Hiobs Frömmigkeit und Glück

11Es war ein Mann im Lande Uz, der hieß Hiob. Der war fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und mied das Böse.

2Und er zeugte sieben Söhne und drei Töchter,

3und er besaß siebentausend Schafe, dreitausend Kamele, fünfhundert Joch Rinder und fünfhundert Eselinnen und sehr viel Gesinde, und er war reicher als alle, die im Osten wohnten.

4Und seine Söhne gingen hin und machten ein Festmahl, ein jeder in seinem Hause an seinem Tag, und sie sandten hin und luden ihre drei Schwestern ein, mit ihnen zu essen und zu trinken.

5Und wenn die Tage des Mahles um waren, sandte Hiob hin und heiligte sie und machte sich früh am Morgen auf und opferte Brandopfer nach ihrer aller Zahl; denn Hiob dachte: Meine Söhne könnten gesündigt und Gott abgesagt haben in ihrem Herzen. So tat Hiob allezeit.

Hiob bewährt sich in schwerer Prüfung

6Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, kam auch der Satan unter ihnen.

7Der HERR aber sprach zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen.

8Der HERR sprach zum Satan: Hast du Acht gehabt auf meinen Knecht Hiob? Denn es ist seinesgleichen nicht auf Erden, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse.

9Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Meinst du, dass Hiob Gott umsonst fürchtet?

10Hast du doch ihn, sein Haus und alles, was er hat, ringsumher beschützt. Du hast das Werk seiner Hände gesegnet, und sein Besitz hat sich ausgebreitet im Lande.

11Aber strecke deine Hand aus und taste alles an, was er hat: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen!

12Der HERR sprach zum Satan: Siehe, alles, was er hat, sei in deiner Hand; nur an ihn selbst lege deine Hand nicht. Da ging der Satan hinaus von dem HERRN.

13An dem Tage aber, da seine Söhne und Töchter aßen und Wein tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen,

14kam ein Bote zu Hiob und sprach: Die Rinder pflügten und die Eselinnen gingen neben ihnen auf der Weide,

15da fielen die aus Saba ein und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte.

16Als der noch redete, kam ein anderer und sprach: Feuer Gottes fiel vom Himmel und traf Schafe und Knechte und verzehrte sie, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte.

17Als der noch redete, kam einer und sprach: Die Chaldäer machten drei Abteilungen und fielen über die Kamele her und nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit der Schärfe des Schwerts, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte.

18Als der noch redete, kam einer und sprach: Deine Söhne und Töchter aßen und tranken im Hause ihres Bruders, des Erstgeborenen,

19und siehe, da kam ein großer Wind von der Wüste her und stieß an die vier Ecken des Hauses; da fiel es auf die jungen Leute, dass sie starben, und ich allein bin entronnen, dass ich dir's ansagte.

20Da stand Hiob auf und zerriss sein Kleid und schor sein Haupt und fiel auf die Erde und neigte sich tief

21und sprach: Ich bin nackt von meiner Mutter Leibe gekommen, nackt werde ich wieder dahinfahren. Der HERR hat's gegeben, der HERR hat's genommen; der Name des HERRN sei gelobt!

22In diesem allen sündigte Hiob nicht und tat nichts Törichtes wider Gott.

Hiob bewährt sich erneut in schwerer Prüfung

21Es begab sich aber eines Tages, da die Gottessöhne kamen und vor den HERRN traten, dass auch der Satan unter ihnen kam und vor den HERRN trat.

2Da sprach der HERR zu dem Satan: Wo kommst du her? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Ich habe die Erde hin und her durchzogen.

3Der HERR sprach zu dem Satan: Hast du Acht auf meinen Knecht Hiob gehabt? Denn es ist seinesgleichen auf Erden nicht, fromm und rechtschaffen, gottesfürchtig und meidet das Böse und hält noch fest an seiner Frömmigkeit; du aber hast mich bewogen, ihn ohne Grund zu verderben.

4Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Haut für Haut! Und alles, was ein Mann hat, lässt er für sein Leben.

5Aber strecke deine Hand aus und taste sein Gebein und Fleisch an: was gilt's, er wird dir ins Angesicht absagen!

6Der HERR sprach zu dem Satan: Siehe da, er sei in deiner Hand, doch schone sein Leben!

7Da ging der Satan hinaus vom Angesicht des HERRN und schlug Hiob mit bösen Geschwüren von der Fußsohle an bis auf seinen Scheitel.

8Und er nahm eine Scherbe und schabte sich und saß in der Asche.

9Und seine Frau sprach zu ihm: Hältst du noch fest an deiner Frömmigkeit? Sage Gott ab und stirb!

10Er aber sprach zu ihr: Du redest, wie die törichten Frauen reden. Haben wir Gutes empfangen von Gott und sollten das Böse nicht auch annehmen? In diesem allen versündigte sich Hiob nicht mit seinen Lippen.

