Tempel

Der Tempel in Jerusalem war – wie schon die Stiftshütte – nicht Versammlungshaus der Gemeinde, sondern Wohnung Gottes (2Mo 26,1; 40,34; 4Mo 17,28; Jos 22,19; 1Kön 8,13; 2Chr 36,15). Dasselbe sagt im Grunde auch die Bezeichnung »Haus des HERRN« (2Mo 23,19; 1Sam 1,7; 1Kön 3,1; 2Kön 22,8; Ps 23,6; Jer 26,9).

Der Tempel Salomos war ein Langhausbau, der aus drei Teilen bestand: Vorhalle, Heiliges und Allerheiligstes, darin kanaanitischen Tempelbauten entsprechend. Die Vorhalle war ca. 5 m lang und 10 m breit, ihr Eingang von zwei bronzenen Säulen flankiert. Das »Heilige« war 20 m lang, 10 m breit und 15 m hoch. Es enthielt den goldüberzogenen Räucheraltar, den Tisch mit den geweihten Broten und die zweimal fünf Leuchter (vgl. die genau entsprechende Beschreibung des heiligen Zeltes in 2Mo 40). Das »Allerheiligste« war ein Würfel von 10 m Kantenlänge, es hatte keine Fenster, und in ihm befand sich die Bundeslade. Der Hohepriester durfte es nur einmal im Jahr betreten, sonst war es für jedermann unzugänglich. Der Tempel war von zwei Vorhöfen umgeben: einem inneren, in dem der große Brandopferaltar stand, und einem äußeren, dessen Umfassungsmauer den südlich des Tempels gelegenen Königspalast mit einschloss.

Nebukadnezar zerstörte den ersten Tempel 587 v.Chr. Nach der Rückkehr der Judäer aus dem Exil wurde er an der alten Stelle und auf den alten Fundamenten in bescheidenerer Ausstattung wieder aufgebaut (Tempelweihe 515 v.Chr.). König Herodes d. Gr. ersetzte diesen Tempel durch einen großartigen Neubau, wobei jedoch die Grundmaße des »Heiligen« und des »Allerheiligsten« unverändert blieben. Dabei wurde der innere Vorhof neu gegliedert (Vorhof der Priester, der Männer, der Frauen) und der äußere erheblich erweitert und mit großartigen Säulenhallen umgeben. Der äußere Vorhof war für jedermann, auch für Nichtjuden, zugänglich; er stellte für Jerusalem etwa das dar, was für griechische Städte jener Zeit die Agora (öffentlicher Versammlungsplatz) und für römische Städte das Forum waren. In einem begrenzten Bereich dieses riesigen Platzes hat man sich auch die Stände der Geldwechsler vorzustellen und der Händler, die Opfertiere zum Kauf anboten (vgl. Mk 11,15 par).

Mit dem Tempelvorhang, der beim Sterben Jesu zerriss, dürfte der vor dem »Allerheiligsten« (vgl. 2Mo 26,31-33) gemeint sein. Das Zeichen ist wahrscheinlich im Licht von Mk 15,29b; 14,58; 13,2 zu verstehen; es bedeutet den Untergang des Tempels. Dieser Tempel kann und soll – nach allem, was man Jesus und damit Gott angetan hat – nicht mehr der Ort sein, an dem Gott seinem Volk nahe ist, das Volk seine Gottesdienste feiert und Versöhnung erfährt; dieser »Ort« wird in Zukunft allein noch Jesus sein, der Gekreuzigte und Auferstandene (vgl. Mk 14,58b; Joh 2,21). Der Jerusalemer Tempel wurde 70 n.Chr. bei der Eroberung Jerusalems durch Titus zerstört und nie wieder aufgebaut.