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Lexikon

Tannin

Michaela Bauks

(erstellt: März 2019)

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Chaos / Chaoskampf; → Mythos; → Schlange; → Urmeer

Behemot; → Leviatan; → Rahab

Tannin (תַּנִּין tannîn) bzw. Tannim (תַּנִּים tannîm) leitet sich von der Primärwurzel *tnn „sich ausstrecken“ ab und bezeichnet in verschiedenen semitischen Sprachen ein mythisches Seeungeheuer bzw. ein Monster oder einen Drachen.

1. Tannin im Alten Orient

1.1. Ugarit

In den Texten, die in der spätbronzezeitlichen Stadt → Ugarit (Syrien) gefunden worden sind, erscheint Tunnan als ein mythisches Seeungeheuer.

Für ugaritisch tunnanu (tnn) finden sich acht Belege (Whitaker, 619), davon sechs in mythischen Texten und zwei als Teil eines Personennamens (KTU 4.35,13; 4.103,42). Drei der mythischen Belege sind zu fragmentarisch, um sie genauer einzuordnen (KTU I.16 v, 31-32; KTU 1.6 vi, 51; KTU 1.83, 8). Die verbleibenden Belege verorten tunnanu in einem Kampfkontext mit verschiedenen Seemonstern bzw. Gehilfen des Meergottes → Jammu, die von der Göttin → Anat (KTU 1.3. iii, 40 und 1.83, 8 [t’an]) oder → Baal (KTU 1.82, 1) überwältigt werden. In einem polyglotten Vokabular (Ugaritica V 137,I,8) ist tunnanu neben akkadisch bašmu und sumerisch MEŠ „Schlange“ genannt (eine Übersicht der Belege gibt Niehr, 1995, 716f.; vgl. Töyräänvuori, 314-320).

Einschlägig für den biblischen Vergleich ist KTU 1.3. iii,35-44:

Sie [Anat] erhob 36 ihre Stimme und rief:

„Warum ist gekommen Gupan-und-Ugar?

37 Welcher Feind hat sich erhoben gegen Baal,

welcher Gegner 38 gegen den Wolkenfahrer?

Habe ich nicht abgeknickt den Geliebten 39 Els, Yamm,

habe ich nicht vernichtet den Fluß [nahar], den Gott der Großen?

40 Habe ich nicht Tunnan (tnn) angebunden

habe ich <nicht> ... ihm/r geöffnet?

41 Ich habe abgeknickt die sich windende Schlange (bṯn ‛qltn),

42 die Mächtige mit sieben Köpfen! (šlyṭ d šb‛t r’ašm)

43 Ich habe abgeknickt den Geliebten Els, Arisch,

44 ich habe vernichtet das Stierkalb Els, Atik.“

(Übersetzung: Dietrich / Loretz, 1142f.; vgl. Smith / Pitard, 247-249)

In dieser Passage sind neben dem Meergott Jammu eine Reihe ans Wasser gebundener Feinde des Wettergottes Baals vereint, gefolgt von Feinden zu Land (Z. 45-47a: Kalb, Hund, Verlangen, Flamme / Feuer). Darunter befindet sich auch ein Wesen namens Tunnan. Die Begriffe Tnn, bṯn, šlyṭ sind entweder als Eigennamen für mehrere Helfeshelfer Jammus oder aber als Epitheta des Gottes Jammu gedeutet worden (Løkkegaard, s. das Fragment KTU 1.83; dazu Smith / Pitard, 2009, 251-258).

