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Lexikon

Ester / Esterbuch

Andere Schreibweise: Esther; Estherbuch

Esther Brünenberg-Bußwolder

(erstellt: Dez. 2006)

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Ester ist der Titel eines Buches des Alten Testaments und zugleich einer von zwei Namen der Protagonistin (→ Frauen in der Literatur des AT 7.4 und 10.2).

1. Name

Abb. 1 Königin Ester (Andrea del Castagno; 15. Jh.).

Abb. 1 Königin Ester (Andrea del Castagno; 15. Jh.).

Der Name Ester, hebr. אֶסְתֵּר ’æster, ist vermutlich von der babylonischen Göttin → Ischtar oder dem altiranischen Wort *star- „Stern“ abzuleiten. Die → Septuaginta schreibt Εσθερ Esther, die → Vulgata Hester. Esters hebräischer Name ist Hadassa (הֲדַסָּה hǎdassāh), eine Femininform von hebräisch הֲדַס hǎdas „Myrte“.

2. Stellung im Kanon

In der Hebräischen Bibel gehört das Buch Ester zu den fünf → Megillot „Festrollen“, die im Kanonteil „Schriften“ stehen (→ Kanon). Es wird zum jüdischen Fest → „Purim“ (von hebräisch פּוּר

Tabelle: Bibelkundlicher Überblick über das Buch Ester.

Tabelle: Bibelkundlicher Überblick über das Buch Ester.

Die Haupthandlung erzählt ebenfalls von vier Festgelagen, die von oder für Juden ausgerichtet werden.

In der Mitte des Buches steht ein Festgelage, das den ersten Erlass (Est 3,12-13) abwehren und den zweiten Erlass (Est 8,9-12) ermöglichen soll. Als Krisis ist dabei die Weigerung Esters, für ihr Volk einzutreten (Est 4,4-12), anzusehen. Auffallend ist dabei die Rahmung durch zwei Fastenzeiten (Est 4,3.16).

Einen zweiten Wendepunkt in der Ester-Erzählung markiert das Schicksal Mordechais, das das Geschick seines Volkes repräsentiert.

Auffallend sind zwei Erzählstränge: Zum einen geht es um das Schicksal des jüdischen Volkes, zum anderen zeigt sich dies in Abhängigkeit von der Handlungsweise einzelner Personen.

6. Textüberlieferung

Das Buch Ester existiert in drei Fassungen, einer hebräischen, die mit ca. 160 Versen die kürzeste ist, und zwei griechischen, davon eine Langfassung der LXX und eine etwas kürzere, lukianische Fassung, die auch Alpha-Text genannt wird. Zu den LXX-Zusätzen gehören folgende Stellen:

  • Traum Mordechais, Entdeckung des Verschwörungsplans (Est 1,1a-r)

  • Edikt Hamans, alle Juden zu vernichten (Est 3,13a-g)

  • Gebete Mordechais und Esters (Est 4,17a-z)

  • Gang Esters zur Audienz beim König (Est 5,1a-f.2ab)

  • Edikt des Königs zum Schutz und zur Rettung der Juden (Est 8,12a-x)

  • Deutung des Traumes Mordechais (Est 10,3a-l)

Diese LXX-Zusätze wollen die Geschichte nicht nur erzählerisch ausgestalten, sondern explizite Theologie liefern. So wird bei der Schilderung der Rettung der Juden durch bewussten Einsatz von Motiven der Exodusüberlieferung an das grundlegende Ereignis der Volkwerdung Israels erinnert und an ein positives, vertrauensvolles Gottesverhältnis. Im Vordergrund steht Jahwe als befreiender, rettender Gott in äußerster Notsituation.

Die Zusätze des Traums und der Deutung des Traums bilden nicht nur einen kunstvollen Rahmen, sie erinnern auch stark an die Josefsnovelle und deuten Eigenschafen der Josef-Figur im Blick auf Mordechais Verhalten. Darüber hinaus ist das Traum-Motiv gerade für die jüdisch-hellenistische Zeit sehr bekannt. Ähnliches gilt für das Motiv der Gebete Mordechais und Esters.

