Nachfolge Jesu

Die Schüler eines jüdischen Rabbi gehörten für die Zeit ihrer Ausbildung zum Haushalt ihres Lehrers und bildeten mit ihm eine Lern- und Lebensgemeinschaft. Bei öffentlichem Auftreten ging der Meister voran, seine Schüler »folgten ihm« in angemessenem Abstand »nach«.

Das Erscheinungsbild Jesu muss in vielem dem eines solchen Rabbi mit dem Kreis seiner Jünger (wörtlich: »Schüler«) geglichen haben. Doch hatte Jesus keinen festen »Haushalt«, und seine Jünger waren angewiesen, seine Heimatlosigkeit und Ungeborgenheit zu teilen (Mt 8,19-20 par). Sie mussten für ihre Ausbildung auch nichts bezahlen, wie es sonst üblich war; wie ihr Meister und mit ihm lebten sie in äußerster materieller Anspruchslosigkeit, ganz vertrauend auf die Fürsorge Gottes, der für sie in besonderer Weise zum »Vater« wurde, wie er es für Jesus war (Abba; Mt 6,9.11.25-34; 10,9-10; 12,1).

Für das Zustandekommen des Jünger- oder Nachfolgeverhältnisses ging die Initiative nicht – wie sonst üblich – vom Bewerber aus, sondern von Jesus; er »beruft« (Mk 1,16-20; 2,13-14), wen er will (Mk 3,13; Joh 15,16). Der Ruf löst aus allen weltlichen Sicherungen und menschlichen Bindungen und setzt menschliche Rechte, Ansprüche, Pflichten souverän außer Kraft (Mk 1,16-20; 2,13-14; Lk 9,59-62; Mt 10,37; vgl. 1Kön 19,19-21; ferner Mt 12,46-50; 19,10-12). Wer den Ruf annimmt, muss mit seinem Leben abgeschlossen haben (Mk 8,35 par; Lk 14,26); er darf sich selbst »nicht mehr kennen« (muss sich selbst »verleugnen«), er muss damit rechnen, in dieser Welt verkannt, verachtet und wie ein Verbrecher hingerichtet zu werden (Mk 8,34 par; Mt 10,38 par).

Wie die Zeichen und Wunder Jesu – und anders und mehr noch als sie alle – ist der Jüngerkreis Jesu ein Zeichen der anbrechenden Gottesherrschaft (Reich Gottes), und in diesem Sinne ist er »Salz der Erde«, »Licht der Welt«, »Stadt auf dem Berge« (Mt 5,13-16). Die Jünger, die schon durch ihre Existenz und Lebensweise Zeugnis ablegen für die anbrechende Gottesherrschaft, werden von Jesus ausgesandt, durch Wort und Tat das Kommen der Gottesherrschaft zu verkünden und zu bezeugen; sie werden an Auftrag und Werk Jesu beteiligt (Mk 3,13-15; Lk 9,1-6; 10,1-12.16).

Nachfolge und Jüngerschaft haben zu verschiedenen Zeiten jeweils unterschiedliche Ausprägungen erfahren. Die grundsätzlich getroffene Entscheidung zur Nachfolge und die darin angelegten Konsequenzen sind jeweils in unterschiedlichen Maßen konkret »abgerufen« und real eingefordert worden. So hat schon von den Jüngern des irdischen Jesus nicht jeder einzelne den Zeugentod sterben müssen (Joh 21,21-22); nicht jeder wurde gerufen, Jesu ruheloses Wanderleben und seine Heimatlosigkeit mit ihm zu teilen (Lk 10,38-42; Joh 11,1-3); nicht alle wurden auf den Weg radikalen Besitzverzichts (Mt 27,57; Lk 19,2.8) oder auf den der Ehelosigkeit mitgenommen (vgl. 1Kor 7,7; 9,5); nicht jeder wurde zur Wortverkündigung ausgesandt (Lk 9,1-2; 10,1; vgl. Apg 13,1-3). Doch die grundsätzliche Bereitschaft zu all dem ist unabdingbare Voraussetzung und Konsequenz jeglicher Jüngerexistenz (Lk 14,25-35). In jedem Fall ist der Jünger Jesu nicht mehr fraglos in dieser Welt verwurzelt, weil er schon der neuen Welt Gottes angehört (Lk 12,32-34; Joh 17,14-16; 1Kor 7,29-31); aber er weiß sich dieser Welt doch aufs tiefste verpflichtet, weil er ihr das Zeugnis schuldet von eben jener neuen Wirklichkeit, die mit der Sendung Jesu von Gott her in diese vergehende Welt einbricht (Mt 5,13-16; Joh 17,17-19; 1Petr 2,11-17; Mt 17,24-27).

Der Auftrag des Auferstandenen lautet: »Machet zu Jüngern alle Völker« (Mt 28,19). Das bedeutet die Herauslösung der Menschen aus der vergehenden, von Sünde und Tod gezeichneten Welt und ihre Eingliederung in die kommende Welt Gottes, die von Gottes Gerechtigkeit und Gottes ewigem Leben bestimmt ist – eine Neubegründung und Neuorientierung des ganzen Lebens, wie sie in der Taufe geschieht (Mt 28,19b; vgl. Röm 6; Kol 3,1-4). »Machet zu Jüngern« bedeutet darüber hinaus: »Lehret sie halten alles, was ich euch befohlen habe« (Mt 28,20a); damit ist zuerst und vor allem die Bergpredigt (Mt 5–7) gemeint. Jüngerschaft und Nachfolge heißt also nachösterlich: aus der empfangenen Taufe leben und in Jesus und mit ihm (vgl. Mt 28,20b) den von ihm gewiesenen Weg gehen. Da dies grundsätzlich die Berufung eines jeden Christen ist, werden in der Apostelgeschichte alle Christen konsequenterweise als »Jünger« bezeichnet (Apg 6,1-2.7; 9,1-2.19.25-26.38; 11,26.29; 13,52 usw.).