Smith / Pitard tendieren aber dazu, die entsprechenden Begriffe in KTU 1.3. iii in Z. 38-40 als Epitheta für Jammu und in Z. 41f. als solche für Tunnan zu deuten und somit von zwei beschriebenen, ans Wasser gebundenen Wesen auszugehen. Die in Z. 40 in Zusammenhang mit Tunnan verwendeten Verben šbm „überwältigen“ und šmd / ṣmd „einen Maulkorb bzw. Zaumzeug anlegen“ sind zwar Gegenstand der Diskussion (Hutton), doch ist der Vorgang der Unterwerfung des Monsters durch Anat deutlich herausgestellt (vgl. Smith / Pitard, 2009, 258f.). Die Szene erinnert an die Behandlung → Leviatans in Hi 40,25f. (Hutton, 82f.), der in Jes 27,1 ebenfalls das Epitheton „flüchtige“ (נָחָשׁ בָּרִחַ) und „sich windende Schlange“ (נָחָשׁ עֲקַלָּתוֹן nāḥāš ‛ǎqallātôn) trägt (vgl. bṯn ‛qltn in Z. 41; semantisch identisch baṯna bāriḥa „flüchtige Schlange“ und baṯna ‛qltn „sich windende Schlange“ als Epitheton für Lotan [ltn] in KTU 1.5. i, 1-3). Dass für Lotan und Tunnan dieselben Epitheta eingesetzt werden, lässt beide Wesen miteinander identifizieren (Smith / Pitard, 2009, 258). Das ugaritische Nomen bṯn „Schlange“ oder akkadisch bašmu „schlangenhaftes Ungeheuer“ (En.el. I,141; II,27; III,31.89; s.u. 1.2.) ist des Öfteren zur Charakterisierung von mitkämpfenden Wesen im Chaoskampfkontext belegt (Smith / Pitard, 2009, 249f.). Der in Z. 43 genannte Arisch begegnet ein weiteres Mal in dem Fragment KTU 1.6. vi, 51 neben Tunnan, als Wesen im Meer (vgl. Dan 7,1-7 für die Beschreibung mehrerer Land- und Seeungeheuer im Meer; dazu Smith / Pitard, 2009, 259f.). Erwähnenswert ist außerdem die semantische und motivliche Nähe der Z. 41f. (vgl. KTU 1.5. i,1-3.27b-30a) mit Jes 27,1 (s.u. und → Chaos, Chaoskampf).

1.2. Enuma Elisch

Im sogenannten babylonischen Weltschöpfungsepos Enuma Elisch (= En.El.) kommt der Begriff Tannin nicht vor, doch findet sich hier synonym mit den ugaritischen Texten akkadisch bašmu „schlangenhaftes Ungeheuer“ (En.El. I,141; II,27; III,31.89). Das prominenteste dieser Wesen ist die Urgöttin → Tiamat, die als wässrige Masse, monsterhaftes Wesen oder auch anthropomorph beschrieben ist. Sie begegnet immer wieder im „Chaoskampfkontext“ und wurde mit einzelnen Figuren verglichen. Hermann → Gunkel (1921, 21-30) hat einen Kampfmythos rekonstruiert, der in En.El. in einer literarischen Adaptation begegnet, die zu einer „Sage“ ausgestaltet ist, sonst aber vor allem in poetischen biblischen Texten zu finden ist. Zentral ist En. El. IV, 144; V, 61-64 (TUAT III/4, 587-589), wo geschildert ist, wie der babylonische Gott → Marduk den Leichnam der Tiamat in zwei Hälften teilt und daraus den Kosmos gestaltet (vgl. Bauks, 1997, 251-267; → Chaos, Chaoskampf 3.1.1. und → Tiamat 4.2.). Entscheidend ist das Motiv des Schlachtens sowie des Transformierens der als Monster gezeichneten Urgöttin, um aus ihr die Weltordnung zu schaffen. Daraus folgt nämlich, (1.) dass das Chaotische stets präsent ist und die geschaffene Ordnung somit verletzbar ist, und (2.) dass ein Spannungsverhältnis zwischen dem zerstückelten Monster und der Schöpfung besteht, indem der Körper in ein kosmisches Moment transformiert ist (vgl. Marzouk, 2015, 71-74.193). Zerstückeln und Transformieren bilden somit eine wichtige Voraussetzung für die Etablierung der Schöpfungsordnung und ihren Erhalt.

