Hiobs Klage

31Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag.

2Und Hiob sprach:

3Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt!

4Jener Tag soll finster sein und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen!

5Finsternis und Dunkel sollen ihn überwältigen und düstere Wolken über ihm bleiben, und Verfinsterung am Tage mache ihn schrecklich!

6Jene Nacht – das Dunkel nehme sie hinweg, sie soll sich nicht unter den Tagen des Jahres freuen noch in die Zahl der Monde kommen!

7Siehe, jene Nacht sei unfruchtbar und kein Jauchzen darin!

8Es sollen sie verfluchen, die einen Tag verfluchen können, und die da kundig sind, den Leviatan zu wecken!

9Ihre Sterne sollen finster sein in ihrer Dämmerung. Die Nacht hoffe aufs Licht, doch es komme nicht, und sie sehe nicht die Wimpern der Morgenröte,

10weil sie nicht verschlossen hat den Leib meiner Mutter und nicht verborgen das Unglück vor meinen Augen!

11Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam?

12Warum hat man mich auf den Schoß genommen? Warum bin ich an den Brüsten gesäugt?

13Dann läge ich da und wäre still, dann schliefe ich und hätte Ruhe

14mit den Königen und Ratsherren auf Erden, die sich Grüfte erbauten,

15oder mit den Fürsten, die Gold hatten und deren Häuser voll Silber waren;

16wie eine Fehlgeburt, die man verscharrt hat, hätte ich nie gelebt, wie Kinder, die das Licht nie gesehen haben.

17Dort haben die Gottlosen aufgehört mit Toben; dort ruhen, die viel Mühe gehabt haben.

18Da haben die Gefangenen allesamt Frieden und hören nicht die Stimme des Treibers.

19Da sind Klein und Groß gleich und der Knecht ist frei von seinem Herrn.

20Warum gibt Gott das Licht dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen

21– die auf den Tod warten, und er kommt nicht, und nach ihm suchen mehr als nach Schätzen,

22die sich sehr freuten und fröhlich wären, wenn sie ein Grab bekämen –,

23dem Mann, dessen Weg verborgen ist, dem Gott den Pfad ringsum verzäunt hat?

24Denn wenn ich essen soll, muss ich seufzen, und mein Schreien fährt heraus wie Wasser.

25Denn was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen.

26Ich hatte keinen Frieden, keine Rast, keine Ruhe, da kam schon wieder ein Ungemach!

Hiobs Gespräche mit seinen Freunden (Kapitel 4,1–27,23)

Des Elifas erste Rede

41Da hob Elifas von Teman an und sprach:

2Du hast's vielleicht nicht gern, wenn man versucht, mit dir zu reden; aber Worte zurückhalten, wer kann's?

3Siehe, du hast viele unterwiesen und matte Hände gestärkt;

4deine Rede hat die Strauchelnden aufgerichtet, und die bebenden Knie hast du gekräftigt.

5Nun es aber an dich kommt, wirst du weich, und nun es dich trifft, erschrickst du!

6Ist nicht deine Gottesfurcht dein Trost, und die Unsträflichkeit deiner Wege deine Hoffnung?

7Bedenke doch: Wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt?

8Wohl aber habe ich gesehen: Die da Frevel pflügten und Unheil säten, ernteten es auch ein.

9Durch den Odem Gottes sind sie umgekommen und vom Schnauben seines Zorns vertilgt.

10Das Brüllen der Löwen und die Stimme der Leuen und die Zähne der jungen Löwen sind dahin.

11Der Löwe kommt um, wenn er keine Beute hat, und die Jungen der Löwin werden zerstreut.

12Zu mir ist heimlich ein Wort gekommen, und von ihm hat mein Ohr ein Flüstern empfangen

13beim Nachsinnen über Gesichte in der Nacht, wenn tiefer Schlaf auf die Leute fällt;

14da kam mich Furcht und Zittern an, und alle meine Gebeine erschraken.

15Und ein Hauch fuhr an mir vorüber; es standen mir die Haare zu Berge an meinem Leibe.

16Da stand ein Gebilde vor meinen Augen, doch ich erkannte seine Gestalt nicht; es war eine Stille und ich hörte eine Stimme:

17Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott oder ein Mann rein sein vor dem, der ihn gemacht hat?

18Siehe, seinen Dienern traut er nicht, und seinen Boten wirft er Torheit vor:

19wie viel mehr denen, die in Lehmhäusern wohnen und auf Staub gegründet sind und wie Motten zerdrückt werden!

20Es währt vom Morgen bis zum Abend, so werden sie zerschlagen, und ehe man's gewahr wird, sind sie ganz dahin.

21Ihr Zelt wird abgebrochen, und sie sterben unversehens.

51Rufe doch, ob einer dir antwortet! Und an welchen von den Heiligen willst du dich wenden?

2Denn einen Toren tötet der Unmut, und den Unverständigen bringt der Eifer um.

3Ich sah einen Toren Wurzel schlagen, doch plötzlich schwand er von seiner Stätte dahin.

4Seinen Kindern bleibt Hilfe fern, und sie werden zerschlagen im Tor; denn kein Erretter ist da.

5Seine Ernte verzehrt der Hungrige, und auch aus den Hecken holt er sie, und nach seinem Gut lechzen die Durstigen.

6Denn Frevel geht nicht aus der Erde hervor, und Unheil wächst nicht aus dem Acker;

7sondern der Mensch erzeugt sich selbst das Unheil, wie Funken hoch emporfliegen.

8Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen,

9der große Dinge tut, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, die nicht zu zählen sind,

10der den Regen aufs Land gibt und Wasser kommen lässt auf die Gefilde,

11der die Niedrigen erhöht und den Betrübten emporhilft.

12Er macht zunichte die Pläne der Klugen, sodass ihre Hand sie nicht ausführen kann.

13Er fängt die Weisen in ihrer Klugheit und stürzt den Rat der Verkehrten,

14dass sie am Tage in Finsternis laufen und tappen am Mittag wie in der Nacht.

15Er hilft dem Armen vom Schwert und den Elenden von der Hand des Mächtigen.

16Dem Armen wird Hoffnung zuteil, und die Bosheit muss ihren Mund zuhalten.

17Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist; darum widersetze dich der Zucht des Allmächtigen nicht.

18Denn er verletzt und verbindet; er zerschlägt und seine Hand heilt.

19In sechs Trübsalen wird er dich erretten, und in sieben wird dich kein Übel anrühren.

20In der Hungersnot wird er dich vom Tod erlösen und im Kriege von des Schwertes Gewalt.

21Er wird dich verbergen vor der Geißel der Zunge, dass du dich nicht fürchten musst, wenn Verderben kommt.

22Über Verderben und Hunger wirst du lachen und dich vor den wilden Tieren im Lande nicht fürchten.

23Denn dein Bund wird sein mit den Steinen auf dem Felde, und die wilden Tiere werden Frieden mit dir halten,

24und du wirst erfahren, dass deine Hütte Frieden hat, und wirst deine Stätte überschauen und nichts vermissen,

25und du wirst erfahren, dass deine Kinder sich mehren und deine Nachkommen wie das Gras auf Erden sind,

26und du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zur rechten Zeit.

27Siehe, das haben wir erforscht, so ist es; darauf höre und merke du dir's.

Hiobs erste Antwort an Elifas

61Hiob antwortete und sprach:

2Wenn man doch meinen Kummer wägen und mein Leiden zugleich auf die Waage legen wollte!

