteil spiegeln wiederum eine veränderte Situation. Inzwischen ist der Tempel in Jerusalem wieder aufgebaut und der Alltag in der Stadt eingekehrt. Konflikte in der Gemeinde bleiben allerdings nicht aus. Sie betreffen die Zulassung zum Gottesdienst, das wahre Fasten und soziale Missstände (56–58). Doch darüber darf die herrliche Zukunft des Zion nicht vergessen werden (60–62). Am Ende des Buchs wird dann nochmals das Thema aufgenommen, dass Gott die Welt umfassend erneuern wird (65,17-25), und als Botschaft für alle Völker entfaltet (66,18-24). 



Im Neuen Testament spielt das vierte Gottesknechtslied eine zentrale Rolle. Es wird auf Jesus Christus bezogen, weil er wie der leidende Gottesknecht (53,7-10) stellvertretend für das Volk in den Tod ging (Markus 10,45). Die Lebenshingabe für die »vielen« (53,12) hat auch die Einsetzungsworte des Abendmahls geprägt (Matthäus 26,26-28; Markus 14,22-24). Schließlich erzählt die Apostelgeschichte von einem hohen Beamten aus Äthiopien (Apostelgeschichte 8,26-40), der im Jesajabuch davon liest, dass der Gottesknecht wie ein Lamm zum Schlachten geführt wird (53,7). Auch an anderen Stellen im Neuen Testament werden Texte aus Jesaja aufgenommen. Beispielsweise wird in der Geburtsgeschichte von Jesus auf die Verheißung eines Retters verwiesen (Matthäus 1,22-23), der den Namen »Immanuel« tragen wird (7,14).


 


(BasisBibel. Altes und Neues Testament, ​© 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

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