2. Tannin im Alten Testament

Die überschaubare Anzahl an Belegen für Tannin im Alten Testament (s. den Überblick bei Wakeman, 68-70, die 10 Stellen listet) lässt sich in vier Gruppen untergliedern. Die erste Gruppe bilden die mythisch anmutenden Belege, die das Wesen in der Urzeit (Schöpfung) oder Endzeit (Eschaton) situieren. Die zweite Gruppe vereint diejenigen, in denen das Monster eine historische Person (König) oder ein Volk symbolisiert. Die dritte Gruppe setzt sich aus recht verschiedenartigen Belegen zusammen, die sich in ihrer Ausrichtung der mythischen wie der geschichtlichen Zeit entziehen und stattdessen konkrete Dinge benennen (Day spricht hier von „Naturalisierung“ – er teilt die Belege für Ungeheuer wie Leviatan, Behemot, Tannin u.a. in die vier Themenfelder Schöpfung, mutmaßliche Naturalisierung, Historisierung und Eschatologisierung ein).

Das Nomen תַּנִּין tannîn ist durch Artikel determiniert (vgl. Jes 27,1; Ez 29,3) und auch im Plural gebräuchlich (Gen 1,21; Dtn 32,33; Ex 7,12). Angesichts der mythischen Wesen mit den Namen → Leviatan (Ps 74,13; Jes 27,1) und → Rahab (Jes 51,9) kann auch Tannin als Name eines eigenständigen Wesens gedeutet werden. Auf der anderen Seite kann תַּנִּין tannîn durchweg als generischen Terminus für „Urzeitmonster“ verstanden werden. Leviatan und Rahab können dann als zwei Eigennamen eben dieses Monsters gelten, so dass die drei Begriffe dasselbe Wesen bezeichnen (so Wakeman, 77f.; → Rahab 1.3.). Anders beschreibt Gunkel den „Drachen im Meer“ als ein Leviatan oder Rahab untergeordnetes Wesen. „Wenn also Rahab und Leviathan mythische Personifikationen der תהום [təhôm „Urmeer“; Gen 1,2 vgl. Ps 74,13f.; Hi 9,13] sind, so haben wir die Drachen als Personifikationen der תהמות [təhomôt Pl.], der Wogen des Meeres Ps 89,10, anzusehen“ (1921, 69). Tannin begegnet aber auch als eigenverantwortliches Wesen im Meer in der Gewalt JHWHs (Hi 7,12; s.u. 2.1.4.).

2.1. Tannin in den mythischen Bezügen von Urzeit und Endzeit

2.1.1. Gen 1,21

Die Erschaffung der „großen Meerestiere“ in Gen 1,21 (determiniert und im Plural; vgl. Dtn 32,33; Ex 7,12) stellt in zweifacher Weise eine Besonderheit dar: zum Einen begegnet die Benutzung des Nomens תַּנִּין tannîn hier im Plural, zum Anderen ist das Schöpfungsverb ברא bara’ verwendet (→ Schöpfung), das neben der Überschrift (Gen 1,1; vgl. Gen 2,4a) nur hier und im Kontext der Menschenschöpfung (Gen 1,27) verwendet ist und so die außerordentliche Bedeutung der Tierschöpfung neben der Menschenschöpfung für die Besiedlung des Lebensraums betont. Wie die übrigen Lebewesen unterstehen auch die Tanninim dem göttlichen Segen. Seit Gunkel wurde ihre mythische Bedeutung und Herkunft immer wieder hervorgehoben. Doch wirken die großen Seeungeheuer in der Erzählung wie ein Relikt aus älteren Traditionen von Schöpfung (Gunkel, 1917, 110; vgl. 120-128 zum Verhältnis von Drache und Urzeit in Gen 1,2.6f. [Tiamat] → Urmeer; Batto, 81-84). Während die übrigen Lebewesen durch einen Kollektivplural (Pluraletantum) eingeführt sind, liegt für die „großen Wassertiere“ ein echter Plural vor, vielleicht ein Intensitätsplural, der einen mythischen Rest andeutet (Bauks, 2018, 121 zu Joüon-Muraoka, Grammar of Biblical Hebrew §136). Die priesterschriftliche Erzählung (→ Priesterschrift) hat die Tanninim eingefasst in das Schöpfungswerk und ihnen so jegliche Gefahr für die Schöpfung abgesprochen, was zuletzt Gertz dazu brachte, sie in Gen 1,21 naturalisiert als „große Seeschlangen“ zu bezeichnen (Gertz, 58; s.u. 2.3.).