Der textgeschichtliche Zusammenhang der drei Fassungen des Esterbuches ist in der Forschung umstritten. Am nächsten liegt eine Entwicklungslinie vom masoretischen Text über die Septuaginta zum Alpha-Text.

Die Einheitsübersetzung hat sich für einen Mischtext entschieden, den masoretischen Text mit eingefügten LXX-Zusätzen, während die Übersetzungen der reformatorischen Tradition ausschließlich den hebräischen Text zugrunde legen und die Zusätze in einem Anhang als „Stücke zum Buch Ester“ liefern.

7. Entstehung und geschichtlicher Hintergrund

Wie bei vielen biblischen Schriften gilt im Blick auf die Historizität des Erzählten auch beim Buch Ester äußerste Skepsis. Primär handelt es sich um ein literarisches Kunstwerk, um Dichtung, nicht um einen historischen Bericht. Dennoch lässt sich die historische Frage im Blick auf einzelne Protagonisten der Erzählung stellen. So wissen wir um die Regierungszeit des Ahasveros, der mit Xerxes I. gleichzusetzen ist. Sie fällt in die Jahre 485-465 v. Chr. Besondere Kenntnis gewinnen wir aus der griechischen Geschichtsschreibung, die dem feindlichen Persien gegenüber jedoch nicht neutral berichtet. Herodot beschreibt zahlreiche Ereignisse aus der Regierungszeit Xerxes I. Deren Kenntnis sowie die auffallende Vertrautheit des Verfassers des Esterbuches mit persischen Gegebenheiten scheinen für die Historizität des Buches zu sprechen. So sind beispielsweise die sieben fürstlichen Ratgeber auch aus Herodot III 83f. bekannt (Text gr. und lat. Autoren). Dasselbe gilt für das Postsystem (Herodot V 14.52) und bestimmte Huldigungsformen vor dem König und vor höheren Beamten (Herodot III 86; I 134). Wohltäter werden großzügig belohn (Herodot III 139-141). Darüber hinaus findet sich im Esterbuch eine beträchtliche Zahl an persischen Wörtern und Namen.

Die Vertrautheit des Verfassers des Esterbuches mit der persischen Umwelt allein ist jedoch noch kein Beleg für die Historizität des Buches, die durch andere Merkmale stark in Frage gestellt wird. So bleibt zu fragen, ob ein Festgelage tatsächlich 180 Tage gedauert haben kann. Auch ist nach der Geschichtlichkeit des Verhaltens Königin Wastis zu fragen, die nicht zum Fest der Männer kommt. Kann ein König einem Edikt zugestimmt haben, das verlauten lässt, jeder Mann sei Herr im eigenen Haus? Können die Reichsverlautbarungen in allen Sprachen des Reiches verfasst worden sein? Auch sind Konversionen zum Judentum in der geschilderten Menge für Persien in dieser Zeit nicht bezeugt. Wie sind die Angaben über die Zugehörigkeit des Mordechai zur Gruppe der Exilierten mit den Regierungsdaten König Xerxes I. zu vereinbaren? Die zeitlichen Angaben über das Erscheinen Esters am königlichen Hof können nur schwer mit den historisch belegten Ereignissen dieses Jahres zusammengebracht werden, befand sich der König zu dieser Zeit doch in den entscheidenden Schlachten in Griechenland und Kleinasien. Der entscheidende Aspekt gegen die Historizität des Buches Ester dürfte jedoch die angegebene Zeit sein, in der Ester Königin von Persien gewesen sein soll, zwischen dem 7. und dem 12. Regierungsjahr König Xerxes I. Für diese Zeit sind jedoch weder die Namen Ester noch Wasti belegt. Bei Herodot ist für den betreffenden Zeitraum Amestris als Königin von Persien bezeugt (Herodot VII 114). Zudem müsste Mordechai, der nach Est 2,6 zu den Exulanten von 597 v. Chr. zählt, zur der Zeit, in der die Erzählung spielt, schon gut 120 Jahre alt sein. Dies ist unwahrscheinlich und passt schon gar nicht zur jugendlichen Ester, die als Cousine ja ungefähr gleich alt sein müsste. Ferner gilt für Persien keine besondere Judenfeindschaft. Judenhass und Judenverfolgung sind aus der Epoche der Diadochenkämpfe nach dem Tod Alexanders des Großen bekannt.

