Die Antwort Gottes (Kapitel 38,1–42,17)

Die erste Rede des HERRN aus dem Wettersturm

381Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

2Wer ist's, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand?

3Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich!

4Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir's, wenn du so klug bist!

5Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat?

6Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt,

7als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne?

8Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß,

9als ich's mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln,

10als ich ihm seine Grenze bestimmte mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Tore

11und sprach: »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!«?

12Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeigt,

13damit sie die Ecken der Erde fasste und die Gottlosen herausgeschüttelt würden?

14Sie wandelt sich wie Ton unter dem Siegel und färbt sich bunt wie ein Kleid.

15Und den Gottlosen wird ihr Licht genommen und der erhobene Arm zerbrochen werden.

16Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen und auf dem Grund der Tiefe gewandelt?

17Haben sich dir des Todes Tore je aufgetan, oder hast du gesehen die Tore der Finsternis?

18Hast du erkannt, wie breit die Erde ist? Sage an, weißt du das alles?

19Welches ist der Weg dahin, wo das Licht wohnt, und welches ist die Stätte der Finsternis,

20dass du sie zu ihrem Gebiet bringen könntest und kennen die Pfade zu ihrem Hause?

21Du weißt es ja, denn zu der Zeit wurdest du geboren, und deine Tage sind sehr viel!

22Bist du gewesen, wo der Schnee herkommt, oder hast du gesehen, wo der Hagel herkommt,

23die ich verwahrt habe für die Zeit der Trübsal und für den Tag des Streites und Krieges?

24Welches ist der Weg dahin, wo das Licht sich teilt und der Ostwind hinfährt über die Erde?

25Wer hat dem Platzregen seine Bahn gebrochen und den Weg dem Blitz und Donner,

26dass es regnet aufs Land, wo niemand ist, in der Wüste, wo kein Mensch ist,

27damit Einöde und Wildnis gesättigt werden und das Gras wächst?

28Wer ist des Regens Vater? Wer hat die Tropfen des Taus gezeugt?

29Aus wessen Schoß geht das Eis hervor, und wer hat den Reif unter dem Himmel gezeugt,

30dass Wasser sich zusammenzieht wie Stein und der Wasserspiegel gefriert?

31Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden oder den Gürtel des Orion auflösen?

32Kannst du die Sterne des Tierkreises aufgehen lassen zur rechten Zeit oder die Bärin samt ihren Jungen heraufführen?

33Weißt du des Himmels Ordnungen, oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?

34Kannst du deine Stimme zu der Wolke erheben, damit dich die Menge des Wassers überströme?

35Kannst du die Blitze aussenden, dass sie hinfahren und sprechen zu dir: »Hier sind wir«?

36Wer gibt die Weisheit in das Verborgene? Wer gibt verständige Gedanken?

37Wer ist so weise, dass er die Wolken zählen könnte? Wer kann die Wasserschläuche am Himmel ausschütten,

38wenn der Erdboden hart wird, als sei er gegossen, und die Schollen fest aneinander kleben?

39Kannst du der Löwin ihren Raub zu jagen geben und die jungen Löwen sättigen,

40wenn sie sich legen in ihren Höhlen und lauern in ihrem Versteck?

41Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine Jungen zu Gott rufen und irrefliegen, weil sie nichts zu essen haben?

391Weißt du die Zeit, wann die Gämsen gebären, oder hast du aufgemerkt, wann die Hirschkühe kreißen?

2Zählst du die Monde, die sie erfüllen müssen, oder weißt du die Zeit, wann sie gebären?

3Sie kauern sich nieder, werfen ihre Jungen und werden los ihre Wehen.

4Ihre Jungen werden stark und groß im Freien und gehen davon und kommen nicht wieder zu ihnen.

5Wer hat dem Wildesel die Freiheit gegeben, wer hat die Bande des Flüchtigen gelöst,

6dem ich die Steppe zum Hause gegeben habe und die Salzwüste zur Wohnung?

7Er verlacht das Lärmen der Stadt, die Schreie des Treibers hört er nicht;

8er durchstreift die Berge, wo seine Weide ist, und sucht, wo es grün ist.