Hiob wird von drei Freunden besucht

11Als aber die drei Freunde Hiobs all das Unglück hörten, das über ihn gekommen war, kamen sie, ein jeder aus seinem Ort: Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama. Denn sie waren eins geworden hinzugehen, um ihn zu beklagen und zu trösten.

12Und als sie ihre Augen aufhoben von ferne, erkannten sie ihn nicht und erhoben ihre Stimme und weinten, und ein jeder zerriss sein Kleid und sie warfen Staub gen Himmel auf ihr Haupt

13und saßen mit ihm auf der Erde sieben Tage und sieben Nächte und redeten nichts mit ihm; denn sie sahen, dass der Schmerz sehr groß war.

Hiobs Klage

31Danach tat Hiob seinen Mund auf und verfluchte seinen Tag.

2Und Hiob sprach:

3Ausgelöscht sei der Tag, an dem ich geboren bin, und die Nacht, da man sprach: Ein Knabe kam zur Welt!

4Jener Tag soll finster sein und Gott droben frage nicht nach ihm! Kein Glanz soll über ihm scheinen!

5Finsternis und Dunkel sollen ihn überwältigen und düstere Wolken über ihm bleiben, und Verfinsterung am Tage mache ihn schrecklich!

6Jene Nacht – das Dunkel nehme sie hinweg, sie soll sich nicht unter den Tagen des Jahres freuen noch in die Zahl der Monde kommen!

7Siehe, jene Nacht sei unfruchtbar und kein Jauchzen darin!

8Es sollen sie verfluchen, die einen Tag verfluchen können, und die da kundig sind, den Leviatan zu wecken!

9Ihre Sterne sollen finster sein in ihrer Dämmerung. Die Nacht hoffe aufs Licht, doch es komme nicht, und sie sehe nicht die Wimpern der Morgenröte,

10weil sie nicht verschlossen hat den Leib meiner Mutter und nicht verborgen das Unglück vor meinen Augen!

11Warum bin ich nicht gestorben bei meiner Geburt? Warum bin ich nicht umgekommen, als ich aus dem Mutterleib kam?

12Warum hat man mich auf den Schoß genommen? Warum bin ich an den Brüsten gesäugt?

13Dann läge ich da und wäre still, dann schliefe ich und hätte Ruhe

14mit den Königen und Ratsherren auf Erden, die sich Grüfte erbauten,

15oder mit den Fürsten, die Gold hatten und deren Häuser voll Silber waren;

16wie eine Fehlgeburt, die man verscharrt hat, hätte ich nie gelebt, wie Kinder, die das Licht nie gesehen haben.

17Dort haben die Gottlosen aufgehört mit Toben; dort ruhen, die viel Mühe gehabt haben.

18Da haben die Gefangenen allesamt Frieden und hören nicht die Stimme des Treibers.

19Da sind Klein und Groß gleich und der Knecht ist frei von seinem Herrn.

20Warum gibt Gott das Licht dem Mühseligen und das Leben den betrübten Herzen

21– die auf den Tod warten, und er kommt nicht, und nach ihm suchen mehr als nach Schätzen,

22die sich sehr freuten und fröhlich wären, wenn sie ein Grab bekämen –,

23dem Mann, dessen Weg verborgen ist, dem Gott den Pfad ringsum verzäunt hat?

24Denn wenn ich essen soll, muss ich seufzen, und mein Schreien fährt heraus wie Wasser.

25Denn was ich gefürchtet habe, ist über mich gekommen, und wovor mir graute, hat mich getroffen.

26Ich hatte keinen Frieden, keine Rast, keine Ruhe, da kam schon wieder ein Ungemach!

Hiobs Gespräche mit seinen Freunden (Kapitel 4,1–27,23)

Des Elifas erste Rede

41Da hob Elifas von Teman an und sprach:

2Du hast's vielleicht nicht gern, wenn man versucht, mit dir zu reden; aber Worte zurückhalten, wer kann's?

3Siehe, du hast viele unterwiesen und matte Hände gestärkt;

4deine Rede hat die Strauchelnden aufgerichtet, und die bebenden Knie hast du gekräftigt.

5Nun es aber an dich kommt, wirst du weich, und nun es dich trifft, erschrickst du!

6Ist nicht deine Gottesfurcht dein Trost, und die Unsträflichkeit deiner Wege deine Hoffnung?

7Bedenke doch: Wo ist ein Unschuldiger umgekommen? Oder wo wurden die Gerechten je vertilgt?

8Wohl aber habe ich gesehen: Die da Frevel pflügten und Unheil säten, ernteten es auch ein.

9Durch den Odem Gottes sind sie umgekommen und vom Schnauben seines Zorns vertilgt.

10Das Brüllen der Löwen und die Stimme der Leuen und die Zähne der jungen Löwen sind dahin.

11Der Löwe kommt um, wenn er keine Beute hat, und die Jungen der Löwin werden zerstreut.

