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Lexikon

Kalender (AT)

Matthias Albani

(erstellt: Nov. 2017)

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Chronologie innerhalb des AT; → Fest; → Jahreszeiten; → Jahrwoche; → Mond; → Sabbat; → Sonne; → Sterne / Sternbilder / Sterndeutung; → Tag / Tageszeiten; → Zeit / Zeitverständnis;

1. Kalender in Israel und seiner Umwelt

1.1. Grundsätzliches

Als Kalender bezeichnet man gemeinhin eine übersichtliche Darstellung von Tagen, Wochen und Monaten eines Jahres. Der Begriff Kalender ist etymologisch von den römischen Kalenden (lat. calendae) abgeleitet, womit der erste Tag des Monats im römischen Kalender bezeichnet wurde, der auch als Zahltag galt. Ein Calendarium war dementsprechend ein Verzeichnis der Kalenden. Im Laufe der Menschheitsgeschichte sind zahlreiche Kalendersysteme entstanden. Heute hat sich global gesehen vor allem der sog. gregorianische Kalender in internationaler Wirtschaft, Politik, Verkehr etc. durchgesetzt.

Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 18.11.2017

Abb. 1 Tierkreis von Beit Alpha.

Die verbindliche Strukturierung der Zeit ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit, damit wichtige gemeinsame Handlungen und Ereignisse im Zusammenleben der Menschen koordiniert ablaufen bzw. zeitlich geregelt werden können (Rituale, Feste, Jahreswechsel, Landwirtschaftszyklen, Versammlungstermine, Gerichtstage, Spiele, Gedenktage etc.). Wahrscheinlich ist in der Beobachtung der periodischen Erscheinungen am Himmel der Ursprung der kalendarischen Zeiteinteilung zu suchen. Besonders die Mondphasen haben schon lange vor der Entstehung der ersten Hochkulturen die Lebensrhythmen der Menschen bestimmt. So sind in vielen Sprachen die Bezeichnungen für „Mond“ und „Monat“ gleich oder verwandt. Auch der Wechsel der Jahreszeiten und der Tag-Nacht-Rhythmus in Abhängigkeit vom Sonnenlauf ist eine fundamentale menschliche Erfahrung. Schließlich hat man auch schon früh einen Zusammenhang zwischen dem jährlichen Kreislauf der Gestirne (Fixsternphasen) und jahreszeitlichen Ereignissen festgestellt. Das in den Naturerscheinungen beobachtete Phänomen der Periodizität hat man somit zur Strukturierung des Zeitstromes verwendet. Der in Analogie zum Kreislauf der Gestirne dargestellte Jahreskreis ist daher zum Symbol des Kalenders geworden, wie es etwa auf antiken Darstellungen des Tierkreises zu sehen ist. Im Kalender wird somit die Linearität des Zeitverlaufs astronomisch-zyklisch strukturiert.

Prinzipiell unterscheidet man vier verschiedene astronomische Kalendersysteme:

1.2. Lunar- oder Mondkalender

Dieser Kalender ist ausschließlich am Mondlauf orientiert und wird auch als ungebundener oder freier Mondkalender bezeichnet. Der Mond ist das Kalendergestirn par excellence, da die für jedermann sichtbaren Mondphasen besonders gut und zuverlässig zur Zeiteinteilung geeignet sind. Der synodische Monat – die Periode einer Mondphase – hat eine mittlere Länge von 29,53059 Tagen. Die 12 Mondmonate werden daher im Kalender abwechselnd mit 29 und 30 Tagen angeordnet, so dass sich eine Jahreslänge von 354 Tagen ergibt, also ca. 11 Tage kürzer als das Sonnenjahr. Da die genaue Länge des Mondjahres 354,3671 Tage beträgt, muss alle drei Jahre noch ein Schalttag eingefügt werden. Den Monatsbeginn markiert die erste Beobachtung der Neumondsichel am Westhorizont in der Abenddämmerung. Ein heute noch praktizierter ungebundener Lunarkalender ist der islamische Kalender. Da in diesem religiösen Kalender kein Ausgleich mit dem Sonnenjahr (Interkalation) vorgenommen wird, wandern die Kalenderdaten in etwa 34 Jahren einmal rückwärts durch ein Sonnenjahr, z.B. der islamische Fastenmonat Ramadan.

1.3. Lunisolarkalender und Interkalation

Dieser Wandeljahreffekt wird im Lunisolarkalender bzw. gebundenen Lunarkalender durch die regelmäßige Einfügung von Schaltmonaten vermieden, wodurch eine Angleichung an das Sonnenjahr und an die Jahreszeiten erreicht wird. Dies ist besonders für von der Landwirtschaft geprägte Gesellschaften wichtig. Bei der einfachsten Schaltung fügt man alle drei Mondjahre einen zusätzlichen Schaltmonat ein, was allerdings noch relativ ungenau ist. Deshalb wurden bessere Schaltzyklen entwickelt, z.B. der 8-jährige Zyklus (Oktaeteris) oder der 19-jährige Zyklus (Meton-Zyklus). Bekannte Beispiele für heute noch praktizierte Lunisolarkalender sind der chinesische Mondkalender oder der jüdische Mondkalender, der auf biblische Zeiten zurückgeht (s.u. 2.3.3.).

1.4. Sonnenkalender

Dieser heute weltweit maßgebliche Kalendertyp orientiert sich am tropischen Sonnenjahr mit einer Jahreslänge von 365,2424 Tagen, welche die Erde für den Umlauf um die Sonne in Bezug zum Frühlingspunkt benötigt. Wenn man daher heute von „einem Jahr“ spricht, so meint man damit in der Regel die 365 Tage des Sonnenjahres. Die Differenz von ca. ¼ Tag pro Jahr muss durch regelmäßige Schaltungen ausgeglichen werden.

Als Wiege des Sonnenkalenders gilt das pharaonische Ägypten, in dem die Sonne unter verschiedenen Namen und Erscheinungsformen als höchste Gottheit verehrt wurde. Allerdings handelte es sich genau genommen nicht um einen Sonnenkalender, sondern um einen schematischen Kalender, da die Jahreslänge nur mit 365 Tagen berechnet wurde, so dass es zu einem Wandeljahreffekt kam (s.u. 1.5.). Erst der hellenistische Pharao Ptolemäus III. Euergetes verfügte im Dekret von Kanopus (238 v. Chr.) die Einschaltung eines zusätzlichen Tages aller vier Jahre zur Angleichung an das tropische Sonnenjahr. Allerdings wurde das Dekret von der konservativen Priesterschaft einfach ignoriert (Richards, 156f). Verwirklicht wurde diese Schaltungspraxis erst im Jahre 46 v. Chr. durch die Kalenderreform des Julius Cäsar, der den alexandrinischen Astronomen Sosigenes mit der Ausarbeitung der Reform beauftragt hatte. Dieser julianische Sonnenkalender galt nach einer weiteren Reform durch Kaiser Augustus im Jahre 8 v. Chr. fortan im römischen Reich und seit dem Konzil von Nizäa im Jahre 325 v. Chr. schließlich für die gesamte Christenheit. Da das julianische Jahr jedoch ca. 11 Minuten länger war als das tropische Sonnenjahr, summierte sich der Fehler im Laufe von 128 Jahren auf einen Tag. In der zweiten Hälfte des 16. Jh.s betrug der Fehler bereits 10 Tage, so dass Papst Gregor XIII. im Jahre 1582 eine weitere Reform des Sonnenkalenders anordnete. Dieser gregorianische Kalender gilt auch heute noch als der international verbindliche Sonnenkalender.

In der Bibel wird die Länge des Sonnenjahres von reichlich 365 Tagen nicht explizit genannt, was allerdings nicht bedeutet, dass sie nicht bekannt war. So wird die Lebensdauer des siebten vorsintflutlichen Urpatriarchen Henoch mit 365 Jahren (Gen 5,21f) angegeben. Da Henoch im Judentum als Begründer des jüdischen Kalenders galt (Jub 4,17ff), dem die „Herrschaft der Sonne“ von Engeln offenbart wurde (Jub 4,21; 1Hen 72-82), ist es wahrscheinlich, dass mit dieser Altersangabe eine Anspielung auf das Sonnenjahr intendiert ist. Allerdings soll das Sonnenjahr Henochs nach dem astronomischen Henochbuch (3. Jh. v. Chr.) und dem Jubiläenbuch (2. Jh. v. Chr.) nicht mit 365, sondern nur mit 364 Tagen Jahreslänge berechnet werden (s.u. 3.3.).

1.5. Schematische Kalendertypen

Aus Assyrien ist ein schematisches 360-Tage-Jahr bekannt, welches aus 12 Monaten zu je 30 Tagen bestand. In unregelmäßigen Abständen wurde ein 30-tägiger Schaltmonat zum Ausgleich mit dem Sonnenjahr eingefügt. Aus der astronomischen Keilschriftserie MUL.APIN (um 1000 v. Chr.) geht hervor, dass man den Schaltungsbedarf mit Hilfe von auffälligen Sternen wie Sirius oder Plejaden bestimmte. Auch der altägyptische Kalender bestand aus 12 Monaten zu je 30 Tagen, denen man am Jahresende 5 zusätzliche Tage hinzufügte (Epagomene). Da jedoch immer noch ca. ¼ Tag zum Ausgleich mit dem tropischen Sonnenjahr fehlte, verzögerte sich der heliakische Aufgang des Sirius alle vier Jahre um einen ganzen Tag, und die religiösen Feste wanderten in 1460 Jahren (4 x 365) einmal durch alle Jahreszeiten (Sothis-Zyklus).

Ein anderer schematischer Kalendertyp ist der im 19. Jh. von Marco Mastrofini und später von Gustav Armelin vorgeschlagene „Weltkalender“ mit einer Jahreslänge von 364 Tagen, was 52 vollen Siebentagewochen oder vier gleichen Quartalen zu je 91 Tagen entspricht. Der große Vorteil eines derartigen sog. „ewigen Kalenders“ besteht darin, dass im Unterschied zum gregorianischen Kalender jedes Datum in jedem Jahr auf den denselben Wochentag fällt. Damit würde also jeder Feiertag stets auf ein und dasselbe Datum und denselben Wochentag fallen. Um das schematische 364-Tage-Jahr mit dem tropischen Sonnenjahr in Übereinstimmung zu bringen, sollte dem Jahr ein 365. Tag hinzugefügt werden, der als „leer“ deklariert wird. Obwohl Armelins Kalenderprojekt den ersten Preis der Französischen Astronomischen Gesellschaft erhielt, konnte es nicht realisiert werden. Mit der Entdeckung der Schriftrollen von Qumran im Jahre 1947 hat sich jedoch herausgestellt, dass ein ganz ähnlicher 364-Tage-Kalender schon im antiken Judentum propagiert und wahrscheinlich auch als Sabbatkalender praktiziert wurde, wobei umstritten ist, ob er der offizielle Kultkalender am 2. Tempel war oder nur von bestimmten jüdischen Gruppen – z.B. den Essenern – praktiziert wurde (s.u. 4.2.2.). Aus den einschlägigen Texten (z.B. Jubiläenbuch) geht auch hervor, dass er Grundlage einer heilsgeschichtlichen Chronologie war, die auf der heiligen Siebenzahl beruht (s.u. 1.7.).

1.6. Kalender und Religion

Während heute der Kalender als eine vornehmlich profane wissenschaftliche Angelegenheit zur quantitativen Bestimmung von Zeitintervallen angesehen wird, war vom Beginn der Menschheitsgeschichte bis in die Neuzeit die Entwicklung des Kalenders untrennbar mit der Religion verknüpft. Es ging vor allem um eine qualitative Bestimmung und Strukturierung der Zeit, um „heilige Zeiten“! Zudem galten in allen alten Kulturen → Sonne, → Mond und andere auffällige Gestirne (→ Sterne / Sternbilder / Sterndeutung) als wichtige Gottheiten, die meist an den markanten Punkten ihres Umlaufs kultisch verehrt wurden (Sonne: Solstitien / Äquinoktien; Mond: Neumond / Vollmond; Sterne: heliakische Aufgänge). So feierte man im Alten Ägypten den Tag des Wiederauftauchens von Sirius über dem Morgenhorizont nach einer ca. 70-tägigen Phase der Unsichtbarkeit mit dem Sothis-Fest, welches zugleich den Beginn der für Ägypten lebenswichtigen jährlichen Nilüberschwemmungen markierte. Der helle Fixstern Sirius (griech. Sothis; ägypt. Sopdet) galt als astrale Repräsentation der Göttin → Isis, die wiederum als „Verkünderin der Nilüberschwemmung“ bezeichnet wurde. Die wichtigste Gottheit Ägyptens war jedoch der Sonnengott → Re, der in der Mythologie und im Kult des Nillandes eine zentrale Rolle spielte. Auch in Mesopotamien wurden Sonne und Mond als herausragende Götter verehrt. Astronomie und Kalenderwissen waren daher lange Zeit vor allem eine Domäne der Priester. Die elementaren zeitlichen Lebensrhythmen spiegeln sich in vielfacher Weise in den Mythen und Riten der alten Kulturen wider.