3Denn nun ist es schwerer als Sand am Meer; darum sind meine Worte noch unbedacht.

4Denn die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir; mein Geist muss ihr Gift trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet.

5Schreit denn der Wildesel, wenn er Gras hat, oder brüllt der Stier, wenn er sein Futter hat?

6Isst man denn Fades, ohne es zu salzen, oder hat Eiweiß Wohlgeschmack?

7Meine Seele sträubt sich, es anzurühren; es ist, als wäre mein Brot unrein.

8Könnte meine Bitte doch geschehen und Gott mir geben, was ich hoffe!

9Dass mich doch Gott erschlagen wollte und seine Hand ausstreckte und mir den Lebensfaden abschnitte!

10So hätte ich noch diesen Trost und wollte fröhlich springen – ob auch der Schmerz mich quält ohne Erbarmen –, dass ich nicht verleugnet habe die Worte des Heiligen.

11Was ist meine Kraft, dass ich ausharren könnte; und welches Ende wartet auf mich, dass ich geduldig sein sollte?

12Ist doch meine Kraft nicht aus Stein und mein Fleisch nicht aus Erz.

13Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich?

14Wer Barmherzigkeit seinem Nächsten verweigert, der gibt die Furcht vor dem Allmächtigen auf.

15Meine Brüder trügen wie ein Bach, wie das Bett der Bäche, die versickern,

16die erst trübe sind vom Eis, darin der Schnee sich birgt,

17doch zur Zeit, wenn die Hitze kommt, versiegen sie; wenn es heiß wird, vergehen sie von ihrer Stätte:

18Ihr Weg windet sich dahin und verläuft, sie gehen hin ins Nichts und verschwinden.

19Die Karawanen von Tema blickten aus auf sie, die Karawanen von Saba hofften auf sie;

20aber sie wurden zuschanden über ihrer Hoffnung und waren betrogen, als sie dahin kamen.

21So seid ihr jetzt für mich geworden; weil ihr Schrecknisse seht, fürchtet ihr euch.

22Hab ich denn gesagt: Schenkt mir etwas und bezahlt für mich von eurem Vermögen

23und errettet mich aus der Hand des Feindes und kauft mich los von der Hand der Gewalttätigen?

24Belehrt mich, so will ich schweigen, und worin ich geirrt habe, darin unterweist mich!

25Wie kräftig sind doch redliche Worte! Aber euer Tadeln, was beweist das?

26Gedenkt ihr, Worte zu rügen? Aber die Rede eines Verzweifelnden verhallt im Wind.

27Ihr freilich könntet wohl über eine arme Waise das Los werfen und euren Nächsten verschachern.

28Nun aber hebt doch an und seht auf mich, ob ich euch ins Angesicht lüge.

29Kehrt doch um, damit nicht Unrecht geschehe! Kehrt um! Noch habe ich Recht darin!

30Ist denn auf meiner Zunge Unrecht, oder sollte mein Gaumen Böses nicht merken?

71Muss nicht der Mensch immer im Dienst stehen auf Erden, und sind seine Tage nicht wie die eines Tagelöhners?

2Wie ein Knecht sich sehnt nach dem Schatten und ein Tagelöhner auf seinen Lohn wartet,

3so hab ich wohl ganze Monate vergeblich gearbeitet, und viele elende Nächte sind mir geworden.

4Wenn ich mich niederlegte, sprach ich: Wann werde ich aufstehen? Bin ich aufgestanden, so wird mir's lang bis zum Abend, und mich quälte die Unruhe bis zur Dämmerung.

5Mein Fleisch ist um und um eine Beute des Gewürms und faulig, meine Haut ist verschrumpft und voller Eiter.

6Meine Tage sind schneller dahingeflogen als ein Weberschiffchen und sind vergangen ohne Hoffnung.

7Bedenke, dass mein Leben ein Hauch ist und meine Augen nicht wieder Gutes sehen werden.

8Und kein lebendiges Auge wird mich mehr schauen; sehen deine Augen nach mir, so bin ich nicht mehr.

9Eine Wolke vergeht und fährt dahin: so kommt nicht wieder herauf, wer zu den Toten hinunterfährt;

10er kommt nicht zurück, und seine Stätte kennt ihn nicht mehr.

11Darum will auch ich meinem Munde nicht wehren. Ich will reden in der Angst meines Herzens und will klagen in der Betrübnis meiner Seele.

12Bin ich denn das Meer oder der Drache, dass du eine Wache gegen mich aufstellst?

13Wenn ich dachte, mein Bett soll mich trösten, mein Lager soll mir meinen Jammer erleichtern,

14so erschrecktest du mich mit Träumen und machtest mir Grauen durch Gesichte,

15dass ich mir wünschte, erwürgt zu sein, und den Tod lieber hätte als meine Schmerzen.

16Ich vergehe! Ich leb' ja nicht ewig. Lass ab von mir, denn meine Tage sind nur noch ein Hauch.

17Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst?

18Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden.

19Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe?

20Hab ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich mir selbst eine Last bin?

21Und warum vergibst du mir meine Sünde nicht oder lässt meine Schuld hingehen? Denn nun werde ich mich in die Erde legen, und wenn du mich suchst, werde ich nicht mehr da sein.

Bildads erste Rede

81Da hob Bildad von Schuach an und sprach:

2Wie lange willst du so reden und sollen die Reden deines Mundes so ungestüm daherfahren?

3Meinst du, dass Gott unrecht richtet oder der Allmächtige das Recht verkehrt?

4Haben deine Söhne vor ihm gesündigt, so hat er sie verstoßen um ihrer Sünde willen.

5Wenn du aber dich beizeiten zu Gott wendest und zu dem Allmächtigen flehst,

6wenn du rein und fromm bist, so wird er deinetwegen aufwachen und wird wieder aufrichten deine Wohnung, wie es dir zusteht.

7Und was du zuerst wenig gehabt hast, wird hernach sehr zunehmen.

8Denn frage die früheren Geschlechter und merke auf das, was ihre Väter erforscht haben,

9denn wir sind von gestern her und wissen nichts; unsere Tage sind ein Schatten auf Erden.

10Sie werden dich's lehren und dir sagen und ihre Rede aus ihrem Herzen hervorbringen:

11»Kann auch Rohr aufwachsen, wo es nicht feucht ist, oder Schilf wachsen ohne Wasser?

12Noch steht's in Blüte, bevor man es schneidet, da verdorrt es schon vor allem Gras.

13So geht es jedem, der Gott vergisst, und die Hoffnung des Ruchlosen wird verloren sein.

14Denn seine Zuversicht vergeht, und seine Hoffnung ist ein Spinnweb.

15Er verlässt sich auf sein Haus, aber es hält nicht stand; er hält sich daran, aber es bleibt nicht stehen.

16Er steht voll Saft im Sonnenschein, und seine Reiser wachsen hinaus über seinen Garten.

17Über Steinhaufen schlingen sich seine Wurzeln und halten sich zwischen Steinen fest.

18Wenn man ihn aber vertilgt von seiner Stätte, so wird sie ihn verleugnen, als kennte sie ihn nicht.

19Siehe, das ist das Glück seines Lebens, und aus dem Staube werden andre wachsen.«

20Siehe, Gott verwirft die Frommen nicht und hält die Hand der Boshaften nicht fest,

21bis er deinen Mund voll Lachens mache und deine Lippen voll Jauchzens.