12Zu mir ist heimlich ein Wort gekommen, und von ihm hat mein Ohr ein Flüstern empfangen

13beim Nachsinnen über Gesichte in der Nacht, wenn tiefer Schlaf auf die Leute fällt;

14da kam mich Furcht und Zittern an, und alle meine Gebeine erschraken.

15Und ein Hauch fuhr an mir vorüber; es standen mir die Haare zu Berge an meinem Leibe.

16Da stand ein Gebilde vor meinen Augen, doch ich erkannte seine Gestalt nicht; es war eine Stille und ich hörte eine Stimme:

17Wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott oder ein Mann rein sein vor dem, der ihn gemacht hat?

18Siehe, seinen Dienern traut er nicht, und seinen Boten wirft er Torheit vor:

19wie viel mehr denen, die in Lehmhäusern wohnen und auf Staub gegründet sind und wie Motten zerdrückt werden!

20Es währt vom Morgen bis zum Abend, so werden sie zerschlagen, und ehe man's gewahr wird, sind sie ganz dahin.

21Ihr Zelt wird abgebrochen, und sie sterben unversehens.

51Rufe doch, ob einer dir antwortet! Und an welchen von den Heiligen willst du dich wenden?

2Denn einen Toren tötet der Unmut, und den Unverständigen bringt der Eifer um.

3Ich sah einen Toren Wurzel schlagen, doch plötzlich schwand er von seiner Stätte dahin.

4Seinen Kindern bleibt Hilfe fern, und sie werden zerschlagen im Tor; denn kein Erretter ist da.

5Seine Ernte verzehrt der Hungrige, und auch aus den Hecken holt er sie, und nach seinem Gut lechzen die Durstigen.

6Denn Frevel geht nicht aus der Erde hervor, und Unheil wächst nicht aus dem Acker;

7sondern der Mensch erzeugt sich selbst das Unheil, wie Funken hoch emporfliegen.

8Ich aber würde mich zu Gott wenden und meine Sache vor ihn bringen,

9der große Dinge tut, die nicht zu erforschen sind, und Wunder, die nicht zu zählen sind,

10der den Regen aufs Land gibt und Wasser kommen lässt auf die Gefilde,

11der die Niedrigen erhöht und den Betrübten emporhilft.

12Er macht zunichte die Pläne der Klugen, sodass ihre Hand sie nicht ausführen kann.

13Er fängt die Weisen in ihrer Klugheit und stürzt den Rat der Verkehrten,

14dass sie am Tage in Finsternis laufen und tappen am Mittag wie in der Nacht.

15Er hilft dem Armen vom Schwert und den Elenden von der Hand des Mächtigen.

16Dem Armen wird Hoffnung zuteil, und die Bosheit muss ihren Mund zuhalten.

17Siehe, selig ist der Mensch, den Gott zurechtweist; darum widersetze dich der Zucht des Allmächtigen nicht.

18Denn er verletzt und verbindet; er zerschlägt und seine Hand heilt.

19In sechs Trübsalen wird er dich erretten, und in sieben wird dich kein Übel anrühren.

20In der Hungersnot wird er dich vom Tod erlösen und im Kriege von des Schwertes Gewalt.

21Er wird dich verbergen vor der Geißel der Zunge, dass du dich nicht fürchten musst, wenn Verderben kommt.

22Über Verderben und Hunger wirst du lachen und dich vor den wilden Tieren im Lande nicht fürchten.

23Denn dein Bund wird sein mit den Steinen auf dem Felde, und die wilden Tiere werden Frieden mit dir halten,

24und du wirst erfahren, dass deine Hütte Frieden hat, und wirst deine Stätte überschauen und nichts vermissen,

25und du wirst erfahren, dass deine Kinder sich mehren und deine Nachkommen wie das Gras auf Erden sind,

26und du wirst im Alter zu Grabe kommen, wie Garben eingebracht werden zur rechten Zeit.

27Siehe, das haben wir erforscht, so ist es; darauf höre und merke du dir's.

Hiobs erste Antwort an Elifas

61Hiob antwortete und sprach:

2Wenn man doch meinen Kummer wägen und mein Leiden zugleich auf die Waage legen wollte!

3Denn nun ist es schwerer als Sand am Meer; darum sind meine Worte noch unbedacht.

4Denn die Pfeile des Allmächtigen stecken in mir; mein Geist muss ihr Gift trinken, und die Schrecknisse Gottes sind auf mich gerichtet.

5Schreit denn der Wildesel, wenn er Gras hat, oder brüllt der Stier, wenn er sein Futter hat?

6Isst man denn Fades, ohne es zu salzen, oder hat Eiweiß Wohlgeschmack?

7Meine Seele sträubt sich, es anzurühren; es ist, als wäre mein Brot unrein.

8Könnte meine Bitte doch geschehen und Gott mir geben, was ich hoffe!

