Passa, Passafest, Passamahl

Dem Passafest liegt wahrscheinlich ein Ritual aus der halbnomadischen Frühzeit Israels zugrunde, das jeweils vor dem Weidewechsel im Frühjahr seinen Platz hatte: In der Vollmondnacht vor dem Aufbruch von der Wüste in das Kulturland galt es, den Unheil stiftenden »Verderber« fern zu halten. Dazu wurde in den Sippen ein Stück Kleinvieh geschlachtet und mit dessen Blut der Zelteingang bestrichen. Die Lebenskraft des Blutes sollte Unheilskräfte fern halten. Dieses Ritual – nunmehr bezogen auf ganz neue Inhalte – ging nach der Darstellung von 2Mo 12 dem Aufbruch Israels aus Ägypten voraus und sollte alljährlich in Israel zur Vergegenwärtigung dieses grundlegenden Geschehens wiederholt werden. Das ursprüngliche Naturfest gewann dadurch einen auf die Geschichte des Volkes bezogenen Sinn. Der »Verderber« war in diesem Fall von Gott selbst in Dienst genommen, um die Ägypter empfindlich zu strafen, während das Blut an den Türen die Israeliten schützte, sodass das Verderben an ihnen vorüberging (vgl. 2Mo 12,23). Der Name »Passa« (hebräisch pesach, aramäisch pas-cha; so auch die griechisch-lateinische Wiedergabe), über dessen ursprünglichen Sinn sich nichts Sicheres sagen lässt, wird dementsprechend in Israel als – gnädiger, die Israeliten verschonender – »Vorübergang« des Herrn gedeutet.

Nach der Gottesdienstreform König Josias mit ihrer Zentralisation des Opfergottesdienstes (2Kön 22–23) durfte das Passa nicht mehr an den Wohnsitzen, sondern nur noch als Wallfahrtsfest in Jerusalem gefeiert werden. Das Passalamm – nunmehr als Opfer verstanden – durfte nur im Tempel geschlachtet, sein Fleisch nur innerhalb der Mauern Jerusalems verzehrt werden; sein Blut wurde am Fuß des Brandopferaltars ausgegossen.

Für das Passamahl mussten die Hausbesitzer Jerusalems den Pilgern Räume zur Verfügung stellen. In der nachexilischen Zeit wurden die Vorschriften von 2Mo 12,11 nicht mehr beachtet. Im Gegenteil wurde es schließlich sogar Vorschrift, beim Passamahl (nach griechisch-römischer Sitte; Mahl) zu Tisch zu liegen – zum Zeichen der von Gott geschenkten Erlösung (Befreiung aus Ägypten). Hauptbestandteil der Mahlzeit war das Schaf- (oder auch: Ziegen-)Böckchen. Als Beigaben wurden eine Art bitterer Salat und Fruchtmus genossen, dazu Brot, wie es zu jeder Mahlzeit gehört (in diesem Fall allerdings ungesäuertes; s.u.). Dem eigentlichen Hauptmahl ging eine Art Vormahl voraus, bei dem die Geschichte vom Auszug aus Ägypten erzählt wurde. Schon hierzu wurde ein Becher mit Wein gereicht (vgl. Lk 22,17), der nicht zu verwechseln ist mit dem am Ende der Hauptmahlzeit (vgl. Lk 22,20). Die Hauptmahlzeit wurde – wie jedes jüdische Mahl – dadurch eröffnet, dass der Hausvater ein kurzes Lobgebet über einem Stück Brot sprach, dieses dann zerbrach und an alle austeilte. Unter diesem Zeichen wurde immer wieder Tischgemeinschaft im Sinne von Lebensgemeinschaft vor Gott begründet. Ebenso wurde das Passamahl – wie jedes jüdische Festmahl – dadurch beschlossen, dass der Hausvater über einem Becher mit Wein das Dankgebet sprach und dieser Becher dann die Runde machte. An diese Formen konnte Jesus bei der Stiftung des Abendmahles anknüpfen.

Wie in der Passanacht sich der Blick zurückwandte und man der geschehenen Erlösung gedachte, so ging der Blick auch in die Zukunft; man schaute aus nach der vollendeten Erlösung im Reich Gottes, und die Hoffnung war lebendig, dass sich in dieser Nacht der Messias offenbaren werde. Durch die »Umstiftung« des Passamahles, wie Jesus sie in der Nacht vor seinem Sterben vornimmt, zeigt er die nun unmittelbar bevorstehende endgültige Erlösung an und macht seine Jünger dieser Erlösung schon teilhaftig (Mk 14,22-24 par). Mit großer Gewissheit blickt er zugleich voraus auf den noch ausstehenden, alles vollendenden, offenbaren Anbruch der Königsherrschaft Gottes (Mk 14,25 par; vgl. 1Kor 11,26).

Zugleich mit dem Passafest begann das Fest der Ungesäuerten Brote, das im Unterschied zum Passafest sieben Tage lang, und zwar im ganzen Land gefeiert wurde. Der Vortag beider Feste war mit Vorbereitungen auf das eine wie auf das andere Fest erfüllt. So musste im Blick auf das Fest der Ungesäuerten Brote bereits am Morgen des Vortags aller Sauerteig aus den Häusern entfernt werden (Paulus spricht davon in 1Kor 5,6-8 in übertragenem Sinn). Am frühen Nachmittag dieses Tages begann im Tempel die Schlachtung der Passalämmer, die abends beim Passamahl verzehrt wurden. Wegen dieser Aktivitäten am Vortag kann dieser in Mt 26,17 und Mk 14,12 – nicht ganz zutreffend – schon als »erster Tag der Ungesäuerten Brote« bezeichnet werden (ähnlich auch Lk 22,7). Außerdem wird zwischen beiden Festen in neutestamentlicher Zeit nicht immer scharf unterschieden (vgl. Lk 22,1, aber auch schon 2Chr 30,13.21 neben 30,1-2.15.18).