2.1.2. Ps 74,13-14

Der Abschnitt von Ps 74,12-17 enthält die hymnische Proklamation von → Gottes Königtum von alters her, die mit einem Bekenntnis (V. 12) und folgender Begründung eröffnet: JHWHs Gottkönigtum beruht nachhaltig darauf, dass Gott das Meer gespalten (→ Exodus), den Tanninim die Köpfe zerschmettert und dem Leviatan die Köpfe abgeschlagen hat (V. 13-14f.), bevor die Schöpfungsordnung ausgeformt und für den Erhalt ausgerüstet wurde (V. 16-17). Die Vorstellung erinnert stark an die Überwindung, Tötung und Ausschlachtung der Tiamat, um aus ihren Resten die Weltordnung zu schaffen (En.El. IV, 144; V, 61-64; TUAT III/4, 587-589; s.o. 1.2.). Möglicherweise handelt es sich bei Leviatan und Tannin gar nicht um zwei unterschiedene Wesen, sondern um ein und dasselbe, wie es die Paralleldarstellung der gleichnamigen Wesen Lotan und Tunnanu in KTU 1.5. i,2-3 nahelegen könnte (vgl. Smith, 258). Doch sind alle diese Identifizierungsversuche letztlich nicht – zumal für alle Belege – nachweisbar.

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 1 Ein Drache (hier eine siebenköpfige Schlange) bedroht als Chaoswesen die göttliche Heilsordnung. Die Götter bzw. der irdische König als deren Stellvertreter müssen das Chaos in Zaum halten (Rollsiegel; Tell Asmar; 3. Jt.).

Die Darstellung der Urgeschichte ist mythisiert, impliziert damit aber zugleich Gültigkeit für die erlebte Gegenwart. Von den beiden zitierten Bezeichnungen für Wasserungeheuer ist eines ein Eigenname im Sg., das andere ein Nomen im Pl. (V. 13f.), die beide im Parallelismus nebeneinander genannt sind (→ Chaos, Chaoskampf 3.2.1.). Folglich sind die Tanninim als dem Leviatan bei- oder untergeordnete Wesen gedacht. Sie repräsentieren in mythischer Sprache, worin der Sieg JHWHs über die Feinde in der Vergangenheit bestand, und wie den Menschen, die den Unruhen der Exilszeit ausgeliefert sind, konkrete Hoffnung zukommt, ohne dass historische Bezüge expliziert wären (Zenger, 2000, 361).

2.1.3. Ps 148,7

In dem → Hallel von Ps 148 sind Anleihen an die Schöpfung zur Begründung des Gotteslobs vom Himmel (V. 1b) und von der Erde her (V. 7a) entfaltet. Dem zweiten Bereich sind auch die Meerungeheuer (תַּנִּינִים tannînîm) und alle ihre Tiefen (תְּהֹמוֹת təhomôt) zugewiesen (Niehr, 1995, 718 sieht darin einen Hinweis auf die Unterwelt). Anders als in Gen 1,6-8 (Himmelsozean) geht es in V. 7 um die Wasser unterhalb des Firmaments (vgl. Gen 1,9-10; Ps 104,6-9), die in anderen literarischen Kontexten die Erdscheibe umfließen und die Weltordnung weiterhin bedrohen (vgl. Ps 93,3). In diesem Psalm sind sie nicht nur durch Gottes Ordnung für immer gesichert (V. 6) und von Gottes Hoheit über Himmel und Erde definiert (V. 13b). Die Wasserungeheuer und Urmeertiefen werden zudem gar nicht mehr als Gefahr erkannt, sondern sind wie alle kosmischen Elemente zum Gotteslob aufgerufen (V. 7b) (Zenger, 2008, 848f.; vgl. Bauks, 2018, 122).