Das Interesse des Esterbuches liegt so nicht primär im Historischen. Es ist daher nicht als Novelle (bzw. Diasporanovelle) oder „historisierte Weisheitserzählung“ zu verstehen, sondern als „romanhafte Erzählung“, die in persischer Zeit spielt, jedoch in hellenistischer Zeit entstanden sein dürfte. Als charakteristisch für den Roman in hellenistischer Zeit gelten die Komplexität des Handlungszusammenhangs, das theatrum mundi, erotische Konnotationen und eine gewisse „Weltdeutung“ (vgl. Zenger 2004, 307). Die oft vertretene Datierung der Entstehung des Esterbuches ins 5./4. Jh. muss so stark in Frage gestellt werden. Wahrscheinlicher ist das 3. Jh. Die gute Kenntnis über die persischen Gegebenheiten entspricht dem Bildungsgut der griechischen Historiker.

Als Entstehungsort des Esterbuches wird oft die östliche Diaspora angenommen, da es vor allem die Situation des Judentums in einer nichtjüdischen Welt reflektiert.

8. Theologie

Da der Gottesname im hebräischen Text des Esterbuches nicht begegnet, entsteht der Eindruck, es handle sich um eine nicht-theologische Erzählung, die das Judentum mehr als ethnische, weniger als religiöse Größe betrachtet. Seine Funktion könnte dann in der profanen Erklärung des jüdischen Purimfestes liegen. Die theologische Bedeutung ist jedoch nicht zu verkennen, zumal der Gottesname in den Erweiterungen der griechischen Fassung vorkommt.

Die Theologie des Esterbuches zeigt sich in der Lektüre des Gesamtwerkes. Hier ist vor allem auf die intertextuellen Bezüge mit den Geschichtsüberlieferungen zu achten. So spiegelt der Konflikt zwischen Mordechai und Haman die Feindschaft zwischen Amalek und Israel wider, die in der Tora Grundtopos für die fundamentale Existenzgefährdung Israels ist (Ex 17,8-16; Dtn 25,17-19), wobei besonders Ex 17,8-16 festhalten, dass Amalek die Vernichtung des Volkes Israel nicht gelingen wird. Dieser Konflikt wird im Esterbuch erinnert, indem Haman als „Agagiter“ (Est 3,1) und Mordechai als „Sohn des Jair, des Sohns des Schimi, des Sohns des Kisch“ (Est 2,5) bezeichnet wird (vgl. 1 Sam 15). Indem Ester durch geschicktes Handeln für die Rettung des jüdischen Volkes eintritt, werden ihr in Relecture der Agag-Saul-David-Erzählung messianische Eigenschaften zugesprochen.

Eine zweite Geschichtsüberlieferung, die im Buch Ester erinnert und aktualisiert wird, ist die Josefsgeschichte. In überraschend übereinstimmenden Einzelheiten wird das Hofmilieu der Josefsgeschichte in die Estererzählung hineingenommen. Eine zentrale Parallele liegt weiterhin darin, dass ein erst am Königshof aufgestiegener Jude nicht nur sein eigenes Volk vor dem Tod bewahrt, sondern ein fremdes Weltreich erfolgreich regiert. Eine Neuerung im Esterbuch besteht darin, dass die Figur des Josef aufgespalten wird in die Mordechai- und in die Esterfigur. Mordechai agiert jedoch stärker im Hintergrund, während Ester gegenüber Haman als Frau auftritt, die durch Schönheit und Weisheit zu überzeugen weiß. Sie gilt in der Erzählung als weibliche Joseffigur, die als Identifikationsfigur für das Leben und Überleben in der Diaspora dient.

Mordechai verkörpert durch sein Verhalten der Verweigerung der Proskynese das vor allem in der Diasporaexistenz zentrale Hauptgebot der Gottes- und Nächstenliebe.