22Die dich aber hassen, müssen sich in Schmach kleiden, und die Hütte der Gottlosen wird nicht bestehen.

Hiobs erste Antwort an Bildad

91Hiob antwortete und sprach:

2Ja, ich weiß sehr gut, dass es so ist und dass ein Mensch nicht Recht behalten kann gegen Gott.

3Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten.

4Gott ist weise und mächtig; wem ist's je gelungen, der sich gegen ihn gestellt hat?

5Er versetzt Berge, ehe sie es innewerden; er kehrt sie um in seinem Zorn.

6Er bewegt die Erde von ihrem Ort, dass ihre Pfeiler zittern.

7Er spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, und versiegelt die Sterne.

8Er allein breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers.

9Er macht den Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens.

10Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind.

11Siehe, er geht an mir vorüber, ohne dass ich's gewahr werde, und wandelt vorbei, ohne dass ich's merke.

12Siehe, wenn er wegrafft, wer will ihm wehren? Wer will zu ihm sagen: Was machst du?

13Gott wehrt seinem Zorn nicht; unter ihn mussten sich beugen die Helfer Rahabs.

14Wie sollte dann ich ihm antworten und Worte finden vor ihm?

15Wenn ich auch Recht habe, so kann ich ihm doch nicht antworten, sondern ich müsste um mein Recht flehen.

16Wenn ich ihn auch anrufe, dass er mir antwortet, so glaube ich nicht, dass er meine Stimme hört,

17vielmehr greift er nach mir im Wettersturm und schlägt mir viele Wunden ohne Grund.

18Er lässt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis.

19Geht es um Macht und Gewalt: Er hat sie. Geht es um Recht: Wer will ihn vorladen?

20Wäre ich gerecht, so müsste mich doch mein Mund verdammen; wäre ich unschuldig, so würde er mich doch schuldig sprechen.

21Ich bin unschuldig! Ich möchte nicht mehr leben; ich verachte mein Leben.

22Es ist eins, darum sage ich: Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen.

23Wenn seine Geißel plötzlich tötet, so spottet er über die Verzweiflung der Unschuldigen.

24Er hat die Erde unter gottlose Hände gegeben, und das Antlitz ihrer Richter verhüllt er. Wenn nicht er, wer anders sollte es tun?

25Meine Tage sind schneller gewesen als ein Läufer; sie sind dahingeflohen und haben nichts Gutes erlebt.

26Sie sind dahingefahren wie schnelle Schiffe, wie ein Adler herabstößt auf die Beute.

27Wenn ich denke: Ich will meine Klage vergessen und mein Angesicht ändern und heiter bleiben,

28so fürchte ich doch wieder alle meine Schmerzen, weil ich weiß, dass du mich nicht unschuldig sprechen wirst.

29Ich soll ja doch schuldig sein! Warum mühe ich mich denn so vergeblich?

30Wenn ich mich auch mit Schneewasser wüsche und reinigte meine Hände mit Lauge,

31so wirst du mich doch eintauchen in die Grube, dass sich meine Kleider vor mir ekeln.

32Denn er ist nicht ein Mensch wie ich, dem ich antworten könnte, dass wir miteinander vor Gericht gingen.

33Dass es doch zwischen uns einen Schiedsmann gäbe, der seine Hand auf uns beide legte!

34Dass er seine Rute von mir nehme und mich nicht mehr ängstige!

35So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst.

101Mich ekelt mein Leben an. Ich will meiner Klage ihren Lauf lassen und reden in der Betrübnis meiner Seele

2und zu Gott sagen: Verdamme mich nicht! Lass mich wissen, warum du mich vor Gericht ziehst.

3Gefällt dir's, dass du Gewalt tust und verwirfst mich, den deine Hände gemacht haben, und bringst der Gottlosen Vorhaben zu Ehren?

4Hast du denn Menschenaugen, oder siehst du, wie ein Sterblicher sieht?

5Oder ist deine Zeit wie eines Menschen Zeit oder deine Jahre wie eines Mannes Jahre,

6dass du nach meiner Schuld fragst und nach meiner Sünde suchst,

7wo du doch weißt, dass ich nicht schuldig bin und niemand da ist, der aus deiner Hand erretten kann?

8Deine Hände haben mich gebildet und bereitet; danach hast du dich abgewandt und willst mich verderben?

9Bedenke doch, dass du mich aus Erde gemacht hast, und lässt mich wieder zum Staub zurückkehren?

10Hast du mich nicht wie Milch hingegossen und wie Käse gerinnen lassen?

11Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Knochen und Sehnen hast du mich zusammengefügt;

12Leben und Wohltat hast du an mir getan, und deine Obhut hat meinen Odem bewahrt.

13Aber du verbargst in deinem Herzen – ich weiß, du hattest das im Sinn –,

14dass du darauf achten wolltest, wenn ich sündigte, und mich von meiner Schuld nicht lossprechen.

15Wäre ich schuldig, dann wehe mir! Und wäre ich schuldlos, so dürfte ich doch mein Haupt nicht erheben, gesättigt mit Schmach und getränkt mit Elend.

16Und wenn ich es aufrichtete, so würdest du mich jagen wie ein Löwe und wiederum erschreckend an mir handeln.

17Du würdest immer neue Zeugen gegen mich stellen und deinen Zorn auf mich noch mehren und immer neue Heerhaufen gegen mich senden.

18Warum hast du mich aus meiner Mutter Leib kommen lassen? Ach dass ich umgekommen wäre und mich nie ein Auge gesehen hätte!

19So wäre ich wie die, die nie gewesen sind, vom Mutterleib weg zum Grabe gebracht.

20Ist denn mein Leben nicht kurz? So höre auf und lass ab von mir, dass ich ein wenig erquickt werde,

21ehe denn ich hingehe – und komme nicht zurück – ins Land der Finsternis und des Dunkels,

22ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn's hell wird, so ist es immer noch Finsternis.

Zofars erste Rede

111Da hob Zofar von Naama an und sprach:

2Muss langes Gerede ohne Antwort bleiben? Muss denn ein Schwätzer immer Recht haben?

3Müssen Männer zu deinem leeren Gerede schweigen, dass du spottest und niemand dich beschämt?

4Du sprichst: »Meine Rede ist rein, und lauter bin ich vor deinen Augen.«

5Ach, dass Gott mit dir redete und täte seine Lippen auf

6und zeigte dir die Tiefen der Weisheit – denn sie ist zu wunderbar für jede Erkenntnis –, damit du weißt, dass er noch nicht an alle deine Sünden denkt.

7Meinst du, dass du weißt, was Gott weiß, oder kannst du alles so vollkommen treffen wie der Allmächtige?

8Die Weisheit ist höher als der Himmel: was willst du tun?, tiefer als die Hölle: was kannst du wissen?,

9länger als die Erde und breiter als das Meer:

10wenn er daherfährt und gefangen legt und Gericht hält – wer will's ihm wehren?

11Denn er kennt die heillosen Leute; er sieht den Frevel und sollte es nicht merken?

12Kann ein Hohlkopf verständig werden, kann ein junger Wildesel als Mensch zur Welt kommen?

13Wenn aber du dein Herz auf ihn richtest und deine Hände zu ihm ausbreitest,

14wenn du den Frevel in deiner Hand von dir wegtust, dass in deiner Hütte kein Unrecht bliebe:

15so könntest du dein Antlitz aufheben ohne Tadel und würdest fest sein und dich nicht fürchten.

