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Lexikon

Jehu

Jonathan Robker

(erstellt: Dez. 2017)

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Die bekannteste biblische Figur namens Jehu ist Israels König Jehu ben Joschafat ben Nimschi (gelegentlich auch ben Nimschi ben Joschafat genannt, s.u.). Aus der Kombination von biblischen und neuassyrischen Angaben kann man seine Regierungszeit auf etwa 843-815 v. Chr. datieren. Seine Geschichte wird in 2Kön 9-10 überliefert (vgl. die Kurzdarstellung in 2Chr 22,7-9). In den → Königsbüchern nimmt Jehu ben Nimschi als König des Nordreichs eine Sonderstellung ein, da seiner vermeintlichen politischen und religiösen Revolution zwei lange Kapitel gewidmet sind. Auch in der → Chronik hat Jehu unter den Königen Israels eine Sonderstellung, da er als „Gesalbter“ (er wird nicht „König von Israel“ genannt) die Strafe JHWHs vollstreckt.

1. Der Name

Der Name „Jehu“ (יֵהוּא jehû’) besteht vermutlich aus dem hebräischen Personalpronomen הוּא hû’ „er / es“ sowie dem theophoren Element יהוה jhwh „JHWH“, das zu je verkürzt ist. Damit vermittelt der Name so etwas wie ein kurzes Glaubensbekenntnis: „JHWH ist es“ oder „JHWH ist derjenige“.

2. Jehu, König von Israel (843-815 v. Chr.)

2.1. Das biblische Bild

2.1.1. Jehus Hintergrund und Stellung nach 2Kön 9-10

Die ausführlichste biblische Darstellung von Jehu steht in 2Kön 9-10. An rein biographischen Daten bieten die Kapitel jedoch wenig: Im masoretischen Text und in der Kaige Rezension (→ Septuaginta) des griechischen Textes (Codex Vaticanus) wird Jehu als Sohn des → Joschafat und als Enkel des Nimschi präsentiert (2Kön 9,2.14). Dagegen bezeichnet ihn der antiochenische Text (lukianische Rezension; → Septuaginta) als Sohn des Nimschi und Enkel des Joschafat. Es bleibt leider unklar, welche Lesart die ältere ist. Einer dieser beiden Patronyme könnte wichtige Assoziationen hervorgerufen haben, die uns verloren gegangen sind. Möglich ist, dass die Reihenfolge im masoretischen Text (und den ihm folgenden Texttraditionen) geändert wurde, um klarzustellen, dass dieser Joschafat nicht der gleichnamige König von Juda war, der von 868 bis 847 v. Chr. regierte und damit rein chronologisch sein Großvater hätte sein können. Darüber hinaus deutet die ungewöhnlich ausführlichere Angabe zu den Vorfahren vielleicht Jehus Wichtigkeit an (vgl. noch 2Kön 14,18: → Joasch). Ansonsten fehlen Informationen zu seiner Herkunft. Man kann deshalb davon ausgehen, dass Jehu Israelit war, wohl auch aus einer wichtigen Familie stammte; alles Weitere zu seiner Herkunft bleibt verborgen. Weiterhin war Jehu anscheinend ein hochrangiger Militäroffizier (einer der שָׂרֵי הַחַיִל śārê haḥajil in 2Kön 9,5), der dem König von Israel und seinen Offizieren bekannt war (2Kön 9,20.22).

2.1.2. Jehu als gewalttätiger Putschist (2Kön 9,11-10,14)

Ein Schwerpunkt der biblischen Erzählung liegt auf Jehus gewaltsamem politischem Aufstand gegen den regierenden König → Joram von Israel sowie dessen Familie. Im Laufe eines Putsches soll Jehu Joram, den Sohn → Ahabs, sowie sämtliche Verwandten Ahabs und dessen Witwe → Isebel umgebracht haben; zudem schließlich auch noch König → Ahasja von Juda. Damit stellt die Bibel Jehu als gewalttätig, aber auch mächtig dar. Er zögert nicht, seine Gegner auf grausame Weise umzubringen bzw. umbringen zu lassen: Joram von Israel soll er eigenhändig erschossen haben (2Kön 9,24). Dessen Cousin Ahasja, den König von Juda, lässt er töten (2Kön 9,27). Die Königinmutter Isebel lässt er aus einem Palastfenster stürzen und ihre Leiche schänden (2Kön 9,30-35), sodann alle möglichen Thronprätendenten umbringen (2Kön 10,1-11). Auf dem Weg von → Jesreel, wo der Putsch begann, nach → Samaria, wo der Putsch vollendet wird, trifft Jehu schließlich auf Verwandte des inzwischen getöteten Ahasja und lässt diese ebenfalls umbringen (2Kön 10,12-14).