9Dass mich doch Gott erschlagen wollte und seine Hand ausstreckte und mir den Lebensfaden abschnitte!

10So hätte ich noch diesen Trost und wollte fröhlich springen – ob auch der Schmerz mich quält ohne Erbarmen –, dass ich nicht verleugnet habe die Worte des Heiligen.

11Was ist meine Kraft, dass ich ausharren könnte; und welches Ende wartet auf mich, dass ich geduldig sein sollte?

12Ist doch meine Kraft nicht aus Stein und mein Fleisch nicht aus Erz.

13Hab ich denn keine Hilfe mehr, und gibt es keinen Rat mehr für mich?

14Wer Barmherzigkeit seinem Nächsten verweigert, der gibt die Furcht vor dem Allmächtigen auf.

15Meine Brüder trügen wie ein Bach, wie das Bett der Bäche, die versickern,

16die erst trübe sind vom Eis, darin der Schnee sich birgt,

17doch zur Zeit, wenn die Hitze kommt, versiegen sie; wenn es heiß wird, vergehen sie von ihrer Stätte:

18Ihr Weg windet sich dahin und verläuft, sie gehen hin ins Nichts und verschwinden.

19Die Karawanen von Tema blickten aus auf sie, die Karawanen von Saba hofften auf sie;

20aber sie wurden zuschanden über ihrer Hoffnung und waren betrogen, als sie dahin kamen.

21So seid ihr jetzt für mich geworden; weil ihr Schrecknisse seht, fürchtet ihr euch.

22Hab ich denn gesagt: Schenkt mir etwas und bezahlt für mich von eurem Vermögen

23und errettet mich aus der Hand des Feindes und kauft mich los von der Hand der Gewalttätigen?

24Belehrt mich, so will ich schweigen, und worin ich geirrt habe, darin unterweist mich!

25Wie kräftig sind doch redliche Worte! Aber euer Tadeln, was beweist das?

26Gedenkt ihr, Worte zu rügen? Aber die Rede eines Verzweifelnden verhallt im Wind.

27Ihr freilich könntet wohl über eine arme Waise das Los werfen und euren Nächsten verschachern.

28Nun aber hebt doch an und seht auf mich, ob ich euch ins Angesicht lüge.

29Kehrt doch um, damit nicht Unrecht geschehe! Kehrt um! Noch habe ich Recht darin!

30Ist denn auf meiner Zunge Unrecht, oder sollte mein Gaumen Böses nicht merken?

71Muss nicht der Mensch immer im Dienst stehen auf Erden, und sind seine Tage nicht wie die eines Tagelöhners?

2Wie ein Knecht sich sehnt nach dem Schatten und ein Tagelöhner auf seinen Lohn wartet,

3so hab ich wohl ganze Monate vergeblich gearbeitet, und viele elende Nächte sind mir geworden.

4Wenn ich mich niederlegte, sprach ich: Wann werde ich aufstehen? Bin ich aufgestanden, so wird mir's lang bis zum Abend, und mich quälte die Unruhe bis zur Dämmerung.

5Mein Fleisch ist um und um eine Beute des Gewürms und faulig, meine Haut ist verschrumpft und voller Eiter.

6Meine Tage sind schneller dahingeflogen als ein Weberschiffchen und sind vergangen ohne Hoffnung.

7Bedenke, dass mein Leben ein Hauch ist und meine Augen nicht wieder Gutes sehen werden.

8Und kein lebendiges Auge wird mich mehr schauen; sehen deine Augen nach mir, so bin ich nicht mehr.

9Eine Wolke vergeht und fährt dahin: so kommt nicht wieder herauf, wer zu den Toten hinunterfährt;

10er kommt nicht zurück, und seine Stätte kennt ihn nicht mehr.

11Darum will auch ich meinem Munde nicht wehren. Ich will reden in der Angst meines Herzens und will klagen in der Betrübnis meiner Seele.

12Bin ich denn das Meer oder der Drache, dass du eine Wache gegen mich aufstellst?

13Wenn ich dachte, mein Bett soll mich trösten, mein Lager soll mir meinen Jammer erleichtern,

14so erschrecktest du mich mit Träumen und machtest mir Grauen durch Gesichte,

15dass ich mir wünschte, erwürgt zu sein, und den Tod lieber hätte als meine Schmerzen.

16Ich vergehe! Ich leb' ja nicht ewig. Lass ab von mir, denn meine Tage sind nur noch ein Hauch.

17Was ist der Mensch, dass du ihn groß achtest und dich um ihn bekümmerst?

18Jeden Morgen suchst du ihn heim und prüfst ihn alle Stunden.

19Warum blickst du nicht einmal von mir weg und lässt mir keinen Atemzug Ruhe?

20Hab ich gesündigt, was tue ich dir damit an, du Menschenhüter? Warum machst du mich zum Ziel deiner Anläufe, dass ich mir selbst eine Last bin?

