Tempeldirne, Tempelhurer

Das hebräische Wort, das in der Lutherbibel wertend mit »Tempeldirne« oder »Tempelhurer« wiedergegeben wird, ist selber zunächst wertneutral und bedeutet einfach »Geweihte«. Als »Geweihte« wurden in Israel Männer und Frauen bezeichnet, die sich in besonderer Weise dem Dienst einer fremden Gottheit geweiht hatten; nach 5Mo 23,18 war dies in Israel verboten. In der Sprache des Alten Testaments wird die Beteiligung an fremden Kulten bildhaft »Hurerei« genannt. Daraus hat man früher oft den Schluss gezogen, die »Geweihten« seien eine Art Tempelprostituierte, die sich im Zusammenhang mit Fruchtbarkeitskulten an sexuellen Ritualen und Ausschweifungen beteiligten; so kam es zu der Übersetzung »Tempeldirne« bzw. »Tempelhurer«.

Aus heutiger Sicht ist diese Schlussfolgerung jedoch äußerst fraglich, denn für die angenommenen sexuellen Ausschweifungen im Rahmen eines religiösen Kultes fehlen hinreichende Belege. In Hos 4,14 werden Prostituierte und Geweihte zwar miteinander verglichen, zugleich ist aber auch klar, dass man mit einer Prostituierten »abseits geht«, mit einer Geweihten hingegen »opfert«. Die Bezeichnung der Geweihten als »Hurer« bzw. »Dirnen« ist also sehr wahrscheinlich bildhaft gemeint, als scharfes, abwertendes Urteil über Leute, die sich am Kult fremder Gottheiten beteiligen und so dem Gott Israels untreu werden.

Deshalb ist im Urteil der Königsbücher die Existenz von »Geweihten« in Israel ein schlimmer Missstand (1Kön 14,24), gegen den »gute« Könige energisch vorgehen (1Kön 15,12; 22,47; 2Kön 23,7).