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Lexikon

Lud / Luditer

Andrea Spans

(erstellt: Juli 2017)

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Die Völkertafel in Gen 10 unterscheidet zwischen dem semitischen Stamm Lud (Gen 10,22) und dem hamitischen Stamm der Luditer (Gen 10,13). Die unterschiedliche Abstammung lässt an zwei verschiedene Fremdvölker denken, doch dürften mit Lud die Lydier in Kleinasien gemeint sein, mit Luditer dagegen – wie außerbiblische Referenzen nahelegen – Menschen, die aus Lydien stammen, aber in der Mitte des 7. Jh.s v. Chr. in Ägypten lebten und dort im ägyptischen Heer eine Söldnergruppe bildeten. Eine trennscharfe Unterscheidung zwischen beiden Gruppen ist folglich nicht möglich.

1. Name und Herkunft

Lud (hebr. לוּד Lûd; griech. Λουδ Lud) ist ein in der → Völkertafel und bei den Schriftpropheten belegter Personenname (Gen 10,22 [par. 1Chr 1,11]; Jes 66,19; Ez 27,10), der, als Toponym verstanden, auf eine Region und / oder, als Ethnikon verstanden, auf ein Fremdvolk bezogen werden kann. Die Pluralbildung Luditer (hebr. לוּדִים Lûdîm; griech. Λουδιμ Ludim) ist ein Volksname im eigentlichen Sinne und findet sich ebenfalls in der Völkertafel sowie bei den Schriftpropheten (Gen 10,13 [par. 1Chr 1,17]; Jer 46,9; Ez 30,5).

Die Singular-Plural-Differenz in der Völkertafel (Lud in Gen 10,22; Luditer in Gen 10,13) hat zur Identifikation unterschiedlicher Völker und zu unterschiedlichen Lokalisierungen eingeladen, zumal sich die genealogische Zuordnung von singularischem Lud und pluralischem Luditer unterscheidet. So steht folgende These im Raum: Während Lud als Nachfahre Sems die Lydier in Kleinasien bezeichne, seien die Luditer als Nachfahren → Hams und vor allem als Nachfahren Mizrajims (hebr. für Äygpten) in Afrika, wenn nicht gar in Ägypten selbst, anzusiedeln. Damit würde die Differenz in der Form bei in der Grundform identischem Namen (Luditer als Plural von Lud) zwei Fremdvölker in zwei unterschiedlichen Siedlungsgebieten annehmen lassen. Diese These ist für die alttestamentliche Überlieferung an der Wahrnehmung Luds bzw. der Luditer in den Einzelbelegen zu prüfen.

Nach Görg (2000, 32) sind mit Lud nicht die Lydier gemeint. Er will Lud von ägypt. rwd „Seite“ ableiten und auf die Randbewohner des Nildeltas beziehen.

2. Biblische Überlieferung

Die Völkertafel der Genesis enthält in kanonischer Perspektive jeweils den ersten Beleg für den Singular Lud (Gen 10,22) und den Plural Luditer (Gen 10,13). Die Annahme zweier Fremdvölker unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichen Siedlungsgebieten entspricht durchaus der theologischen Programmatik dieses Textes am Ende der Urgeschichte: Lud und Luditer sind beide noahitischer Herkunft (→ Noah) und damit zwei Mitglieder der einen, von Jhwh geschaffenen Menschheitsfamilie (Grimm 2006, 1428). Folglich ist das Nebeneinander von Singular- und Pluralform nicht nur das Ergebnis einer grammatischen Diversifizierung, die der Unterschiedenheit zweier Fremdvölker Rechnung trägt; vielmehr ist die Singular-Plural-Differenz eingebettet in die theologische Konzeption, die Vielheit der Völker an Noah als gemeinsamen Ahnherrn zurückzubinden und über genealogisch elaborierte Herkunftszusammenhänge in der einen Schöpfung Jhwhs zu verankern.

Die Singular-Plural-Differenz korreliert mit literarkritischen Erwägungen zur Quellenscheidung in Gen 10. Der Singular Lud und die genealogische Ableitung von Sem in Gen 10,22 ist dem dreigeteilten priesterschriftlichen Grundbestand (Gen 10,1; I: Gen 10,2-4a.5; II: Gen 10,6-7.20; III: Gen 10,22-23.31; → Priesterschrift) zuzuordnen, der einheitliche Sprachformen aufweist, u.a. nämlich die singularische Nennung der einzelnen Völker (Witte, → Völkertafel 2.1.). Demgegenüber ist der Plural Luditer und die genealogische Ableitung von Ham einer der nachpriesterschriftlichen Redaktionen zuzuordnen, die mit unterschiedlichen Vorlagen operierten, um „die priesterschriftliche Völkertafel systematisch zu aktualisieren und an den narrativen Kontext anzupassen“ (Witte, → Völkertafel, 2.2.). Im Lichte der Quellenscheidung gewinnt also die Unterscheidung zweier Fremdvölker weiter an Plausibilität. Weiterhin ungeklärt jedoch ist die sprachlich eindeutige Verbindung zwischen Lud und Luditern.

