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Lexikon

Jacob, Benno

1. Leben

Mit freundlicher Erlaubnis von © Walter Jacob

Abb. 1 Benno Jacob am Schreibtisch seines Sohnes Ernst in Augsburg.

Benno Jacob wurde am 7.9.1862 in Frankenstein (heute Zabkowice) in der Nähe von Breslau geboren und starb am 24.1.1945 im Londoner Exil. Am Jüdisch-Theologischen Seminar in Breslau erhielt er seine Ausbildung zum Rabbiner. Parallel dazu studierte er an der Breslauer Universität klassische Sprachen und Philosophie. Seine Dissertation behandelt das Buch → Ester in den Handschriften der → Septuaginta (1890, 241-298). Nach seinem Studium war Jacob zunächst als Religionslehrer tätig. Von 1891 bis 1906 hatte er seine erste Stelle als Rabbiner in Göttingen inne (vgl. Schaller 2017) und war danach bis zu seiner Pensionierung 1929 Rabbiner in Dortmund (vgl. Jürgensen 1999, 67-104). Er war Reformrabbiner und charakterisierte sich selbst als konservativ. Seine Frau Helene (geb. Stein 1872-1932) nahm Anteil an seinen Bibelstudien. Von seinen drei Kindern, Ernst, Hanna und Ewald, widmete sich Ernst ebenfalls der Bibelwissenschaft (vgl. E. Jacob 1925). Jacob gehörte zu den Gründungsmitgliedern der ersten schlagenden jüdischen Studentenverbindung, der Viadrina (vgl. Goldschmidt 1906, 23ff).

Während seines gesamten Lebens kämpfte Jacob gegen den Antisemitismus (vgl. den von Jacob verfassten Artikel Antisemitismus in der Encyclopaedia Judaica, Berlin 1928, 956-1104). Mehrere Jahre war er Vorstandsmitglied des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens und vertrat dort einen antizionistischen Standpunkt (vgl. Barkai 2002, 132; Rosenzweig 1928, 81ff). Nachdem sein Sohn Ewald nach Palästina ausgewandert war, unternahm er 1934 eine Mittelmeerreise, in der er auch Palästina besuchte. Eine Bewerbung um eine Professur an der Hebräischen Universität Jerusalem war nicht erfolgreich. Neben seinen Veröffentlichungen war er durch eine reiche Vortragstätigkeit bekannt. Er wirkte am von Franz Rosenzweig gegründeten Frankfurter Lehrhaus mit und hielt in der Dortmunder Synagoge Vorträge für ein breiteres jüdisches und nichtjüdisches Publikum. Ab 1931 lebte Jacob in Hamburg in der Nähe der Familie seiner Tochter Hanna. Während dieser Zeit unterrichtete er für die Franz-Rosenzweig-Gedächtnisstiftung (vgl. Lorenz 2016, 331.451ff). Infolge der weiter verschärften judenfeindlichen Gesetzgebung im Jahr 1938 emigrierte er mit der Familie seiner Tochter nach London, wo er im Exil starb.