21Und warum vergibst du mir meine Sünde nicht oder lässt meine Schuld hingehen? Denn nun werde ich mich in die Erde legen, und wenn du mich suchst, werde ich nicht mehr da sein.

Bildads erste Rede

81Da hob Bildad von Schuach an und sprach:

2Wie lange willst du so reden und sollen die Reden deines Mundes so ungestüm daherfahren?

3Meinst du, dass Gott unrecht richtet oder der Allmächtige das Recht verkehrt?

4Haben deine Söhne vor ihm gesündigt, so hat er sie verstoßen um ihrer Sünde willen.

5Wenn du aber dich beizeiten zu Gott wendest und zu dem Allmächtigen flehst,

6wenn du rein und fromm bist, so wird er deinetwegen aufwachen und wird wieder aufrichten deine Wohnung, wie es dir zusteht.

7Und was du zuerst wenig gehabt hast, wird hernach sehr zunehmen.

8Denn frage die früheren Geschlechter und merke auf das, was ihre Väter erforscht haben,

9denn wir sind von gestern her und wissen nichts; unsere Tage sind ein Schatten auf Erden.

10Sie werden dich's lehren und dir sagen und ihre Rede aus ihrem Herzen hervorbringen:

11»Kann auch Rohr aufwachsen, wo es nicht feucht ist, oder Schilf wachsen ohne Wasser?

12Noch steht's in Blüte, bevor man es schneidet, da verdorrt es schon vor allem Gras.

13So geht es jedem, der Gott vergisst, und die Hoffnung des Ruchlosen wird verloren sein.

14Denn seine Zuversicht vergeht, und seine Hoffnung ist ein Spinnweb.

15Er verlässt sich auf sein Haus, aber es hält nicht stand; er hält sich daran, aber es bleibt nicht stehen.

16Er steht voll Saft im Sonnenschein, und seine Reiser wachsen hinaus über seinen Garten.

17Über Steinhaufen schlingen sich seine Wurzeln und halten sich zwischen Steinen fest.

18Wenn man ihn aber vertilgt von seiner Stätte, so wird sie ihn verleugnen, als kennte sie ihn nicht.

19Siehe, das ist das Glück seines Lebens, und aus dem Staube werden andre wachsen.«

20Siehe, Gott verwirft die Frommen nicht und hält die Hand der Boshaften nicht fest,

21bis er deinen Mund voll Lachens mache und deine Lippen voll Jauchzens.

22Die dich aber hassen, müssen sich in Schmach kleiden, und die Hütte der Gottlosen wird nicht bestehen.

Hiobs erste Antwort an Bildad

91Hiob antwortete und sprach:

2Ja, ich weiß sehr gut, dass es so ist und dass ein Mensch nicht Recht behalten kann gegen Gott.

3Hat er Lust, mit ihm zu streiten, so kann er ihm auf tausend nicht eins antworten.

4Gott ist weise und mächtig; wem ist's je gelungen, der sich gegen ihn gestellt hat?

5Er versetzt Berge, ehe sie es innewerden; er kehrt sie um in seinem Zorn.

6Er bewegt die Erde von ihrem Ort, dass ihre Pfeiler zittern.

7Er spricht zur Sonne, so geht sie nicht auf, und versiegelt die Sterne.

8Er allein breitet den Himmel aus und geht auf den Wogen des Meers.

9Er macht den Wagen am Himmel und den Orion und das Siebengestirn und die Sterne des Südens.

10Er tut große Dinge, die nicht zu erforschen, und Wunder, die nicht zu zählen sind.

11Siehe, er geht an mir vorüber, ohne dass ich's gewahr werde, und wandelt vorbei, ohne dass ich's merke.

12Siehe, wenn er wegrafft, wer will ihm wehren? Wer will zu ihm sagen: Was machst du?

13Gott wehrt seinem Zorn nicht; unter ihn mussten sich beugen die Helfer Rahabs.

14Wie sollte dann ich ihm antworten und Worte finden vor ihm?

15Wenn ich auch Recht habe, so kann ich ihm doch nicht antworten, sondern ich müsste um mein Recht flehen.

16Wenn ich ihn auch anrufe, dass er mir antwortet, so glaube ich nicht, dass er meine Stimme hört,

17vielmehr greift er nach mir im Wettersturm und schlägt mir viele Wunden ohne Grund.

18Er lässt mich nicht Atem schöpfen, sondern sättigt mich mit Bitternis.

19Geht es um Macht und Gewalt: Er hat sie. Geht es um Recht: Wer will ihn vorladen?

20Wäre ich gerecht, so müsste mich doch mein Mund verdammen; wäre ich unschuldig, so würde er mich doch schuldig sprechen.

21Ich bin unschuldig! Ich möchte nicht mehr leben; ich verachte mein Leben.

22Es ist eins, darum sage ich: Er bringt den Frommen um wie den Gottlosen.