16Dann würdest du alle Mühsal vergessen und so wenig daran denken wie an Wasser, das verrinnt,

17und dein Leben würde aufgehen wie der Mittag, und das Finstre würde ein lichter Morgen werden,

18und du dürftest dich trösten, dass Hoffnung da ist, würdest rings um dich blicken und dich in Sicherheit schlafen legen,

19würdest ruhen und niemand würde dich aufschrecken, und viele würden deine Gunst erbitten.

20Aber die Augen der Gottlosen werden verschmachten, und sie werden nicht entrinnen können, und als ihre Hoffnung bleibt, die Seele auszuhauchen.

Hiobs erste Antwort an Zofar

121Da antwortete Hiob und sprach:

2Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!

3Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht?

4Ich muss von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muss verlacht sein.

5Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt!

6Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

7Frage doch das Vieh, das wird dich's lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir's sagen,

8oder die Sträucher der Erde, die werden dich's lehren, und die Fische im Meer werden dir's erzählen.

9Wer erkennte nicht an dem allen, dass des HERRN Hand das gemacht hat,

10dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, und der Lebensodem aller Menschen?

11Prüft nicht das Ohr die Rede, wie der Mund die Speise schmeckt?

12Bei den Großvätern nur soll Weisheit sein und Verstand nur bei den Alten?

13Bei Gott ist Weisheit und Gewalt, sein ist Rat und Verstand.

14Siehe, wenn er zerbricht, so hilft kein Bauen; wenn er jemand einschließt, kann niemand aufmachen.

15Siehe, wenn er das Wasser zurückhält, so wird alles dürr, und wenn er's loslässt, so wühlt es das Land um.

16Bei ihm ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt und der irreführt.

17Er führt die Ratsherren gefangen und macht die Richter zu Toren.

18Er macht frei von den Banden der Könige und umgürtet ihre Lenden mit einem Gurt.

19Er führt die Priester barfuß davon und bringt zu Fall die alten Geschlechter.

20Er entzieht die Sprache den Verlässlichen und nimmt weg den Verstand der Alten.

21Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und zieht den Gewaltigen die Rüstung aus.

22Er öffnet die finstern Schluchten und bringt heraus das Dunkel ans Licht.

23Er macht Völker groß und bringt sie wieder um; er breitet ein Volk aus und treibt's wieder weg.

24Er nimmt den Häuptern des Volks im Lande den Mut und führt sie irre, wo kein Weg ist,

25dass sie in der Finsternis tappen ohne Licht, und macht sie irre wie die Trunkenen.

131Siehe, das hat alles mein Auge gesehen und mein Ohr gehört, und ich hab's verstanden.

2Was ihr wisst, das weiß ich auch, und ich bin nicht geringer als ihr.

3Doch ich wollte gern zu dem Allmächtigen reden und wollte rechten mit Gott.

4Aber ihr seid Lügentüncher und seid alle unnütze Ärzte.

5Wollte Gott, dass ihr geschwiegen hättet, so wäret ihr weise geblieben.

6Hört doch, wie ich mich verantworte, und merkt auf die Streitsache, von der ich rede!

7Wollt ihr Gott verteidigen mit Unrecht und Trug für ihn reden?

8Wollt ihr für ihn Partei nehmen? Wollt ihr Gottes Sache vertreten?

9Wird's euch auch wohlgehen, wenn er euch verhören wird? Meint ihr, dass ihr ihn täuschen werdet, wie man einen Menschen täuscht?

10Er wird euch hart zurechtweisen, wenn ihr heimlich Partei ergreift.

11Werdet ihr euch nicht entsetzen, wenn er sich erhebt, und wird sein Schrecken nicht über euch fallen?

12Was ihr zu bedenken gebt, sind Sprüche aus Asche; eure Bollwerke werden zu Lehmhaufen.

13Schweigt still und lasst mich reden; es komme über mich, was da will.

14Was soll ich mein Fleisch mit meinen Zähnen festhalten und mein Leben aufs Spiel setzen?

15Siehe, er wird mich doch umbringen, und ich habe nichts zu hoffen; doch will ich meine Wege vor ihm verantworten.

16Auch das muss mir zum Heil sein; denn es kommt kein Ruchloser vor ihn.

17Hört meine Rede und was ich darlege mit euren Ohren!

18Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, dass ich Recht behalten werde.

19Wer ist, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und zugrunde gehen.

20Nur zweierlei tu mir nicht, so will ich mich vor dir nicht verbergen:

21Lass deine Hand fern von mir sein, und dein Schrecken erschrecke mich nicht;

22dann rufe, ich will dir antworten, oder ich will reden, dann antworte du mir!

23Wie groß ist meine Schuld und Sünde? Lass mich wissen meine Übertretung und Sünde.

24Warum verbirgst du dein Antlitz und hältst mich für deinen Feind?

25Willst du ein verwehendes Blatt schrecken und einen dürren Halm verfolgen,

26dass du so Bitteres über mich verhängst und über mich bringst die Sünden meiner Jugend?

27Du hast meinen Fuß in den Block gelegt und hast Acht auf alle meine Pfade und siehst auf die Fußtapfen meiner Füße,

28der ich doch wie Moder vergehe und wie ein Kleid, das die Motten fressen.

141Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,

2geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

3Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

4Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

5Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann:

6so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

7Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus.

8Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt,

9so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

10Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er?

11Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet,

12so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

13Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!

14Meinst du, ein toter Mensch wird wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt.

15Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.

16Dann würdest du meine Schritte zählen, aber hättest doch nicht Acht auf meine Sünden.

17Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

18Ein Berg kann zerfallen und vergehen und ein Fels von seiner Stätte weichen,

19Wasser wäscht Steine weg, und seine Fluten schwemmen die Erde weg: so machst du die Hoffnung des Menschen zunichte.

20Du überwältigst ihn für immer, dass er davonmuss, entstellst sein Antlitz und lässt ihn dahinfahren.

21Sind seine Kinder in Ehren, das weiß er nicht, oder ob sie verachtet sind, das wird er nicht gewahr.

22Nur sein eigenes Fleisch macht ihm Schmerzen, und nur um ihn selbst trauert seine Seele.

Des Elifas zweite Rede

151Da antwortete Elifas von Teman und sprach:

2Soll ein weiser Mann so aufgeblasene Worte reden und seinen Bauch so blähen mit leeren Reden?

3Du verantwortest dich mit Worten, die nichts taugen, und dein Reden ist nichts nütze.

4Du selbst zerstörst die Gottesfurcht und raubst dir die Andacht vor Gott.

5Denn deine Schuld lehrt deinen Mund, und du hast erwählt eine listige Zunge.

6Dein Mund verdammt dich und nicht ich, deine Lippen zeugen gegen dich.

7Bist du als der erste Mensch geboren? Kamst du vor den Hügeln zur Welt?

8Hast du im heimlichen Rat Gottes zugehört und die Weisheit an dich gerissen?

9Was weißt du, das wir nicht wissen? Was verstehst du, das uns nicht bekannt ist?

10Es sind Ergraute und Alte unter uns, die länger gelebt haben als dein Vater.

11Gelten Gottes Tröstungen so gering bei dir und ein Wort, das sanft mit dir verfuhr?

12Was reißt dein Herz dich fort? Was funkeln deine Augen,

13dass sich dein Mut wider Gott richtet und du solche Reden aus deinem Munde lässt?