2. Werk

Jacob gehört zu den wenigen Vertretern der Wissenschaft des Judentums, die sich ganz der Bibelwissenschaft, insbesondere der Erforschung des Pentateuchs (→ Tora) widmeten. Seine Dissertation und seine ersten bibelwissenschaftlichen Aufsätze zu den → Psalmen veröffentlichte er in der Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft. Jacob strebte eine moderne jüdische Bibelwissenschaft an, die der christlichen ebenbürtig zur Seite treten könne. Was er darunter versteht, legte er in dem Vortrag „Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht“ dar, (vgl. Jacob 1898; Wiese 1999, 179ff). Aufschlussreich für sein Verständnis der Exegese ist auch eine Reihe von Artikeln, die er im Zusammenhang des sog. → Babel-Bibel-Streits veröffentlichte (vgl. Jacob 1902). Er vertrat einen werkimmanenten Interpretationsansatz und war Gegner des klassischen Vier-Quellenmodells (→ Pentateuchforschung) sowie daran anknüpfender Theorien über die Entwicklung der israelitischen Religion. In seinen frühen Jahren erforschte er intensiv das Problem der verschiedenen Gottesbezeichnungen. Veröffentlicht hat er davon die kurze Untersuchung „Im Namen Gottes“ (1903). In seinem ersten größeren Werk „Der Pentateuch“ (1905) versammelte Jacob Einzelstudien zu den vier Problemen der Chronologie, der Genealogie, dem Festkalender und dem Wüstenheiligtum. Einen geplanten Fortsetzungsband sowie ein größeres Werk zur Theologie des Pentateuchs verwirklichte er nicht mehr. Etwa seit 1911 plante er die Kommentierung des gesamten Pentateuchs. Franz Rosenzweig bestärkte ihn später in diesem Vorhaben (Rosenzweig 1935, 400ff. 417f. 422. 589f. 592). Die Arbeit am Genesiskommentar begleitete Jacob mit einer Reihe populärwissenschaftlicher „Einführungen in das erste Buch Mose“, welche ab 1925 in „Der Morgen“ erschienen. Der 1934 erschienene Genesiskommentar umfasst etwa tausend Seiten und enthält einen einhundertseitigen Anhang, in dem Jacob kapitelweise die literarkritischen Theorien zur Genesis zu widerlegen sucht. Nach der Rückkehr von seiner Mittelmeerreise begann er mit der Arbeit am Exoduskommentar, den er im Exil in London fertigstellte. Die deutsche Originalfassung wurde jedoch erst 1997 veröffentlicht. Gekürzte englische Übersetzungen von Genesis und Exodus fertigten Ernst und dessen Sohn Walter Jacob an. Anfang der 1940er Jahre hatte Jacob mit der Kommentierung von → Leviticus begonnen, diese jedoch nach kurzer Zeit zugunsten der Überarbeitung des Exoduskommentars abgebrochen.

3. Hermeneutik

Verwurzelt in der jüdischen Auslegungstradition und aufgrund seiner Argumentation gegen die Quellenkritik seiner Zeit hat Jacob die Bedeutung der Intertextualität und die ästhetische Qualität der biblischen Texte besonders hervorgehoben (vgl. Janowski / Zenger 2000, 1). Seine Auslegung setzt an bei der philologisch-historischen Suche nach dem einfachen Wortsinn (→ Peschat-Auslegung), der sich für ihn vor allem durch verbale Analogien (gezerah šawah) ergibt – hierbei ging er davon aus, dass jedes Wort in der → Tora bedeutungsvoll ist und mit Bedacht ausgewählt wurde. Er machte im Besonderen auf Leitwörter aufmerksam und entgegnete der damaligen historisch-kritisch ausgerichteten Bibelwissenschaft / Quellenkritik, dass Wiederholungen, Wiederaufnahmen, Synonyme und Dichotomien zu den Stilmitteln der Tora gehören.

Als Prämisse diente ihm bei der Auslegung der Tora die Annahme, dass ein Redaktor ein einheitliches, kohärentes Werk auf der Grundlage von verschiedenen Quellen verfasst hat. Er geht von einem schriftstellerisch wirkenden Redaktor – spätestens aus der Zeit Davids (siehe Jacob 2000, 1049) – aus, was eine Rekonstruktion der zugrundliegenden Quellen, sofern diese nicht anderweitig überliefert sind, unmöglich gemacht hat. Innerhalb des Pentateuchs sei die Quellenforschung fast nur im → Deuteronomium möglich, insofern dessen Quellen in den Büchern Genesis bis Numeri überliefert seien (Jacob 1912/13, 53). Er richtete das Augenmerk seiner Exegese daher nicht auf die Entstehungsgeschichte der Texte, sondern auf deren Tendenz (siehe Jürgensen 2002, 134f.). Die Absicht des Verfassers der Tora, die Frage danach, was die Tora lehrt, war für ihn bestimmend. Hermeneutisch bedeutete dies für ihn, dass bei der Exegese eines Verses das Ganze der Tora betrachtet werden müsse. Die Erklärung eines biblischen Textes könne daher nur dann angemessen sein, wenn sie mit anderen biblischen Aussagen im Einklang stehe.