In soziologischer Hinsicht gibt es wohl kaum einen wichtigeren Faktor für die Identitätsbildung politischer und religiöser Gemeinschaften als die Befolgung eines gemeinsamen Kalenders und der damit verbundenen religiösen Weltauffassung, wie sie sich in der Feier der verschiedenen Feste manifestiert (→ Feste). Kalendarische Neuerungen und Kalenderkonflikte spiegelten daher stets brennpunktartig politische und religiöse Umbrüche der Gesellschaft wider. So markiert beispielsweise die Einführung des islamischen Mondkalenders 638 n. Chr. durch den Kalifen Omar und der damit verbundenen islamischen Zeitrechnung (ab der Hedschra 622 n. Chr.) den Beginn der rasanten islamischen Expansion im 7. Jh., und die Französischen Revolutionäre proklamierten im Jahre 1793 einen neuen „Revolutionskalender“ (neue Monatsnamen, Dekaden statt 7-Tage-Woche, Jahresanfang am 22. September etc.) in ideologischer Abgrenzung zur vom Christentum geprägten Vergangenheit und der damit verbundenen heilsgeschichtlich geprägten Chronologie.

1.7. Kalender und Chronologie

Im Unterschied zum Kalender, bei dem es um die Strukturierung und Berechnung der zyklisch wiederkehrenden Zeiteinheiten (z.B. Stunde, Tag, Woche, Monat, Jahr) geht, behandelt die Chronologie die linearen Zeiteinteilungen der geschichtlichen Ereignisse (→ Chronologie innerhalb des AT). Der Zusammenhang zwischen Kalender und Chronologie besteht jedoch darin, dass jede Chronologie auf einem bestimmten Kalendersystem beruht, denn es macht einen großen Unterschied, ob man die Jahre z.B. nach einem Mondkalender mit 354 Tagen Jahreslänge berechnet oder nach einem Sonnenkalender mit 365 Tagen. Die Bibel enthält zahlreiche Datumsangaben, die sich jedoch nicht in ein einheitliches chronologisches Schema einordnen lassen. Dies liegt offenbar u.a. auch daran, dass in den Texten der Bibel unterschiedliche Kalender verwendet wurden. Paradigmatisch kann dies am Beispiel der Chronologie der Sintflutgeschichte aufgezeigt werden (s.u. 2.2.; → Chronologie, biblische 1.1.). Eine konsistente heilsgeschichtliche Chronologie von der → Schöpfung bis zur Offenbarung am → Sinai findet man dagegen im → Jubiläenbuch (2. Jh. v. Chr.). Darin wird die Heilsgeschichte in 364-Tage-Jahre (= 52 Wochen), Jahrwochen (= 7 Jahre) und Jubiläen (= 7x7 Jahre) eingeteilt. Der ursprüngliche Titel lautete dementsprechend „Buch der Einteilungen der Zeiten nach ihren Jubiläen und ihren Jahrwochen“ (CD 16,3f). Dahinter steht die theologische Vorstellung, dass Gott die ganze Geschichte in einem Geschichtsplan im Voraus festgelegt hat, in dem auch größere Zeitperioden nach dem Muster der Sieben-Tage-Woche getaktet sind, worin sich die göttliche „Sabbatstruktur der Zeit“ (K. Koch) widerspiegelt. Biblischer Hintergrund sind neben dem Sabbatgebot die Bestimmungen zum → Erlassjahr und zum → Jobeljahr (vgl. Lev 25). Eine besondere Schwierigkeit besteht darin, die biblischen Zeitangaben in ihrem Charakter zu beurteilen (fiktiv oder realgeschichtlich) und sie z.B. in unsere heutige christliche Zeitrechnung auf der Grundlage des gregorianischen Sonnenkalenders umzurechnen. So ist die moderne Datierung der chronologischen Angaben in den → Königebüchern aufgrund der zahlreichen Bezüge zu historischen Ereignissen des 1. Jt.s v. Chr. in Ägypten, Assyrien und Babylonien relativ sicher, während Ereignisse des 2. Jt.s v. Chr. wie der Exodus aus Ägypten (→ Meerwunder) mit großen chronologischen Unschärfen behaftet sind (vgl. Finegan, 224-264), was zu einer generellen Bestreitung der Historizität dieses Initialereignisses der Entstehung Israels führte.

2. Biblische Texte

Das Alte Testament als wichtigstes Zeugnis der israelitisch-jüdischen Religion enthält keine eindeutigen Informationen, welcher der genannten astronomischen Kalendertypen in Gebrauch war. Es gibt lediglich einige relevante Textpassagen, deren kalendarische Implikationen im Folgenden dargestellt sind.

2.1. Kalender und Gestirne im Kontext der Schöpfungstheologie

Der bekannteste biblische Text zum Thema Kalender ist der Abschnitt über die Schaffung der Gestirne (Gen 1,14-19) im „Schöpfungsbericht“ der → Priesterschrift, in dem auch die Strukturierung der Zeit durch die astronomischen Zyklen zur Sprache kommt:

Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen Zeichen sein und zur Bestimmung von Festzeiten, von Tagen und Jahren dienen; 15 sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, die über die Erde hin leuchten. So geschah es. 16 Gott machte die beiden großen Lichter, das größere, das über den Tag herrscht, das kleinere, das über die Nacht herrscht, auch die Sterne. 17 Gott setzte die Lichter an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde hin leuchten, 18 über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war. 19 Es wurde Abend, und es wurde Morgen: vierter Tag (Gen 1,14-19, Einheitsübersetzung).

Auffällig ist, dass → Sonne und → Mond nicht mit ihren hebräischen Namen שֶׁמֶשׁ šæmæš und יָרֵחַ jāreaḥ bezeichnet werden, sondern lediglich allgemein als „große Lichter“. Meist wird dies im Sinne einer Meidung der gemeinsemitischen Götternamen interpretiert. Deutlich ist jedenfalls, dass die Kalendergestirne dem Schöpferwillen Gottes untergeordnet werden und keine göttliche Macht mehr besitzen oder als personale göttliche Mächte angerufen werden können (vgl. Dtn 4,19). Das „Herrschen“ der Gestirne bezieht sich allein auf ihre kalendarische Bedeutung und auf ihre Funktion als Lichtquellen. Dies bedeutet, dass hier von einer begrenzten und dienenden Herrschaft die Rede ist, die von Gottes umfassender Herrschaft über die gesamte Schöpfung unterschieden werden muss. Kalendarisch relevant sind die Begriffe „Zeichen“, „Festzeiten“, „Tage“ und „Jahre“. Freilich sind die Angaben so allgemein, dass eine sichere Feststellung des zugrundeliegenden Kalendersystems nicht möglich ist. Fraglich ist weiterhin, ob die Reihenfolge von „Abend“ und „Morgen“ in V. 19 ein Hinweis auf den am Abend beginnenden Mondkalender ist, wie zuweilen behauptet wurde.

Strittig ist schließlich die Bedeutung des Begriffes „Zeichen“. Eine Interpretation im Sinne von „Tierkreisbilder“ oder gar „Tierkreiszeichen“ ist unwahrscheinlich, da der Zodiakus in der hebräischen Bibel sonst nicht vorkommt und auch in der damals führenden babylonischen Astronomie erst ab dem späten 6. Jh. v. Chr. auftaucht (vgl. van der Waerden, 124ff; von Stuckrad, 66). Die Übersetzung des nur in Hi 38,32 vorkommenden Wortes מַזָּרוֹת mazzārôt mit „Tierkreis“ (z.B. Lutherbibel, Elberfelder, Einheitsübersetzung) ist lediglich eine Vermutung. Wahrscheinlich geht es an dieser Stelle des → Hiobbuches um die heliakischen Aufgänge bestimmter Monatssterne, die im Altertum für die kalendarische Einteilung des Ackerbaujahres sehr wichtig waren (→ Sterne / Sternbilder / Sterndeutung 2.2.). Eine astrologische Deutung der „Zeichen“ in Gen 1,14 im Sinne von Tierkreiszeichen ist auch angesichts der astralkritischen Tendenz des Alten Testaments im Allgemeinen und der Priesterschrift im Besonderen wenig überzeugend. Die in Jer 10,2 angesprochenen „Zeichen des Himmels“, vor denen sich die Israeliten nicht fürchten sollen (!), werden als „Weg der Völker / Heiden“ kritisiert, so dass auch aus dieser prophetischen Perspektive eine positive Bezugnahme auf die Tierkreiszeichen in einem dezidiert monotheistischen Schöpfungsbericht unwahrscheinlich ist. Selbst in dem Jeremiatext dürfte nicht von den Tierkreiszeichen die Rede sein, sondern von furchterregenden astralen Omina, wie sie etwa in der astralen Divination der berühmten babylonischen Keilschriftserie Enuma Anu Enlil anzutreffen sind, z.B.: „Wenn die Plejaden in ihm (Mondgott Sin – M.A.) stehen, wird es Tote geben und die Sieben werden das Land auffressen“ (Gössmann, 162). Bei den „Sieben“ handelt es sich um die dämonischen Siebengötter, die man im Siebengestirn (= Plejaden) astral repräsentiert sah. Von solcherart angstbesetzter und mit der „heidnischen“ Götterwelt verknüpften Himmelskunde grenzt sich der biblische → Monotheismus dezidiert ab. Daher ist es wahrscheinlicher, dass im kalendarischen Kontext von Gen 1,14ff mit dem Begriff „Zeichen“ lediglich allgemein die Gestirne als „Zeitzeichen“ gemeint sind, an denen man am Tage wie in der Nacht die Zeit, sowie im Jahreslauf das Datum bestimmen konnte.

Während der priesterliche Schöpfungsbericht keinen sicheren Rückschluss auf ein bestimmtes biblisches Kalendersystem erlaubt, findet man in dem Schöpfungspsalm 104 dazu eine deutlichere Aussage:

„Er hat den Mond gemacht für die Festzeiten, die Sonne kennt ihren Untergang“ (Ps 104,19).

An dieser Stelle wird der Begriff „Festzeiten“ (מוֹעֲדִים mô‘ǎdîm) aus Gen 1,14 auf den Mondlauf bezogen, so dass hier offensichtlich von einem Mondkalender die Rede ist. Von der Sonne wird lediglich die kalendarisch wenig aufschlussreiche Aussage gemacht, dass sie ihren Untergang kennt. Welche Festzeiten der Mondlauf jedoch konkret bestimmt, wird nicht spezifiziert. Auf die lunare Bestimmung eines Festes wird in Ps 81,4 angespielt, wo es heißt:

„Stoßt am Neumond in das Horn, am Vollmond zum Tag unseres Festes!“

Da im Kontext auf den Auszug Israels aus Ägypten angespielt wird, liegt die Vermutung nahe, dass hier vom Vollmond in der Passanacht die Rede ist (VanderKam, 6). Eine deutliche Anspielung auf die Feier des Neumondes (חֹדֶשׁ ḥodæš) als Monatsanfangsfest findet man 1Sam 20,5ff:

„David sprach zu Jonatan: Siehe, morgen ist Neumond; da sollte ich mit dem König zu Tisch sitzen.“

Weitere Stellen belegen, dass Neumonds- und Vollmondstage im Mondkalender wichtige Festtage waren (2Kön 4,23; Am 8,5; Jes 1,13; Hos 2,13), wobei der Vollmondtag offenbar in vorexilischer Zeit wie in Mesopotamien noch als „Sabbat“ bezeichnet wurde (→ Sabbat, 2.).