2.1.4. Hi 7,12

In Hi 7,12 vergleicht → Hiob seinen Status vor Gott mit dem eines durchaus wirkmächtigen Meerungeheuers, das als Wesen (תַּנִּין tannîn) mit dem Meer (הַיָּם hajjām) identifiziert gedacht ist, anhaltend die Welt gefährdet und deshalb einer Wache durch Gott bedarf. Hiob nutzt das Mythem, um sich so in seiner konkreten Lage als Opfer des gewaltvollen Eingreifens JHWHs zu beschreiben, wie es weiterhin aus den Belegen des gefesselten (Hi 40,25-29; 11Q TargHiob 10,35,4 verwendet hier tannîn) oder durch Beschwörung befriedeten Leviatan (Hi 3,8) bekannt ist. Das Meer und seine Bewohner sind als für die Weltordnung potenziell gefährlich gezeichnet, die von der göttlichen Macht in Zaum gehalten werden müssen. Und genau diesen Chaosfiguren fühlt sich der Mensch Hiob zu Unrecht gleichgesetzt und um angemessene Behandlung durch Gott betrogen, was er schließlich zur Anklage bringt. Sein persönliches Leid erhält durch die mythisierende Bildsprache universelle Bedeutung (vgl. Fuchs, 1993, 12f.73f.283f.; Bauks, 2008, 114f.).

2.1.5. Jes 27,1

In dem ergänzenden Kommentar zur → Jesajaapokalypse (Jes 24-26) in Jes 27,1, begegnet die Chaosmotivik in einer deutlich eschatologischen Perspektive (→ Eschatologie). Tannin ist hier (wiederum determiniert) neben Leviatan und anderen Wasserungeheuern genannt. Bis in die Semantik hinein fällt die große Nähe der Schilderung zu KTU 1.3. iii, 40-44 (KTU 1.5. i, 1ff.) auf (s.o. 1.1.). Man kann die Transposition des Chaoskampfmotivs in die Zukunft als Metapher einer ultimativen Theophanie bezeichnen (Mettinger, 1985, 33). Der Text präsentiert das → Urmeer und die Chaosdrachen → Leviatan, die flüchtige bzw. gewundene Schlange (V. 27aâ) und den Tannin im Meer (V. 27b) als Symbole einer widergöttlichen Macht, die zwar mit den irdischen Feinden JHWHs verglichen werden kann, aber letztlich erst in eschatologischer Zeit Vernichtung erfährt (vgl. 1Hen 60,24f.; 4Esr 6,52; ApBar 29,4). Das göttliche Strafgericht wird als Sieg über die Chaosmächte dargestellt. Erde (Jes 26,21) und Meer (Jes 27,1) unterstehen der göttlichen Herrschaft (vgl. Ps 74,12-14; Ps 89,10-11; Ps 104,6-7; Jes 51,9; Hi 26,12-13 z.T. ohne Tannin). Die aktuelle exegetische Forschung geht davon aus, dass es sich bei der Eschatologisierung um ein jüngeres Phänomen handelt (Beuken, 2007, 367f.388) und nicht etwa um eine ursprünglich eschatologisch ausgerichtete, mythische Tradition (so Gunkel, 1921, 86f.).

2.2. Tannin mit historischen Bezügen

2.2.1. Jesaja

Anders als Jes 27,1 mit seiner universalisierenden Sicht nimmt Jes 51,9-11 eine historisierende Perspektive ein. Zwar zielt der dreifache Weckruf „Wach auf!“ auf die Akklamation des Gottkönigtums und bedient sich durchaus mythischer Vorstellung und Sprache, doch spielt die Semantik zugleich auf die Gegenwart der Exulanten an, denen ähnlich wie beim Exodus aus Ägypten ein neuer Auszug in Aussicht gestellt wird (V. 11b). Wie Gott zu Beginn Rahab zerhackte, Tannin durchbohrte und das Meer bzw. die Wasser der Urflut trockenlegte, um die Welt zu schaffen, so engagierte er sich auch mit seinem starken Arm für den Exodus, um für Israel in der Geschichte erfahrbar zu sein (→ Exodustradition). Wie in der Urzeit so vermag Gott auch in der Jetztzeit die gefährlichen Ungeheuer zu besiegen. Tannin begegnet neben Rahab und dem Meer bzw. den Wassern der großen Urflut, die Gott anhaltend besiegt, um seinem Volk Leben zu schaffen. Mythos und Geschichte bilden hier eine Osmose (Berges, 2015, 154). Inwieweit die Rückkehr der Exulanten aus Mesopotamien oder aber – wegen der Exodusanspielung – aus Ägypten avisiert ist, bleibt offen (vgl. Niehr, 1995, 719).