Bibelfilme

Literaturverzeichnis

Literatur-Recherche Index Theologicus

Literatur-Recherche Biblische Bibliographie Lausanne

1. Lexikonartikel

  • Reallexikon für Antike und Christentum, Stuttgart 1950ff.
  • Biblisch-historisches Handwörterbuch, Göttingen 1962-1979
  • Lexikon der christlichen Ikonographie, Freiburg i.Br. 1968-1976 (Taschenbuchausgabe, Rom u.a. 1994)
  • Encyclopaedia Judaica, Jerusalem 1971-1996
  • Theologische Realenzyklopädie, Berlin / New York 1977-2004
  • Neues Bibel-Lexikon, Zürich u.a. 1991-2001
  • The Anchor Bible Dictionary, New York 1992
  • Lexikon für Theologie und Kirche, 3. Aufl., Freiburg i.Br. 1993-2001
  • Dictionary of Judaism in the Biblical Period. 450 B.C.E. to 600 C.E., New York 1996
  • New International Dictionary of Old Testament Theology and Exegesis, Grand Rapids 1997
  • Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Aufl., Tübingen 1998-2007
  • Eerdmans Dictionary of the Bible, Grand Rapids 2000
  • Calwer Bibellexikon, Stuttgart 2003

2. Kommentare

  • Berlin, Adele, Esther (JPS Bible Commentary), Philadelphia 2001.
  • Dommershausen, Werner, Ester (NEB), Würzburg 1980.
  • Gerlemann, Gillis, Esther (BKAT 21), Neukirchen-Vluyn 1982.
  • Meinhold, Arndt, Das Buch Esther (ZBK 13), Zürich 1983.
  • Ringgren, Helmer / Zimmerli, Walther / Kaiser, Otto, Sprüche, Prediger, Das Hohe Lied, Klagelieder, Das Buch Esther (ATD 16), Göttingen 1981.
  • Steck, Odil H. / Kratz, Reinhard G. / Kottsieper, Ingo, Das Buch Baruch. Der Brief des Jeremia. Zusätze zu Ester und Daniel (ATD 5), Göttingen 1998.
  • Wacker, Marie-Theres, Esther (SAT), Stuttgart 2004.

3. Weitere Literatur

  • Bardtke, Hans, Luther und das Buch Esther, Tübingen 1964.
  • Berg, Sandra A., The Book of Ester. Motifs, Themes and Structure, Missoula 1979.
  • Brenner, Athalya, A Feminist Companion to Ester, Judith and Susanna, Sheffield 1995.
  • Butting, Klara, Das Buch Esther. Vom Widerstand gegen Antisemitismus und Sexismus, in: Schottroff, Luise / Wacker, Marie-Theres (Hgg.), Kompendium Feministische Bibelauslegung, Gütersloh 1998, 169-179.
  • Butting, Klara / Minnaard, Gerard / Wacker, Marie-Theres (Hgg.), Ester. Mit Beiträgen aus Judentum, Christentum, Islam, Literatur, Kunst, Wittingen 2005.
  • Crawforf, S., L.G. Greensporn (Hg.), The Book of Esther in Modern Research (JSOT.S 380), London 2003.
  • Dommershausen, Werner, Die Esterrolle. Stil und Ziel einer alttestamentlichen Schrift, Stuttgart 1968.
  • Herrmann, Wolfram, Ester im Streit der Meinungen (BFATAJ 4), Frankfurt/M. 1986.
  • Hirdt, Willi, Esther und Salomé. Zum Konnex von Malerei und Dichtung im Frankreich des 19. Jahrhunderts, Tübingen 2003.
  • Jaroš, Karl, Esther. Geschichte und Legende, Mainz 1996.
  • Wacker, Marie-Theres, Ester. Jüdin. Königin. Retterin, in: Kath. Bibelwerk (Hg.), Bekannte und unbekannte Frauen der Bibel, Stuttgart 2006.
  • Wahl, H. M., Esther-Forschung, in: ThR 66 (2001) 103-130.
  • Zenger, Erich, Das Buch Ester, in: Zenger, Erich (Hg.), Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, 5. Aufl. 2004, 302-311.

Abbildungsverzeichnis

  • Abb. 1 Königin Ester (Andrea del Castagno; 15. Jh.).

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