Angesichts des späteren jüdischen Lunisolarkalenders ist es erstaunlich, dass im Alten Testament kaum eindeutige Hinweise auf eine lunare Bestimmung der Festzeiten zu finden sind. Auch die biblischen Festkalender enthalten keine expliziten Hinweise auf die Mondphasen, z.B. beim → Passafest, bei dem in einem Mondkalender eigentlich die Bezugnahme auf den Vollmond zu erwarten wäre (vgl. z.B. Lev 23,5f). Dies deutet darauf hin, dass die biblischen Datierungen möglicherweise auf einem anderen Kalendersystem beruhen (s.u. 4.2.). Der Wortlaut in Gen 1,14ff ist im Hinblick auf Sonne und Mond jedenfalls so allgemein formuliert, dass sich daraus keine sicheren Informationen über ein bestimmtes Kalendersystem ermitteln lassen. Ob man aus der Interpretationsperspektive von Ps 104,19 den Mond als das maßgebliche Kalendergestirn zur Bestimmung der Festzeiten in der gesamten Kalendergeschichte Israels behaupten kann, ist in der Forschung umstritten (Albani 1994, 10-16).

In kalendarischer Hinsicht unspezifisch bleibt in Gen 1,16 auch die Aussage über die Sterne. Konkrete Sternbilder werden sonst in der Bibel auch nur an drei Stellen erwähnt: Hi 9,9; Hi 38,31f und Am 5,8 (→ Sterne / Sternbilder / Sterndeutung 2.1.). Zumindest in Hi 38,32 wird eine kalendarische Funktion angedeutet, die offenbar wie andere in der ersten Gottesrede aus dem Wettersturm an Hiob (Hi 38-39) aufgezählte Naturphänomene allgemein bekannt war:

„Kannst du die mazzārôt-Sterne hervortreten lassen zu ihrer Zeit und den Großen Bären leiten samt seinen Jungen?“ (Hi 38,32)

Die Übersetzung des Begriffes מַזָּרוֹת mazzārôt mit „Tierkreisbilder“ ist aus verschiedenen Gründen fraglich (→ Sterne / Sternbilder / Sterndeutung 2.2.). Deutlich ist jedoch, dass die מַזָּרוֹת mazzārôt durch ihre feststehenden Aufgangszeiten charakterisiert sind. Hier kommen entweder die ägyptischen Dekane in Frage, die man tatsächlich als eine Art Himmelsuhr zur Bestimmung der zwölf Nachtstunden und zur zeitlichen Strukturierung des Jahres in 36 Dekanwochen bzw. Dekaden verwendet hat. Oder es handelt sich um die 36 babylonischen Monatssterne, die auf kreisförmigen sog. Astrolaben bzw. Sternenlisten verzeichnet sind und deren heliakische Aufgänge bestimmte Zeitpunkte im Landwirtschaftsjahr markierten. Letztere Deutung ist schon von der Etymologie des fraglichen Begriffes her wahrscheinlicher, die auf mesopotamische Ursprünge, vor allem auf das babylonischen Weltschöpfungsepos → Enuma elisch (Ee), verweist (Albani 2001, 193-200). Darin wird erzählt, dass der Schöpfergott → Marduk bei der kosmischen Gestaltung der Himmelsordnung das Kalenderjahr bestimmt habe und dabei für die zwölf Monate „je drei Sterne“ hingestellt habe (Ee V, 3f). Hier wird deutlich auf die 36 Monatssternbilder angespielt, die offenbar als siderische Fixpunkte im mesopotamischen Kalender eine wichtige Rolle spielten und wahrscheinlich schon in der Zeit der neuassyrischen Oberherrschaft in Israel bekannt wurden. So dürfte es sich bei den in 2Kön 23,5 im Kontext der Kultreform → Josias erwähnten מַזָּלוֹת mazzālôt, die in Übersetzungen unbegründet mit „Planeten“ oder „Tierkreisbilder“ übersetzt werden, um phonetische eine Variante von מַזָּרוֹת mazzārôt in Hi 38,32 handeln (→ Sterne / Sternbilder / Sterndeutung 2.2.).

Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg / Basel / Wien 1992, 333 Abb. 285a (© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz)

Abb. 2 Wettergott mit Astralsymbolen wie Mondsichel und Pleiaden (Rollsiegel, Netanya EZ IIC; 720-600 v. Chr.).

Eines dieser 36 Sternbilder sind die Plejaden (= Siebengestirn). Sie markieren mit ihrem heliakischen Aufgang nicht nur den zweiten Kalendermonat Ajaru (= Ijjar), sondern sind auch für die Schaltungspraxis des Mondkalenders besonders wichtig. In dem astronomischen Keilschriftkompendium MUL.APIN findet man sinngemäß die Schaltregel formuliert: Wenn im Frühlingsmonat am Jahresbeginn die dünne Neulichtsichel bei den Plejaden steht, dann ist dies ein gewöhnliches Jahr. Steht in diesem Monat jedoch erst am dritten Tag die vollere Mondsichel bei den Plejaden, muss ein Schaltmonat eingefügt werden. Zwar wird diese lunisolare Schaltregel, die auch auf der berühmten Sternscheibe von Nebra abgebildet ist, nicht konkret im Alten Testament erwähnt. Auffällig ist jedoch die dreimalige Erwähnung des Siebengestirns im Alten Testament, was bei der sonst spärlichen Erwähnung von konkreten Sternbildnamen im Alten Testament auf die Kenntnis der astronomisch-kalendarischen Bedeutung des markanten Sternbilds hinweisen könnte. Auch einige Siegelabbildungen mit Sichelmond und Plejaden aus der Eisenzeit IIC (720-600 v. Chr.) deuten darauf hin, dass die einfach zu befolgende Plejadenschaltregel unter neuassyrischer Oberherrschaft in Israel bekannt wurde (→ Sterne / Sternbilder / Sterndeutung 2.1.).

2.2. Die Chronologie der Sintflut

Neben den astronomischen Hinweisen auf die israelitische Zeitrechnungspraxis im Kontext der monotheistischen Schöpfungstheologie sind im Buch → Genesis auch in einem heilsgeschichtlichen Kontext kalendarische Indizien zu entdecken. Auffallend viele Datumsangaben findet man in der → Sintfluterzählung Gen 6-9, die auf ein bestimmtes Kalendersystem schließen lassen.

Im 600. Lebensjahr Noahs fanden nach → priesterschriftlicher Darstellung folgende Ereignisse der großen Flut statt:

17.2.: Beginn der Flut (Gen 7,11);

17.7.: Die Arche setzt auf dem Gebirge Ararat auf (Gen 8,4), 150 Tage nach Beginn der Flut (Gen 8,3; vgl. Gen 7,24);

1.10.: Die Spitzen der Berge werden sichtbar (Gen 8,5).

Im 601. Lebensjahr findet man folgende Datumsangaben:

1.1.: Die Wasser der Flut sind von der Erde vertrocknet (Gen 8,13);

27.2.: Die Erde ist wieder ganz trocken (Gen 8,14).

Zunächst ist festzustellen, dass die Monate in dieser Flutchronologie eine Länge von jeweils 30 Tagen haben (5 Monate = 150 Tage / 17.2. bis 17.7.). Es kann sich also nicht um einen am Mondlauf orientierten Kalender handeln, in dem die Monatsdauer abwechselnd 29 und 30 Tage beträgt. Dies spricht dafür, dass hier ein schematisches 360-Tage-Jahr zugrunde liegt, wie es aus Mesopotamien bezeugt ist (s.o. 1.5.). Es ist unwahrscheinlich, dass die anderen Monate außerhalb der angegebenen Zeitspanne größere oder kleinere Tageszahlenwerte besitzen. Da die Sintflutüberlieferung aus Mesopotamien stammt (→ Sintflut / Sintfluterzählung 5.), ist es durchaus wahrscheinlich, dass auch der schematische 360-Tage-Kalender der Assyrer und Babylonier übernommen wurde. Andererseits wurde darauf hingewiesen, dass die Flut offenbar insgesamt ein Jahr und 10 bzw. 11 Tage dauert (vom 17.2. im 600. Noahjahr bis zum 27.2. im 601. Noahjahr). Dies könnte eine Anspielung auf einen Lunisolarkalender sein, in dem zu der lunaren Jahreslänge von 354 Tagen (6 x 29 + 6 x 30 Tage) noch 11 Tage hinzugezählt werden müssen, um die Länge des tropischen Sonnenjahr zu erreichen (s.o. 1.3.). Allerdings widerspricht die Mondjahrhypothese der offensichtlichen Rechnung mit 30-Tage-Monaten, so dass wohl der priesterschriftlichen Sintflutchronologie eher das schematische 360-Tage-Jahr zugrundeliegt. Eine befriedigende Lösung dieser kalendarisch-chronologischen Fragen ist bisher jedoch noch nicht gefunden worden (vgl. Glessmer 1993).

2.3. Die Monatsnamen

In der hebräischen Bibel begegnen drei verschiedene Nomenklaturen von Monatsbezeichnungen, nämlich die kanaanäisch-phönizischen Monatsnamen, die nummerierten Monate und die babylonischen Monatsnamen. Das wirft die Frage auf, ob verschiedene Kalendersysteme hinter diesen Namen stehen und welche kalendarische Praxis damit verbunden war.

2.3.1. Die kanaanäisch-phönizischen Monatsnamen

Von der ersten Kategorie sind uns im Alten Testament nur noch vier Namen sicher erhalten, die lediglich an den genannten Bibelstellen auftauchen. In semantischer Hinsicht widerspiegeln die Namen Ereignisse des Ackerbauzyklus:

● Abib (אָבִיב āvîv; Ex 13,4; Ex 23,15): Namensbedeutung: „Ähren“. In diesem Monat soll das Fest der ungesäuerten Brote gefeiert werden in Erinnerung an den Auszug aus Ägypten (vgl. Dtn 16,1-3). Es handelt sich um den ersten Monat des Jahres in diesem Kalender, von dem man annimmt, dass er kanaanäisch-phönizischen Ursprungs ist. Er habe in vorexilischer Zeit seit der Tempelweihe Salomos offizielle Geltung in Israel besessen. Diese Annahme beruht auf der Tatsache, dass die Monatsnamen Etanim und Bul einerseits in kanaanäischen und phönizischen Quellen (KAI 14,1; 32,1; 37A, 1.2; 38,2; 41,4) und andererseits im Zusammenhang mit dem Tempelbau Salomos (1Kön 6-8) belegt sind.

● Siw (זִו ziw; 1Kön 6,1.37): Namensbedeutung: „Blütenpracht“. Dieser Monatsname wird im Zusammenhang mit dem Tempelbau Salomos als „zweiter Monat“ des Jahres bezeichnet.

● Etanim (אֵתָנִים etānîm; 1Kön 8,2): Namensbedeutung: „beständige Wasser“. Auch dieser Name erscheint nur im Zusammenhang mit dem Tempelbau Salomos, und zwar als 7. Monat, in dem die Tempelweihe stattgefunden haben soll. Kalendarisch relevant ist auch die Angabe „am Fest“. Hier scheint bei den Lesern als bekannt vorausgesetzt zu sein, welches Fest man im Monat Etanim gefeiert hat.

● Bul (בּוּל bûl; 1Kön 6,38): Namensbedeutung: „Dürrholz“. In diesem Monat, der als der achte Monat des Jahres bezeichnet wird, soll der Tempelbau vollendet worden sein.

Die Bedeutung der Namen zeigt einen deutlichen Bezug zu den natürlichen Gegebenheiten im Laufe eines Ackerbaujahres, wie es auch in dem berühmten Geser-Kalender aus dem 10. Jh. v. Chr. anzutreffen ist (s.u. 3.1.). Auffällig ist, dass diese Monatsnamen offenbar einer Erklärung bedürfen, z.B. „im Monat Bul, das ist der achte Monat“ (1Kön 6,38). Dies deutet darauf hin, dass in der Zeit der Abfassung des Tempelbauberichtes ein anderes Kalendersystem Geltung hatte und daher die alten kanaanäisch-phönizischen Monatsnamen nicht mehr allgemein bekannt waren.

2.3.2. Die nummerierten Monate

Die häufigste Art der Monatsbezeichnung in der hebräischen Bibel, die auch zur Bestimmung der kanaanäisch-phönizischen Monate verwendet wurde, ist die schlichte Nummerierung mittels Ordinalzahlen von eins bis zwölf. Es fällt auf, dass die nummerierten Monate in jenen biblischen Schriften auftauchen, die kurz vor, während und nach dem Exil entstanden sind. Vor allem in den priesterschriftlichen Teilen des → Pentateuch und bei → Ezechiel, aber auch bei → Jeremia, → Haggai, → Sacharja, → Esra und Nehemia sowie im → Deuteronomistischen Geschichtswerk und im → Chronistischen Geschichtswerk ist diese Datierungsweise anzutreffen, ebenso in den priesterlichen Festkalender in Ez 45,18-25; Lev 23 und Num 28-29. VanderKam hat darauf hingewiesen, dass „12“ die höchste vorkommende Ordinalzahl in diesem Datierungssystem ist. Zwar kann dies Zufall sein, doch es könnte auch dafür sprechen, dass es sich bei dem zugrundeliegenden Kalender nicht um einen im Alten Orient weit verbreiteten Lunisolarkalender handelt, denn darin wird regelmäßig ein 13. Schaltmonat interkaliert (VanderKam, 9). Für diese Beobachtung sprechen noch weitere Indizien (s.u. 4.2.2.). Fest steht jedoch, dass der Jahresbeginn dieses Kalenders im Frühjahr, im Monat des → Passafestes liegt: „Dieser Monat soll bei euch der Anfangsmonat sein, er sei euch der erste von den Monaten des Jahres!“ (Ex 12,2).