Die Tora deutete er als ein Werk mit höchster Autorität, das für das Judentum und die Menschheit allgemein ein in die Zukunft orientiertes Lebensbuch ist. Die lehrhafte Tendenz der Tora als Adressaten-orientiertes Werk will der Erziehung Israels als Volk Gottes dienen. Demensprechend bewegt sich Jacobs Exegese „zwischen peshat und derash, das heißt zwischen kontextuell-historischer und akontextuell-homiletischer Arbeit hin und her“ (Marks 2002, 159).

4. Rezeption

Seit der Erstveröffentlichung Jacobs Exodus-Kommentars 1997 und der Wiederveröffentlichung seines Genesis-Kommentars 2000 erfährt sein Werk eine „Renaissance“ (Liss 2003) und wird vor allem im deutschsprachigen Raum verstärkt wahrgenommen. Bernd Janowski und Erich Zenger nennen zum Beispiel Jacobs Genesis-Kommentar einen „Klassiker der Schriftauslegung“ (Janowski / Zenger 2000; vgl. Seebass 1996, 13). Bereits Gerhard von Rad und Brevard S. Childs haben sich in ihren Auslegungen des Buches Genesis intensiv mit Jacobs Kommentar auseinandergesetzt (vgl. Childs 1999) und Claus Westermann beachtete in seinem Genesis-Kommentar viele sprachliche Argumente Jacobs, um sie für die Begründung der Quellenscheidung zu verwenden. Einen großen Einfluss hat Jacobs Werk auf die Exegesen von Umberto Cassuto und Nechama Leibowitz ausgeübt.

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Bibelwissenschaftliche Literaturdokumentation Innsbruck

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Werke Jacobs

  • Ein ausführliches Verzeichnis der Veröffentlichungen Benno Jacobs befindet sich im Anhang des Exoduskommentars, Stuttgart 1997, 1090-1098.
  • Das Buch Esther bei den LXX, Gießen 1890, auch in: ZAW 10 (1890), 241-298.
  • Unsere Bibel in Wissenschaft und Unterricht, in: AZJ 62 (1898), Nr. 43, 511-513; Nr. 44, 525f; Nr. 45, 534-536.
  • Das Judentum und die Ergebnisse der Assyriologie, in: AZJ 66 (1902), Nr. 16, 187-189, Nr. 18, 211f.
  • Prof. Delitzsch’ zweiter Vortrag über „Babel und Bibel“, in: AZJ 67 (1903), Nr. 17, 197-201.
  • Im Namen Gottes, Berlin 1903.
  • Der Pentateuch, Leipzig 1905.
  • Die Thora Moses. I. Das Buch, in: Volksschriften über die jüdische Religion I, 3. und 4. Doppelheft, Frankfurt/M. 1912/13.
  • Quellenscheidung und Exegese im Pentateuch, Leipzig 1916.
  • Auge um Auge, Berlin 1929.
  • Das Buch Genesis, Stuttgart 2000 [Nachdruck von: Das erste Buch der Tora. Genesis, Berlin 1934].
  • Das Buch Exodus [Hg. von S. Mayer], Stuttgart 1997.

