Seele

Das hebräische Wort nefesch, das im Deutschen in vielen Fällen mit »Seele« wiedergegeben wird, hat eine große Bedeutungsbreite. Seine Grundbedeutung ist »Atem« als Inbegriff und Äußerung von Leben, also »Lebensodem« (das »Leben« in 1Kön 17,21-22). Es ist das, was ein Lebewesen zum Lebewesen macht, und kann darum auch dieses Wesen selbst bezeichnen (nefesch chajja = »lebendes Wesen« oder »Lebewesen«; in 1Mo 1,20.24 mit »lebendiges Getier« übersetzt, während vom Menschen – und nur von ihm – in 1Mo 2,7 gesagt wird, dass er ein solches »lebendiges Wesen« dadurch wurde, dass Gott selbst und persönlich ihm »Odem des Lebens« in die Nase blies). Das »Leben« (nefesch/»Seele«) hat seinen Sitz im Blut, und da jegliches Leben letztlich Gottes Eigentum ist und bleibt, darf der Mensch sich das Blut eines Lebewesens nicht aneignen (1Mo 9,4; 3Mo 17,11.14; 5Mo 12,23) und nicht ohne weiteres eines anderen Menschen Blut vergießen (Ps 72,14; 94,21; Spr 1,16.18).

Das »Leben« im Menschen sehnt sich nach Erhalt und Steigerung des Lebens; es hungert und hat Durst (4Mo 11,6; Ps 107,9; Jes 32,6); es begehrt, wünscht, liebt (z.T. ist an den folgenden Stellen »deine nefesch/Seele« mit »dich« oder »dein Herz« wiedergegeben: 5Mo 12,20; 14,26; 2Sam 3,21; Spr 13,19; Hld 1,7; 3,1-4; 5Mo 6,5; 30,6); es erfährt Bitternis und Betrübnis (Jes 38,15-16; Hiob 27,2; »Herz« in 1Sam 1,10; 22,2; Hes 27,31), es müht sich ab (Jes 53,11), es leidet (Ps 88,4; 123,4) und verzagt (Ps 107,26; Jona 2,8; 5Mo 28,65) und verschmachtet (Ps 107,5).

Das Leben des Menschen ist eines, das sich seiner selbst bewusst ist, sich selbst besitzendes und verantwortendes Leben; es ist der Mensch selbst. Er sagt »meine Seele«, wo er »ich«, sein innerstes Selbst, meint (Ps 34,3; 35,9; 62,2; 130,5-6; oft hat die Übersetzung schon für »meine Seele« ein »mich« gesetzt; z.B. Ps 25,1; 86,4b; 143,8b). Selbstgespräche und Selbstaufforderungen geschehen oft in der Form, dass man mit seiner »Seele« spricht, seine »Seele« zu etwas auffordert (Ps 103,1-2.22; 104,1.35; 146,1-2; Lk 12,19).

Das »Leben« des Menschen sehnt sich zutiefst nach Gott, der Quelle und der Fülle des Lebens (Ps 23,3; 42,2-3; 63,2.9; 119,20.81; 143,6; vgl. Ps 84,3; 94,19; 138,3); wo von Erlösung oder Rettung der »Seele« durch Gott die Rede ist, ist immer das Leben des betreffenden Menschen, immer dieser selbst und als ganzer gemeint (Ps 22,21; 35,17; 69,19; 71,23; 116,7-9; Jes 38,17; Hes 13,20). Niemals bezeichnet im Alten Testament nefesch/Seele das unvergängliche Lebensprinzip, das nach dem Tode weiterbesteht.

nefesch wurde in der griechischen Übersetzung (Septuaginta) mit psyche wiedergegeben. Dieses Wort, dessen Grundbedeutung gleichfalls Atem/Lebensodem ist, bezeichnet in der philosophischen Sprache der hellenistisch-römischen Zeit den unvergänglichen Lebenskern des Menschen, die »unsterbliche Seele« im Unterschied zum sterblichen Leib. Doch kommt im biblischen Bereich, zumal auch im Neuen Testament, diese Bedeutung nicht zum Tragen; maßgeblich bleibt hier die ganzheitliche Bedeutung des alttestamentlichen nefesch. Es geht um das Leben als Ganzes, das in der Begegnung mit Jesus auf dem Spiel steht, das im Gericht entweder sein Ende findet oder über das Gericht hinaus gerettet werden wird (s. Mk 8,35-37; Mt 10,28). Das nach dem Tode erwartete Heil wird als Leben in einer neuen, verwandelten Leiblichkeit vorgestellt. Die Möglichkeit einer vom Leib gelösten Seele ist ein Gedanke, den Paulus erschreckt abwehrt (2Kor 5,1-5).

Die Zweiteilung in Seele und Leib findet sich im biblischen Schrifttum nur im Buch der Weisheit (z.B. Weish 1,4; 8,19-20; 9,15; 14,11.26), ohne dass hier der Leib abgewertet und die Seele als aus sich heraus unsterblich angesehen würde. Im Neuen Testament wird nur in 1Thess 5,23 auf die gängige Zweiteilung Bezug genommen – wahrscheinlich polemisch, d.h. den Leib betont mit einbeziehend.