Hiobs erste Antwort an Zofar

121Da antwortete Hiob und sprach:

2Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!

3Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht?

4Ich muss von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muss verlacht sein.

5Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt!

6Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

7Frage doch das Vieh, das wird dich's lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir's sagen,

8oder die Sträucher der Erde, die werden dich's lehren, und die Fische im Meer werden dir's erzählen.

9Wer erkennte nicht an dem allen, dass des HERRN Hand das gemacht hat,

10dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, und der Lebensodem aller Menschen?

11Prüft nicht das Ohr die Rede, wie der Mund die Speise schmeckt?

12Bei den Großvätern nur soll Weisheit sein und Verstand nur bei den Alten?

13Bei Gott ist Weisheit und Gewalt, sein ist Rat und Verstand.

14Siehe, wenn er zerbricht, so hilft kein Bauen; wenn er jemand einschließt, kann niemand aufmachen.

15Siehe, wenn er das Wasser zurückhält, so wird alles dürr, und wenn er's loslässt, so wühlt es das Land um.

16Bei ihm ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt und der irreführt.

17Er führt die Ratsherren gefangen und macht die Richter zu Toren.

18Er macht frei von den Banden der Könige und umgürtet ihre Lenden mit einem Gurt.

19Er führt die Priester barfuß davon und bringt zu Fall die alten Geschlechter.

20Er entzieht die Sprache den Verlässlichen und nimmt weg den Verstand der Alten.

21Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und zieht den Gewaltigen die Rüstung aus.

22Er öffnet die finstern Schluchten und bringt heraus das Dunkel ans Licht.

23Er macht Völker groß und bringt sie wieder um; er breitet ein Volk aus und treibt's wieder weg.

24Er nimmt den Häuptern des Volks im Lande den Mut und führt sie irre, wo kein Weg ist,

25dass sie in der Finsternis tappen ohne Licht, und macht sie irre wie die Trunkenen.

131Siehe, das hat alles mein Auge gesehen und mein Ohr gehört, und ich hab's verstanden.

2Was ihr wisst, das weiß ich auch, und ich bin nicht geringer als ihr.

3Doch ich wollte gern zu dem Allmächtigen reden und wollte rechten mit Gott.

4Aber ihr seid Lügentüncher und seid alle unnütze Ärzte.

5Wollte Gott, dass ihr geschwiegen hättet, so wäret ihr weise geblieben.

6Hört doch, wie ich mich verantworte, und merkt auf die Streitsache, von der ich rede!

7Wollt ihr Gott verteidigen mit Unrecht und Trug für ihn reden?

8Wollt ihr für ihn Partei nehmen? Wollt ihr Gottes Sache vertreten?

9Wird's euch auch wohlgehen, wenn er euch verhören wird? Meint ihr, dass ihr ihn täuschen werdet, wie man einen Menschen täuscht?

10Er wird euch hart zurechtweisen, wenn ihr heimlich Partei ergreift.

11Werdet ihr euch nicht entsetzen, wenn er sich erhebt, und wird sein Schrecken nicht über euch fallen?

12Was ihr zu bedenken gebt, sind Sprüche aus Asche; eure Bollwerke werden zu Lehmhaufen.

13Schweigt still und lasst mich reden; es komme über mich, was da will.

14Was soll ich mein Fleisch mit meinen Zähnen festhalten und mein Leben aufs Spiel setzen?

15Siehe, er wird mich doch umbringen, und ich habe nichts zu hoffen; doch will ich meine Wege vor ihm verantworten.

16Auch das muss mir zum Heil sein; denn es kommt kein Ruchloser vor ihn.

17Hört meine Rede und was ich darlege mit euren Ohren!

18Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, dass ich Recht behalten werde.

19Wer ist, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und zugrunde gehen.

20Nur zweierlei tu mir nicht, so will ich mich vor dir nicht verbergen:

21Lass deine Hand fern von mir sein, und dein Schrecken erschrecke mich nicht;

22dann rufe, ich will dir antworten, oder ich will reden, dann antworte du mir!

23Wie groß ist meine Schuld und Sünde? Lass mich wissen meine Übertretung und Sünde.

24Warum verbirgst du dein Antlitz und hältst mich für deinen Feind?

25Willst du ein verwehendes Blatt schrecken und einen dürren Halm verfolgen,

26dass du so Bitteres über mich verhängst und über mich bringst die Sünden meiner Jugend?

27Du hast meinen Fuß in den Block gelegt und hast Acht auf alle meine Pfade und siehst auf die Fußtapfen meiner Füße,

28der ich doch wie Moder vergehe und wie ein Kleid, das die Motten fressen.

141Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,

2geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

3Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

4Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

5Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann:

6so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

7Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus.

8Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt,

9so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

10Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er?

11Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet,

12so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

13Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!

14Meinst du, ein toter Mensch wird wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt.

15Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.

16Dann würdest du meine Schritte zählen, aber hättest doch nicht Acht auf meine Sünden.

17Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

18Ein Berg kann zerfallen und vergehen und ein Fels von seiner Stätte weichen,

19Wasser wäscht Steine weg, und seine Fluten schwemmen die Erde weg: so machst du die Hoffnung des Menschen zunichte.

20Du überwältigst ihn für immer, dass er davonmuss, entstellst sein Antlitz und lässt ihn dahinfahren.

21Sind seine Kinder in Ehren, das weiß er nicht, oder ob sie verachtet sind, das wird er nicht gewahr.

22Nur sein eigenes Fleisch macht ihm Schmerzen, und nur um ihn selbst trauert seine Seele.