Menschensohn

In Dan 7,13-14 wird die Erwartung geäußert, dass im Zusammenhang der Endereignisse am Himmel »einer wie ein Menschensohn« erscheint, dem von Gott nach dem letzten Gericht die Weltherrschaft übertragen wird. Aus dem Kontext geht hervor, dass die Bezeichnung hier symbolisch für »die Heiligen des Höchsten« steht, womit Israel gemeint ist. Erst in einem um die Zeitenwende entstandenen Abschnitt aus dem Äthiopischen Henochbuch wird »Menschensohn« als Titel verwendet und bezeichnet eine messianische Gestalt, die in Gottes Auftrag und Vollmacht das letzte Gericht abhalten wird.

Nach der Darstellung der Evangelien hat Jesus schon in seinem Erdenleben die Vollmacht des Menschensohnes für sich in Anspruch genommen, als er – in der Regel gegen die herrschende Meinung frommer Kreise – entschied, was vor Gott zu tun erlaubt ist und was nicht (Mk 2,28), und als er Menschen die Vergebung ihrer Schuld zusprach (Mk 2,10). Die himmlische Machtstellung des Menschensohnes wurde Jesus zuteil, als Gott ihn vom Tod erweckte (vgl. Mt 28,18-20 mit Dan 7,14). Der kommende Menschensohn, von dem Jesus zunächst noch sprechen konnte wie von einem Dritten (Lk 12,8-9; Mk 8,38), wird also niemand anderes sein als der auferstandene Herr selbst (Mk 13,26; 14,62).

In äußerstem Kontrast zu seiner künftigen Machtstellung hat Jesus als dieser »Menschensohn« auf der Erde ein Leben in Niedrigkeit und Verachtung geführt (Mt 8,20; 11,19). Mit Gottes Vorauswissen und nach Gottes Willen ist es geschehen, dass der »Menschensohn« zunächst »den Menschen ausgeliefert«, dass der von Gott bestellte Weltrichter vor ein menschliches Gericht gestellt und zum Tod verurteilt wurde (Mk 8,31; 9,31; 10,33-34). Nach Mk 10,45 ist Jesus ein Menschensohn, der sein Leben als Lösegeld für die Menschen hingab – der Richter gibt sein Leben für diejenigen, die einst vor seinem Gericht stehen werden!

Entsprechend den Besonderheiten des Johannes-Evangeliums haben in ihm auch die Aussagen vom Menschensohn oft ein besonderes Gepräge. So ist nicht vom Leiden, Sterben und Auferstehen, sondern von der »Erhöhung« des Menschensohnes (Joh 3,14; 8,28; 12,34) oder von seiner »Verherrlichung« (Joh 12,23; 13,31) die Rede, und gemäß dem Bekenntnis zur Fleischwerdung des ewigen Wortes in Jesus Christus (Joh 1,1-2.14) heißt es vom Menschensohn, er sei »vom Himmel herabgekommen« (Joh 3,13). Beide Aussagen sind miteinander verbunden in Joh 6,62.