14Was ist der Mensch, dass er rein sein sollte, und dass der gerecht sein sollte, der vom Weibe geboren ist?

15Siehe, seinen Heiligen traut Gott nicht, und selbst die Himmel sind nicht rein vor ihm.

16Wie viel weniger der Mensch, der gräulich und verderbt ist, der Unrecht säuft wie Wasser!

17Ich will dir's zeigen, höre mir zu, und ich will dir erzählen, was ich gesehen habe,

18was die Weisen gesagt und ihre Väter ihnen nicht verborgen haben,

19denen allein das Land gegeben war, sodass kein Fremder unter ihnen umherzog:

20Der Gottlose bebt sein Leben lang, und dem Tyrannen ist die Zahl seiner Jahre verborgen.

21Stimmen des Schreckens hört sein Ohr, und mitten im Frieden kommt der Verderber über ihn.

22Er glaubt nicht, dass er dem Dunkel entrinnen könne, und fürchtet immer das Schwert.

23Er zieht hin und her nach Brot und weiß, dass ihm der Tag der Finsternis bereitet ist.

24Angst und Not schrecken ihn und schlagen ihn nieder wie ein König, der angreift.

25Denn er hat seine Hand gegen Gott ausgereckt und dem Allmächtigen getrotzt.

26Er läuft mit dem Kopf gegen ihn an und ficht halsstarrig wider ihn.

27Er brüstet sich wie ein fetter Wanst und macht sich feist und dick.

28Er wohnt in zerstörten Städten, in Häusern, wo man nicht bleiben soll, die zu Steinhaufen bestimmt sind.

29Doch wird er nicht reich bleiben, und sein Gut wird nicht bestehen, und sein Besitz wird sich nicht ausbreiten im Lande.

30Er wird der Finsternis nicht entrinnen. Die Flamme wird seine Zweige verdorren, und Gott wird ihn durch den Hauch seines Mundes wegraffen.

31Er traue nicht auf Trug, sonst wird er betrogen sein, und Trug wird sein Lohn werden.

32Er wird ihm voll ausgezahlt werden noch vor der Zeit, und sein Zweig wird nicht mehr grünen.

33Er gleicht dem Weinstock, der die Trauben unreif abstößt, und dem Ölbaum, der seine Blüte abwirft.

34Denn die Rotte der Ruchlosen wird unfruchtbar bleiben, und das Feuer wird die Hütten der Bestechlichen fressen.

35Sie gehen schwanger mit Mühsal und gebären Unglück, und ihr Schoß bringt Trug zur Welt.

Hiobs zweite Antwort an Elifas

161Hiob antwortete und sprach:

2Ich habe das schon oft gehört. Ihr seid allzumal leidige Tröster!

3Wollen die leeren Worte kein Ende haben? Oder was reizt dich, so zu reden?

4Auch ich könnte wohl reden wie ihr, wärt ihr an meiner Stelle. Auch ich könnte Worte gegen euch zusammenbringen und mein Haupt über euch schütteln.

5Ich würde euch stärken mit dem Munde und mit meinen Lippen trösten.

6Aber wenn ich schon redete, so würde mich mein Schmerz nicht verschonen; hörte ich auf zu reden, so bliebe er dennoch bei mir.

7Nun aber hat Er mich müde gemacht und alles verstört, was um mich ist.

8Er hat mich runzlig gemacht, das zeugt wider mich, und mein Siechtum steht wider mich auf und verklagt mich ins Angesicht.

9Sein Grimm hat mich zerrissen, und er war mir Feind; er knirschte mit den Zähnen gegen mich; mein Widersacher funkelt mich mit seinen Augen an.

10Sie haben ihren Mund aufgesperrt wider mich und haben mich schmählich auf meine Backen geschlagen. Sie haben ihren Mut miteinander an mir gekühlt.

11Gott hat mich übergeben dem Ungerechten und hat mich in die Hände der Gottlosen kommen lassen.

12Ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht; er hat mich beim Genick genommen und zerschmettert. Er hat mich als seine Zielscheibe aufgerichtet;

13seine Pfeile schwirren um mich her. Er hat meine Nieren durchbohrt und nicht verschont; er hat meine Galle auf die Erde geschüttet.

14Er schlägt in mich eine Bresche nach der andern; er läuft gegen mich an wie ein Kriegsmann.

15Ich habe einen Sack um meinen Leib gelegt und mein Haupt in den Staub gebeugt.

16Mein Antlitz ist gerötet vom Weinen, auf meinen Wimpern liegt Dunkelheit,

17obwohl kein Frevel in meiner Hand und mein Gebet rein ist.

18Ach Erde, bedecke mein Blut nicht, und mein Schreien finde keine Ruhestatt!

19Siehe, auch jetzt noch ist mein Zeuge im Himmel, und mein Fürsprecher ist in der Höhe.

20Meine Freunde verspotten mich; unter Tränen blickt mein Auge zu Gott auf,

21dass er Recht verschaffe dem Mann bei Gott, dem Menschen vor seinem Freund.

22Denn nur wenige Jahre noch und ich gehe den Weg, den ich nicht wiederkommen werde.

171Mein Geist ist zerbrochen, meine Tage sind ausgelöscht; das Grab ist da.

2Fürwahr, Gespött umgibt mich, und auf ihrem Hadern muss mein Auge weilen.

3Sei du selbst mein Bürge bei dir – wer will mich sonst vertreten?

4Denn du hast ihrem Herzen den Verstand verborgen, darum wirst du ihnen den Sieg nicht geben.

5Zum Teilen lädt einer Freunde ein, doch die Augen seiner Kinder müssen verschmachten.

6Er hat mich zum Sprichwort unter den Leuten gemacht, und ich muss mir ins Angesicht speien lassen.

7Mein Auge ist dunkel geworden vor Trauern, und alle meine Glieder sind wie ein Schatten.

8Darüber entsetzen sich die Gerechten, und die Unschuldigen entrüsten sich über die Ruchlosen.

9Aber der Gerechte hält fest an seinem Weg, und wer reine Hände hat, nimmt an Stärke zu.

10Wohlan, kehrt euch alle wieder her und kommt; ich werde dennoch keinen Weisen unter euch finden!

11Meine Tage sind vergangen; zerrissen sind meine Pläne, die mein Herz besessen haben.

12Nacht will man mir zum Tag machen: Licht sei näher als Finsternis.

13Wenn ich auch lange warte, so ist doch bei den Toten mein Haus, und in der Finsternis ist mein Bett gemacht.

14Das Grab nenne ich meinen Vater und die Würmer meine Mutter und meine Schwester.

15Worauf soll ich denn hoffen? Und wer sieht noch Hoffnung für mich?

16Hinunter zu den Toten wird sie fahren, wenn alle miteinander im Staub liegen.

Bildads zweite Rede

181Da antwortete Bildad von Schuach und sprach:

2Wie lange wollt ihr auf Worte Jagd machen? Habt doch Einsicht; danach wollen wir reden!

3Warum werden wir geachtet wie Vieh und sind so töricht in euren Augen?

4Willst du vor Zorn bersten? Soll um deinetwillen die Erde veröden und der Fels von seiner Stätte weichen?

5Dennoch wird das Licht der Gottlosen verlöschen, und der Funke seines Feuers wird nicht leuchten.

6Das Licht wird finster werden in seiner Hütte und seine Leuchte über ihm verlöschen.