2.1.3. Jehu als religiöser Eiferer für JHWH und Gegner des Baalskults (2Kön 10,15-28)

Im folgenden Erzählverlauf begegnet Jehu Jonadab ben Rechab (2Kön 10,15-17; vgl. Jer 35; → Rechabiter). Sie verabreden sich, den Baalskult auszurotten. Dazu vollzieht Jehu ein hinterlistiges Opfer, bei dem ausschließlich die vollzählig versammelten Anhänger → Baals anwesend sein sollen. Am Ende des Opfervorgangs lässt er das Heiligtum stürmen, alle Kultteilnehmer umbringen und die Tempelanlage zerstören. Als Gipfel dieser Erniedrigung lässt er den Tempel schließlich in eine Toilettenanlage umwandeln.

2.1.4. Jehu als JHWH-treuer und Gott-gewählter König in 2Kön 9-10

Wiederholt macht der Text auf die Unterstützung Jehus durch Gottesmänner aufmerksam. So wurde Jehu nach 2Kön 9,1-10 von einem Jünger des → Elisa aufgesucht, um ihm den Auftrag zu geben, die Dynastie der Omriden auszulöschen (→ Omri; → Ahab). Zugleich wird Jehu von dem Jünger Elisas zum König gesalbt, obwohl der Omride Joram noch regiert. Dadurch wird in 2Kön 9 Elisa zum Initiator des Aufstandes. Auch andere Taten des Jehu werden in einen prophetentheologischen Zusammenhang gestellt, so die Zerfleischung von Isebels Leiche in 2Kön 9,36 (vgl. 1Kön 21,23) oder die komplette Ausrottung von Ahabs Familie in 2Kön 10,17 (vgl. 1Kön 21,21). Auch scheint Jehu nach dem biblischen Bericht eine besondere Beziehung zu Gott gehabt zu haben, da er zum einen eine sonst unbekannte Prophezeiung wiedergibt (2Kön 9,25-26) und zum anderen nach 2Kön 10,30 JHWH ihm eine unmittelbare und uneingeschränkte Verheißung für seine Dynastie bietet. Der Text stellt Jehu damit als eifrigen JHWH-Anhänger dar. Abgesehen von einigen verstreuten deuteronomistischen Anmerkungen (s.u.; → Deuteronomismus) scheint der Bericht von 2Kön 9-10 also eine vor allem positive Beurteilung von Jehu zu bieten, insbesondere im Blick auf seine gottgewollte Amtsübernahme.

2.1.5. Jehus außenpolitisches Versagen in 2Kön 9-10

2Kön 10,32-33 beschreiben einen Eroberungszug des aramäischen Königs → Hasaël von Damaskus (s.u. 2.3.) während Jehus Herrschaft (→ Aramäer). Dabei sollen große Teile vom Gebiet des Nordreichs, vor allem im Ostjordanland, abgetrennt worden sein. Während das innenpolitische Bild der Herrschaft Jehus positiv erscheint, wird seine Außenpolitik, wenn auch nur anhand eines einzigen Beispiels, negativ geschildert. Diese Relativierung seiner Regentschaft wurde unter deuteronomistischem Einfluss weiter verschärft.

