Reich Gottes

Dass der Gott Israels »König« ist – in Israel und über alle Völker –, ist Israels Bekenntnis seit den Tagen der Sesshaftwerdung in Kanaan. Israels Gott hat dieses sein Königtum grundlegend erwiesen, indem er sein Volk aus Ägypten befreite (2Mo 15,18), es durch die Wüste geleitete und ihm das Land Kanaan, die Länder fremder Völker, zum Eigentum gab. Hierin hat sich auch ein für alle Mal gezeigt, dass er mächtiger ist als alle Götter und dass er der Herr der ganzen Schöpfung ist (2Mo 15; Ps 95; Länder fremder Völker: Ps 44,1-5; mächtiger als die Götter: Ps 29; 82; 89,7-8; 95,3; 96,4-5; Herr der Schöpfung: Ps 74,12-17; 89,9-13). Er erweist sein Königtum immer weiter und immer neu darin, dass er Israel gegen seine Feinde schützt (Ps 44,5-9; 48; 68,25-36; 145; 146), dass er es durch die Früchte des Landes am Leben erhält (Ps 72,16; 132,13-16; 145,15-16), dass er durch das Gesetz sein Recht und seine Gerechtigkeit in Israel zur Geltung bringt (4Mo 23,21-24; 5Mo 33,2-5; Ps 99,1-4). Wenn Israel auch der »Ort« ist, an dem Gottes Königtum in besonderer Weise in Erscheinung tritt (2Mo 19,3-6), so gilt dieses Königtum dennoch für alle Welt und wird sich einmal auch weltweit offenbaren (Ps 47; 96–99; 103,19-22).

Gottes Königtum wurde so real und welthaft-konkret gedacht und erfahren, dass es zunächst als Abfall von Gott empfunden werden musste, als man in Israel nach dem Vorbild anderer Völker einen Menschen zum König machen wollte (Ri 8,23; 1Sam 8); andererseits war es dann aber auch möglich, dass ein solcher Mensch (und seine Dynastie), war er einmal von Gott berufen, als Repräsentant und Vollzugsorgan der Herrschaft Gottes selbst über sein Volk Israel und die Völker der Welt anerkannt und geehrt wurde (2Sam 7,14-16; 1Chr 28,5; 29,23; 2Chr 9,8; 13,8; Ps 2; 72; 89,16-38; 110; 132,11-18).

Durch die weltpolitischen Verhältnisse ebenso wie durch das Verhalten der Könige Israels und Judas wurde der Gedanke der Königsherrschaft Gottes in den beiden Reichen mehr und mehr infrage gestellt bzw. diskreditiert. Je vernichtender daraufhin die Gerichte Gottes über das Gottesvolk hereinbrachen (im Untergang der beiden Reiche Israel und Juda, in der Deportation nach Babylon, in der Einverleibung Judäas in die Weltreiche der Perser und Griechen), umso mächtiger wurde im Volk die Sehnsucht, umso nachdrücklicher auch die Zusage der Propheten, dass Gott selbst noch einmal eingreifen werde, um sich erneut und endgültig als König seines Volkes und als Herr aller Völker zu erweisen. Die Hoffnungen und Zusagen konnten sich dabei auf die alten Traditionen und Institutionen Israels beziehen und konnten ausblicken auf deren Erneuerung und Vollendung, die alle Welt einbeziehen und verwandeln würde. So erwartete man, dem Auszug aus Ägypten entsprechend, einen neuen »Exodus« (Jes 35,1-10; 40,1-11; 52,11-12), man erwartete ein neues Jerusalem und einen neuen Tempel (Jes 2,1-5; 25,6-8; 52,7-10; 60; 66,5-24; Hes 40–44; Mi 4,6-8; Sach 2,14-17), vor allem aber eine endzeitliche Erneuerung und Vollendung des davidischen Königtums durch das Auftreten des Messias aus der Nachkommenschaft Davids (Jes 9,1-6; 11,1-10; Jer 23,1-6; Hes 34; 37,15-28; Am 9,11-12; Mi 5,1; Sach 9,9-12). Die Hoffnung konnte sich vom Hinblick auf diese »Modelle« israelitischer Vergangenheit aber auch freimachen: In der frühjüdischen Apokalyptik erwartete man ein direktes, die Menschheit als ganze betreffendes Eingreifen Gottes vom Himmel her, das diese Welt und Weltzeit beenden und eine ganz neue Welt und Weltzeit heraufführen werde.