23Wenn seine Geißel plötzlich tötet, so spottet er über die Verzweiflung der Unschuldigen.

24Er hat die Erde unter gottlose Hände gegeben, und das Antlitz ihrer Richter verhüllt er. Wenn nicht er, wer anders sollte es tun?

25Meine Tage sind schneller gewesen als ein Läufer; sie sind dahingeflohen und haben nichts Gutes erlebt.

26Sie sind dahingefahren wie schnelle Schiffe, wie ein Adler herabstößt auf die Beute.

27Wenn ich denke: Ich will meine Klage vergessen und mein Angesicht ändern und heiter bleiben,

28so fürchte ich doch wieder alle meine Schmerzen, weil ich weiß, dass du mich nicht unschuldig sprechen wirst.

29Ich soll ja doch schuldig sein! Warum mühe ich mich denn so vergeblich?

30Wenn ich mich auch mit Schneewasser wüsche und reinigte meine Hände mit Lauge,

31so wirst du mich doch eintauchen in die Grube, dass sich meine Kleider vor mir ekeln.

32Denn er ist nicht ein Mensch wie ich, dem ich antworten könnte, dass wir miteinander vor Gericht gingen.

33Dass es doch zwischen uns einen Schiedsmann gäbe, der seine Hand auf uns beide legte!

34Dass er seine Rute von mir nehme und mich nicht mehr ängstige!

35So wollte ich reden und mich nicht vor ihm fürchten, denn ich bin mir keiner Schuld bewusst.

101Mich ekelt mein Leben an. Ich will meiner Klage ihren Lauf lassen und reden in der Betrübnis meiner Seele

2und zu Gott sagen: Verdamme mich nicht! Lass mich wissen, warum du mich vor Gericht ziehst.

3Gefällt dir's, dass du Gewalt tust und verwirfst mich, den deine Hände gemacht haben, und bringst der Gottlosen Vorhaben zu Ehren?

4Hast du denn Menschenaugen, oder siehst du, wie ein Sterblicher sieht?

5Oder ist deine Zeit wie eines Menschen Zeit oder deine Jahre wie eines Mannes Jahre,

6dass du nach meiner Schuld fragst und nach meiner Sünde suchst,

7wo du doch weißt, dass ich nicht schuldig bin und niemand da ist, der aus deiner Hand erretten kann?

8Deine Hände haben mich gebildet und bereitet; danach hast du dich abgewandt und willst mich verderben?

9Bedenke doch, dass du mich aus Erde gemacht hast, und lässt mich wieder zum Staub zurückkehren?

10Hast du mich nicht wie Milch hingegossen und wie Käse gerinnen lassen?

11Du hast mir Haut und Fleisch angezogen; mit Knochen und Sehnen hast du mich zusammengefügt;

12Leben und Wohltat hast du an mir getan, und deine Obhut hat meinen Odem bewahrt.

13Aber du verbargst in deinem Herzen – ich weiß, du hattest das im Sinn –,

14dass du darauf achten wolltest, wenn ich sündigte, und mich von meiner Schuld nicht lossprechen.

15Wäre ich schuldig, dann wehe mir! Und wäre ich schuldlos, so dürfte ich doch mein Haupt nicht erheben, gesättigt mit Schmach und getränkt mit Elend.

16Und wenn ich es aufrichtete, so würdest du mich jagen wie ein Löwe und wiederum erschreckend an mir handeln.

17Du würdest immer neue Zeugen gegen mich stellen und deinen Zorn auf mich noch mehren und immer neue Heerhaufen gegen mich senden.

18Warum hast du mich aus meiner Mutter Leib kommen lassen? Ach dass ich umgekommen wäre und mich nie ein Auge gesehen hätte!

19So wäre ich wie die, die nie gewesen sind, vom Mutterleib weg zum Grabe gebracht.

20Ist denn mein Leben nicht kurz? So höre auf und lass ab von mir, dass ich ein wenig erquickt werde,

21ehe denn ich hingehe – und komme nicht zurück – ins Land der Finsternis und des Dunkels,

22ins Land, wo es stockfinster ist und dunkel ohne alle Ordnung, und wenn's hell wird, so ist es immer noch Finsternis.

Zofars erste Rede

111Da hob Zofar von Naama an und sprach:

2Muss langes Gerede ohne Antwort bleiben? Muss denn ein Schwätzer immer Recht haben?

3Müssen Männer zu deinem leeren Gerede schweigen, dass du spottest und niemand dich beschämt?

4Du sprichst: »Meine Rede ist rein, und lauter bin ich vor deinen Augen.«

5Ach, dass Gott mit dir redete und täte seine Lippen auf

6und zeigte dir die Tiefen der Weisheit – denn sie ist zu wunderbar für jede Erkenntnis –, damit du weißt, dass er noch nicht an alle deine Sünden denkt.