2.1.6. Jehus deuteronomistische Beurteilung

Dass die Geschichte des Königs Jehu in 2Kön 9-10 einer deuteronomistischen Bearbeitung unterzogen wurde (→ Deuteronomismus), wird nicht wirklich bestritten, allerdings sind die Anzahl der deuteronomistischen Eingriffe und ihr genauer Umfang stark umstritten (vgl. die abweichenden Positionen von Würthwein in seinem Kommentar sowie die Monographien von Minokami, Otto und Robker). Konsens ist, dass zumindest Verse wie 2Kön 10,29.31 unter deuteronomistischem Einfluss entstanden sind. In diesen Texten wird eindeutig erklärt, dass Jehu Anforderungen des → Deuteronomistischen Geschichtswerks unerfüllt ließ. Besonders markant wirken diese deuteronomistischen Beurteilungen, da sie die uneingeschränkte Verheißung Gottes für Jehus Dynastie unmittelbar umrahmen. Damit nuancierten diese Redaktoren die theologische Beurteilung von Jehu und damit seine gesamte Charakterisierung im Buch der Könige (→ Königsbücher).

2.1.7. Jehu als Begründer einer Dynastie in 2Kön 13-15

Das Buch der Könige sieht Jehu als Begründer der am längsten regierenden Dynastie des Nordreichs: Sein Sohn (→ Joahas; 817-801 v. Chr.), sein Enkel (→ Joasch; 801-786 v. Chr.), sein Urenkel (→ Jerobeam II.; 786-746 v. Chr.) und sein Ururenkel (→ Secharja; 746 v. Chr.) saßen alle laut biblischen Angaben, die zum Teil mit assyrischen Daten übereinstimmen, zumindest kurz auf dem Thron Israels. Eine Dynastie, die über fünf Generationen währt und insgesamt 102 Jahre herrscht, ist im Nordreich einmalig. Damit dürfen die Jehuiden (auch Nimschiden genannt; vgl. z.B. Frevel, 215) deutlichen Einfluss auf die Entwicklung des Nordreichs gehabt haben. Passend dazu, tradieren die Königsbücher in 2Kön 9-10.13-15* mehr zu ihnen als zu allen anderen Herrschern des Nordreichs (abgesehen von den Elia-Elisa-Legenden und deren Einbettung in die Dynastie der Omriden).

2.1.8. Jehu als gerechter Richter in 2Chr 22

Die → Chronik bietet eine verkürzte Version von 2Kön 9-10 in ihrer Erzählung in 2Chr 22,7-9. Dort erscheint ebenfalls ein Jehu ben Nimschi, allerdings wird er nirgends als König von Israel bezeichnet. Der Schwerpunkt dieser chronistischen Erzählung liegt auf Jehus Bedeutung als ein von Gott gewähltes Werkzeug, das die judäische Dynastie bestrafen sollte, nachdem Jehu bereits Ahabs Familie ausgerottet hatte.

2.1.9. Jehu und seine Blutschuld in Hos 1

Eine Anspielung auf Jehus gewaltsamen Putsch bietet Hos 1. Bei der Namensgebung in Hos 1 wird Hoseas erster Sohn „Jesreel“ genannt (Hos 1,3-5). Dieser Name soll wahrscheinlich andeuten, dass Jehus Blutschuld bei → Jesreel heimgesucht wird (Irvine). Eindeutig stellt dieses Geschehen eine negative Wertung Jehus dar, in markantem Kontrast zur Grundtendenz der Erzählung in den Königsbüchern. Die Zeichenhandlung bei Hosea geht so weit, dass Jehu für den Untergang des Königtums in Israel verantwortlich gemacht wird. Israels Kriegsmacht sollte ebenfalls zerstört werden. Dass Hosea auf eine ähnliche, wenn nicht die in 2Kön 9-10 überlieferte Erzählung anspielt, ohne den Namen Jehus zu nennen, zeigen sowohl der Name Jesreel, der Ort des Blutbades in 2Kön 9-10, als auch der Bogen, der in Hos 1,5 und 2Kön 9,24 eine wichtige Rolle spielt.

2.2. Die akkadischen Quellen und der Bezug zu Assyrien

Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 118885

Abb. 1 Der Schwarze Obelisk aus Kalchu zeigt, wie Salmanassar III. (858-824 v. Chr.) Tribute gebracht werden, auch von Israels König Jehu.