7Seine kräftigen Schritte werden kürzer, und sein eigener Plan wird ihn fällen.

8Ins Garn bringen ihn seine Füße, und über Fanggruben führt sein Weg.

9Das Netz wird seine Ferse festhalten, und die Schlinge wird ihn fangen.

10Sein Strick ist versteckt in der Erde und seine Falle auf seinem Weg.

11Um und um schreckt ihn jähe Angst, dass er nicht weiß, wo er hinaus soll.

12Unheil hungert nach ihm, und Unglück steht bereit zu seinem Sturz.

13Die Glieder seines Leibes werden verzehrt; seine Glieder wird verzehren der Erstgeborene des Todes.

14Er wird aus seiner Hütte verjagt, auf die er vertraute, und hingetrieben zum König des Schreckens.

15In seiner Hütte wird wohnen, was nicht zu ihm gehört; über seine Stätte wird Schwefel gestreut.

16Unten verdorren seine Wurzeln, und oben verwelken seine Zweige.

17Sein Andenken wird vergehen im Lande, und er wird keinen Namen haben auf der Gasse.

18Er wird vom Licht in die Finsternis vertrieben und vom Erdboden verstoßen werden.

19Er wird keine Kinder haben und keine Enkel unter seinem Volk; es wird ihm keiner übrig bleiben in seinen Wohnungen.

20Die im Westen werden sich über seinen Gerichtstag entsetzen, und die im Osten wird Furcht ankommen.

21Ja, so geht's der Wohnung des Ungerechten und der Stätte dessen, der Gott nicht achtet.

Hiobs zweite Antwort an Bildad

191Hiob antwortete und sprach:

2Wie lange plagt ihr doch meine Seele und peinigt mich mit Worten!

3Ihr habt mich nun zehnmal verhöhnt und schämt euch nicht, mir so zuzusetzen.

4Habe ich wirklich geirrt, so trage ich meinen Irrtum selbst.

5Wollt ihr euch wahrlich über mich erheben und wollt mir meine Schande beweisen?

6So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat.

7Siehe, ich schreie »Gewalt!« und werde doch nicht gehört; ich rufe, aber kein Recht ist da.

8Er hat meinen Weg vermauert, dass ich nicht hinüberkann, und hat Finsternis auf meinen Steig gelegt.

9Er hat mir mein Ehrenkleid ausgezogen und die Krone von meinem Haupt genommen.

10Er hat mich zerbrochen um und um, dass ich dahinfuhr, und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum.

11Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich.

12Vereint kommen seine Kriegsscharen und haben ihren Weg gegen mich gebaut und sich um meine Hütte her gelagert.

13Er hat meine Brüder von mir entfernt, und meine Verwandten sind mir fremd geworden.

14Meine Nächsten haben sich zurückgezogen, und meine Freunde haben mich vergessen.

15Meinen Hausgenossen und meinen Mägden gelte ich als Fremder; ich bin ein Unbekannter in ihren Augen.

16Ich rief meinen Knecht und er antwortete mir nicht; ich musste ihn anflehen mit eigenem Munde.

17Mein Odem ist zuwider meiner Frau, und den Söhnen meiner Mutter ekelt's vor mir.

18Selbst die Kinder geben nichts auf mich; stelle ich mich gegen sie, so geben sie mir böse Worte.

19Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.

20Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.

21Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!

22Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

23Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift,

24mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!

25Aber ich weiß, dass mein Erlöser** lebt,** und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.

26Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.

27Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

28Wenn ihr sprecht: Wie wollen wir ihn verfolgen und eine Sache gegen ihn finden!,

29so fürchtet euch selbst vor dem Schwert; denn das sind Missetaten, die das Schwert straft, damit ihr wisst, dass es ein Gericht gibt.

Zofars zweite Rede

201Da antwortete Zofar von Naama und sprach:

2Darum muss ich antworten, und deswegen kann ich nicht schweigen;

3denn ich muss hören, wie man mich schmäht und tadelt, aber der Geist aus meiner Einsicht lehrt mich antworten.

4Weißt du nicht, dass es allezeit so gegangen ist, seitdem Menschen auf Erden gewesen sind,

5dass das Frohlocken der Gottlosen nicht lange währt und die Freude des Ruchlosen nur einen Augenblick?

6Wenn auch sein Scheitel in den Himmel reicht und sein Haupt an die Wolken rührt,

7so wird er doch für immer vergehen wie sein Kot, und die ihn gesehen haben, werden sagen: Wo ist er?

8Wie ein Traum wird er verfliegen und nicht mehr zu finden sein und wie ein Nachtgesicht verschwinden.

9Das Auge, das ihn gesehen hat, wird ihn nicht mehr sehen, und seine Stätte wird ihn nicht mehr schauen.

10Seine Söhne werden bei den Armen betteln gehen, und seine Hände müssen seine Habe wieder hergeben.

11Sind auch seine Gebeine voll Jugendkraft, so muss sie sich doch mit ihm in den Staub legen.

12Wenn ihm auch das Böse in seinem Munde wohlschmeckt, dass er es birgt unter seiner Zunge,

13dass er es hegt und nicht loslässt und es zurückhält in seinem Gaumen,

14so wird sich doch seine Speise verwandeln in seinem Leibe und wird Otterngift in seinem Bauch.

15Die Güter, die er verschlungen hat, muss er wieder ausspeien, und Gott treibt sie aus seinem Bauch heraus.

16Er wird Otterngift saugen, und die Zunge der Schlange wird ihn töten.

17Er wird nicht sehen die Ströme noch die Bäche, die mit Honig und Milch fließen.

18Er wird erwerben und doch nichts davon genießen und über seine eingetauschten Güter nicht froh werden.

19Denn er hat unterdrückt und verlassen den Armen; er hat Häuser an sich gerissen, die er nicht erbaut hat.

20Denn sein Wanst konnte nicht voll genug werden; mit seinem köstlichen Gut wird er nicht entrinnen.

21Nichts entging seiner Fressgier; darum wird sein gutes Leben keinen Bestand haben.

22Wenn er auch die Fülle und genug hat, wird ihm doch angst werden; alle Gewalt der Mühsal wird über ihn kommen.

23Es soll geschehen: Damit er genug bekommt, wird Gott den Grimm seines Zorns über ihn senden und wird über ihn regnen lassen seine Schrecknisse.

24Flieht er vor dem eisernen Harnisch, so wird ihn der eherne Bogen durchbohren!

25Es dringt das Geschoss aus seinem Rücken, der Blitz des Pfeiles aus seiner Galle; Schrecken fahren über ihn hin.

26Alle Finsternis ist für ihn aufgespart. Es wird ihn ein Feuer verzehren, das keiner angezündet hat, und wer übrig geblieben ist in seiner Hütte, dem wird's schlimm ergehen.

27Der Himmel wird seine Schuld enthüllen, und die Erde wird sich gegen ihn erheben.

28Seine Ernte wird weggeführt werden, zerstreut am Tage seines Zorns.

29Das ist der Lohn eines gottlosen Menschen bei Gott und das Erbe, das Gott ihm zugesprochen hat.

Hiobs zweite Antwort an Zofar

211Hiob antwortete und sprach:

2Hört doch meiner Rede zu und lasst mir das eure Tröstung sein!

3Ertragt mich, dass ich rede, und danach spottet über mich!