9Meinst du, der Wildstier wird dir dienen wollen und wird bleiben an deiner Krippe?

10Kannst du ihm das Seil anknüpfen, um Furchen zu machen, oder wird er hinter dir in den Tälern den Pflug ziehen?

11Kannst du dich auf ihn verlassen, weil er so stark ist, und überlässt du ihm, was du erarbeitet hast?

12Kannst du ihm trauen, dass er dein Korn einbringt und in deine Scheune sammelt?

13Der Fittich der Straußin hebt sich fröhlich; aber ist's ein Gefieder, das sorgsam birgt?

14Lässt sie doch ihre Eier auf der Erde liegen zum Ausbrüten auf dem Boden

15und vergisst, dass ein Fuß sie zertreten und ein wildes Tier sie zerbrechen kann!

16Sie ist so hart gegen ihre Jungen, als wären es nicht ihre; es kümmert sie nicht, dass ihre Mühe umsonst war.

17Denn Gott hat ihr die Weisheit versagt und hat ihr keinen Verstand zugeteilt.

18Doch wenn sie aufgescheucht wird, verlacht sie Ross und Reiter.

19Kannst du dem Ross Kräfte geben oder seinen Hals zieren mit einer Mähne?

20Kannst du es springen lassen wie die Heuschrecken? Schrecklich ist sein prächtiges Schnauben.

21Es stampft auf den Boden und freut sich, mit Kraft zieht es aus, den Geharnischten entgegen.

22Es spottet der Furcht und erschrickt nicht und flieht nicht vor dem Schwert.

23Auf ihm klirrt der Köcher und glänzen Spieß und Lanze.

24Mit Donnern und Tosen fliegt es über die Erde dahin und lässt sich nicht halten beim Schall der Trompete.

25Sooft die Trompete erklingt, wiehert es »Hui!« und wittert den Kampf von ferne, das Rufen der Fürsten und Kriegsgeschrei.

26Fliegt der Falke empor dank deiner Einsicht und breitet seine Flügel aus, dem Süden zu?

27Fliegt der Adler auf deinen Befehl so hoch und baut sein Nest in der Höhe?

28Auf Felsen wohnt er und nächtigt auf Zacken der Felsen und steilen Klippen.

29Von dort schaut er aus nach Beute, und seine Augen sehen sie von ferne.

30Seine Jungen gieren nach Blut, und wo Erschlagene liegen, da ist er.

Hiobs erste Antwort an den HERRN

401Und der HERR antwortete Hiob und sprach:

2Wer mit dem Allmächtigen rechtet, kann der ihm etwas vorschreiben? Wer Gott zurechtweist, der antworte!

3Hiob aber antwortete dem HERRN und sprach:

4Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen.

5Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will's nicht wieder tun.

Zweite Rede des HERRN aus dem Wettersturm

6Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

7Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen; lehre mich!

8Willst du mein Urteil zunichte machen und mich schuldig sprechen, dass du Recht behältst?

9Hast du einen Arm wie Gott, und kannst du mit gleicher Stimme donnern wie er?

10Schmücke dich mit Pracht und Hoheit; zieh Majestät und Herrlichkeit an!

11Streu aus den Zorn deines Grimmes; schau an alle Hochmütigen und demütige sie!

12Ja, schau alle Hochmütigen an und beuge sie und zertritt die Gottlosen in Grund und Boden!

13Verscharre sie miteinander in der Erde, und versenke sie ins Verborgene,

14so will auch ich dich preisen, dass dir deine rechte Hand helfen kann.

15Siehe da den Behemot, den ich geschaffen habe wie auch dich! Er frisst Gras wie ein Rind.

16Siehe, welch eine Kraft ist in seinen Lenden und welch eine Stärke in den Muskeln seines Bauchs!

17Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder; die Sehnen seiner Schenkel sind dicht geflochten.

18Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie eiserne Stäbe.

19Er ist das erste der Werke Gottes; der ihn gemacht hat, gab ihm sein Schwert.