Es liegt eine ganze Reihe von akkadischen Texten vor, die von Jehu berichten. Das bekannteste epigraphische Zeugnis stellt immer noch der Schwarze Obelisk von → Salmanassar III. dar, der heute im British Museum steht (BM ANE 118885; vgl. die Edition in Grayson A.0.102.14 und A.0.102.88 sowie die deutsche Übersetzung der relevanten Passagen in TUAT I/4, 362-363). Aber es gibt noch ältere Inschriften aus der Zeit Salmanassars III. Relevant für die Diskussion um Jehu sind die Texte, die Salmanassars Kriegszug von 841 beschreiben (die Zitation bezieht sich auf die Edition von Grayson). Daten zu diesem Kriegszug (vgl. HTAT, 249ff.) sind überliefert auf Statuen von Stieren aus → Kalchu (etwa 841 v. Chr.; A.0.102.8:1“-27“; TUAT I/4, 363-364), einer Wandinschrift von etwa 839 v. Chr. (10:iii 45b-iv 15a; TUAT I/4, 366-367), auf einer Statueninschrift aus Kalchu von etwa 838 v. Chr. (12:21-30a; TUAT I/4, 365), auf einer Steininschrift von frühestens 838 v. Chr. (13:9’b-10‘) und auf einer weiteren Statue aus Kalchu (16:122’b-137’a). In diesen Inschriften gibt Salmanassar an, erfolgreich gegen Aram-Damaskus, das unter der Herrschaft Hasaëls war, gezogen zu sein und Tribut von Jehu, Sohn des Omri (!), empfangen zu haben. Im zweiten Bildregister des Schwarzen Obelisken werden sogar die Tributabgaben (Silber, Gold, eine goldene Schale, ein goldenes Gefäß, Goldbecher, Goldeimer, Zinn, ein Holzstab für die Hand des Königs und Speere) sowie Jehu bzw. dessen Bote abgebildet.

British Museum, London. Foto des Autors

Abb. 2 Israels König Jehu unterwirft sich Salmanassar III. (zweites Register der Vorderseite des Schwarzen Obelisken).

Der Zusammenhang zwischen den biblischen und akkadischen Texten bedarf einiger Erklärung: In vielen Inschriften ließ Salmanassar von seinen Kriegszügen gegen eine Koalition von Königen des östlichen Mittelmeerküstenraums berichten. Ab 853 v. Chr. berichtet er über eine Koalition von zwölf Königen, unter anderem Hadadezer von Damaskus und Ahab von Israel. Diese Koalition scheint bei seinen Kriegszügen in 849, 848 und 845 wiederholt gegen ihn zu kämpfen. Das heißt, dass z.Z. Ahabs eine anti-assyrische Außenpolitik in Israel als Teil einer Koalition unter der Leitung von Damaskus begann. Vermutlich wurde diese antiassyrische Außenpolitik auch unter Ahabs Söhnen fortgesetzt, obwohl das nur angedeutet und in den Inschriften nicht expliziert wird; die Koalition tritt weiter in den Inschriften auf, aber weder Israel noch sein König (sowie die meisten anderen Koalitionspartner) werden darin aufgelistet. Bei dem Kriegszug Salmanassars im Jahre 841 aber scheint diese Koalition zerbröselt zu sein. Zumindest wird aus Salmanassars Berichten zu diesem Jahr ersichtlich, dass er gegen Hasaël von Damaskus kämpfte, während er Tribut von Jehu empfing. Konkret bedeutet dies, dass zwischen 845 und 841 sowohl in Damaskus (vgl. auch 2Kön 8) als auch in Samaria ein neuer König an die Macht gekommen war und dass sich der König von Israel jetzt der assyrischen Oberherrschaft unterwarf, vermutlich freiwillig (vgl. Smith 90), während Hasaël weiter eine antiassyrische Politik fuhr.

Ferner ist auffällig, dass Salmanassar Jehu als „Sohn des Omri“ bezeichnen lässt. Den biblischen Nachrichten zufolge war er das gerade nicht (s.o.). Drei Erklärungen bieten sich an. Einerseits ist es möglich, dass Jehu tatsächlich aus der Familie des Omri stammte, allerdings aus einer Nebenlinie, die nicht unmittelbar zum Thron hätte führen können (so z.B. Schneider; vgl. aber dagegen Na’aman). Andererseits – und m.E. plausibler – stellt im Zusammenhang assyrischer Inschriften „Omri“ eine Bezeichnung des Herrschaftsgebietes Israel und nicht die herrschende Familie dar (vgl. bereits Ungnad sowie Weippert; Halpern; Robker, 216-218). Immerhin bleibt der Begriff „Omri“ in der assyrischen Nomenklatur für Israel bis zur Regierungszeit Tiglat-Pilesers III. in Gebrauch – über ein Jahrhundert nach dem letzten omridischen Regenten, zumindest aus der Perspektive biblischer Angaben. Die dritte Möglichkeit, dass diese Inschriften gar nicht von Jehu, sondern von Joram berichten (so McCarter), hat keine oder nur wenige Anhänger gefunden.