4Geht denn gegen einen Menschen meine Klage, oder warum sollte ich nicht ungeduldig sein?

5Kehrt euch her zu mir; ihr werdet erstarren und die Hand auf den Mund legen müssen.

6Wenn ich daran denke, so erschrecke ich, und Zittern kommt meinen Leib an.

7Warum bleiben die Gottlosen am Leben, werden alt und nehmen zu an Kraft?

8Ihr Geschlecht ist sicher um sie her, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

9Ihr Haus hat Frieden ohne Furcht, und Gottes Rute ist nicht über ihnen.

10Ihr Stier bespringt und es missrät nicht; ihre Kuh kalbt und wirft nicht fehl.

11Ihre kleinen Kinder lassen sie hinaus wie eine Herde, und ihre Knaben springen umher.

12Sie jauchzen mit Pauken und Harfen und sind fröhlich mit Flöten.

13Sie werden alt bei guten Tagen, und in Ruhe fahren sie hinab zu den Toten,

14und doch sagen sie zu Gott: »Weiche von uns, wir wollen von deinen Wegen nichts wissen!

15Wer ist der Allmächtige, dass wir ihm dienen sollten? Oder was nützt es uns, wenn wir ihn anrufen?«

16»Doch siehe, ihr Glück steht nicht in ihren Händen, und der Rat der Gottlosen ist ferne von mir.«

17Wie oft geschieht's denn, dass die Leuchte der Gottlosen verlischt und ihr Unglück über sie kommt, dass Gott Herzeleid über sie austeilt in seinem Zorn,

18dass sie werden wie Stroh vor dem Winde und wie Spreu, die der Sturmwind wegführt?

19»Gott spart das Unglück des Gottlosen auf für dessen Kinder.« Er vergelte es ihm selbst, dass er's spüre!

20Seine Augen mögen sein Verderben sehen, und vom Grimm des Allmächtigen möge er trinken!

21Denn was liegt ihm an seinem Hause nach seinem Tode, wenn die Zahl seiner Monde zu Ende ist?

22Wer will Gott Weisheit lehren, der auch die Hohen richtet?

23Der eine stirbt frisch und gesund in allem Reichtum und voller Genüge,

24sein Melkfass ist voll Milch, und sein Gebein wird gemästet mit Mark;

25der andere aber stirbt mit verbitterter Seele und hat nie vom Glück gekostet –

26und doch liegen beide miteinander in der Erde, und Gewürm deckt sie zu.

27Siehe, ich kenne eure Gedanken und eure Ränke, mit denen ihr mir Unrecht antut.

28Denn ihr sprecht: »Wo ist das Haus des Fürsten, und wo ist die Hütte, in der die Gottlosen wohnten?«

29Habt ihr nicht befragt, die des Weges kommen, und nicht auf ihre Zeichen geachtet,

30dass nämlich der Böse erhalten wird am Tage des Verderbens und am Tage des Grimms bleibt?

31Wer sagt ihm ins Angesicht, was er verdient? Wer vergilt ihm, was er getan hat?

32Wird er doch zu Grabe geleitet, und man hält Wache über seinem Hügel!

33Süß sind ihm die Schollen des Grabes, und alle Menschen ziehen ihm nach, und die ihm vorangehen, sind nicht zu zählen.

34Wie tröstet ihr mich mit Nichtigkeiten, und von euren Antworten bleibt nichts als Trug!

Des Elifas letzte Rede

221Da antwortete Elifas von Teman und sprach:

2Kann denn ein Mann Gott etwas nützen? Nur sich selber nützt ein Kluger.

3Meinst du, der Allmächtige habe Vorteil davon, dass du gerecht bist? Was hilft's ihm, selbst wenn deine Wege ohne Tadel sind?

4Meinst du: er wird dich wegen deiner Gottesfurcht zurechtweisen und mit dir ins Gericht gehen?

5Ist deine Bosheit nicht zu groß, und sind deine Missetaten nicht ohne Ende?

6Du hast deinem Bruder ein Pfand abgenommen ohne Grund, du hast den Nackten die Kleider entrissen;

7du hast die Durstigen nicht getränkt mit Wasser und hast dem Hungrigen dein Brot versagt;

8dem Mächtigen gehört das Land, und sein Günstling darf darin wohnen;

9die Witwen hast du leer weggehen lassen und die Arme der Waisen zerbrochen.

10Darum bist du von Schlingen umgeben, und Entsetzen hat dich plötzlich erschreckt.

11Dein Licht ist Finsternis, sodass du nicht sehen kannst, und die Wasserflut bedeckt dich.

12Ist Gott nicht hoch wie der Himmel? Sieh die Sterne an, wie hoch sie sind!

13Du sprichst zwar: »Was weiß Gott? Sollte er durchs Gewölk hindurch richten können?

14Die Wolken sind seine Hülle, dass er nicht sehen kann; er wandelt am Rande des Himmels.«

15Hältst du den Weg der Vorzeit ein, auf dem die Ungerechten gegangen sind,

16die fortgerafft wurden, ehe es Zeit war, und das Wasser hat ihren Grund weggewaschen,

17die zu Gott sprachen: »Heb dich von uns!«? Was sollte der Allmächtige ihnen antun können?

18Hat er doch ihr Haus mit Gütern gefüllt. Aber: »Der Rat der Gottlosen ist ferne von mir.«

19Die Gerechten werden's sehen und sich freuen, und der Unschuldige wird sie verspotten:

20»Ja, unser Widersacher ist vertilgt, und was er hinterließ, hat das Feuer verzehrt.«

21So vertrage dich nun mit Gott und mache Frieden; daraus wird dir viel Gutes kommen.

22Nimm doch Weisung an von seinem Munde, und fasse seine Worte in dein Herz.

23Bekehrst du dich zum Allmächtigen und demütigst du dich und tust das Unrecht weit weg von deiner Hütte

24– wirf in den Staub dein Gold und zu den Steinen der Bäche das Gold von Ofir –,

25so wird der Allmächtige dein Gold sein und wie Silber, das dir zugehäuft wird.

26Dann wirst du deine Lust haben an dem Allmächtigen und dein Antlitz zu Gott erheben.

27Wenn du ihn bitten wirst, wird er dich hören, und du wirst deine Gelübde erfüllen.

28Was du dir vornimmst, lässt er dir gelingen, und das Licht wird auf deinen Wegen scheinen.

29Denn er erniedrigt die Hochmütigen; aber wer seine Augen niederschlägt, dem hilft er.

30Auch wer nicht unschuldig ist, wird errettet werden; er wird errettet um der Reinheit deiner Hände willen.

Hiobs dritte Antwort an Elifas

231Hiob antwortete und sprach:

2Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss.

3Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seinem Thron kommen könnte!

4So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen

5und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.

6Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde Acht haben auf mich.

7Dann würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!

8Aber gehe ich nun vorwärts, so ist er nicht da; gehe ich zurück, so spüre ich ihn nicht.

9Ist er zur Linken, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich zur Rechten, so sehe ich ihn nicht.

10Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich erfunden werden wie das Gold.

11Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab

12und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir.

13Doch er ist der Eine – wer will ihm wehren? Und er macht's, wie er will.

14Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn.

15Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm.

16Gott ist's, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat;

17denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

241Warum sind von dem Allmächtigen nicht Zeiten vorbehalten, und warum sehen, die ihn kennen, seine Tage nicht?

2Die Gottlosen verrücken die Grenzen, rauben die Herde und weiden sie.