7Meinst du, dass du weißt, was Gott weiß, oder kannst du alles so vollkommen treffen wie der Allmächtige?

8Die Weisheit ist höher als der Himmel: was willst du tun?, tiefer als die Hölle: was kannst du wissen?,

9länger als die Erde und breiter als das Meer:

10wenn er daherfährt und gefangen legt und Gericht hält – wer will's ihm wehren?

11Denn er kennt die heillosen Leute; er sieht den Frevel und sollte es nicht merken?

12Kann ein Hohlkopf verständig werden, kann ein junger Wildesel als Mensch zur Welt kommen?

13Wenn aber du dein Herz auf ihn richtest und deine Hände zu ihm ausbreitest,

14wenn du den Frevel in deiner Hand von dir wegtust, dass in deiner Hütte kein Unrecht bliebe:

15so könntest du dein Antlitz aufheben ohne Tadel und würdest fest sein und dich nicht fürchten.

16Dann würdest du alle Mühsal vergessen und so wenig daran denken wie an Wasser, das verrinnt,

17und dein Leben würde aufgehen wie der Mittag, und das Finstre würde ein lichter Morgen werden,

18und du dürftest dich trösten, dass Hoffnung da ist, würdest rings um dich blicken und dich in Sicherheit schlafen legen,

19würdest ruhen und niemand würde dich aufschrecken, und viele würden deine Gunst erbitten.

20Aber die Augen der Gottlosen werden verschmachten, und sie werden nicht entrinnen können, und als ihre Hoffnung bleibt, die Seele auszuhauchen.

Hiobs erste Antwort an Zofar

121Da antwortete Hiob und sprach:

2Ja, ihr seid die Leute, mit euch wird die Weisheit sterben!

3Ich hab ebenso Verstand wie ihr und bin nicht geringer als ihr; wer wüsste das nicht?

4Ich muss von meinem Nächsten verlacht sein, der ich Gott anrief und den er erhörte. Der Gerechte und Fromme muss verlacht sein.

5Dem Unglück gebührt Verachtung, so meint der Sichere; ein Stoß denen, deren Fuß schon wankt!

6Die Hütten der Verwüster stehen ganz sicher, und Ruhe haben, die wider Gott toben, die Gott in ihrer Faust führen.

7Frage doch das Vieh, das wird dich's lehren, und die Vögel unter dem Himmel, die werden dir's sagen,

8oder die Sträucher der Erde, die werden dich's lehren, und die Fische im Meer werden dir's erzählen.

9Wer erkennte nicht an dem allen, dass des HERRN Hand das gemacht hat,

10dass in seiner Hand ist die Seele von allem, was lebt, und der Lebensodem aller Menschen?

11Prüft nicht das Ohr die Rede, wie der Mund die Speise schmeckt?

12Bei den Großvätern nur soll Weisheit sein und Verstand nur bei den Alten?

13Bei Gott ist Weisheit und Gewalt, sein ist Rat und Verstand.

14Siehe, wenn er zerbricht, so hilft kein Bauen; wenn er jemand einschließt, kann niemand aufmachen.

15Siehe, wenn er das Wasser zurückhält, so wird alles dürr, und wenn er's loslässt, so wühlt es das Land um.

16Bei ihm ist Kraft und Einsicht. Sein ist, der da irrt und der irreführt.

17Er führt die Ratsherren gefangen und macht die Richter zu Toren.

18Er macht frei von den Banden der Könige und umgürtet ihre Lenden mit einem Gurt.

19Er führt die Priester barfuß davon und bringt zu Fall die alten Geschlechter.

20Er entzieht die Sprache den Verlässlichen und nimmt weg den Verstand der Alten.

21Er schüttet Verachtung auf die Fürsten und zieht den Gewaltigen die Rüstung aus.

22Er öffnet die finstern Schluchten und bringt heraus das Dunkel ans Licht.

23Er macht Völker groß und bringt sie wieder um; er breitet ein Volk aus und treibt's wieder weg.

24Er nimmt den Häuptern des Volks im Lande den Mut und führt sie irre, wo kein Weg ist,

25dass sie in der Finsternis tappen ohne Licht, und macht sie irre wie die Trunkenen.

131Siehe, das hat alles mein Auge gesehen und mein Ohr gehört, und ich hab's verstanden.

2Was ihr wisst, das weiß ich auch, und ich bin nicht geringer als ihr.

3Doch ich wollte gern zu dem Allmächtigen reden und wollte rechten mit Gott.

4Aber ihr seid Lügentüncher und seid alle unnütze Ärzte.

5Wollte Gott, dass ihr geschwiegen hättet, so wäret ihr weise geblieben.

6Hört doch, wie ich mich verantworte, und merkt auf die Streitsache, von der ich rede!

7Wollt ihr Gott verteidigen mit Unrecht und Trug für ihn reden?

8Wollt ihr für ihn Partei nehmen? Wollt ihr Gottes Sache vertreten?