Ein letzter wichtiger Punkt: Nach der biblischen Erzählung hatten die Israeliten zur Zeit Jehus und seiner Vorgänger noch keinen Kontakt mit dem neuassyrischen Reich. Es scheint, als hätten biblische Autoren diese Beziehung entweder nicht (mehr) gekannt oder sogar verschwiegen, um die Bedeutung der Omriden und ihre wohl erfolgreiche Teilnahme an der antiassyrischen Koalition in 853, 849, 848 und 845 herunterzuspielen. Gleichzeitig würde eine bewusste Auslassung dieser Daten Jehu aufwerten, dessen Unterwerfung aus der biblischen Geschichte gelöscht. Damit scheinen die Annalen Salmanassars eine wichtige ergänzende Quelle zur Geschichte Israels im 9. Jh. v. Chr. zu sein. Zumindest in ihren Grundzügen dürften sie glaubwürdig sein, auch wenn einige Details hinterfragt werden können.

2.3. Die Tel Dan Inschrift und die Beziehung Israels unter Jehu zu Aram-Damaskus unter Hasaël

Eine aramäische Inschrift, freigelegt 1993-1994 in → Dan und wegen ihres gebrochenen Zustandes zum Teil rekonstruiert, erzählt von der Tötung des Königs von Israel, vermutlich → Joram ben Ahab, und des Königs vom Hause Davids (Juda), vermutlich → Ahasja ben Joram (vgl. die Aufarbeitung bei Robker, 240-274, sowie → Inschrift von Tel Dan). Als diese Inschrift entdeckt wurde, sorgte sie für Diskussionsstoff, da auch die biblische Erzählung in 2Kön 9 diese Königsmorde erzählt. Damit stellte sich die Frage, wer der Verfasser war und wie sich dieser Text zur biblischen Erzählung verhält. Da die Inschrift auf Aramäisch verfasst wurde, scheint Jehus Verfasserschaft kaum plausibel (gegen Wesselius; vgl. hierzu auch Becking). Der Fundort Dan weist eher darauf hin, dass Aram diese Stadt zur Zeit der Abfassung der Inschrift besetzte. Das deutet eher auf einen Kontext anti-israelitischer Propaganda hin. Zusammen sprechen diese Daten für die Verfasserschaft des Hasaël, was inzwischen mehrheitlich in der Forschung angenommen wird (vgl. ablehnend Athas).

Dann ist jedoch die Frage zu klären, ob Jehu (so 2Kön 9,24.27) oder Hasaël (so die Inschrift) die beiden Könige umgebracht hat bzw. hat umbringen lassen. Drei Lösungen scheinen möglich zu sein: 1) Hasaël hat sie umgebracht, 2) Jehu hat sie umgebracht oder 3) Hasaël hat Jehu sie umbringen lassen.

Gegen die erste Möglichkeit spricht, dass die biblischen Autoren eine Tötung durch die Aramäer kaum verschwiegen hätten. An anderen Stellen haben sie nämlich kein Problem damit, einen Sieg der Aramäer zu vermelden (vgl. 1Kön 22). Die Inschrift aus Dan dient in dem neu eroberten Gebiet der Propaganda. So kann es sein, dass Hasaël sich nur rühmt, die Könige getötet zu haben, um ihre Nachfolger sowie die Bevölkerung einzuschüchtern.

