Hoherpriester, die Hohenpriester

Schon vor dem babylonischen Exil gab es in Jerusalem und an anderen Heiligtümern oberste Priester (1Sam 1,9; 14,3; 2Sam 15,24-29; 1Kön 2,26-27.35; 2Kön 11,4-20; 22,3-20; 25,18; Am 7,10-17), von denen einzelne – in nachexilischer Berichterstattung – auch schon als »Hohepriester« bezeichnet werden (2Kön 12,11; 22,4.8; 23,4). Doch ist das Amt des »Hohenpriesters« in seiner alles andere Priestertum überragenden und zusammenfassenden Bedeutung erst im Exil konzipiert worden. Dies geschah im Rahmen einer Neufassung der Ursprungsgeschichte Israels, die sich zugleich als Reformprogramm versteht: Anhand der Gestalt Aarons beschreibt die sog. Priesterschrift erstmals die Bedeutung und die Befugnisse dieses obersten Priesteramts (2Mo 28–29; 30,10; 3Mo 4,3.5.16; 6,15; 16; 21,10-15), das allein den Nachkommen Aarons zusteht (vgl. 4Mo 20,25-28), und zwar solchen aus den »Söhnen (= Nachkommen) Zadoks«, des obersten Priesters der Zeit Davids und Salomos (vgl. 1Kön 2,26-27.35 sowie Hes 40,46; 43,19; 44,15; 48,11; Zadok).

Der erste namentlich bekannte nachexilische Hohepriester ist Jeschua (Hag 1; Sach 3; 6,9-15). In persischer und frühhellenistischer Zeit wurde der Hohepriester mehr und mehr auch das politische Haupt der jüdischen Gemeinde. Die Hohenpriester aus dem Makkabäergeschlecht legten sich die Königswürde bei (als Priester, die nicht aus der Familie Zadoks stammten, waren sie für radikale fromme Kreise ein stetes Ärgernis; Qumran). Herodes (Herodes 1) und die Römer nahmen dem hohenpriesterlichen Amt die Lebenslänglichkeit und die Erblichkeit und vor allem das Königtum. Doch blieb auch zu dieser Zeit der Hohepriester der Vorsitzende des Hohen Rates und oberster Repräsentant der theokratisch verfassten jüdischen Gemeinde. – Parallel zu der Hoffnung auf den messianischen König aus dem Hause Davids (Messias) hielt sich in frommen Kreisen die Hoffnung auf einen endzeitlichen Hohenpriester, der der Würde und den Anforderungen dieses Amtes voll entspricht (Qumran). Im Hebräerbrief (Hebr 4,14–10,18) wird Jesus als der wahre Hohepriester gezeichnet – der allerdings nicht aus der Familie Aarons stammt, sondern dessen Ursprung unmittelbar in Gott liegt.

»Die Hohenpriester« bezeichnet im Neuen Testament die führende Gruppe des Hohen Rates, die zugleich dessen Exekutivkomitee bildet, bestehend aus Mitgliedern der vornehmsten priesterlichen Familien (Sadduzäer), aus denen man auch den Hohenpriester zu wählen pflegte. Diese Gruppe stellt u.a. den Kommandanten der Tempelwache, der zugleich Stellvertreter des amtierenden Hohenpriesters ist (»Hauptmann des Tempels«; vgl. Apg 4,1).