Ehelosigkeit

Ehelosigkeit wird im Alten Testament nur als Unglück und als Verunmöglichung eines erfüllten menschlichen Daseins erfahren (Ri 11,37-40; Jes 4,1); vor allem der Kinderlosigkeit sucht man mit allen Mitteln – gesetzlichen und ungesetzlichen – zu entgehen (1Mo 16,1-2; 19,30-38; 30,1-5.9-10; 38; 5Mo 25,5-10). Im Leben Jeremias begegnen Ehe- und Kinderlosigkeit als Unheil verkündendes Vorzeichen im Zusammenhang seiner Gerichtspredigt (Jer 16,1-4).

Vor dem Hintergrund der Verkündigung Jesu von der hereinbrechenden Gottesherrschaft (Reich Gottes) wird die Ehelosigkeit, so wie sie von Jesus selbst und manchen seiner Jünger gelebt wird, zu einem Zeichen und Hinweis auf die alle irdische Erfüllung relativierende Lebensfülle im Reich Gottes und ermöglicht denen, die dazu berufen sind, ein besonders radikales Engagement im Dienst der Verkündigung des Reiches (Mt 19,11-12; vgl. Lk 14,20.26; 1Kor 7,32-35). Ehelosigkeit ist hier auch die Lebensform, welche die des kommenden Reiches vorwegnimmt, in dem man nicht mehr heiraten oder geheiratet werden wird (Mk 12,25).

Paulus, der in diesem Sinne ehelos lebt, wirbt für diese in besonderem Maße der Endzeit angemessene Lebensform (1Kor 7,7-8.25-28.32-33.37-38.40), weiß aber auch – wie Jesus selbst (vgl. Mt 19,11-12) –, dass es sich um ein Charisma handelt, das nicht jedem gegeben ist, und mahnt dementsprechend zur Nüchternheit (1Kor 7,1-5.7.9).

Ehelosigkeit in der Nachfolge Jesu hat nichts mit Leib- und Geschlechtsfeindlichkeit zu tun. Eine so motivierte Eheabstinenz, die aus gnostischem Denken heraus propagiert wurde (Gnosis), wird in 1Tim 4,1-6 scharf zurückgewiesen.