20Die Berge tragen Futter für ihn, und alle wilden Tiere spielen dort.

21Er liegt unter Lotosbüschen, im Rohr und im Schlamm verborgen.

22Lotosbüsche bedecken ihn mit Schatten, und die Bachweiden umgeben ihn.

23Siehe, der Strom schwillt gewaltig an: er dünkt sich sicher, auch wenn ihm der Jordan ins Maul dringt.

24Kann man ihn fangen Auge in Auge und ihm einen Strick durch seine Nase ziehen?

25Kannst du den Leviatan fangen mit der Angel und seine Zunge mit einer Fangschnur fassen?

26Kannst du ihm ein Binsenseil an die Nase legen und mit einem Haken ihm die Backen durchbohren?

27Meinst du, er wird dich lang um Gnade bitten oder dir süße Worte geben?

28Meinst du, er wird einen Bund mit dir schließen, dass du ihn für immer zum Knecht bekommst?

29Kannst du mit ihm spielen wie mit einem Vogel oder ihn für deine Mädchen anbinden?

30Meinst du, die Zunftgenossen werden um ihn feilschen und die Händler ihn verteilen?

31Kannst du mit Spießen spicken seine Haut und mit Fischerhaken seinen Kopf?

32Lege deine Hand an ihn! An den Kampf wirst du denken und es nicht wieder tun!

411Siehe, jede Hoffnung wird an ihm zuschanden; schon wenn einer ihn sieht, stürzt er zu Boden.

2Niemand ist so kühn, dass er ihn zu reizen wagt. – Wer ist denn, der vor mir bestehen könnte?

3Wer kann mir entgegentreten und ich lasse ihn unversehrt? Unter dem ganzen Himmel ist keiner!

4Ich will nicht schweigen von seinen Gliedern, wie groß, wie mächtig und wohlgeschaffen er ist.

5Wer kann ihm den Panzer ausziehen, und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen?

6Wer kann die Tore seines Rachens auftun? Um seine Zähne herum herrscht Schrecken.

7Stolz stehen sie wie Reihen von Schilden, geschlossen und eng aneinander gefügt.

8Einer reiht sich an den andern, dass nicht ein Lufthauch hindurchgeht.

9Es haftet einer am andern, sie schließen sich zusammen und lassen sich nicht trennen.

10Sein Niesen lässt Licht aufleuchten; seine Augen sind wie die Wimpern der Morgenröte.

11Aus seinem Rachen fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus.

12Aus seinen Nüstern fährt Rauch wie von einem siedenden Kessel und Binsenfeuer.

13Sein Odem ist wie lichte Lohe, und aus seinem Rachen schlagen Flammen.

14Auf seinem Nacken wohnt die Stärke, und vor ihm her tanzt die Angst.

15Die Wampen seines Fleisches haften an ihm, fest angegossen, ohne sich zu bewegen.

16Sein Herz ist so hart wie ein Stein und so fest wie der untere Mühlstein.

17Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken, und vor Schrecken wissen sie nicht aus noch ein.

18Trifft man ihn mit dem Schwert, so richtet es nichts aus, auch nicht Spieß, Geschoss und Speer.

19Er achtet Eisen wie Stroh und Erz wie faules Holz.

20Kein Pfeil wird ihn verjagen; die Schleudersteine sind ihm wie Spreu.

21Die Keule achtet er wie einen Strohhalm; er spottet der sausenden Lanze.

22Unter seinem Bauch sind scharfe Spitzen; er fährt wie ein Dreschschlitten über den Schlamm.

23Er macht, dass die Tiefe brodelt wie ein Topf, und rührt das Meer um, wie man Salbe mischt.

24Er lässt hinter sich eine leuchtende Bahn; man denkt, die Flut sei Silberhaar.

25Auf Erden ist nicht seinesgleichen; er ist ein Geschöpf ohne Furcht.

26Er sieht allem ins Auge, was hoch ist; er ist König über alle stolzen Tiere.

Hiobs letzte Antwort an den HERRN

421Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:

2Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.

3»Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.

4»So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!«

5Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.

6Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.