2. Verwendete Sekundärliteratur

  • Ein Verzeichnis über Rezensionen zu Benno Jacobs Publikationen und über Aufsätze zu seiner Biografie befindet sich in: W. Jacob / A. Jürgensen (Hgg.), Die Exegese hat das erste Wort, Stuttgart 2002, 191-199
  • Barkai, A., „Wehr dich!“ Der Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (C.V.) 1893-1938, München 2002.
  • Childs, B.S., The Almost Forgotten Genesis Commentary of Benno Jacob, in: S. Beyerle / G. Mayer / H. Strauss (Hgg.), Recht und Ethos im Alten Testament – Gestalt und Wirkung (FS H. Seebass), Neukirchen-Vluyn 1999, 273-280.
  • Gesundheit, S., „Dieser Kommentar will und soll ein jüdischer sein“. Zur Intention der Schriftauslegung Benno Jacobs, in: B. Jacob, Das Buch Genesis, Stuttgart 2000, 4-7.
  • Gesundheit, S., Bibelkritische Elemente in der Exegese Benno Jacobs, in: W. Jacob / A. Jürgensen (Hgg.), Die Exegese hat das erste Wort. Beiträge zu Leben und Werk Benno Jacobs, Stuttgart 2002, 98-110.
  • Goldschmidt, A., Zur Geschichte der freien Verbindung „Viadrina“ und ihrer Nachfolgerinnen, in: Kartell-Convent Jahrbuch 1906, 23-38.
  • Jacob, E., Die altassyrischen Gesetze und ihr Verhältnis zu den Gesetzen des Pentateuchs, Stuttgart 1925.
  • Jacob, W. / Jürgensen A. (Hgg.), Die Exegese hat das erste Wort. Beiträge zu Leben und Werk Benno Jacobs, Stuttgart 2002.
  • Jacob, W., Benno Jacob. Kämpfer und Gelehrter (Jüdische Miniaturen 115), Berlin 2011.
  • Janowski, B. / Zenger, E., Ein Klassiker der Schriftauslegung. Zu Benno Jacobs Genesis-Kommentar, in: B. Jacob, Das Buch Genesis, Stuttgart 2000, 1-3.
  • Jürgensen, A., The Fascination of Benno Jacob and his Critique of Christian Scholarship, in: W. Jacob / A. Jürgensen (Hgg.), Die Exegese hat das erste Wort. Beiträge zu Leben und Werk Benno Jacobs, Stuttgart 2002, 70-84.
  • Jürgensen, A., „Die Exegese hat das erste Wort“. Zu Benno Jacobs Bibelauslegung, in: W. Jacob / A. Jürgensen (Hgg.), Die Exegese hat das erste Wort. Beiträge zu Leben und Werk Benno Jacobs, Stuttgart 2002, 124-147.
  • Jürgensen, A., „Der Duft der Thora schwindet nie“. Zu Benno Jacobs Leben und Werk, Trumah 13 (2003), 7-42.
  • Liss, H., Die Renaissance des Benno Jacob. Zur modernen Rezeption Benno Jacobs am Beispiel des Aufsatzbandes „Die Exegese hat das erste Wort“. Beiträge zu Leben und Werk Benno Jacobs, Trumah 13 (2003), 141-153.
  • Liwak, R., Exegese zwischen Apologie und Kontroverse. Benno Jacob als jüdischer Bibelwissenschaftler, in: M. Witte / T. Pilger (Hgg.), Mazel tov. Interdisziplinäre Beiträge zum Verhältnis von Christentum und Judentum (Festschrift anlässlich des 50. Geburtstages des Instituts Kirche und Judentum), Leipzig 2012, 55-76.
  • Lorenz, I. / Berkemann, J. (Hgg.), Die Hamburger Juden im NS-Staat 1933 bis 1938/39, Band IV - Dokumente, Göttingen 2016.
  • Marks, H., „Ich werde es sein, der ich es sein werde“. Ein Kommentar zum Kommentar, in: W. Jacob / A. Jürgensen (Hgg.), Die Exegese hat das erste Wort. Beiträge zu Leben und Werk Benno Jacobs, Stuttgart 2002, 152-168.
  • Rosenzweig, F., Briefe, Berlin 1935.
  • Schaller, B., Rabbiner Benno Jacob in Göttingen (bisher unveröffentliches Manuskript).
  • Schüle, A., Kritik und Verstehen. Eine Auseinandersetzung mit der biblischen Hermeneutik Benno Jacobs, Trumah 13 (2003), 43-68.
  • Wiese, C., Ein „Schrei ins Leere“? Die Wissenschaft des Judentums und ihre Auseinandersetzung mit protestantischer Theologie und ihrem Judentumsbildern als Kontext des Werkes Benno Jacobs, in: W. Jacob / A. Jürgensen (Hgg.), Die Exegese hat das erste Wort. Beiträge zu Leben und Werk Benno Jacobs, Stuttgart 2002, 49-69.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Benno Jacob am Schreibtisch seines Sohnes Ernst in Augsburg. Mit freundlicher Erlaubnis von © Walter Jacob

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