Die Reden des Elihu (Kapitel 32,1–37,24)

Elihus erste Rede

321Da hörten die drei Männer auf, Hiob zu antworten, weil er sich für gerecht hielt.

2Aber Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, aus dem Geschlecht Ram, ward zornig. Er ward zornig über Hiob, weil er sich selber für gerechter hielt als Gott.

3Auch ward er zornig über seine drei Freunde, weil sie keine Antwort fanden und doch Hiob verdammten.

4Elihu aber hatte gewartet, bis sie mit Hiob geredet hatten, weil sie älter waren als er.

5Als Elihu nun sah, dass keine Antwort war im Munde der drei Männer, ward er zornig.

6Und Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, hob an und sprach:

Ich bin jung an Jahren, ihr aber seid alt; darum hab ich mich gescheut und gefürchtet, mein Wissen euch kundzutun.

7Ich dachte: Lass das Alter reden, und die Menge der Jahre lass Weisheit beweisen.

8Aber der Geist ist es in den Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht.

9Die Betagten sind nicht die Weisesten, und die Alten verstehen nicht, was das Rechte ist.

10Darum sage ich: Hört mir zu; auch ich will mein Wissen kundtun.

11Siehe, ich habe gewartet, bis ihr geredet hattet; ich habe aufgemerkt auf eure Einsicht, bis ihr die rechten Worte treffen würdet,

12und habe Acht gehabt auf euch; aber siehe, da war keiner unter euch, der Hiob zurechtwies oder seiner Rede antwortete.

13Sagt nur nicht: »Wir haben Weisheit gefunden; Gott muss ihn schlagen und nicht ein Mensch.«

14Mich haben seine Worte nicht getroffen, und mit euren Reden will ich ihm nicht antworten.

15Ach! Betroffen stehen sie da und können nicht mehr antworten; sie wissen nichts mehr zu sagen.

16Und da soll ich warten, weil sie nicht mehr reden, weil sie dastehen und nicht mehr antworten?

17Auch ich will mein Teil antworten und will mein Wissen kundtun!

18Denn ich bin voll von Worten, weil mich der Geist in meinem Inneren bedrängt.

19Siehe, mein Inneres ist wie der Most, den man nicht herauslässt und der die neuen Schläuche zerreißt.

20Ich muss reden, dass ich mir Luft mache, ich muss meine Lippen auftun und antworten.

21Vor mir soll kein Ansehen der Person gelten, und ich will keinem Menschen schmeicheln.

22Denn ich weiß nicht zu schmeicheln; sonst würde mich mein Schöpfer bald dahinraffen.

331Höre doch, Hiob, meine Rede und merke auf alle meine Worte!

2Siehe, ich tue meinen Mund auf, und meine Zunge redet in meinem Munde.

3Mein Herz spricht aufrichtige Worte, und meine Lippen reden lautere Erkenntnis.

4Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen hat mir das Leben gegeben.

5Kannst du, so antworte mir; rüste dich gegen mich und stelle dich.

6Siehe, vor Gott bin ich wie du, und aus Erde bin auch ich gemacht.

7Siehe, du brauchst vor mir nicht zu erschrecken, und mein Drängen soll nicht auf dir lasten.

8Du hast geredet vor meinen Ohren, den Ton deiner Reden höre ich noch:

9»Ich bin rein, ohne Missetat, unschuldig und habe keine Sünde.

10Siehe, Gott erfindet Vorwürfe wider mich, er betrachtet mich als seinen Feind;

11er hat meine Füße in den Block gelegt und hat Acht auf alle meine Wege.«

12Siehe, darin hast du nicht Recht, muss ich dir antworten; denn Gott ist mehr als ein Mensch.

13Warum willst du mit ihm hadern, weil er auf Menschenworte nicht Antwort gibt?

14Denn auf eine Weise redet Gott und auf eine zweite; nur beachtet man's nicht.

15Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Menschen fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett,

16da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie,

17damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende und von ihm die Hoffart tilge

18und bewahre seine Seele vor dem Verderben und sein Leben vor des Todes Geschoss.

19Auch warnt er ihn durch Schmerzen auf seinem Bett und durch heftigen Kampf in seinen Gliedern

20und richtet ihm sein Leben so zu, dass ihm vor der Speise ekelt, und seine Seele, dass sie nicht Lust hat zu essen.

