Wasserleitung

Der wichtigste Wasserlieferant für Jerusalem war die Gihon-Quelle am Abhang zum Kidrontal. Wohl schon seit der Zeit Salomos bis zur Zeit König Hiskias wurde ihr Wasser in einem offenen Kanal am Fuß der Davidsstadt nach Süden geleitet. Dieser Kanal dürfte in Jes 8,6 gemeint sein (hebräisch schiloach, wörtlich übersetzt: »Sender«, nämlich von Wasser). Das Wasser floss in ein Rückhaltebecken am Südende des Stadthügels und diente vornehmlich der Bewässerung der königlichen Gärten im Kidrontal. Bei dem »alten Teich« von Jes 22,11 könnte es sich um dieses alte Rückhaltebecken handeln.

Um dem Gegner im Fall einer Belagerung den Zugriff auf die Gihon-Quelle unmöglich zu machen und ihr Wasser ganz innerhalb der ummauerten Stadt verfügbar zu haben, verschloss König Hiskia den Zugang zur Quelle im Kidrontal (2Kön 20,20; 2Chr 32,2-4.30; dieser geriet danach so in Vergessenheit, dass er erst im Spätmittelalter wieder entdeckt wurde), ließ von der Quelle aus einen Tunnel durch den felsigen Stadthügel hindurchgraben und leitete alles Wasser in den neu angelegten »unteren Teich« (Jes 22,9). »Unterer Teich« heißt er im Gegensatz zu dem wohl gleichfalls von Hiskia angelegten »oberen Teich« (vgl. dazu im nächsten Abschnitt); er liegt dennoch (nordwestlich) oberhalb des alten Rückhaltebeckens. In neutestamentlicher Zeit (und so bis heute) heißt dieser »untere Teich« Siloah-Teich – ökumenische Schreibung: Schiloach-Teich (vgl. Joh 9,7.11; Lk 13,4).

Der in 2Kön 18,17; Jes 36,2 erwähnte »obere Teich« kann kaum mit einem der bis jetzt besprochenen Teiche identisch sein, weil in deren Umgebung das militärische Aufmarschgebiet völlig fehlt, das in 2Kön 18,17; Jes 36,2 eindeutig vorausgesetzt ist. Vielmehr handelt es sich wohl um eine große Zisterne, die von König Hiskia nördlich vor den Mauern der von ihm erbauten Neustadt angelegt worden war, um diese mit Wasser zu versorgen. Die hier erwähnte »Wasserleitung« hatte wohl die Aufgabe, das Wasser dieses »Teiches« in die Stadt zu leiten.

Nach Jes 7,3 hatte bereits das Gespräch zwischen Jesaja und Ahas, dem Vorgänger König Hiskias (Jes 7,1-9), genau an dem Ort stattgefunden, von dem in 2Kön 18,17; Jes 36,2 die Rede ist. Das würde voraussetzen, dass der »obere Teich« schon vor Hiskia existierte und für die Wasserversorgung in der Stadt von Bedeutung war. Manche Forscher rechnen andererseits mit der Möglichkeit, dass die Ortsangabe in Jes 7,3 in der Überlieferung bewusst an 2Kön 18,17/Jes 36,2 angeglichen wurde, damit bei Gleichheit des Ortes umso deutlicher die gegensätzliche Haltung der beiden Könige hervorsticht.