Während in den älteren biblischen Festkalendern Ex 23,10-19; Ex 34,18-26 und Dtn 16,1-17 noch keine genaue Datierung der → Feste Israels angegeben ist, findet man in den ausführlichen jüngeren priesterlichen Festkalendern Lev 23 und Num 28 folgende Angaben im Nummerierungssystem:

● Passa: 14.1. (Lev 23,5; Num 28,16);

● Fest der ungesäuerten Brote: 15.1.-21.1. (Lev 23,6; Num 28,17);

● Wochenfest: keine genaue Datumsangabe (Lev 23,9-14);

● Lärmblasen zur „Erinnerung“: 1.7. (Lev 23,24; Num 29,1);

● Versöhnungstag: 10.7. (Lev 23,27; Num 29,7);

● Laubhüttenfest: 15.-21.7. (Lev 23,34ff; Num 29,12).

In den priesterlichen Festordnungen wird zuerst der → Sabbat als die wichtigste, von Gott verordnete „heilige Versammlung“ aufgeführt (Lev 23,3; Num 28,9-10). Die heilige Sabbatordnung steht als zeitliches Strukturierungsprinzip über allen Festen, so dass man hier treffend von einer „Sabbatstruktur der Zeit“ reden kann (K. Koch). Die Siebenzahl ist das Charakteristikum der priesterlichen Festkalenderordnung (Lev 23,6.8.15.18.34.36.39ff). So sollen sieben Feste im Kalenderjahr gefeiert werden (rechnet man den Sabbat selbst mit, Lev 23,1-3), und die Kalenderordnung erstreckt sich auch auf größere heptadische Zyklen wie das Sabbatjahr nach sieben Jahren und das Erlassjahr nach 7 x 7 Jahren (Lev 25). Diese Beobachtung ist wichtig im Hinblick auf die Frage nach dem zugrundeliegenden Kalender (s.u. 4.).

2.3.3. Die babylonischen Monatsnamen

Die unzweifelhaft babylonischen Monatsnamen Nisan bis Adar (siehe Tabelle) erscheinen in jüdisch adaptierter Form erst spät im alttestamentlichen Schrifttum in den Büchern Esra, Nehemia, Ester und Sacharja (VanderKam, 9f).

© Matthias Albani

Tabelle: Babylonischer Lunisolarkalender in spätnachexilischer Zeit.

Es fällt auf, dass die babylonischen Monatsnamen im Alten Testament nicht zur Datierung der Festzeiten im heiligen Festkalender verwendet werden – ausgenommen das späte → Purim-Fest (Est 9,21), welches in den biblischen Festkalendern sonst nicht vorkommt. Bezeichnenderweise treten sämtliche babylonischen Monatsnamen in solchen Texten auf, die sich auf Ereignisse während der Perserherrschaft beziehen, wie die Belegstellen zeigen (siehe Tabelle). Verglichen mit dem numerischen System sind die Belege im Alten Testament relativ spärlich, so dass die Einführung der babylonischen Monatsnamen erst spät in nachexilischer Zeit stattgefunden haben dürfte. Die aufgeführten Monatsnamen gehören zum sog. babylonischen lunisolaren Standardkalender (Cohen, 297ff) und sind bis heute die gebräuchlichen jüdischen Monatsnamen. Dieser Kalender blieb nach dem Untergang des neubabylonischen Reiches im Jahre 538 v. Chr. das international verwendete Kalendersystem im persischen Großreich, zu dem auch die Provinz Jehud gehörte. Im Jerusalemer Talmud wird explizit auf die mesopotamische Herkunft dieser Monatsnamen hingewiesen: „Denn Rabbi Ḥanina sagte, dass die Namen (der Monate) von (den Exulanten mit Esra) aus Babylonien mitgebracht worden waren.“ (Lehnhardt, 39).

In der Forschung ist strittig, ab wann und unter welchen Umständen der mesopotamische Standardkalender auch zum jüdischen Kultkalender wurde. Das theologische Problem besteht darin, dass der mesopotamische Lunisolarkalender essentiell mit dem religiösen Fest- und Götterkult der Babylonier verknüpft war, von dem sich der israelitische Monotheismus entschieden abgrenzt (vgl. Ex 20,3; Jes 41,22ff u.ö.). So ist der Name des vierten Monats Tammus der des babylonischen Gottes → Tammus (Dumuzi), dessen Kult im Alten Testament als „Greuel“ abgelehnt wird (Ez 8,14). Es stellt sich daher die Frage, ob die nummerierten Monate mit dem babylonischen Lunisolarkalender identisch sind, oder ob hier nicht eher ein anderes Kalendersystem zugrunde liegt, welches die babylonischen Monatsnamen bewusst aus theologischen Gründen meidet (s.u. 4.2.).

2.3.4. Die makedonischen Monatsnamen

Der hellenistische König Seleukos I. Nikator (312-281), Begründer des seleukidischen Reiches (→ Seleukiden), verfügte, dass die Monate des syrisch-babylonischen Lunisolarkalenders nach den makedonischen Monatsnamen benannt werden sollen. Ab dem Jahre Jahr 198 v. Chr. stand Palästina unter seleukidischer Herrschaft, wodurch die makedonischen Monatsnamen im 2. Jh. v. Chr. auch in Israel Verbreitung fanden. Im biblischen Schrifttum aus dem 2. Jh. v. Chr. wird lediglich der Monatsname Xanthikos in einem Schreiben des Seleukidenkönigs erwähnt (2Makk 11,30.33.38), in dem der Herrscher den aufständischen Juden Straflosigkeit bei Rückkehr in einem bestimmten Zeitfenster des betreffenden Monats zusichert. Der Monat Xanthikos entspricht im babylonisch-jüdischen Lunisolarkalender dem Monat Addaru / Adar (Februar / März). Die beiden Lunisolarkalender waren also miteinander kompatibel, nur dass im babylonisch-jüdischen Kalender der Jahresanfang im Frühjahr lag, im makedonischen jedoch im Herbst (Finegan, 63f). Auch der jüdische Geschichtsschreiber → Flavius Josephus (38-100 n. Chr.) verwendet in seinem Geschichtswerk „Jüdische Altertümer“ noch die hellenistischen Monatsnamen, sogar zur Datierung von zentralen Ereignissen der jüdischen Heilsgeschichte wie dem Exodus: „Sie verliessen Aegypten im Monat Xanthikos um die Zeit des Vollmondes am fünfzehnten Tage“ (Clementz, 129).

2.4. Der Jahresanfang

Sowohl die Monatszählung mit Ordinalzahlen als auch der jüdische Kalender mit den babylonischen Monatsnamen beginnt im Frühling, wenn das → Passafest gefeiert wird (vgl. Ex 12,2; Est 3,7; vgl. Jer 36,22). Die älteren Festkalender dagegen implizieren einen Jahresanfang im Herbst. So soll das im Herbst stattfindende „Fest der Lese / des Einsammelns“ nach Ex 23,16 „am Ende des Jahres“ gefeiert werden. Auch nach Ex 34,22 soll das Lesefest an der Jahreswende begangen werden. Die Tempelweihe Salomos fand auch im feierlichen Kontext des Herbstfestes statt (1Kön 8,2). Allerdings wird auch argumentiert, dass sich die verschiedenen biblischen Angaben zum Jahresbeginn nicht widersprechen müssen, da der Ackerbauzyklus natürlicherweise im Herbst ende, so dass auch das neue Jahr im Herbst beginnen müsse, während man im „bürgerlichen Jahr“ die Monate ab dem Frühling gezählt habe. Im späteren Judentum findet man eine Kompromisslösung, indem der 1. VII. als Neujahrstag gefeiert wird, obwohl man die Monatszählung mit dem Nisan beginnen lässt. Wenn man jedoch alle kalendarisch relevanten Fakten im Alten Testament in den Blick nimmt, dann spricht vieles für einen Kalenderwechsel in der Exilszeit, bei dem auch der Jahresanfang vom Herbst auf das Frühjahr verlegt wurde (s.u. 4.1.-4.2.).

3. Außerbiblische Texte

Während aus vorexilischer Zeit nur spärliche außerbiblische Informationen vorliegen, die Aufschluss über in Israel verwendete Kalender geben, findet man in der jüdischen Literatur der spätnachexilischen Zeit zahlreiche Kalendertexte, die mehr Licht auf die oft mehrdeutigen biblischen Kalenderpassagen werfen.

3.1. Der Geser-Kalender

© Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

Abb. 3 Der sog. Bauernkalender aus Geser (10. Jh. v. Chr.).

Im Jahre 1908 wurde von dem irischen Archäologen Robert Alexander Stewart Macalister (1870-1950) in → Geser (→ Feste) nahe Jerusalem ein Kalksteintäfelchen von 11x17 cm mit sieben Zeilen althebräischer Schrift gefunden, welches wahrscheinlich aus dem 10. Jh. v. Chr. stammt. Allerdings handelt es sich dabei nicht um einen Kalender im eigentlichen Sinne, auf dem die genaue Reihenfolge aller Monate des Jahres vermerkt ist, sondern um eine einfache Aufzählung bäuerlicher Aktivitäten im israelitischen Ackerbaujahr. Es wird angenommen, dass es sich dabei um einen Übungstext für Schüler handelte. Der kurze Text hat folgenden Wortlaut:

(1) „Zwei Monate davon (sind) Obsternte, zwei Monate davon Saat,

(2) zwei Monate Spätsaat,

(3) Monat Flachsschnitt,

(4) ein Monat Gerstenernte,

(5) ein Monat Getreideernte und Abmessen,

(6) zwei Monate Beschneiden,

(7) ein Monat Sommerobsternte“ (Renz / Röllig, 34ff)

Folgenden Ackerbaukalender hat man daraus rekonstruiert (Renz / Röllig, 37):

● „September / Oktober: Ernte (Obst)

● Oktober / November: Ernte (Obst)

● November / Dezember: Saat

● Dezember / Januar: Saat

● Januar / Februar: Spätsaat

● Februar / März: Spätsaat

● März / April: Flachsschnitt

● April / Mai: Gerstenernte

● Mai / Juni: (Getreide-)Ernte und Messen

● Juni / Juli: Schneiteln (Weinernte)

● Juli / August: Schneiteln (Weinernte)

● August / September: Sommerobsternte (Feigen, Granatäpfel etc.)“

Aus der Abfolge der Ernteereignisse geht hervor, dass der Beginn des Ackerbaujahres im Herbst lag. Dies entspricht den Angaben in den älteren Festkalendern des Alten Testaments (Ex 23,16; Ex 34,22, vgl. 2.1.4.). Unklar ist, welches Kalendersystem zugrunde liegt. Die Bezeichnung der Monate mit dem hebräischen Wort יֶרַח jæraḥ dürfte für einen am Mondlauf orientierten Kalender sprechen, der freilich mit dem Sonnenjahr durch Schaltungen zum Ausgleich gebracht werden musste, da die landwirtschaftlichen Ereignisse sich nach dem Sonnenlauf richten.