21Sein Fleisch schwindet dahin, dass man's nicht ansehen kann, und seine Knochen stehen heraus, dass man lieber wegsieht;

22so nähert er sich der Grube und sein Leben den Toten.

23Kommt dann zu ihm ein Engel, ein Mittler, einer aus tausend, kundzutun dem Menschen, was für ihn recht ist,

24so wird er ihm gnädig sein und sagen: »Erlöse ihn, dass er nicht hinunterfahre zu den Toten; denn ich habe ein Lösegeld gefunden.

25Sein Fleisch blühe wieder wie in der Jugend, und er soll wieder jung werden.«

26Er wird Gott bitten und der wird ihm Gnade erweisen und wird ihn sein Antlitz sehen lassen mit Freuden und wird dem Menschen seine Gerechtigkeit zurückgeben.

27Er wird vor den Leuten lobsingen und sagen: »Ich hatte gesündigt und das Recht verkehrt, aber es ist mir nicht vergolten worden.

28Gott hat mich erlöst, dass ich nicht hinfahre zu den Toten, sondern mein Leben das Licht sieht.«

29Siehe, das alles tut Gott zwei- oder dreimal mit einem jeden,

30dass er sein Leben zurückhole von den Toten und erleuchte ihn mit dem Licht der Lebendigen.

31Merk auf, Hiob, und höre mir zu und schweige, damit ich reden kann!

32Hast du aber etwas zu sagen, so antworte mir. Sage an, ich will dir gern Recht geben!

33Hast du aber nichts, so höre mir zu und schweige; ich will dich Weisheit lehren.

Elihus zweite Rede

341Und Elihu hob an und sprach:

2Höret, ihr Weisen, meine Rede, und ihr Verständigen, merkt auf mich!

3Denn das Ohr prüft die Rede, wie der Gaumen die Speise schmeckt.

4Lasst uns ein Urteil finden, dass wir miteinander erkennen, was gut ist.

5Denn Hiob hat gesagt: »Ich bin gerecht, doch Gott verweigert mir mein Recht;

6ich soll lügen, obwohl ich Recht habe, und mich quält der Pfeil, der mich traf, obwohl ich doch ohne Schuld bin.«

7Wo ist so ein Mann wie Hiob, der Hohn trinkt wie Wasser

8und auf dem Wege geht mit den Übeltätern und wandelt mit den gottlosen Leuten?

9Denn er hat gesagt: »Es nützt dem Menschen nichts, wenn er Gottes Wohlgefallen sucht.«

10Darum hört mir zu, ihr weisen Männer: Es sei ferne, dass Gott sollte gottlos handeln und der Allmächtige ungerecht;

11sondern er vergilt dem Menschen, wie er verdient hat, und trifft einen jeden nach seinem Tun.

12Ohne Zweifel, Gott tut niemals Unrecht, und der Allmächtige beugt das Recht nicht.

13Wer hat ihm die Erde anvertraut? Und wer hat den ganzen Erdkreis hingestellt?

14Wenn er nur an sich dächte, seinen Geist und Odem an sich zöge,

15so würde alles Fleisch miteinander vergehen, und der Mensch würde wieder zu Staub werden.

16Hast du nun Verstand, so höre das und merke auf die Stimme meiner Reden!

17Kann denn regieren, wer das Recht hasst? Oder willst du den verdammen, der gerecht und allmächtig ist,

18der zum König sagt: »Du heilloser Mann«, und zu den Fürsten: »Ihr Gottlosen«,

19der nicht ansieht die Person der Fürsten und achtet den Vornehmen nicht mehr als den Armen? Denn sie sind alle seiner Hände Werk.

20Plötzlich müssen die Leute sterben und zu Mitternacht erschrecken und vergehen; die Mächtigen werden weggenommen ohne Menschenhand.

21Denn seine Augen sehen auf eines jeden Weg, und er schaut auf alle ihre Schritte.

22Es gibt keine Finsternis und kein Dunkel, wo sich verbergen könnten die Übeltäter.

23Denn es wird niemand gesagt, wann er vor Gott zum Gericht erscheinen muss.

24Er bringt die Stolzen um, ohne sie erst zu verhören, und stellt andere an ihre Stelle;

25denn er kennt ihre Werke und er stürzt sie des Nachts, dass sie zerschlagen werden.

