Fruchtbarkeitskult, -religion

Ohne Fruchtbarkeit ist Leben auf der Erde unvorstellbar, darum spielt sie zu allen Zeiten und in allen Kulturen eine wichtige Rolle. In der Religion der Völker Kanaans, die bei ihrer Landwirtschaft stark vom Wetter (insbesondere vom rechtzeitigen Eintreffen des spärlichen Regens) abhängig waren, fand der Fruchtbarkeitskult eine besondere Ausprägung. So erklärte man beispielsweise das Absterben der Pflanzendecke während der sommerlichen Trockenperiode mit dem Abstieg des Gottes Baal in die Totenwelt, das Wiederaufleben der Natur im Frühjahr mit seiner Rückkehr von dort. Im Lauf des Jahres waren viele Riten zu beachten, die mit der zeitlichen Abfolge der Vegetation zusammenhingen. Das in 1Kön 18,25-29 geschilderte Verhalten der Baalspriester zeigt, dass diese Riten auch ekstatischen Charakter haben konnten. Früher wurde oft die These vertreten, zum Fruchtbarkeitskult hätten darüber hinaus auch sexuelle Rituale gehört und an den Heiligtümern sei eine Art »kultische Prostitution« praktiziert worden (Tempeldirne, Tempelhurer). Diese Ansicht lässt sich jedoch nicht ausreichend belegen und ist nach heutigem Wissensstand eher unwahrscheinlich; sie hat ihre Wurzel darin, dass in der Sprache des Alten Testaments die Teilnahme an kanaanitischen Kulten oft bildhaft als »Hurerei« bewertet wird.

Für viele Israeliten stellte der volkstümliche und eng mit dem Zyklus des bäuerlichen Lebens verbundene Fruchtbarkeitskult eine ständige Versuchung dar. Von den Propheten und einigen Königen wurde dieser Kult deshalb immer wieder scharf kritisiert und bekämpft (z.B. 1Kön 18; 2Kön 23,4-7; Jer 3,1-5; Hos 4,12-14; Am 2,7-8; Mi 1,7). Aus prophetischer Sicht ist Israels Gott der Schöpfer der Welt, der Fruchtbarkeit aus freiem Willen schenkt und erwartet, dass sein Volk ihm darauf mit ungeteilter Liebe und Gehorsam antwortet.