3.2. Die Elephantine-Papyri und Samaria-Papyri

Auf der Nilinsel → Elephantine hat man auf dem Gelände einer jüdischen Militärkolonie aramäische Papyri gefunden, aus denen hervorgeht, welche Kalender die Juden dieser Gegend am Ende des 5. Jh.s v. Chr. im Perserreich verwendeten. 38 Papyri enthalten ägyptische und mesopotamisch-jüdische Monatsdaten (s.o. 2.3.3.), die in den meisten Texten synchronisiert sind. Der ägyptische Kalender war ein Sonnenkalender mit 360 Tagen + 5 Epagomenaltagen Jahreslänge. Das mesopotamische System dagegen, welches die Perser übernommen hatten, war ein Lunisolarkalender, in dem innerhalb eines 19-jährigen Zyklus siebenmal ein Schaltmonat eingefügt wurde. Aufschlussreich ist der sog. Passabrief des Perserkönigs Dareios II. aus dem Jahre 419 v. Chr. (→ Elephantine 3.4.). Darin wird den jüdischen Bewohnern der Militärkolonie zu Assuan verordnet, vom 14. Tag des Monats Nisan an das Passa- und Mazzen-Fest zu begehen (vgl. TUAT I, 253). Es handelt sich somit um den ersten Beleg aus vormakkabäischer Zeit dafür, dass die großen jüdischen Jahresfeste nach dem babylonischen Lunisolarkalender datiert wurden. Auf die kalendarische Praxis am Jerusalemer Tempel kann man daraus allerdings keine sicheren Schlüsse ziehen. Weiterhin ist auf die Samaria-Papyri aus der letzten Phase der persischen Herrschaft über Palästina zu verweisen (zwischen 375/365 und 335 v. Chr.), in denen Verträge mit den babylonischen Monatsnamen datiert werden (VanderKam, 16). All diese Belege deuten darauf hin, dass sich der von den Babyloniern übernommene persische Reichskalender seit der späten Perserzeit allmählich im Judentum durchzusetzen begann.

3.3. Texte mit dem 364-Tage-Sabbatkalender

Abb. 4 Übersicht zum Aufbau des 364-Tage-Sabbatkalenders.

Abb. 4 Übersicht zum Aufbau des 364-Tage-Sabbatkalenders.

Verschiedene jüdische Texte in aramäischer und hebräischer Sprache aus der Zeit vom 3. bis zum 1. Jh. v. Chr. enthalten einen Kalendertyp, der weder am Sonnenlauf noch am Mondlauf orientiert ist, sondern das Jahr schematisch mit einer Länge von 364 Tagen berechnet, bestehend aus 12 Monaten zu je 30 Tagen + 4 Epagomenaltagen, 52 Wochen oder vier Quartalen zu je 91 Tagen (s.o. 1.5.). Die primäre Aufgabe dieses Kalenders ist es, eine unveränderliche stabile Kalenderstruktur zu schaffen, welche die Sabbatheiligung gewährleistet. Dies gelingt dadurch, dass jedes Datum in jedem Jahr auf denselben Wochentag fällt (siehe Abb. 4). Es kann also nicht zu einer Kollision von Sabbaten und Festen kommen, wie es in einem Lunisolarkalender zwangsläufig der Fall ist.

Keine Einigkeit besteht in der Forschung, ob dieser stabile „ewige Kalender“ durch Interkalation mit dem tropischen Sonnenjahr zum Ausgleich gebracht wurde. Eindeutige Belege dafür gibt es in den relevanten Texten nicht. Durch die Differenz von ca. 1,25 Tagen pro Jahr würde es zu einem Wandeljahreffekt kommen, wenn keine Schaltung vorgenommen wird. In folgenden Texten ist der 364-Tage-Kalender bezeugt, wobei es in der konkreten Gestaltung deutliche Unterschiede gibt:

3.3.1. Das astronomische Henochbuch (1Hen 72-82 und 4QEnastra-d = 4Q208-211)

Die astronomische Begründung des 364-Tage-Kalenders ist ein zentraler Gegenstand der → pseudepigraphischen Schrift, dem ältesten erhaltenen Zeugnis dieses Kalendersystems (terminus ad quem: 200 v. Chr.), während Feste, Priesterdienste und Sabbatheiligung darin keine Rolle spielen. → Henoch, dem siebten vorsintflutlichen Urpatriarchen (vgl. Gen 5,21ff), wird darin von dem Gestirnengel Uriel die gesamte astronomische Himmelsordnung offenbart, worauf auch das → Jubiläenbuch anspielt (Jub 4,17). Unter den Schriftrollen vom Toten Meer ist das astronomische Henochbuch mit vier Handschriften vertreten (4QEnastra-d = 4Q208-211). Sie zeigen, dass die Kapitel 72-82 des seit dem Ende des 18. Jh.s in Europa bekannten äthiopischen Henochbuches (1Hen) nur eine sekundäre und redaktionell bearbeitete Kurzfassung eines ausführlicheren aramäischen Originals bieten. Da die älteste Qumranhandschrift bereits aus der Zeit um 200 v. Chr. stammt, muss der Text spätestens Ende des 3. Jh.s v. Chr. entstanden sein. Die Analyse der astronomischen, kalendarischen und kosmologischen Vorstellungen hat ergeben, dass diese deutliche Entsprechungen zu astronomischen Konzepten in dem astronomischen Keilschriftkompendium MUL.APIN aufweisen, welches eine ältere Stufe der mesopotamischen Himmelskunde repräsentiert (vgl. Albani 1994, 155-269; Ben-Dov, 153-196).

Grundlage des Kalendersystems ist die Beschreibung des jährlichen Sonnenlaufs durch die Himmelstore am Ost- und Westhorizont, durch den die 12 Monate des Sonnenjahres zu je 30 Tagen konstituiert werden. An den vier Jahrespunkten des Sonnenlaufes (Äquinoktien und Solstitien) wird zudem je ein zusätzlicher Tag eingefügt, so dass man auf 364 Tage Jahreslänge kommt. Ein vergleichbares Schema findet man auch in der zweiten Tafel von MUL.APIN (II i 9-24), dazu noch viele weitere Entsprechungen. Gestirnengel überwachen die heilige, dem Henoch offenbarte Himmelordnung (1Hen 82). Das astronomische Henochbuch kann als jüdischer Gegenentwurf zur babylonischen Himmelskunde mit ihren „heidnischen“ astralreligiösen Implikationen verstanden werden. Auch sonst finden sich in der Henochliteratur viele Bezüge zu mesopotamischen Vorstellungen.

Die Begründung des 364-Tage-Kalenders ist zwar ein zentrales Element dieser schriftgelehrten Bemühungen, doch geht es um mehr, nämlich um ein astronomisch-kosmologisches Gesamtkonzept, in dem die räumlichen Strukturen des Kosmos und andere Konstituenten einer heiligen Himmelsordnung (z.B. meteorologische Phänomene, Kosmographie, Angelologie) eine ebenso wichtige Rolle spielen. Nach dem Zeugnis dieser Offenbarungsschrift ist der 364-Tage-Kalender sozusagen „objektiv“ in der Schöpfungsordnung verankert (1Hen 2,1; 72,1; 74,17; 75,2; u.ö.), deren Kenntnis zu einem gerechten Lebenswandel gehört (vgl. 1Hen 82,4) und von entscheidender Bedeutung für das Bestehen im eschatologischen Gericht ist. Es fällt auf, dass erstaunlicherweise der 7. Tag der Schöpfung sowie der Begriff „Sabbat“ sowohl in der äthiopischen Übersetzung des Buches als auch in den aramäischen Fragmenten nicht auftauchen.

3.3.2. Das Jubiläenbuch

Dies ändert sich in dem mit der Henochtradition explizit verbundenen → Jubiläenbuch, einer wahrscheinlich aus der ersten Hälfte des 2. Jh.s v. Chr. stammenden → pseudepigraphischen Schrift. In der Schöpfungsdarstellung des Buches wird der → Sabbat als „großes Zeichen Gottes“ für sein Volk bezeichnet (Jub 2,17), worin sich die Erwählung Israels zeigt. Im Himmel wie auf Erden soll er geheiligt werden:

„Und allen Engeln des Angesichts und allen Engeln der Heiligung, den beiden großen Geschlechtern, uns sagte er dieses, dass wir Sabbat feiern sollten mit ihm im Himmel und auf der Erde. Und er sagte zu uns: ‚Siehe, ich will schaffen und erwählen mir ein Volk mitten aus meinen Völkern. Und sie werden mir den Sabbat halten. Und ich werde sie heiligen mir zu einem Volk. Und ich werde sie segnen‘“ (Jub 2,18f, Übersetzung: Berger, 1981).

Der universalen Sabbatheiligung soll der schöpfungsgemäße 364-Tage-Kalender dienen. Er wird im Rahmen einer Darstellung der chronologisch genau datierten Heilsgeschichte von der Schöpfung bis zur Sinaioffenbarung kurz entfaltet. Als Kalendersystem bildet er die Grundlage für die gesamte heilsgeschichtliche Chronologie des Jubiläenbuches, welche in Zeitabschnitte von jeweils sieben Jahrwochen gegliedert ist (7 x 7= 49 Jahre = 1 Jubiläum). Jedes Jahr besteht nach Jub 6,29-32 aus exakt 52 Wochen oder 364 Tagen. Im hebräischen Titel des Buches kommt das kalendarisch-chronologische Interesse noch deutlicher zum Ausdruck: „Buch von der Einteilung der Zeiten“ (CD 16,3). Vor allem im Zusammenhang mit der Noahgeschichte im 6. Kapitel (Bundesschluss und Feier des Wochenfestes) werden ausführliche Bestimmungen zum 364-Tage-Kalender eingeflochten (Jub 6,17ff), die in eine scharfe Polemik gegen Mondbeobachtungen in Jub 6,36ff einmünden. Doch auch schon bei der Schilderung des Schöpfungsgeschehens (Jub 2,8ff) und im Zusammenhang mit Henoch (Jub 4,17ff) findet man indirekte Hinweise auf diesen Kalender. Der heilige Sabbatkalender beruht auf himmlischen Ordnungen („Tafeln des Himmels“, vgl. Jub 6,35), von denen nicht straflos abgewichen werden darf (Todesstrafe, vgl. Jub 2,25ff!). Das Wochenfest wird auf die Mitte des dritten Monats (Jub 15,1) datiert – eine Angabe, die man so präzise nicht in den biblischen Kalendern findet (vgl. Lev 23,15f). Charakteristisch für das Jubiläenbuch sind weiterhin die Erinnerungstage am jeweils 1. Tag des 1., 4., 7. und 10. Monats, also am jeweiligen Quartalsbeginn, von denen im astronomischen Henochbuch und anderen Kalendertexten nicht die Rede ist. Dies deutet darauf hin, dass der 364-Tage-Kalender in unterschiedlichen Varianten existierte, was auch aus der Sichtung der Kalenderfragmente aus Qumran deutlich wird.

3.3.3. Qumrantexte

In den Schriftrollen vom Toten Meer (→ Qumran) spielt der 364-Tage-Sabbatkalender eine prominente Rolle und gehört offenbar zu den grundlegenden Glaubensüberzeugungen der hinter den Texten stehenden jüdischen Gemeinschaft (Essener?). Der sog. „halachische Brief“ (4QMMT = 4Q394-399) enthält in seinem ersten Teil die Darstellung eines voll­ständigen Jahres des 364-Tage-Kalenders. Die Herausgeber haben den Vorschlag gemacht, dass es sich bei 4QMMT um einen Brief der Qumrangemeinde, vielleicht sogar des sog. „Lehrers der Gerechtigkeit“, handelt, der sich an seine Gegner in Jerusalem (Hoher Priester?) richtet. Der Zweck des Briefes besteht offenbar darin, die Differenzen zwischen beiden Parteien in halachischen Fragen aufzulisten und die Gegenseite vom eigenen Standpunkt zu überzeugen.

Die umfangreichsten und wichtigsten kalendarischen Qumrantexte sind die sog. Calendrical Documents (4Q320-330). In diesen Kalen­der­fragmenten findet man Priester­ord­nungen, lunare Zyk­len, Feste und historische Ereignisse mit dem 364-Tage-Kalender synchronisiert. Eine besondere Rolle spielen in einigen Texten die in 1Chr 24 genannten 24 Priesterdienstabteilungen. Sie sind derart mit dem Sabbatkalender verknüpft, dass eine jede einmal pro Halbjahr (= 26 Wochen) jeweils eine Woche Dienst tut. Da zwei Priesterdienstrotationen nur 48 Wochen ergeben, das Jahr aber 52 Wochen zählt, kommt es zu einer Verschiebung von 4 Wochen pro Jahr, die nach 6 Jahren (4x6 = 24) wieder ausgeglichen ist, so dass die gleiche Priesterabteilung wieder Dienst hat wie am Anfang des 1. Jahres eines sechsjährigen Priesterzyklus. Über die einzelnen 364-Tage-Jahre hat man auf diese Weise ein lückenloses Raster von Priesterordnungen gelegt, so dass jedes Ereignis in einem bestimmten Jahr nicht nur durch ein Datum, sondern auch durch eine bestimmte Priesterabteilung gekennzeichnet ist. Auf den Zweck dieser priesterlichen Strukturierung des 364-Tage-Jahres hat H. Stegemann aufmerksam gemacht: „Binnen dieser sechs Jahre hatte jede Priesterabteilung zweimal an den für die Tora vorgeschriebenen Festtagen Dienst gehabt, an denen die Einkünfte der Priester besonders üppig zu sein pflegten. So war bei diesem priesterlich orientierten Kalendersystem materiell für ausgleichende Gerechtigkeit gesorgt“ (Stegemann, 233.; vgl. Glessmer 1995, 139; Maier 1996, 55-86).