26Er urteilt sie ab wie die Gottlosen an einem Ort, wo viele es sehen,

27weil sie von ihm gewichen sind und verstanden keinen seiner Wege,

28sodass das Schreien der Armen vor ihn kommen musste und er das Schreien der Elenden hörte.

29– Wenn er sich aber ruhig hält, wer will ihn verdammen? Und wenn er das Antlitz verbirgt, wer kann ihn schauen unter allen Völkern und Leuten? –

30So lässt er denn nicht einen Gottlosen regieren, der ein Fallstrick ist für das Volk.

31Wenn einer zu Gott sagt: »Ich hab's getragen, ich will kein Unrecht mehr tun;

32was ich nicht sehe, das lehre du mich; hab ich unrecht gehandelt, ich will's nicht mehr tun«,

33soll er dann nach deinem Sinn vergelten, weil du ja widerrufen hast? Denn du hast zu wählen und nicht ich, und was du erkannt, sage an!

34Verständige Leute werden zu mir sagen und ein weiser Mann, der mir zuhört:

35»Hiob redet mit Unverstand, und seine Worte sind nicht klug.«

36Oh, Hiob sollte bis zum Äußersten geprüft werden, weil er Antworten gibt wie freche Sünder.

37Denn zu seiner Sünde fügt er noch Frevel hinzu. Er treibt Spott unter uns und macht viele Worte wider Gott.

Elihus dritte Rede

351Und Elihu hob an und sprach:

2Hältst du das für recht, nennst du das »meine Gerechtigkeit vor Gott«,

3dass du sprichst: »Was nützt sie mir? Was habe ich davon, dass ich nicht sündige?«

4Ich will dir antworten ein Wort und deinen Freunden mit dir.

5Schau gen Himmel und sieh; und schau die Wolken an hoch über dir!

6Sündigst du, was kannst du ihm schaden? Und wenn deine Missetaten viel sind, was kannst du ihm tun?

7Und wenn du gerecht wärst, was kannst du ihm geben, oder was wird er von deinen Händen nehmen?

8Nur einem Menschen wie dir kann deine Bosheit etwas tun und einem Menschenkind deine Gerechtigkeit.

9Man schreit, dass viel Gewalt geschieht, und ruft um Hilfe vor dem Arm der Großen;

10aber man fragt nicht: »Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht,

11der uns klüger macht als die Tiere auf Erden und weiser als die Vögel unter dem Himmel?«

12Da schreien sie über den Hochmut der Bösen, doch er erhört sie nicht.

13Denn Gott wird Nichtiges nicht erhören, und der Allmächtige wird es nicht ansehen.

14Nun gar, wenn du sprichst, du könntest ihn nicht sehen – der Rechtsstreit liegt ihm vor, harre nur seiner!

15Aber nun, da sein Zorn nicht heimsucht und er sich um Frevel nicht viel kümmert,

16sperrt Hiob seinen Mund auf um nichts und hält stolze Reden mit Unverstand.

Elihus letzte Rede

361Elihu hob noch einmal an und sprach:

2Warte noch ein wenig, ich will dich lehren; denn ich habe noch etwas für Gott zu sagen.

3Ich will mein Wissen weit herholen und meinem Schöpfer Recht verschaffen.

4Meine Reden sind wahrlich nicht falsch; vor dir steht einer, der es wirklich weiß.

5Siehe, Gott ist mächtig und verwirft niemand; er ist mächtig an Kraft des Herzens.

6Den Gottlosen erhält er nicht am Leben, sondern hilft dem Elenden zum Recht.

7Er wendet seine Augen nicht von dem Gerechten, sondern mit Königen auf dem Thron lässt er sie sitzen immerdar, dass sie groß werden.

8Und wenn sie gefangen liegen in Ketten und elend, gebunden mit Stricken,

9so hält er ihnen vor, was sie getan haben, und ihre Sünden, dass sie sich überhoben haben,

10und öffnet ihnen das Ohr zur Warnung und sagt ihnen, dass sie sich von dem Unrecht bekehren sollen.

11Gehorchen sie und dienen ihm, so werden sie bei guten Tagen alt werden und glücklich leben.

12Gehorchen sie nicht, so werden sie dahinfahren durch des Todes Geschoss und vergehen in Unverstand.

13Die Ruchlosen verhärten sich im Zorn. Sie flehen nicht, auch wenn er sie gefangen legt;

14so wird ihre Seele in der Jugend sterben und ihr Leben unter den Hurern im Tempel.