Für die zweite Möglichkeit spricht, dass die biblischen Erzähler die Tötung der beiden Könige durch Jehu kaum erfunden hätten. Weshalb hätten sie das tun sollen? Letztlich wird Jehu negativ dargestellt und wegen der angewandten Gewalt verurteilt (so z.B. Hos 1). Seine gewaltsame Amtsübernahme scheint somit nicht auf großen Respekt gestoßen zu sein, widerspricht also der Tendenz der Tradenten und dürfte somit nicht ihren Wünschen entsprechen, sondern auf historischen Vorgaben beruhen. Andererseits wird die Gewalt in der Erzählung von 2Kön 9-10 aber auch nicht verurteilt.

Gegen die dritte Möglichkeit spricht vor allem, dass Aram und Israel zu dieser Zeit wohl verfeindet waren: Aus der Schlussnotiz von Jehus Regierungszeit in 2Kön 10,28-36 und der aramäischen Präsenz in Dan zu dieser Zeit gewinnt man den Eindruck, dass Aram und Israel nicht verbündete, sondern Feinde waren. Dafür spricht auch, dass Salmanassar III. angibt, gegen Hasaël gekämpft zu haben, während Jehu sich ihm unterwarf. Das heißt, dass diese beiden Könige sich gegen Salmanassar zumindest nicht verbündet hatten. Die dritte Möglichkeit ist somit eher unwahrscheinlich, aufgrund der langen Regentschaft Jehus aber auch nicht unmöglich.

Damit scheint Jehu wohl derjenige zu sein, der Ahasja von Juda und Joram von Israel gestürzt hat. Die Frage, ob Jehu oder doch Hasaël der Initiator dieses Sturzes war, bleibt aber noch offen.

2.4. Archäologische Evidenzen

Der Name Nimschi ist epigraphisch mehrfach belegt (s. die Belege bei Frevel, 215). Auf einem Krug, der auf Tel ‘Amal (Koordinaten: 1926.2123; N 32° 30' 17'', E 35° 27' 06'') gefunden wurde und wohl aus dem 10. Jh. v. Chr. stammt (Renz / Röllig, 29-30), steht die Zugehörigkeitsformel לנמש lnmš „dem Nimschi (zugehörig)“. Das könnte auf Nimschi, den Vorfahren Jehus, als Besitzer deuten, was wiederum für eine vornehme Herkunft Jehus spräche. Dies bleibt jedoch sehr hypothetisch.

3. Weitere Personen namens Jehu

3.1. Der Prophet Jehu ben Hanani (1Kön 16,1-7; 2Chr 19,2; 20,34)

Der erste Jehu, dem man im Alten Testament in der kanonischen Reihenfolge der Bücher begegnet, ist Jehu ben Hanani in 1Kön 16,1-7.12. Diesen Propheten Jehu stellen die → Königsbücher als Widersacher der Person und der Dynastie → Baschas dar. Wegen Baschas Fehlverhalten („Sünde Jerobeams“) wird seine Dynastie, wie die seiner Vorgänger, ausgerottet werden. In der Regierungszeit des → Ela, Sohn des Bascha, gibt der biblische Text an, dass diese Ausrottung durch → Simri erfolgt sei. Damit stellt Jehu ben Hanani einen wichtigen, aber wenig bekannten Propheten dar bzw. einen Propheten, von dem wenig überliefert worden ist. Solche Propheten begegnen des Öfteren in den Vorderen Propheten bzw. im Deuteronomistischen Geschichtswerk.

Die Chronik bietet zwei weitere aus den Königsbüchern nicht bekannte Daten zu Jehu ben Hanani. Zum einen soll es eine schriftliche Quelle über ihn gegeben haben (2Chr 20,34), in der wohl, zweitens, sein Umgang mit Joschafat von Juda geschildert wurde (2Chr 19,2). Joschafat von Juda wird, wie Bascha von Israel, in einem Mahnwort von Jehu ben Hanani gerügt, allerdings weder so stark noch so vehement wie Bascha und seine Dynastie verurteilt wurden. Gleichzeitig referiert die Chronik mit keinem Wort über diesen Umgang Jehus mit Bascha.

3.2. Jehu ben Obed (1Chr 2,38)

Ein Sohn des Obed aus dem Stamm Juda zeugt einen Sohn namens Jehu (1Chr 2,38). Dieser zeugte wiederum einen Sohn, Asarja. Beide Informationen entstammen der sog. genealogischen Vorhalle der Chronik und spielen im weiteren Verlauf des Werkes sowie im Alten Testament insgesamt keine Rolle mehr.