Obwohl der schematische 364-Tage-Kalender nicht von der Beobachtung der Mondphasen abhängig ist und eher am tropischen Sonnenjahr orientiert ist (vgl. 1Hen 72; 82,4; Jub 2,9; 6,36), findet man in den Qumrantexten einige unterschiedliche Abhandlungen, in denen versucht wird, die Übereinstimmung des Sabbatkalenders mit den lunaren Zyklen darzustellen. Dahinter steht wahrscheinlich das primär theologische Anliegen, die Vollkommenheit der göttlichen Schöpfungsordnung aufzuzeigen, wie es auch im astronomischen Henochbuch zum Ausdruck gebracht wird (vgl. 1Hen 74,12). So enthält 4Q320 1; 321 1-2 I und 321a lange Synchronisationsabschnitte, in denen die Mondphasen (Vollmonde und Neumonde) mit dem 364-Tage-Jahr und den Priesterdienstabteilungen koordiniert werden. Man findet dort Angaben, welche die Rekonstruktion von zwei dreijährigen Schaltzyklen bzw. einer sechsjährigen Priesterdienstrotation erlauben. Eine weitere in kryptischer Schrift verfasste astronomische Abhandlung (4Q317) stellt ebenfalls die Mondphasen im Rahmen des 364-Tage-Kalenders dar, die der Darstellung im astronomischen Henochbuch nahekommt, während es zu den lunaren Synchronisationen in 4Q320 deutliche Unterschiede gibt.

Die Tempelrolle (11Q19-20; 4Q365a): In der längsten in Qumran gefundenen Schriftrolle (etwa 9 Meter Länge!) findet man die festkalendarischen Bestimmungen integriert in die Konzeption des idealen Tempels, an dem die aufgelisteten Feste zelebriert werden sollen. Neben der genauen räumlichen Beschreibung des idealen Heiligtums werden konsequenterweise auch die zeitlichen Abläufe an diesem Ort benannt. Die 1977 von Y. Yadin edierte Handschrift der Tempelrolle (11QTa) ermöglichte es, den im Vergleich zum Jubiläenbuch jedoch noch weiter ausgebauten Festzyklus im Rahmen eines 364-Tage-Kalenders­­ voll zu rekon­struieren. Die Zahl 364 taucht allerdings im Unterschied zum Jubiläenbuch nirgendwo explizit im Text auf, wie auch sonst kalendertechnische oder gar astronomische Angaben fehlen. Trotzdem ist die spezifische Art der Auflistung der Feste im Jahreszyklus eindeutig dem heiligen Sabbatkalender zuzuordnen (VanderKam, 69).

Auch in den sog. Sabbatopferliedern (4Q400-407, 11QShirShabb, Masada ShirShabb), welche auch als „Engelliturgie“ bezeichnet wurden, wird die Zahl „364“ nicht explizit genannt. Allerdings geht aus den Datumsangaben für die ersten 13 Sabbate eines Jahres (= ein Quartal) mit hoher Wahrscheinlichkeit hervor, dass nur dieser spezielle Kalendertyp in Frage kommt (VanderKam, 65). Hier wird ein wichtiger Grund für die enorme religiöse Bedeutung des 364-Tage-Sabbatkalenders erkennbar: Während das astronomische Henochbuch ihn als das einzig wahre, den Schöpfungsordnungen entsprechende Zeitrechnungssystem darstellt, eröffnen die Sabbatopferlieder gleichsam den Blick auf den himmlischen Gottesdienst (vgl. Jub 2,18ff). Nur der sich nach dem 364-Tage-Sabbatkalender vollziehende Gottesdienst geschieht in Entsprechung zu den himmlischen Vorgängen und entspricht demzufolge den göttlichen Geboten.

In der Psalmrolle (11QPsaDavComp xxvii 2-11) erscheint König → David als Anhänger des 364-Tage-Kalenders, der u.a. 364 Lieder für die Tage des ­­Jahres – speziell für die täglichen Opfer – sowie 52 Lieder für die Sabbate komponiert habe. Er wird als „Weiser“ und „Gelehrter“ bezeichnet, der mit einem „einsichtigen und erleuch­teten Geist“ von Gott ausgestattet worden sei, „ein Licht wie das Licht der Sonne“ und „vollkom­men auf all seinen Wegen vor Gott und den Menschen“. Dies erinnert an die Aussage im Schlusskapitel des astronomischen Henochbuches, ­wonach die Gerechten auf dem „Weg der Gerechtigkeit“ ent­spre­chend dem vollkommenen Schöpfungskalender wandeln (1Hen 82,4).

Schließlich sei auf einen Kommentar zum Genesisbuch (4Q252) hingewiesen, in dem u.a. die Chronologie der Flutgeschichte behandelt wird (1 i+ii). In 1 ii 2ff wird ausdrücklich festgestellt, dass Noah aus der Arche „am Ende eines Jahres, eines vollen, nach dreihundertsechzig und vier Tagen, am ersten Wochentag“ herauskam. Hier werden die in der heutigen Forschung umstrittenen Datumsangaben in Gen 6-8 (s.o. 2.1.2.) zur Dauer der Flut eindeutig im Sinne eines 364-Tage-Jahres interpretiert. Ob der Flutgeschichte ursprünglich tatsächlich der 364-Tage-Kalender zugrunde liegt, wie dies A. Jaubert zu erweisen versuchte (s.u. 4.2.1.), lässt sich auch durch den Befund von 4Q252 nicht sicher belegen (vgl. Glessmer 1993, 30ff).

Aus dieser Übersicht wird ersichtlich, welcher hohen religiösen Wertschätzung sich dieser für die perfekte Sabbatheiligung konzipierte Kalender im antiken Judentum der letzten drei Jahrhunderte v. Chr. erfreut haben muss. Diese Feststellung gilt umso mehr, als über den Gebrauch des babylonischen Lunisolarkalenders, der aufgrund der späteren rabbinischen Zeugnisse lange Zeit als maßgeblicher Kalender zur Zeit des Zweiten Tempels ausgegeben wurde, kaum zuverlässige Informationen existieren. Die verschiedenen Ausgestaltungsformen des 364-Tage-Kalenders in den oben aufgelisteten Texten legen den Schluss nahe, dass hier eine verbreitete und maßgebliche jüdische Kalendertradition vorliegt, der man nicht wie in der älteren Forschung das pejorative Etikett „sektiererisch“ anheften sollte.

4. Zur Kalenderentwicklung im Alten Israel

Grundsätzlich ist festzustellen, dass Theorien zur Kalenderentwicklung in Israel hypothetischen Charakter haben, da wir in dieser Hinsicht nur relativ wenige explizite Angaben in der hebräischen Bibel und in außerbiblischen Texten besitzen, so dass man die Informationslücken nur durch begründete Vermutungen schließen kann. Letztere ergeben sich vor allem aus der religionsgeschichtlichen Entwicklung der israelitischen Jahwe-Religion, denn der Kalender hatte eine zentrale Bedeutung für den Festkult in Israel (→ Feste). Vor allem ist die Frage zu klären, ob hinter den verschiedenen Monatsnamen verschiedene Kalendersysteme stehen und ob diese diachron zu unterschiedlichen Zeiten oder synchron (wie etwa in den Elephantine-Papyri) verwendet wurden. Folgende biblische Informationen sind in dieser Hinsicht zu interpretieren:

4.1. Kalendergeschichtlich relevante Angaben im AT

● Die kanaanäisch-phönizischen Monatsnamen tauchen insgesamt an nur sechs Bibelstellen auf (vgl. 2.3.1.) und beziehen sich vor allem auf Ereignisse um den Tempelbau → Salomos im 10. Jh. v. Chr. (1Kön 6,1.37.38; 1Kön 8,2). Diese Namen werden an drei der vier auf den Tempelbau bezogenen Stellen mit dem hebräischen Monatsbegriff יֶרַח jæraḥ bezeichnet, in dem der Name des kanaanäischen Mondgottes jāreaḥ anklingt.

● Die exilisch-nachexilischen Festkalender für den JHWH-Kult (z.B. Lev 23) benutzen ausschließlich das Nummerierungssystem (vgl. 2.3.2.), in dem als Monatsbegriff nicht יֶרַח jæraḥ, sondern חֹדֶשׁ ḥodæš „Neuung / Neumond“ verwendet wird. Auch sonst taucht die schlichte Monatsnummerierung in jenen biblischen Schriften auf, die kurz vor, während und nach dem Exil entstanden sind. Vor allem in den priesterschriftlichen Teilen des → Pentateuch und bei → Ezechiel, aber auch bei → Jeremia, → Haggai, → Sacharja, → Esra und Nehemia sowie im → Deuteronomistischen Geschichtswerk und im → Chronistischen Geschichtswerk ist diese Datierungsweise anzutreffen. Die eigentlich naheliegende Orientierung der Feste an den Mondphasen (vgl. Ps 81,4, Ps 104,19) kommt in diesem Kalendersystem nicht vor. So wäre etwa bei den Bestimmungen zum Passafest ein expliziter Bezug zum Vollmond wie in späteren Texten (z.B. Philo, De Specialibus Legibus II, 155; Josephus, Ant. II, 15,2; vgl. Sir 43,7) zu erwarten. Tatsächlich wird nur eine numerische Datierung vorgenommen (Nacht vom 14. zum 15.1., vgl. Ex 12,6ff; Lev 23,5f; Ez 45,21), die auch unabhängig von Mondbeobachtungen praktizierbar ist. Zudem findet in astronomischer Hinsicht der Vollmond in einem Mondkalender nicht immer in der Nacht vom 14. zum 15.1. statt, denn je nach der ersten Beobachtung der Mondsichel am abendlichen Westhorizont kann dieses Ereignis z.B. auch vom 12. zum 13.1. eintreten. Gleiches gilt im Hinblick auf das Laubhüttenfest am 15.7. (vgl. Lev 23,34). Es stellt sich daher die Frage, ob der fehlende Bezug auf die Beobachtung der Mondphasen, die später im rabbinischen Judentum eine entscheidende Rolle spielte (s.u. 4.2.2.), seinen Grund darin haben könnte, dass es sich bei dem Nummerierungssystem nicht um einen Lunisolarkalender handelt, der Mond also in diesem Festkalender gerade nicht die Festzeiten hervorbringt, wie es in Ps 104,19 formuliert ist.

● Die Datumsangaben in der Chronologie der → Sintflut Gen 6-8 (Nummerierungssystem) basieren nicht auf Mondmonaten (abwechselnd 29 und 30 Tage), sondern auf konstant 30-tägigen Monaten (vgl. 2.2.).

● Die Monatsnamen des babylonischen Lunisolarkalenders (vgl. 2.3.3.) sind nur in den relativ späten biblischen Texten der Perserzeit (Esra, Nehemia, Ester und Sacharja) anzutreffen wie auch in den Elephantine-Papyri (5. Jh. v. Chr.).

● Die Sabbatstruktur ist ein Wesensmerkmal des numerischen Festkalenders. In der Exilszeit wird der Sieben-Tage-Sabbat zum wichtigsten Bekenntnis- und Bundeszeichen für die Zusammengehörigkeit zwischen Jahwe und seinem Volk (Ex 31,17; Ez 20,12.20). Der strikten Einhaltung des → Sabbats dient jedoch der 364-Tage-Kalender, welcher in einigen nachbiblischen Schriften als der einzig wahre von Gott offenbarte Kalender bezeichnet wird (vgl. z.B. 1Hen 72-82; Jub 6,17-38).

● Die älteren Festkalender implizieren einen Jahresanfang im Herbst (Ex 23,16 / Ex 34,22), während sowohl in den späteren biblischen Festkalendern (Lev 23 / Num 28-29 = Nummerierungssystem) als auch im jüdischen Kalender mit den babylonischen Monatsnamen das Jahr eindeutig im Frühling beginnt, wenn das Passafest gefeiert wird (vgl. Ex 12,2; Est 3,7), dem als Erinnerung an den → Exodus aus Ägypten eine zentrale heilsgeschichtliche Bedeutung im Alten Testament zukommt.