3Sie treiben den Esel der Waisen weg und nehmen das Rind der Witwe zum Pfande.

4Sie stoßen die Armen vom Wege, und die Elenden im Lande müssen sich verkriechen.

5Siehe, sie sind wie Wildesel: In der Wüste gehen sie an ihr Werk und suchen Nahrung in der Einöde als Speise für ihre Kinder.

6Sie ernten des Nachts auf dem Acker und halten Nachlese im Weinberg des Gottlosen.

7Sie liegen in der Nacht nackt ohne Gewand und haben keine Decke im Frost.

8Sie triefen vom Regen in den Bergen; sie müssen sich an die Felsen drücken, weil sie sonst keine Zuflucht haben.

9Man reißt das Waisenkind von der Mutterbrust und nimmt den Säugling der Armen zum Pfande.

10Nackt gehen sie einher ohne Kleider, und hungrig tragen sie Garben.

11Gleich in den Gärten pressen sie Öl, sie treten die Kelter und leiden doch Durst.

12Fern der Stadt seufzen Sterbende, und die Seele der Säuglinge schreit. Doch Gott achtet nicht darauf!

13Sie sind Feinde des Lichts geworden, kennen Gottes Weg nicht und bleiben nicht auf seinen Pfaden.

14Wenn der Tag anbricht, steht der Mörder auf und erwürgt den Elenden und Armen, und des Nachts schleicht der Dieb.

15Das Auge des Ehebrechers lauert auf das Dunkel, und er denkt: »Mich sieht kein Auge!«, und verdeckt sein Antlitz.

16Im Finstern bricht man in die Häuser ein; am Tage verbergen sie sich und scheuen alle das Licht.

17Ja, als Morgen gilt ihnen allen die Finsternis, denn sie sind bekannt mit den Schrecken der Finsternis.

18Er fährt leicht wie auf dem Wasser dahin, verflucht wird sein Acker im Lande, und man wendet sich seinem Weinberg nicht zu.

19Der Tod nimmt weg die da sündigen, wie die Hitze und Dürre das Schneewasser verzehrt.

20Der Mutterschoß vergisst ihn; die Würmer laben sich an ihm. An ihn denkt man nicht mehr; so zerbricht Frevel wie Holz.

21Er hat bedrückt die Unfruchtbare, die nicht gebar, und hat der Witwe nichts Gutes getan.

22Gott rafft die Gewalttätigen hin durch seine Kraft; steht er auf, so müssen sie am Leben verzweifeln.

23Er gibt ihnen, dass sie sicher sind und eine Stütze haben, doch seine Augen wachen über ihren Wegen.

24Sie sind hoch erhöht; aber nach einer kleinen Weile sind sie nicht mehr da; sie sinken hin und werden hinweggerafft wie alle; wie die Spitzen der Ähren werden sie abgeschnitten.

25Ist's nicht so? Wer will mich Lügen strafen und erweisen, dass meine Rede nichts sei?

Bildads letzte Rede

251Da antwortete Bildad von Schuach und sprach:

2Herrschaft und Schrecken ist bei ihm, der Frieden schafft in seinen Höhen.

3Wer will seine Scharen zählen? Und über wem geht sein Licht nicht auf?

4Und wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott? Und wie kann rein sein ein vom Weibe Geborener?

5Siehe, auch der Mond scheint nicht hell, und die Sterne sind nicht rein vor seinen Augen –

6wie viel weniger der Mensch, eine Made, und das Menschenkind, ein Wurm!

Hiobs dritte Antwort an Bildad

261Hiob antwortete und sprach:

2Wie sehr stehst du dem bei, der keine Kraft hat, hilfst du dem, der keine Stärke in den Armen hat!

3Wie gibst du Rat dem, der keine Weisheit hat, und lehrst ihn Einsicht in Fülle!

4Mit wessen Hilfe redest du? Und wessen Geist geht von dir aus?

5Die Schatten drunten erbeben, das Wasser und die darin wohnen.

6Das Totenreich ist aufgedeckt vor ihm, und der Abgrund hat keine Decke.

7Er spannt den Norden aus über dem Leeren und hängt die Erde über das Nichts.

8Er fasst das Wasser zusammen in seine Wolken, und die Wolken zerreißen darunter nicht.

9Er verhüllt seinen Thron und breitet seine Wolken davor.

10Er hat am Rande des Wassers eine Grenze gezogen, wo Licht und Finsternis sich scheiden.

11Die Säulen des Himmels zittern und entsetzen sich vor seinem Schelten.

12Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.

13Am Himmel wurde es schön durch seinen Wind, und seine Hand durchbohrte die flüchtige Schlange.

14Siehe, das sind nur die Enden seiner Wege, und nur ein leises Wörtlein davon haben wir vernommen. Wer will aber den Donner seiner Macht verstehen?

271Und Hiob fuhr fort mit seinem Spruch und sprach:

2So wahr Gott lebt, der mir mein Recht verweigert, und der Allmächtige, der meine Seele betrübt

3– solange noch mein Odem in mir ist und der Hauch von Gott in meiner Nase –:

4Meine Lippen reden nichts Unrechtes, und meine Zunge sagt keinen Betrug.

5Das sei ferne von mir, dass ich euch Recht gebe; bis mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner Unschuld.

6An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und lasse sie nicht; mein Gewissen beißt mich nicht wegen eines meiner Tage.

7Meinem Feind soll es gehen wie dem Gottlosen und dem, der sich gegen mich auflehnt, wie dem Ungerechten.

8Denn was ist die Hoffnung des Ruchlosen, wenn Gott mit ihm ein Ende macht und seine Seele von ihm fordert?

9Meinst du, dass Gott sein Schreien hören wird, wenn die Angst über ihn kommt?

10Oder kann er an dem Allmächtigen seine Lust haben und Gott allezeit anrufen?

11Ich will euch über Gottes Tun belehren, und wie der Allmächtige gesinnt ist, will ich nicht verhehlen.

12Siehe, ihr habt es selber gesehen; warum bringt ihr dann so unnütze Dinge vor?

13Das ist der Lohn eines gottlosen Menschen bei Gott und das Erbe der Tyrannen, das sie vom Allmächtigen bekommen:

14Werden seine Söhne groß, so werden sie eine Beute des Schwerts; und seine Nachkommen werden an Brot nicht satt.

15Die ihm übrig bleiben, wird der Tod ins Grab bringen, und seine Witwen werden nicht weinen.

16Wenn er Geld zusammenbringt wie Staub und schafft Kleider an, wie man Lehm aufhäuft,

17so wird er's zwar anschaffen, aber der Gerechte wird's anziehen, und dem Unschuldigen wird das Geld zuteil.

18Er baut sein Haus wie eine Spinne und wie ein Wächter eine Hütte macht.

19Reich legt er sich nieder, aber wird's nicht noch einmal tun können; tut er seine Augen auf, dann ist nichts mehr da.

20Es wird ihn Schrecken überfallen wie Wasserfluten; des Nachts nimmt ihn der Sturmwind fort.

21Der Ostwind wird ihn wegführen, dass er dahinfährt, und wird ihn von seinem Ort hinwegwehen.

22Das wird er über ihn bringen und ihn nicht schonen; vor seiner Gewalt muss er immer wieder fliehen.

23Man wird über ihn mit den Händen klatschen und über ihn zischen, wo er gewesen ist.