Weisheit

Als weise gilt im alten Israel, wer geübt und fähig ist, etwas richtig, meisterhaft zu tun. So zeigt sich Weisheit schon in der Beherrschung irgendeiner geistigen und handwerklichen Fähigkeit. Vor allem aber zeigt sie sich in der Fähigkeit, den Zusammenhang von Ursachen und Wirkungen im eigenen Leben und im Zusammenleben der Menschen zu erkennen und das eigene Leben und das der Gemeinschaft diesen Erkenntnissen entsprechend zu gestalten. Letztlich geht es der Weisheit darum, zu erkennen, wie Welt und Leben eigentlich geordnet sind und wie man sich diesen Ordnungen am besten einzufügen hat – zum eigenen Wohl und zum Wohle aller. Israel wetteiferte mit den großen Kulturvölkern seiner Zeit in der Formulierung und Sammlung entsprechender Einsichten. Dabei stand für Israel immer fest: Alle Weisheit kommt letztlich von Gott; und Gott ernst zu nehmen ist aller Weisheit Anfang (Hiob 28,28; Ps 111,10; Spr 1,7; Pred 12,13; Sir 1,14.16).

Das Verhältnis der Weisheit zu Gott wird im Laufe der Zeit immer mehr durchdacht und gedanklich entfaltet: Gott ist der Ursprung aller Weisheit (Hiob 28,12-27; Spr 2,6; Pred 2,26; Dan 2,21-23; Weish 7,15-21; 8,21; Sir 1,1). In Weisheit hat er die Welt geschaffen (Spr 3,19-20), und seine Weisheit trägt sie und hält sie im Innersten zusammen (Sir 1,9-10; Weish 8,1). Gottes Weisheit ist in den großen Königen, Propheten und Weisen seines Volkes am Werk (1Kön 3,11-12.28; Esr 7,25; Dan 1,17; Weish 7,27; 9,9-19). Ihre vollkommenste Offenbarung aber ist das Gesetz Moses (Sir 24,32-39; Bar 4,1-4).

Die Weisheit kann als Person gedacht werden. Vor aller Schöpfung war sie bei Gott, und durch sie wurde alles geschaffen (Spr 8,22-31; Weish 8,2-3; Sir 24,1-6). Durch sie offenbart sich Gott den Menschen und ruft sie zu einem vollkommenen, erfüllten Leben (Spr 1,20-33; 8,1-21.32-36; 9,1-6). Die Weisheit sucht Wohnung auf Erden und findet sie in Israel (Sir 24,7-13; vgl. Bar 3,15-38). »Sie ist ein Hauch der göttlichen Kraft und ein reiner Strahl der Herrlichkeit des Allmächtigen; … ein Abglanz des ewigen Lichts und ein fleckenloser Spiegel des göttlichen Wirkens und ein Bild seiner Güte« (Weish 7,25-26). Der jüdische Philosoph Philo von Alexandria bezeichnet die Weisheit als den »erstgeborenen Sohn Gottes«, als »Bild Gottes«, als »Anfang der Schöpfung«.

So wurden in der Beschäftigung mit der göttlichen Weisheit im Judentum die Bilder und Begriffe bereitgestellt, mit deren Hilfe die ersten Christen die Würde Jesu Christi erfassen und angemessen ausdrücken konnten (vgl. Joh 1,1-18; Kol 1,15-18; Hebr 1,1-3; Sohn Gottes; Wort); denn in Jesus Christus ist Gottes Weisheit in Person auf Erden erschienen (vgl. Mt 11,19.28-30; Lk 7,35; 11,49; 1Kor 1,18-25).