Die als „Söhne Mizrajims“ ausgewiesenen Volksgruppen in Gen 10,13-14 deuten insgesamt auf Siedlungsgebiete in und um Ägypten hin. So kann bei aller Strittigkeit in Fragen der Identifizierung und Lokalisierung im Einzelnen für die „Söhne Mizrajims“ insgesamt folgender Konsens gelten: „daß die Liste regionale Bevölkerungsnamen aus dem ‚Stammland‘ Ägypten zusammen mit Namen fremder Bevölkerungsteile anbietet, die jedoch in eine tradierte Berührung mit Ägypten gekommen sein sollen, um so als genetisch mit Ägypten verbundene Volksgruppen empfunden werden zu können“ (Görg 2000, 24). Allochthone Volksnamen in der Liste der „Söhne Mizrajims“, so auch die Erwähnung der Luditer, erklären sich aus der Präsenz fremdstämmiger Bevölkerungsgruppen in Ägypten selbst. In dieser Perspektive erschließt sich die Differenz zwischen singularischem Lud und pluralischen Luditern wie folgt: Lud bezeichnet die Lydier in Kleinasien, während die Luditer eine lydischstämmige Bevölkerungsgruppe in Ägypten repräsentieren; näherhin ist an lydische Söldner zu denken, die im Heer des Pharaos gedient haben (Lipiński 1992, 150; Görg 2000, 31). Zugleich hebt dieser Befund die o.g. Differenzierung zwischen kleinasiatischem Lud und ägyptischen Luditern ein Stück weit auf. So stehen die Singular-Plural-Differenz und die Unterschiede in der genealogischen Ableitung nicht so sehr für zwei unterschiedliche Fremdvölker als vielmehr für zwei Wahrnehmungen ein und desselben Volkes, nämlich der Lydier: einmal als Fremdvolk und Bewohner Kleinasiens, dann als lydische Söldner in Ägypten. In der Mitte des 7. Jh.s v. Chr. lässt sich das Auftauchen lydischer Söldner im ägyptischen Heer verifizieren, die → Psammetich I. gegen seine Rivalen im Kampf um das Pharaonenamt unterstützten (Zimmerli 1969, 643; Lipiński 1992, 150). Die Völkertafel drückt diese politische Allianz als genealogischen Zusammenhang aus. Die unterschiedliche Herkunft einerseits und der genealogische Zusammenhang andererseits belegen die aspektivische Wahrnehmung eines Fremdvolkes, der Lydier, in der alttestamentlichen Überlieferung.

Die prophetischen Belege teilen sowohl die Wahrnehmung der Luditer als Kriegsleute als auch ihre Verbindung zu Ägypten, und zwar unabhängig von der Singular-Plural-Differenz der Völkertafel. Im universalen Panorama, das Jes 66,19 für die Sendung der Geretteten vorsieht, repräsentiert Lud (im Singular!) eine der vier Weltgegenden. In der Zusammenstellung mit → Put erfolgt eine Orientierung nach Süden, wobei näherhin an die Region Nordostafrika zu denken ist (Zapff 2006, 440). Für sämtliche der hier genannten Völkernamen gilt jedoch, dass weniger die exakten geographischen Lokalisierungen als vielmehr ihre Entfernung einerseits und der Blick in alle vier Himmelsrichtungen andererseits von Bedeutung sind. So kommuniziert die räumliche Distanz die Jhwh-Ferne der Fremdvölker; zugleich kann Jhwhs Herrlichkeit durch Vermittlung der Geretteten eine weltumspannende Wirkung entfalten und auch die Fremdvölker erreichen (Höffken 1998, 252). Alle weiteren Belege sehen die Luditer und Lud als Kriegsleute (Jer 46,9 [Bogenschützen]; Ez 27,10; Ez 30,5), die, so zeigen insbesondere die Ägyptenworte in Jer 46,9 und Ez 30,5, mit Ägypten in Kontakt standen. Die Zusammenstellung → Kusch, Put und Lud gibt drei Söldnervölker zu erkennen, die im ägyptischen Herr kämpften.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

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