4.2. Kalendergeschichtliche Interpretation und Rekonstruktion

Diese verschiedenen Befunde kann man so interpretieren, dass es in der Geschichte Israels zumindest einen Kalenderwechsel von einem ursprünglich lunisolaren hin zu einem anderen Kalendersystem gegeben hat, der wahrscheinlich kurz vor oder während der Exilszeit stattgefunden hat. Als religionsgeschichtlicher Schlüssel zum Verständnis der Motive für diese kalendarische Neuorientierung hat sich zum einen die monotheistische Reform der israelitischen Jahwe-Religion und zum anderen die Neudefinition des Sabbats in der exilisch-nachexilischen Epoche erwiesen:

Monotheismus: Mit der Zerstörung des Jerusalemer Tempels (→ Zerstörung Jerusalems) und dem Untergang des → Königtums hat sich eine fundamentale theologische Revolution in Israel vollzogen: die konsequente Abkehr von den Kulten zahlreicher Götter und die Verehrung Jahwes als einzigem Gott Israels (→ Monotheismus 3.4.). Verschiedene biblische Texte belegen, dass es einen strikten Monotheismus bis zur josianischen Reform im 7. Jh. v. Chr. noch nicht gab. Besonders Astralkulte erfreuten sich in Israel bis zum Exil noch großer Beliebtheit (vgl. z.B. 2Kön 21,5; 2Kön 23,5; Dtn 17,3; Jer 8,2; Jer 19,13; Ez 8,16; u.ö.).

Nun gab es in den altorientalischen Kulturen einen essentiellen Zusammenhang zwischen der Beobachtung der Gestirnzyklen für die Zeitstrukturierung und den im Alten Orient weit verbreiteten Astralkulten. Nach der Tora soll sich Israel jedoch gerade in letzterer Hinsicht von den anderen Völkern unterscheiden:

„Wenn du die Augen zum Himmel erhebst und das ganze Himmelsheer siehst, die Sonne, den Mond und die Sterne, dann lass dich nicht verführen! Du sollst dich nicht vor ihnen niederwerfen und ihnen nicht dienen. Der Herr, dein Gott, hat sie allen anderen Völkern überall unter dem Himmel zugewiesen.“ (Dtn 4,19)

Sabbatverständnis: Auf diesem religionsgeschichtlichen Hintergrund ist auch die theologische Neubestimmung des → Sabbats in der Exilszeit zu verstehen: Es spricht einiges dafür, dass der Sabbat in vorexilischer Zeit ein Vollmondfest war, was wiederum den Gebrauch eines lunaren Kalenders wahrscheinlich macht (→ Sabbat 2.). Nach Ps 81,4 sollte am Neumondtag und am Vollmondtag das Schofarhorn ertönen, wobei der Vollmond als „Tag unseres Festes“ bezeichnet wird. In 2Kön 4,23; Am 8,5; Hos 2,13 und Jes 1,13 wird der Sabbat stets zusammen mit dem Neumondfest genannt. An diesen Stellen ist jedoch nicht von den Sabbaten Jahwes die Rede (vgl. Ez 20,12.20), sondern von „ihren Sabbaten“ (Hos 2,13), also von fröhlichen Volksfesten, die von den jeweiligen Propheten gerade scharf kritisiert werden.

Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Göttinnen, Götter und Gottessymbole (QD 134), Freiburg / Basel / Wien 1992, 367 Abb. 311a (© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz)

Abb. 5 Zwei Verehrer des Mondgottes, der in der Mondsichel repräsentiert ist (Skaraboid aus Samaria; 7. Jh. v. Chr.).

Außerbiblische Unterstützung bekommt dieses ursprünglich lunare Sabbatverständnis durch ikonographische Quellen aus der Eisenzeit IIC (→ Eisenzeit II), also aus der Epoche des aramäisch-neuassyrischen Einflusses (8./7. Jh. v. Chr.) auf Palästina. Die Glyptik jener Zeit dokumentiert eine Astralisierung des religiösen Symbolsystems, wobei besonders häufig die Mondsichel abgebildet ist (Keel / Uehlinger, 367 Abb. 311-316), auch mit Darstellungen des Mondgottes (a.a.O. 351 Abb. 305a-307). Auch in Ortsnamen kommt das theophore Element jrḥ vor, zum Beispiel in „Jericho“. Bei den → Aramäern (→ Haran) und in Assyrien galt der Mondgott (→ Mond 2.3.) als eine der höchsten Gottheiten, wobei der Mondkult von Haran auch auf Israel ausstrahlte (Theuer, 516ff). Einige Forscher nehmen sogar an, dass Jahwe selbst im 7. Jh. v. Chr. als lunare Gottheit verehrt wurde (Keel / Uehlinger, 353ff). Ps 81,4 legt nahe, dass Neumond und Vollmond als Jahwefeste gefeiert wurden. Die von den lunaren Erscheinungen ausgehende Faszination wird auch im Hiobbuch eindrücklich beschrieben (vgl. Hi 31,26f).

Vom vorexilischen Vollmondsabbat grenzt sich in der Exilszeit eine neue Konzeption des Sabbats ab: der Sieben-Tage-Sabbat. Er wird zum wichtigsten Bekenntnis- und Bundeszeichen für die Zusammengehörigkeit zwischen Jahwe und seinem Volk (Ex 31,17; Ez 20,12.20). Im Unterschied zu dem von Jesaja und Hosea bekämpften Vollmondsabbat erhält der Sabbat nun eine neue Bedeutung als von Jahwe verordneter Ruhetag am jeweils 7. Tag der Woche, der ausdrücklich als allein Jahwe gewidmeter Feiertag bezeichnet wird (vgl. Lev 23,3). Dieses neue Sabbatverständnis ist nicht mehr an die Mondphasen gebunden. Dahinter steht eine Kalenderkonzeption, die offenbar auf die Unabhängigkeit von Mond- und Gestirnbeobachtungen (z.B. Konjunktion von Mond und Siebengestirn, heliakische Aufgänge von Monatssternbildern etc.) – und damit auch von astralkultischen „Versuchungen“ (Dtn 4,19; Hi 31,26f) – abzielt. Die scharfe deuteronomistische Astralpolemik (→ Deuteronomismus) zeigt (Dtn 17,3; 2Kön 23,5; Jer 8,2 u.ö.), dass in exilischer Zeit die Auseinandersetzung mit Gestirnkulten eine erhebliche Bedeutung für die Neuprofilierung der Jahwe-Religion nach der Katastrophe erlangte. Auf diesem religionsgeschichtlichen Hintergrund wird die neue Konzeption des Sieben-Tage-Sabbats verständlich, welche nicht an die Beobachtung der Mondphasen gebunden ist.

Der priesterliche Festkalender in Lev 23 ist von dieser schematischen Sabbat- bzw. Wochenstruktur her geprägt (s.o. 2.3.2.) und meidet zugleich kanaanäische oder mesopotamische Monatsnamen sowie Bezüge zu den Mondphasen. Dies entspricht dem theologischen Anliegen hinter dem schematischen 364-Tage-Sabbatkalender, der in den späten Texten als der wahre von Gott offenbarte Schöpfungskalender bezeichnet wird (vgl. 1Hen 72-82; Jub 6,29ff; CD III 12ff etc.). Eine theologische Begründung findet die neue Sabbatkonzeption im exilisch-priesterlichen Schöpfungsbericht mit dem Ruhen Gottes am siebten Tag, wodurch er besonders geheiligt ist (Gen 2,2; vgl. Ex 20,11). Dabei werden im Kontext auch die ehemaligen Gestirngottheiten als dienstbare Geschöpfe Jahwes subordiniert (Gen 1,14ff) und damit im Hinblick auf ihre Göttlichkeit depotenziert. Bezeichnenderweise wird auch der 364-Tage-Kalender stets schöpfungstheologisch begründet (1Hen 82,7; Jub 2,9; 4Q320 Frg. 1 Kol i 1-5 und Frg. 4 Kol. ii 10ff). Die verbreitete Annahme, wonach die neue exilische Kalenderordnung zur Einhaltung des Sieben-Tage-Sabbats „für Jahwe“ (Lev 23,3) mit dem babylonischen Lunisolarkalender (Nisan-Adar) identisch sein soll, erscheint daher eher als unwahrscheinlich. Denn in dem mesopotamischen Kalendersystem war jeder Tag des Monats mit Kult und Mythos der Babylonier verknüpft (Cohen, 305-342). So wurde der babylonische Vollmond-šab/pattu als „Tag der Herzensberuhigung“ der Götter gefeiert (Landsberger, 132), was gerade der Abkehr vom Vollmondsabbat im neuen monotheistischen Sabbatverständnis widerspricht. Auch sonst vollzog sich die monotheistische Wende Israels gerade in Abgrenzung zur babylonischen Religion und Kultur (vgl. Jes 47; Jer 50-51).

4.2.1. Die vorexilisch-exilische Epoche

Aufgrund all dieser Überlegungen kann man mit einiger Wahrscheinlichkeit annehmen, dass in vorexilischer Zeit der israelitische Kalender am Mondlauf orientiert war. Die im Kontext der Tempelbaugeschichte erwähnten Monatsnamen (s.o. 2.3.1.) gehörten demnach zu einem kanaanäisch-phönizischen Lunisolarkalender, in dem der Jahresanfang im Herbst lag. Mit der assyrischen Oberherrschaft in Palästina dürfte dann der lunisolare mesopotamische Standardkalender (vgl. Cohen, 297ff) mit Jahresanfang im Frühling zumindest für Handel, Verkehr und Politik Verbreitung gefunden haben. Dafür spricht auch die Darstellung der Kultreform in 2Kön 23,5, wo von der Beseitigung assyrischer Astralkulte aus dem Tempel die Rede ist, u.a. der Mazzālôt-Sternbilder, bei denen es sich wahrscheinlich um die babylonischen Monatssternbilder handelt, die wiederum mit dem mesopotamischen Standardkalender verknüpft waren (Albani 2001, 196). Von diesem astralreligiös konnotierten Kalendersystem musste sich ein monotheistischer Sabbatkalender abgrenzen.

Allerdings ist umstritten, ob die Entstehung des 364-Tage-Kalenders schon in exilischer oder frühnachexilischer Zeit angesetzt werden kann, da die verschiedenen Texte, die den Sabbatkalender explizit bezeugen, alle aus späterer Zeit stammen. A. Jaubert hat in ihren forschungsgeschichtlich nachhaltig wirkenden Untersuchungen zum 364-Tage-Kalender zu zeigen versucht, dass zwischen den Datumsangaben des Nummerierungssystems in den exilisch-nachexilischen Schriften des Alten Testaments und dem 364-Tage-System kein Widerspruch besteht (Jaubert 1957). Von daher würde nichts dagegen sprechen, dass bei den Datierungen der Jahwefeste im Rahmen des Nummerierungssystems der priesterliche 364-Tage-Sabbatkalender vorausgesetzt ist. Die Beweiskraft ihrer Theorie ist allerdings strittig (VanderKam, 54ff), und zudem gibt es bisher keine expliziten Belege für eine funktionierende Schaltungspraxis zum Ausgleich mit dem tropischen Sonnenjahr. In der Forschung wird seither die Frage diskutiert, ob der Sabbatkalender nur ein ideales theoretisches Kalenderkonzept für die zeitliche Strukturierung der Heilsgeschichte war (und damit wie der neue Tempelentwurf Ezechiels Ez 40-48 nur auf der literarischen Ebene existierte) oder ob es sich um den offiziellen Kultkalender des zweiten Tempels handelte. Ein wichtiges Entscheidungskriterium ist die Klärung der Interkalationsfrage, also ob es eine funktionierende Schaltung gab. Klare Belege dafür sind bisher nicht aufgetaucht, aber es gibt immerhin einige Vorschläge für eine funktionierende Schaltung des Sabbatkalenders. Auch eine interkalationslose Praxis am Zweiten Tempel wurde vorgeschlagen (vgl. Maier 1996, 123ff; Albani 1997, 103-110).

