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Einführung: Das Buch Jeremia

Das Buch Jeremia ist das längste Prophetenbuch und beschäftigt sich wie kein anderes mit den letzten Jahrzehnten des Königreichs Juda und seiner Eroberung durch den babylonischen König Nebukadnezzar II. 586 v. Chr. Die Entstehung des Prophetenbuchs beginnt bereits parallel zum Wirken des Propheten, da sein Schreiber Baruch eine Schriftrolle mit seinen Worten angefertigt hat (36,4; 36,32). Aber auch nach dem Untergang von Königreich und Tempel sind dem Prophetenbuch noch viele weitere Worte hinzugefügt worden. So ist es wie das Buch Jesaja über einen langen Zeitraum gewachsen. 



Nach der Überschrift (1,1-3) stammt Jeremia aus der Priesterschaft von Anatot, einem kleinen Ort in der Nähe von Jerusalem. Jeremia wird im Jahr 627 v. Chr. zum Propheten berufen (1,4-5). Die im Buch enthaltenen Erzählungen geben einen Einblick in sein Schicksal. Danach wird Jeremia zur Zeit von König Zidkija (597–586 v. Chr.) verhaftet, ins Gefängnis geworfen und später in den Wachhof des Palastes überstellt. In einer Unterredung mit dem König warnt Jeremia davor, am Widerstand gegen den babylonischen König festzuhalten. Doch Zidkija hört nicht auf ihn. So wird Jerusalem von Nebukadnezzar II. erobert. Jeremia kommt frei und folgt dem zum Statthalter über Juda eingesetzten Gedalja in die Stadt Mizpa. Doch Gedalja wird schon bald ermordet. Als die restlichen Judäer das Land verlassen und nach Ägypten ziehen, werden auch Jeremia und sein Schreiber Baruch dorthin verschleppt. In Ägypten verliert sich ihre Spur. 



Der erste Buchteil (1–25) gliedert sich in drei Abschnitte: Der erste Abschnitt (1–6) handelt von der Berufung des Propheten, von der Schuld des Volkes und der Ankündigung eines Feindes aus dem Norden, womit die Babylonier gemeint sind. Im zweiten Abschnitt (7–20) folgen Gerichtsworte, die der Prophet zur Zeit von König Jojakim (609–598 v. Chr.) gesprochen hat. Im dritten Abschnitt (21–25) wendet sich Jeremia gegen König Zidkija (597–586 v. Chr.), hohe Beamte und falsche Propheten. Dem Volk wird angekündigt, dass es in die Verbannung nach Babylonien gehen muss. Der zweite Buchteil (26–45) bietet vor allem Erzählungen über den Propheten Jeremia. Sie schildern sein Wirken bis zur Zerstörung Jerusalems (26–38) und sein weiteres Schicksal (39–44). Schließlich folgen im dritten Buchteil (46–51) Gerichtsworte über die Völker. Ein geschichtlicher Anhang (52) bietet einen Bericht über die Eroberung und Zerstörung Jerusalems, der auch in 2. Könige 24,18–25,30 überliefert ist. 



Eine wichtige Rolle in der Verkündigung Jeremias spielt die sogenannte Tempelrede (7,1–8,3; vgl. 26,1-19). In ihr fordert Jeremia die Judäer auf, ihr Leben zu ändern und die Gebote Gottes einzuhalten. Zugleich zeigt das Prophetenbuch aber auch, dass der Aufruf zur Umkehr wirkungslos bleibt. Das Volk von Juda und Jerusalem hört nicht auf Jeremia (25,1-7). Deshalb ist seine Schuld so angewachsen, dass das Gericht nicht mehr abgewendet werden kann (25,8-11). 



Eine besondere Textgruppe im Buch Jeremia bilden die fünf »Konfessionen« (11,18–12,6; 15,10-21; 17,14-18; 18,18-23; 20,7-18). Dabei handelt es sich um Klagegebete Jeremias. In ihnen spiegeln sich sowohl die äußere Bedrohung als auch die innere Bedrängnis des Propheten wider, der unter seiner Berufung und seinem Verkündigungsauftrag leidet. Die Klagen steigern sich in ihrer Abfolge bis zur Verzweiflung und Selbstverfluchung (20,17-18; vgl. Hiob 3,11-12). 



Ein weiteres Mittel der Verkündigung sind die »Zeichenhandlungen« des Propheten (13,1-11; 16,1-9; 19,1-13; 27,1-11; 32,1-15). Dabei führt Jeremia auf Befehl Gottes zunächst eine bestimmte Handlung aus und bringt so seine Botschaft bildlich zum Ausdruck, um sie anschließend zu deuten. Beispielsweise vergräbt er einen Gürtel aus Leinen. Als er ihn nach langer Zeit wieder ausgräbt, ist der Gürtel völlig verrottet (13,7). Genauso wird es Juda ergehen: Weil es nicht auf Gott hört, wird es völlig verrotten und zu nichts mehr zu gebrauchen sein. 



Jeremias Verkündigung ist vor allem durch Gerichtsansagen geprägt. In seinem Prophetenbuch finden sich aber auch Texte, die eine heilvolle Zukunft ankündigen. Zu nennen sind die Verheißung eines gerechten Königs, der aus dem Haus David stammen und von Gott als dessen Nachfolger eingesetzt wird (23,5-6), oder das sogenannte »Trostbuch für Israel« (30–31). In ihm werden dem Volk die Heilung seiner Wunden, seine Wiederherstellung und die Heimkehr der in andere Länder Zerstreuten angesagt. Der Bund Gottes mit Israel, der das Volk zum Halten der Gebote verpflichtet (2. Mose/Exodus 24; 5. Mose/Deuteronomium 28,69–29,28), wird erneuert. Die Gebote werden nun nicht mehr auf eine Schriftrolle, sondern ins Herz der Menschen geschrieben. Deshalb kann dieser neue Bund nicht mehr gebrochen werden. Die Rede vom »neuen Bund« wird im Neuen Testament aufgenommen und auf den Bund Gottes mit allen Menschen bezogen, der in Jesus Christus geschlossen ist (2. Korinther 3,6). Dieses Verständnis bezeugen auch die Einsetzungsworte zum Abendmahl (Lukas 22,20; 1. Korinther 11,25). 



Das Buch Jeremia setzt sich intensiv mit dem Untergang von Königreich und Tempel auseinander. Dieses Ereignis von 586 v. Chr. wurde nicht nur als eine Katastrophe, sondern auch als eine tiefe Krise im Verhältnis zu Gott erfahren. Zu den Texten, die das Erlebnis der Zerstörung Jerusalems zu verarbeiten versuchen, gehören auch die Klagelieder. In der Anordnung der christlichen Bibel folgen sie unmittelbar auf das Jeremiabuch. 

 

(BasisBibel. Altes und Neues Testament, ​© 2021 Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart)

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