2.2.2. Jeremia

In Jer 51,34 dient Tannin (vgl. V. 36) der Beschreibung des babylonischen Königs → Nebukadnezar II. als ein Drache, der Juda verschlingt, tötet und entleert. Es handelt sich um eine offensichtlich historisierende Variante des Chaoskampfmotivs, die mittels der mythisierenden Sprache sehr aufgeladen wirkt: Angesichts der Exilsituation dient die Semantik dazu, das Opfer, Juda, in seiner aussichtslosen Position gegenüber Babylon darzustellen. Es war dem Monster ausgeliefert, aber die Umkehrung der Situation wird in dem nachfolgenden Vers in Form eines göttlichen Strafgerichts gegen Babylon vorhergesagt (V. 35) (Marzouk, 2015, 19.41f.).

2.2.3. Ezechiel

Tannin (hier: תַּנִּים tannim; jedoch nicht abzuleiten von תַּן tan „Schakal“ [Pl.]; s. auch eine hebräische Handschrift, → Septuaginta und → Targum für die andere Schreibung) findet sich zweifach zu Beginn und am Ende eines Fremdvölkerorakels gegen Ägypten (Ez 29,1-5; Ez 32,1-8). In Ez 29,3 und Ez 32,2 symbolisiert der im → Nil lagernde Tannin deutlich den Pharao. Welches Tier sich hinter der Bezeichnung genau verbergen mag, ist umstritten: ein mythisches Monster bzw. ein Drache (Day 1985, 93-95) oder aber ein Krokodil bzw. Nilpferd (Zimmerli, 111.159; Greenberg, 1983, 601.651), welches zu dem Lokalkolorit des Orakels gut passen würde. Im ersten Fall ginge es um Universalisierung des noch bevorstehenden „Chaoskampfes“ (→ Chaos, Chaoskampf), im zweiten um eine geographisch angepasste Tiersymbolik, die die Entmythisierung der ehemals mythischen Figur beabsichtigt. Für Letzteres spricht, dass Pharao eine reale Größe in der Geschichte Judas in spätvorexilischer Zeit darstellte. So lässt z.B. → Psammetich II. das verbündete Juda im Stich und trägt damit zur ersten Exilierung durch die Babylonier bei (→ Exil). Allerdings ist die Gegenüberstellung von „Mythos“ und „Geschichte“ auch hier nicht als Gegensatz konstruiert, da im altorientalischen Weltbild Mythos und Geschichte miteinander verbunden sind (→ Mythos). Einerseits kann ein historisches Ereignis mythologische Implikationen beinhalten, andererseits kann das mythologische Weltbild genutzt werden, um historische Vorgänge zu erklären. D.h. es ist kein Widerspruch, einen konkreten Pharao im Blick zu haben und das Orakel mittels der Datierung in einer sehr konkreten historischen Situation zu verorten, um das Einschreiten Gottes dann doch in kosmologischer bzw. mythologischer Sprache zu beschreiben (Marzouk, 2015, 159f. mit Hinweis auf Weissert zu altorientalischen Parallelen z.B. in Anspielungen auf Enuma Elisch in neuassyrischen Königstexten). Folglich ist Ägypten in dem gegebenen historischen Kontext als ein monstruöses Wesen gezeichnet, das ähnlich einem Krokodil im Nil lauert und den Raum kontrolliert. Pharao mimt zwar den Schöpfer und Besitzer des Flusses und seiner Flussarme (Ez 29,3), wird dann aber von JHWH gefangen, in die Wüste geschleppt und zerstückelt (V. 4), um den Tieren zum Fraß vorgesetzt zu werden (V. 5). In Ez 32,1-8 nimmt die politische Katastrophe kosmische Dimension an. Hier ist nicht nur die Rede davon, dass Ägypten wie Tannin im (kosmischen) Meer und in seinen Strömen von Gott in einem Netz gefangen (vgl. En.El. IV, 95; Gunkel, 1916, 76; Greenstein, 206f.215) und den Tieren vorgesetzt wird (V. 2f.), sondern es treten Umstände auf, die das enorme Massaker (V. 5-6) durch außerordentliche meteorologische Erscheinungen begleiten (Sonnen-, Mondfinsternis in V. 7f.). Insbesondere von Jes 51,9-10 oder Ps 74,13 herkommend lassen sich diese Beschreibungen als ein kosmischer Chaoskampf verstehen, dessen letzter Sieg dann geradezu eschatologische Züge annimmt (Jes 27,1). JHWH selbst stellt sich dem „großen Tannin“ als Feind entgegen und reißt ihn aus seinem angestammten Herrschaftsbereich heraus (Jes 29,2f.).