Zur Zeit Jesu existierten beide Formen der Zukunftshoffnung Israels – die an Israels großer Vergangenheit orientierte, mehr national und politisch ausgerichtete, auf das Kommen des Messias setzende, und die apokalyptische – nebeneinander sowie in mancherlei Mischformen. Wenn Jesus das Kommen der Königsherrschaft Gottes verkündet (Mk 1,15), ist dies eindeutig im Sinne der apokalyptischen, nicht der nationalen Erwartung zu verstehen.

»Königsherrschaft Gottes« ist die wörtlichere Übersetzung für »Reich Gottes«. Sie ist weniger missverständlich, sofern sich mit »Reich« leicht die Vorstellung eines umgrenzten Territoriums oder staatsartiger Organisation und Herrschaftsform verbindet. Damit wäre die Gottesherrschaft zu statisch gesehen, und sie würde auch zu leicht als jenseitige, »im Himmel« befindliche Größe vorgestellt. Im Matthäus-Evangelium steht statt »Reich Gottes« zwar durchweg »Himmelreich«; doch ist »Himmel« in diesem Zusammenhang nur ehrfürchtig umschreibendes Ersatzwort für Gott bzw. den Gottesnamen.

Charakteristisch für Jesu Verkündigung der Königsherrschaft Gottes ist gerade deren drängende Nähe. Dass ihr Anbruch im Sinne der apokalyptischen Erwartung unmittelbar bevorsteht, ist ihm gewiss (Mk 1,15; Lk 10,9.11; Mk 9,1; 13,30; vgl. aber Mk 13,32-37). Doch weit wichtiger noch und entscheidend neu ist, dass Jesus diese Königsherrschaft Gottes nicht mehr nur in der Zukunft erwartet, sondern sie jetzt schon – in seinen Worten und Taten, in seinem Dasein, in seiner Person – hereinbrechen sieht (Lk 11,20; Mt 11,1-6; 13,44-46). Es kommt deshalb alles darauf an, sich ihr hier und jetzt zu öffnen und zu unterstellen durch das radikale Ernstnehmen dessen, was Jesus sagt und tut, schenkt und fordert (Lk 6,46-49; 12,8-9; 12,54–13,9; 13,23-27).

Angesichts des Hereinbrechens der Gottesherrschaft in Jesus verbietet sich die Frage nach dem genauen Zeitpunkt des Endes dieser Welt. Sie ist in Jesus – noch mitten in ihrem Verlauf – schon an ihr Ende gekommen! Zweifellos wird dieses Ende – und der Beginn der neuen Welt – auch sichtbar und spürbar hervortreten, dieser Zeitpunkt darf ersehnt und erbeten werden (Lk 11,2; 17,22; 21,28); doch ein berechnendes Ausschauhalten danach steht im Verdacht oder in der Versuchung, das Entscheidende zu vergessen und zu versäumen: das Ernstnehmen dessen, was in Jesus bereits Gegenwart wurde (Lk 17,20-21), und dessen, was dem Jünger Jesu für diese Zeit des »Schon und Noch-nicht« zu tun aufgetragen ist (Lk 19,11-27; Apg 1,6-8). Wie sich für Jesus Gegenwart und Zukunft der Herrschaft Gottes zueinander verhalten, zeigen die sog. »Kontrastgleichnisse« Mk 4,3-9.26-29.30-32; Mt 13,33.

Der Begriff »Reich Gottes« spielt eine maßgebliche Rolle in der Verkündigung Jesu, wie sie in den drei ersten (»synoptischen«) Evangelien greifbar wird. Die übrigen Schriften des Neuen Testaments sind vornehmlich damit beschäftigt, das in Christus – vor allem in seinem Tod und seiner Auferstehung – gewährte Heil und die damit sich ergebenden Perspektiven und Konsequenzen zu erfassen und zu verkünden; der Begriff »Reich Gottes« tritt dabei vor anderen Leitbegriffen in den Hintergrund (doch vgl. Joh 3,3.5; 18,36; Apg 1,3.6; 14,22; 28,23.31; Röm 14,17; 1Kor 4,20; 6,9-10; 15,24-28.50; Gal 5,21; Eph 5,5; 1Thess 2,12; 2Tim 4,1.18; Hebr 12,28; Jak 2,5; 2Petr 1,11; Offb 1,9; 11,15; 12,10).