Der wichtigste theologische Impuls für die Schaffung eines genuin jüdischen Kalenders zur Einhaltung des Sieben-Tage-Sabbats dürfte jedenfalls das neue monotheistische Gottesverständnis gewesen sein, welches sich seit der Exilszeit durchzusetzen begann: Wenn Jahwe der einzige Gott im Himmel und auf Erden ist, dann darf auch nur ihm allein die Beherrschung von Raum und Zeit zukommen (vgl. Jer 33,25; Dan 2,21). Die Gestirne als einstige kosmische Zeit- und Schicksalsmächte müssen auf Befehl des Schöpfers wie ein gewaltiges Heer gesetzmäßig ihre Umläufe vollziehen (Jes 40,26; Hi 38,32f). Ihnen wird nur noch eine abgeleitete kalendarische Herrschaftsfunktion zugestanden (Gen 1,14ff). Auf der politischen Ebene entspricht der Ablösung von einem astralreligiös geprägten Kalendersystem die Emanzipation von der babylonischen Oberherrschaft (vgl. Jes 47), deren höchste Götter wiederum in Verbindung mit den Gestirnen gesehen wurden (Albani 2000, 57ff). Dem neuen monotheistischen Gottesbild vom Schöpfergott, welcher die Welt in sieben Tagen geschaffen und vollendet hat (Gen 2,2), korrespondiert die neue Kalenderkonzeption von der Sabbatstruktur der Zeit.

4.2.2. Die nachexilische Epoche

Der babylonische Lunisolarkalender, dessen Monatsnamen erstmals in den späten Schriften des Alten Testaments auftauchen und nach dem Jerusalemer Talmud (→ Talmud) von → Esra aus Babylon mitgebracht worden waren (s.o. 2.3.3.), hat aller Wahrscheinlichkeit in der nachexilischen Zeit neben dem sakralen Sabbatkalender eine wichtige Rolle für das öffentliche Leben, besonders für Handel, Verkehr, Politik etc. gespielt, denn er blieb auch nach dem Untergang des neubabylonischen Reiches 538 v. Chr. weiterhin der offizielle Kalender des persischen Großreiches. Der simultane Gebrauch von zwei verschiedenen Kalendersystemen war in der Geschichte nicht ungewöhnlich. Auch heute noch gibt es einige Länder und Kulturen, die einen eigenen religiösen Kalender neben dem international gebräuchlichen gregorianischen Sonnenkalender praktizieren (z.B. in Israel oder in islamischen Ländern).

Während man im Falle der Einführung des exilischen Sabbatkalenders von einer monotheistischen Kalenderreform sprechen kann, deuten verschiedene Textzeugnisse darauf hin, dass es im 2. Jh. v. Chr. einen länger andauernden Kalenderkonflikt gegeben hat. J.C. VanderKam hat auf das → Danielbuch hingewiesen, wo von einer Veränderung von „Zeit und Gesetz“ im Zusammenhang mit der apokalyptischen Darstellung der Religionskrise unter → Antiochos IV. Epiphanes die Rede ist (Dan 7,25). Von dieser kritischen Phase in der Geschichte Israels wird ausführlicher in den → Makkabäerbüchern erzählt. Die Untersuchung von 2Makk 6,7a und 1Makk 1,59 (Lutherbibel: 1Makk 1,62) führt ihn zu dem Ergebnis, dass die seleukidische Administration (→ Seleukiden) mit Unterstützung der hellenistenfreundlichen jüdischen Kreise dem Jerusalemer Tempelkult neue griechische Feste aufzwang. Die Feier des königlichen Geburtstages am 25. Tag eines jeden Monats und das Fest des Dionysos, um die es an diesen Stellen geht, richteten sich natürlich nach dem seleukidisch-makedonischen Lunisolarkalender (s. 2.3.4.), so dass VanderKam daraus die Ablösung des bisherigen Kultkalenders durch den der seleukidischen Fremdherrscher und der prohellenistischen Priesteraristokratie (2Makk 4,12-17) schlussfolgert (VanderKam, 114f).

Was nach der Wiedereinweihung des Tempels (164 v. Chr.) in kalendarischer Hinsicht geschah, ist durch Quellen bisher nicht belegt. Es spricht jedoch einiges für die Annahme, dass auch die → Hasmonäer später den internationalen Lunisolarkalender beibehalten haben, da dies aus politischen und wirtschaftlichen Gründen praktikabel und opportun war. Einige Autoren vermuten, dass es unter der Herrschaft des Hasmonäers Jonathan im Jahre 152 v. Chr. zum Kalenderschisma gekommen sei, als sich eine fromme Gruppierung unter Führung des in den Qumrantexten erwähnten „Lehrers der Gerechtigkeit“ vom Jerusalemer Tempel separierte. Allerdings gibt es dafür keine expliziten Belege (VanderKam, 115f). Sicher ist nur, dass die genannten → Qumrantexte Aufschluss über den heiligen Kalender dieser Religionspartei geben, die meist mit den Essenern identifiziert wird. Es handelt sich um den 364-Tage-Sabbatkalender, der eine eminente Bedeutung für die Theologie und Identität der Essener hatte (s.o. 3.3.3.). So wird der für das Verständnis der Qumrangemeinde äußerst wichtige sog. halachische Brief (4QMMT) mit der Darstellung eines ganzen 364-Tage-Festkalenderjahres eröffnet (4Q394). Und in den „Calendrical Documents“ (4Q320-330) findet man die in 1Chr 24 genannten 24 Priesterdienstabteilungen, lunare Zyk­len, Feste und historische Ereignisse mit dem 364-Tage-Kalender synchronisiert (vgl. 3.3.3.). Auch in der umfangreichen Tempelrolle (11Q19-20; 4Q365a) wird der 364-Tage-Kalender vorausgesetzt. Dahinter steht der exklusive Anspruch und die Überzeugung der Essener, den einzigen, von Gott her legitimierten und schon immer gültigen Kalender für den Jerusalemer Tempelkult und für Israel insgesamt zu propagieren und zu praktizieren (vgl. Jub 6,30ff).

Die umfänglichen kalendarischen Texte, die auf verschiedene Weise den Sabbatkalender mit den Mondzyklen zu synchronisieren versuchen (4Q317; 4Q320-321), sollen wohl demonstrieren, dass dieses heilige Zeitrechnungssystem ganz der idealen Schöpfungsordnung entspricht (Gen 1,14-18). So wird gleich am Beginn eines solchen synchronistischen Kalendertextes (4Q320 Frg. 1 Kol. i) der Ausgangspunkt der vollkommenen, auf die Sabbatheiligung zielenden Kalenderordnung genannt: der Vollmond am vierten Tag der Schöpfungswoche, also der Tag, an dem die Gestirne geschaffen wurden. Zugleich wird merkwürdigerweise eine Priesterdienstabteilung aus 1Chr 24 genannt, nämlich die „Söhne Gamuls“, die in dieser ersten Kalenderwoche der Welt Dienst am Tempel gehabt hätten, was schwerlich möglich ist. Jedoch dürfte der Grundgedanke dieser schematischen Kalenderkonstruktion aus 364-Tage-Jahr, Mondzyklen und Priesterdiensten im Rahmen des größeren chronologischen Rahmens aus Jobeljahrzyklen die Vorstellung einer himmlisch-irdischen Entsprechung sein, wonach die Zyklen der Gestirne und die Zyklen der Priesterdienste und Feste am Tempel einen gemeinsamen Ursprung in der Schöpfung haben – eine Universalisierung des Tempelkultes bis hin zum damals denkbar weitesten Horizont der Wirklichkeit.

Durchgesetzt hat sich im späteren Judentum jedoch nicht dieses der perfekten Sabbatheiligung dienende Zeitrechnungssystem, sondern ein ursprünglich babylonischer Lunisolarkalender, der gerade im Hinblick auf die Kollision von Sabbaten und Festen zahlreiche Probleme mit sich bringt, dafür aber an der astronomischen Realität orientiert ist, nicht an einem theologisch motivierten numerischen Schematismus. Inzwischen war der jüdische Monotheismus längst so gefestigt, dass die Befolgung eines ursprünglich „heidnischen Kalenders“ und die damit verbundene akribische Mondbeobachtung kein Problem mehr für den Jahweglauben darstellte. Über die genauen Umstände und Vorgänge, die zum Sieg des babylonischen Mondkalenders über den 364-Tage-Sabbatkalender führten, ist nichts Sicheres bekannt.

Fest steht jedoch, dass in der sog. Fastenrolle (Megillat Taanit) aus dem 1. Jh. n. Chr. erstmals komplett alle 12 babylonischen Monatsnamen von Nisan bis Adar auftauchen. Des Weiteren geht aus Texten der → Mischna hervor, dass im 1. Jh. n. Chr. die Beobachtung des Mondneulichtes als Beginn des Mondmonats eine zentrale Rolle für die offizielle jüdische Kalenderpraxis spielte. Im Talmudtraktat Rosch ha-Schanah (1:3-3:1) werden genau die Regeln für die erste Sichtbarkeit der Neulichtsichel erörtert: Mindestens zwei Personen mussten die Neulichtbeobachtung vor einem speziellen Gerichtshof des Synhedrions bezeugen können. Erst danach wurde der neue Monat von Herolden verkündet und mit Schofarsignalen der Bevölkerung zur Kenntnis gebracht (VanderKam, 36ff). Die Praktizierung eines Lunisolarkalenders mittels unterschiedlicher Neulichtbeobachtung hatte jedoch z.B. den Nachteil, dass gemäß einer Anordnung des Synhedrions alle biblischen Feste (außer Jom Kippur) außerhalb Israels um einen Tag verlängert werden mussten. Erst im 4. Jh. n. Chr. wurde unter Hillel II. ein berechenbarer konstanter Lunisolarkalender für das rabbinische Judentum eingeführt, den man nach dem 19-Jahres-Zyklus (Meton-Zyklus) schaltete, so dass der Kalenderrat des Synhedrions aufgelöst werden konnte.

Der ursprünglich babylonische Lunisolarkalender gilt seit dem 1. Jh. n. Chr. als der jüdische Kalender schlechthin, während der 364-Tage-Kalender offenbar nur noch in „sektiererischen“ jüdischen Gruppen praktiziert wurde. So berichtet der berühmte mittelalterliche moslemische Gelehrte Al-Biruni (973-1048 n. Chr.) in seiner „Chronologie der alten Völker“ von einer jüdischen Sekte, die einen Kalender praktizierte, der teilweise dem entspricht, was wir in den „Calendrical Documents“ aus Qumran finden. Im Unterschied zu der sonst üblichen jüdischen Kalenderpraxis hätte man dort z.B. das Jahr mit dem Aufgang des Vollmonds an einem Mittwoch zur Zeit des Frühlingsanfangs begonnen (Finegan, 46f). Der theologische Grund für diesen kalendarischen Jahresbeginn liegt darin, dass in Gen 1,14 Gott am vierten Tag der Schöpfungswoche – also an einem Mittwoch (vgl. Tab. II) – die großen Lichter und die Sterne geschaffen hat, wobei der Mond natürlich als Vollmond geschaffen wurde. Al-Biruni konstatiert jedoch, dass die Kalenderpraxis der Sekte im Gegensatz zu den Bräuchen der Mehrheit der Juden und zu den Vorschriften der Tora stehe. Mit diesen mittelalterlichen Informationen verlieren sich die Spuren des 364-Tage-Kalenders. Erst im 19. Jh. ist dieser Kalender quasi neu erfunden worden in Gestalt eines „Weltkalender“-Projektes, dem jedoch bisher kein Erfolg beschieden war (s.o. 1.5.).

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  • Theuer, G., 2000, Der Mondgott in den nordwestsemitischen Religionen Syrien-Palästinas (OBO 173), Freiburg (Schweiz) / Göttingen
  • Stuckrad, K. von, 2007, Geschichte der Astrologie. Von den Anfängen bis zur Gegenwart, München
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  • Walker, Chr. (Hg.), 1996, Astronomy before the telescope, London

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Tierkreis von Beit Alpha. Aus: Wikimedia Commons; © public domain; Zugriff 18.11.2017
  • Abb. 2 Wettergott mit Astralsymbolen wie Mondsichel und Pleiaden (Rollsiegel, Netanya EZ IIC; 720-600 v. Chr.). Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Götter, Göttinnen und Gottessymbole (QD 134), Freiburg / Basel / Wien 1992, 333 Abb. 285a (© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz)
  • Abb. 3 Der sog. Bauernkalender aus Geser (10. Jh. v. Chr.). © Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart
  • Abb. 4 Übersicht zum Aufbau des 364-Tage-Sabbatkalenders.
  • Abb. 5 Zwei Verehrer des Mondgottes, der in der Mondsichel repräsentiert ist (Skaraboid aus Samaria; 7. Jh. v. Chr.). Aus: O. Keel / Chr. Uehlinger, Göttinnen, Götter und Gottessymbole (QD 134), Freiburg / Basel / Wien 1992, 367 Abb. 311a (© Stiftung BIBEL+ORIENT, Freiburg / Schweiz)

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