Eine Stelle aus dem Psalter ist unsicher: In Ps 44,20 lässt sich sinngemäß entweder Schakal oder Tannin lesen (hier: תַּנִּים tannim; s.o. zu Ez 29,3; Ez 32,2). Entweder handelt es sich um einen als wüstenhaften Außenbereich beschriebenen Platz (Ort der Schakale, bedeckt mit Finsternis) oder es geht um eine mythisierte Urzeitschilderung (Tannin und Finsternis), die auf Babylon, Ägypten oder Assyrien als historische Gegner anspielen könnte, welche Israel „zermalmen“ (דכה dkh; vgl. Ps 89,10) und mit Finsternis bedecken (Heider, 1999, 836; vgl. auch Wakeman, 1973, 73; Day, 1985, 139). Ein weiteres Mal begegnet תַּנִּין tannîn in der Notschilderung über den Untergang Jerusalems und die Folgen für die Kinder in Klgl 4,3-5. Auch hier dürfte allerdings anstelle des Sg. „Ungeheuer“ der Plural „Schakale“ (תַּנִּים tannîm) zu lesen sein, ein Tier, das perfekt in die Schilderungen eines chaotischen Bereichs in Parallele zu den Straußen (V. 3b) passt (gegen LXX; vgl. Koenen, 2015, 302f.).

2.3. Tannin mit konkretem Bezug

Die erste Passage, die weder auf eine historisierende Metapher noch auf ein mythisches Wesen hindeutet und der zudem der bislang typische wässrige Bezug fehlt, findet sich in Ex 7,8-13. Es geht hier um einen Zauberwettstreit zwischen → Aaron und den ägyptischen Magiern (→ Magie 3.1.), die als ritualsymbolische Mittler auftreten und das Handeln JHWHs bzw. des zugehörigen Gottes operationalisieren. In einem Demonstrations- oder Erweiswunder (מוֹפֵת môfet) verwandelt sich ein Stab (vgl. auch Ex 14,16 für die Meeresteilung) in eine Schlange, um die Schlangen der ägyptischen Zauberer zu verschlingen (Ex 7,9f.12). Diese erste Begebenheit des priesterschriftlichen Plagenzyklus verwendet anders als die Parallele in Ex 4,3 (נָחָשׁ naḥaš; vgl. aber Ex 7,15) תַּנִּין tannîn zur Bezeichnung der Schlange, doch ist der „mythische Rest“, ähnlich wie in Gen 1,21, bestenfalls sehr vage zugegen dank des Umstandes, dass es sich um ein göttliches Erweiswunder handelt, das durchaus auch an göttliches Handeln in mythischer Vorzeit erinnern könnte. Doch zeigt die Schlange keinerlei Macht oder Eigeninitiative (vgl. Wakeman, 1973, 77f.). Ob die Nähe zu Ägypten an ein Flussreptil denken lässt, ist im Text zumindest nicht weiter expliziert, grundsätzlich aber denkbar.

