arm, Arme, Armut

Nach Gottes Willen – und nach allem, was Gott für sein Volk getan hat, indem er es aus Ägypten befreit und ihm das Land Kanaan gegeben hat – dürfte es in Israel eigentlich gar keine Armen geben (5Mo 15,4-6). Mancherlei Gesetze suchen zu verhindern, dass Israeliten ihres Landbesitzes verlustig gehen und in Abhängigkeit geraten (Erbe; Erlassjahr; Sabbatjahr; 2Mo 23,6). Wo immer sich dennoch Armut zeigt, befiehlt das Gesetz großzügige Hilfe und solidarisches Verhalten (2Mo 22,20-26; 23,10-11; 3Mo 19,9-10; 5Mo 14,28-29; 15,7-11; 16,11-12; 23,25-26; 24,19-22).

Vor allem seit der Königszeit und der Entwicklung städtischer Kultur in Israel bilden sich jedoch Wirtschaftsformen und Verhaltensweisen, die zur Konzentration von Besitz und wirtschaftlicher Macht in den Händen einiger weniger führen und Armut und Abhängigkeit großer Bevölkerungsschichten sowie deren schamlose Ausbeutung durch die Reichen mit sich bringen. Gegen diese Verhältnisse richtet sich immer aufs Neue der scharfe Protest der Propheten. Durch sie ergreift Gott Partei für die Armen (Am 2,6-8; 5,11-13; 8,4-10; Mi 2,1-5; Jes 5,8-10; 10,1-4; Jer 5,26-31; Hes 22,29-31).

Sofern die Armen in ihrer Not sich an Gott als ihren Anwalt wenden und an ihm als ihrem einzigen und wahren Reichtum festhalten, entwickelt sich eine besondere Art von Armenfrömmigkeit (Ps 9,10-11; 10; 73,12-28; Spr 19,1). In ihrem Gefolge wird eine Auffassung herrschend, nach welcher die Armen die wahrhaft Frommen sind, Gott besonders nahe stehen und auf einen Ausgleich in Gottes endzeitlichem Gericht hoffen dürfen, indes die Reichen die Gottlosen sind und nur noch Gottes Gericht zu erwarten haben (Ps 22,25-27; 37; 72,1-4.12-14; 140,12-14; Jes 29,19-21; vgl. Lk 1,51-53). Diese Auffassung hat auch Jesus mit Nachdruck vertreten und dementsprechend die Armen selig gepriesen und die Reichen aufs Schärfste gewarnt (Mt 5,3-6; Lk 6,20-26). Von seinen Jüngern verlangte er, zugunsten der Armen und um des übergroßen Reichtums der kommenden Gottesherrschaft willen auf allen irdischen Besitz zu verzichten (Lk 12,31-34; 14,33; 16,9; 18,25; Nachfolge Jesu).

In der Bibel steht solche Armut im Vordergrund, welche die Folge unsozialen und ungesetzlichen Verhaltens anderer ist. Sie kennt freilich auch die selbstverschuldete Armut (vgl. Spr 6,9-11; 10,4).