3.3. Jehu ben Joschibja (1Chr 4,35)

Laut 1Chr 4,35 stammt Jehu ben Joschibja aus dem Stamm Simeons. Dieser Jehu, mit einigen anderen aus demselben Stamm, soll in der Zeit des → Hiskia Land bei Gedor von den Hammitern als Weideplatz erobert haben (1Chr 4,34-41). Mehr Information zu diesem Jehu gibt es nicht.

3.4. Jehu, der Anatotiter (1Chr 12,3)

1Chr 12,1-8 listet kriegstüchtige Benjaminiter auf, die zu → David übergelaufen sind, während → Saul ihn verfolgt hat. Unter ihnen war auch ein Jehu, der aus der Stadt → Anatot stammen sollte. Weitere Daten zu ihm gibt es nicht.

3.5. Epigraphische Belege

Der Name Jehu findet sich auch auf einem Siegel, das ihn als Besitzer dieses Siegels ausweist (WSS Nr. 519).

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Die Religion in Geschichte und Gegenwart, 3. Aufl., Tübingen 1957-1965
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007

2. Weitere Literatur

  • Athas, G., 2005, The Tel Dan Inscription, London
  • Becking, B., 1999, Did Jehu Write the Tel Dan Inscription, SJOT 13, 187-201
  • Cogan, M. / Tadmor, H, 1988, II Kings (AB 11), New York
  • Frevel, C., 2016, Geschichte Israels (Studienbücher Theologie), Stuttgart
  • Grayson, A.K., 1996, Assyrian Rulers of the Early First Millennium BC, Vol. II (RIMA 3), Toronto
  • Halpern, B., 1987, Yaua, Son of Omri, Yet Again, BASOR 265, 81-85
  • Irvine, S., 1995, The Threat of Jezreel (Hos 1:4-5), CBQ 57, 494-503
  • Kaiser, O. (Hg.), 1984, Texte aus der Umwelt des Alten Testaments (TUAT), Bd. 1/4, Gütersloh
  • Lamb, D., 2007, Righteous Jehu and His Evil Heirs, Oxford
  • McCarter, P.K., 1974, Yaw, son of ‚Omri‘, BASOR 216, 5-7
  • Minokami, Y., 1989, Die Revolution des Jehu, Göttingen
  • Na’aman, N., 1998, Jehu Son of Omri, IEJ 48, 236-238
  • Otto, S., 2001, Jehu, Elia und Elisa (BWANT 152), Stuttgart
  • Renz, J. / Röllig, W., 1995, Handbuch der althebräischen Epigraphik, Bd. 1, Darmstadt
  • Robker, J., 2012, The Jehu Revolution (BZAW 435), Berlin
  • Shuichi, H., 2012, Aram and Israel during the Jehuite Dynasty (BZAW 434), Berlin
  • Smith, C.C., 1977, Jehu and the Black Obelisk of Shalmaneser III, in: A.L. Merrill / T.W. Overholt (Hgg.), Scripture in History and Theology (FS J.C. Rylaarsdam), Pittsburgh, 71-105
  • Schneider, T., 1996, Rethinking Jehu, Bib. 77, 100-107
  • Ungnad, A., 1906, Jaua, Mâr Ḫumrî, OLZ 9, 224-226
  • Weippert, M., 1978, Jau(a) Mār Ḫumrî, VT 28, 113-118
  • Wesselius, J.-W., 1999, The First Royal Inscription from Ancient Israel, SJOT 13, 163-186
  • Wray Beal, L.M., 2007, The Deuteronomist’s Prophet (LHB/OTS 479), New York
  • Würthwein, E., 1984, Die Bücher der Könige 1. Kön. 17-2. Kön. 25 (ATD 11,2), Göttingen

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Der Schwarze Obelisk aus Kalchu zeigt, wie Salmanassar III. (858-824 v. Chr.) Tribute gebracht werden, auch von Israels König Jehu. Mit Dank an © The Trustees of the British Museum; BM 118885
  • Abb. 2 Israels König Jehu unterwirft sich Salmanassar III. (zweites Register der Vorderseite des Schwarzen Obelisken). British Museum, London. Foto des Autors

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