15Aber den Elenden wird er durch sein Elend erretten und ihm das Ohr öffnen durch Trübsal.

16So reißt er auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist; und an deinem Tische, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben.

17Wenn du aber richtest wie ein Gottloser, so halten dich Gericht und Recht fest.

18Sieh zu, dass nicht dein Zorn dich verlockt oder die Menge des Lösegeldes dich verleitet.

19Wird dein Geschrei dich aus der Not bringen oder alle kräftigen Anstrengungen?

20Sehne dich nicht nach der Nacht, die Völker wegnimmt von ihrer Stätte!

21Hüte dich und kehre dich nicht zum Unrecht, denn Unrecht wählst du lieber als Elend!

22Siehe, Gott ist groß in seiner Kraft; wo ist ein Lehrer, wie er ist?

23Wer will ihm weisen seinen Weg, und wer will zu ihm sagen: »Du tust Unrecht«?

24Denk daran, dass du sein Werk preisest, von dem die Menschen singen.

25Denn alle Menschen schauen danach aus, aber sie sehen's nur von ferne.

26Siehe, Gott ist groß und unbegreiflich; die Zahl seiner Jahre kann niemand erforschen.

27Er zieht empor die Wassertropfen und treibt seine Wolken zusammen zum Regen,

28dass die Wolken überfließen und Regen senden auf die Menge der Menschen.

29Wer versteht, wie er die Wolken türmt und donnern lässt aus seinem Gezelt?

30Siehe, er breitet sein Licht um sich und bedeckt alle Tiefen des Meeres.

31Denn damit regiert er die Völker und gibt Speise die Fülle.

32Er bedeckt seine Hände mit Blitzen und bietet sie auf gegen den, der ihn angreift.

33Ihn kündet an sein Donnern, wenn er mit Zorn eifert gegen den Frevel.

371Darüber entsetzt sich mein Herz und fährt bebend hoch.

2O hört doch, wie sein Donner rollt und was für Gedröhn aus seinem Munde geht!

3Er lässt ihn hinfahren unter dem ganzen Himmel und seinen Blitz über die Enden der Erde.

4Ihm nach brüllt der Donner, und er donnert mit seinem großen Schall; und wenn sein Donner gehört wird, hält er die Blitze nicht zurück.

5Gott donnert mit seinem Donner wunderbar und tut große Dinge, die wir nicht begreifen.

6Er spricht zum Schnee: »Falle zur Erde!«, und zum Platzregen, so ist der Platzregen da mit Macht.

7So legt er alle Menschen unter Siegel, dass die Leute erkennen, was er tun kann.

8Die wilden Tiere gehen in die Höhle und legen sich auf ihr Lager.

9Aus seinen Kammern kommt der Sturm und von Norden her die Kälte.

10Vom Odem Gottes kommt Eis, und die weiten Wasser liegen erstarrt.

11Die Wolken beschwert er mit Wasser, und aus der Wolke bricht sein Blitz.

12Er kehrt die Wolken, wohin er will, dass sie alles tun, was er ihnen gebietet auf dem Erdkreis:

13Zur Züchtigung für ein Land oder zum Segen lässt er sie kommen.

14Das vernimm, Hiob, steh still und merke auf die Wunder Gottes!

15Weißt du, wie Gott ihnen Weisung gibt und wie er das Licht aus seinen Wolken hervorbrechen lässt?

16Weißt du, wie die Wolken schweben, die Wunder des Allwissenden?

17Du, dem schon die Kleider heiß werden, wenn das Land still liegt unterm Südwind,

18kannst du gleich ihm die Wolkendecke ausbreiten, die fest ist wie ein gegossener Spiegel?

19Zeige uns, was wir ihm sagen sollen; denn wir können nichts vorbringen vor Finsternis.

20Wenn jemand redet, muss es ihm gesagt werden? Hat je ein Mensch gesagt, er wolle vernichtet werden?

21Eben sah man das Licht nicht, das hinter den Wolken hell leuchtet; als aber der Wind daherfuhr, da wurde es klar.

22Von Norden kommt goldener Schein; um Gott her ist schrecklicher Glanz.

23Den Allmächtigen erreichen wir nicht, der so groß ist an Kraft und reich an Gerechtigkeit. Das Recht beugt er nicht.

24Darum sollen ihn die Menschen fürchten, und er sieht keinen an, wie weise sie auch sind.