Kanon

Das griechische Wort bedeutet »Maßstab/Richtschnur/Regel«. Es dient als Bezeichnung für die Liste der als heilige Schriften anerkannten Bücher, die für Gottesdienst und Lehre maßgebend sind.

Der Kanon der hebräischen Schriften des Alten Testaments scheint um 175 v.Chr. im Wesentlichen abgeschlossen gewesen zu sein; denn das um diese Zeit entstandene Buch Jesus Sirach erwähnt in der Vorrede (V. 1) die übliche hebräische Einteilung in »Gesetz« (die fünf Mosebücher), »Propheten« (Jos, Ri, 1/2Sam, 1/2Kön, Jes, Jer, Hes, die 12 »kleinen Propheten«) und »Schriften« (Ps, Hiob, Spr, Rut, Hld, Pred, Klgl, Est, Dan, Esra, Neh, 1/2Chr). Die Geschichtsbücher Josua bis 2. Könige werden zu den Propheten gerechnet (»Vordere Propheten« im Unterschied zu den eigentlichen Prophetenbüchern als den »Hinteren Propheten«), weil sie vom Auftreten von Propheten berichten und man Propheten für ihre Verfasser hielt. Die Reihenfolge der drei Gruppen entspricht der Abfolge, in welcher die betreffenden Schriften bzw. Schriftengruppen kanonische Geltung erlangt haben. Die letzten Bücher der dritten Gruppe sind zugleich die jüngsten Schriften des Alten Testaments.

In den jüdischen Gemeinden außerhalb Palästinas hatte die im 3. Jahrhundert v.Chr. in Alexandria begonnene griechische Übersetzung (Septuaginta) weite Verbreitung gefunden. Sie enthielt zusätzlich eine Anzahl später Schriften (Jdt, Weish, Tob, Sir, Bar, 1/2 Makk) und Erweiterungen (zu Est und Dan), welche die Juden in Palästina nicht akzeptierten, als sie gegen Ende des 1. Jahrhunderts n.Chr. den Kanon der heiligen Schriften festlegten. In den christlichen Gemeinden der griechisch-römischen Welt stand aber schon von der Zeit der Apostel her die Septuaginta in kanonischem Ansehen, einschließlich der genannten späten Schriften und Zusätze. Diese blieben in der christlichen Kirche bis zur Reformationszeit allgemein als Heilige Schrift anerkannt. Die Kirchen der Reformation sprachen ihnen den kanonischen Rang ab. Luther nennt sie »Bücher, so der Heiligen Schrift nicht gleich gehalten und doch nützlich und gut zu lesen sind«, und hat sie als »Apokryphen« in einem eigenen Teil zwischen Altem und Neuem Testament zusammengefasst; dort finden sie sich auch in der vorliegenden Bibelausgabe. In katholischen Bibelausgaben sind sie nach dem Vorbild der Septuaginta und Vulgata über das Alte Testament verteilt und stehen jeweils bei der gattungsmäßig entsprechenden Schriftengruppe (Historische Bücher, Weisheitsbücher, Prophetische Bücher). Sie werden als »Deuterokanonische Schriften« bezeichnet, jedoch den kanonischen gleichgeachtet.

Die Reihenfolge der alttestamentlichen Schriften in den christlichen Bibelausgaben entspricht der lateinischen Übersetzung des Hieronymus (Vulgata), während die Septuaginta das Buch Hiob erst nach dem Hohenlied bringt und die »kleinen« Propheten den »großen« vorordnet. Gegenüber dem hebräischen Kanon ist die Gruppe der »Schriften« in der Septuaginta und ihr folgend der Vulgata aufgelöst: Die Bücher geschichtlichen Inhalts sind in die Historischen Bücher eingeordnet (Rut, 1/2 Chr, Esr, Neh, Est), Klagelieder und Daniel in die Prophetenbücher; der Rest bildet als Weisheitsbücher einen eigenen Teil vor den Propheten (Hiob, Ps, Spr, Pred, Hld).

Der Kanon der neutestamentlichen Schriften steht um das Jahr 200 im Wesentlichen im heutigen Umfang fest. Die endgültigen Entscheidungen fielen gegen Ende des 4. Jahrhunderts. Doch blieb die Kanonizität der Offenbarung des Johannes in den Ostkirchen noch bis ins 10. Jahrhundert umstritten.