Im sogenannten Moselied (→ Lieder außerhalb des Psalters 5.14.), das ein paar mythisierende Reminiszenzen aufweist (vgl. Dtn 32,8Monotheismus 3.1.), begegnet das Nomen תַּנִּין tannîn in einer Feindschilderung (Dtn 32,33). Es ist eindeutig naturalisiert verwendet, denn es geht um Schlangengift (חֲמַת תַּנִּינִם ḥamat tannînim), welches mit dem feindlichen Wein aus Sodom assoziiert wird und als Metapher für die religiöse Verdorbenheit der Feinde steht sowie den kulturellen Austausch (Inkulturation), der Israel zu verseuchen droht (vgl. Wüste, 80-82). In Qumrantexten wie 1Q Ha XIII,10.27 (vgl. 4Q 429,1,III,9) oder im Damaskus Dokument (CD A 8,9; B 19,22-23) stellt sich der Gerechte den Königen der Völker wie den Frevlern und vom Bund Abtrünnigen entgegen. Dtn 32,33 zitierend werden diese als תַּנִּין tannîn „Drache“ oder dessen Gift und als → Belial hörig charakterisiert.

Auch in dem Vertrauenspsalm Ps 91 begegnet in V. 13 תַּנִּין tannîn recht konkret in einer dramatischen Schilderung „von einer Welt voll heimtückischer, unheimlicher, geradezu dämonischer Gefahren“, denen Bilder des Schutzes und siegreichen Kampfes JHWHs gegenübergestellt sind (Zenger, 2000, 622). Den Boten Gottes (Luther übersetzt hier → „Engel“) ist befohlen, den Beter zu beschützen und ihn auf Händen zu tragen, damit sein Fuß nicht an einen Stein stoße (V. 12). Dieser „Stein“ ist dann in V. 13 geradezu szenisch entfaltet, wenn der Beter über Otter, Löwe, Junglöwe und Drachen (תַּנִּין tannîn) schreiten muss (vgl. auch V. 5-6). Es schließt direkt die Heilszusage Gottes an, dass er denjenigen, der sich an ihn hält, rettet und zum Heil führt (V. 14a.16b). Dieser Motivkomplex wie der gesamte Psalm ist in 11Q apocrPs VI,2-14, bes. 12, zitiert.

In Neh 2,13 ist das Nomen in einer topographischen Bestimmung für den Namen einer Quelle bei Jerusalem („Drachenquelle“: עֵין הַתַּנִּיןên hattannîn) verwendet, die mit der Rogelquelle identisch sein könnte (dazu Niehr, 1995, 719).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992 („Dragon and Sea“)
  • Theologisches Handwörterbuch zum Alten Testament, 5. Aufl., München / Zürich 1994-1995
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • Dictionary of Deities and Demons in the Bible, 2. Aufl., Leiden 1999
  • Theologisches Wörterbuch zu den Qumrantexten, Stuttgart u.a. 2011ff

2. Weitere Literatur

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  • Bauks, M., 1997, Die Welt am Anfang. Zum Verhältnis von Vorwelt und Weltentstehung in Gen 1 und in der altorientalischen Literatur (WMANT 74), Neukirchen-Vluyn.
  • Bauks, M., 2008, Der eine Schöpfer und die anderen. Die Motive von Schöpfung und Chaos als Hinweise auf die Transformation des Gottesbildes im Hiobbuch, in: L. Bormann (Hg.), Schöpfung, Monotheismus und fremde Religionen. Studien zu Inklusion und Exklusion in den biblischen Schöpfungsvorstellungen (BThSt 95), Neukirchen-Vluyn, 99-124.
  • Bauks, M., 2018, Gottesbild und Menschenbild. Zum Spannungsverhältnis von priesterschriftlichem Monotheismus und mythischen Versatzstücken in Gen 1, in: J. van Oorschot / A. Wagner (Hgg.), Gott und Mensch im Alten Testament. Zum Verhältnis von Gottes- und Menschenbild (VWThG 52), Leipzig, 105-122.
  • Beuken, W.A.M., 2007, Jesaja 1-27 (HThKAT), Freiburg.
  • Berges, U., 2015, Jesaja 49-54 (HThKAT), Freiburg.
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Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Ein Drache (hier eine siebenköpfige Schlange) bedroht als Chaoswesen die göttliche Heilsordnung. Die Götter bzw. der irdische König als deren Stellvertreter müssen das Chaos in Zaum halten (Rollsiegel; Tell Asmar; 3. Jt.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

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