9Wird's euch auch wohlgehen, wenn er euch verhören wird? Meint ihr, dass ihr ihn täuschen werdet, wie man einen Menschen täuscht?

10Er wird euch hart zurechtweisen, wenn ihr heimlich Partei ergreift.

11Werdet ihr euch nicht entsetzen, wenn er sich erhebt, und wird sein Schrecken nicht über euch fallen?

12Was ihr zu bedenken gebt, sind Sprüche aus Asche; eure Bollwerke werden zu Lehmhaufen.

13Schweigt still und lasst mich reden; es komme über mich, was da will.

14Was soll ich mein Fleisch mit meinen Zähnen festhalten und mein Leben aufs Spiel setzen?

15Siehe, er wird mich doch umbringen, und ich habe nichts zu hoffen; doch will ich meine Wege vor ihm verantworten.

16Auch das muss mir zum Heil sein; denn es kommt kein Ruchloser vor ihn.

17Hört meine Rede und was ich darlege mit euren Ohren!

18Siehe, ich bin zum Rechtsstreit gerüstet; ich weiß, dass ich Recht behalten werde.

19Wer ist, der mit mir rechten könnte? Denn dann wollte ich schweigen und zugrunde gehen.

20Nur zweierlei tu mir nicht, so will ich mich vor dir nicht verbergen:

21Lass deine Hand fern von mir sein, und dein Schrecken erschrecke mich nicht;

22dann rufe, ich will dir antworten, oder ich will reden, dann antworte du mir!

23Wie groß ist meine Schuld und Sünde? Lass mich wissen meine Übertretung und Sünde.

24Warum verbirgst du dein Antlitz und hältst mich für deinen Feind?

25Willst du ein verwehendes Blatt schrecken und einen dürren Halm verfolgen,

26dass du so Bitteres über mich verhängst und über mich bringst die Sünden meiner Jugend?

27Du hast meinen Fuß in den Block gelegt und hast Acht auf alle meine Pfade und siehst auf die Fußtapfen meiner Füße,

28der ich doch wie Moder vergehe und wie ein Kleid, das die Motten fressen.

141Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe,

2geht auf wie eine Blume und fällt ab, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht.

3Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst.

4Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer!

5Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann:

6so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.

7Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus.

8Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im Boden erstirbt,

9so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze.

10Stirbt aber ein Mann, so ist er dahin; kommt ein Mensch um – wo ist er?

11Wie Wasser ausläuft aus dem See, und wie ein Strom versiegt und vertrocknet,

12so ist ein Mensch, wenn er sich niederlegt, er wird nicht wieder aufstehen; er wird nicht aufwachen, solange der Himmel bleibt, noch von seinem Schlaf erweckt werden.

13Ach dass du mich im Totenreich verwahren und verbergen wolltest, bis dein Zorn sich legt, und mir ein Ziel setzen und dann an mich denken wolltest!

14Meinst du, ein toter Mensch wird wieder leben? Alle Tage meines Dienstes wollte ich harren, bis meine Ablösung kommt.

15Du würdest rufen und ich dir antworten; es würde dich verlangen nach dem Werk deiner Hände.

16Dann würdest du meine Schritte zählen, aber hättest doch nicht Acht auf meine Sünden.

17Du würdest meine Übertretung in ein Bündlein versiegeln und meine Schuld übertünchen.

18Ein Berg kann zerfallen und vergehen und ein Fels von seiner Stätte weichen,

19Wasser wäscht Steine weg, und seine Fluten schwemmen die Erde weg: so machst du die Hoffnung des Menschen zunichte.

20Du überwältigst ihn für immer, dass er davonmuss, entstellst sein Antlitz und lässt ihn dahinfahren.

21Sind seine Kinder in Ehren, das weiß er nicht, oder ob sie verachtet sind, das wird er nicht gewahr.

22Nur sein eigenes Fleisch macht ihm Schmerzen, und nur um ihn selbst trauert seine Seele.

Des Elifas zweite Rede

151Da antwortete Elifas von Teman und sprach:

2Soll ein weiser Mann so aufgeblasene Worte reden und seinen Bauch so blähen mit leeren Reden?

3Du verantwortest dich mit Worten, die nichts taugen, und dein Reden ist nichts nütze.

4Du selbst zerstörst die Gottesfurcht und raubst dir die Andacht vor Gott.

5Denn deine Schuld lehrt deinen Mund, und du hast erwählt eine listige Zunge.

6Dein Mund verdammt dich und nicht ich, deine Lippen zeugen gegen dich.

7Bist du als der erste Mensch geboren? Kamst du vor den Hügeln zur Welt?

8Hast du im heimlichen Rat Gottes zugehört und die Weisheit an dich gerissen?

9Was weißt du, das wir nicht wissen? Was verstehst du, das uns nicht bekannt ist?

10Es sind Ergraute und Alte unter uns, die länger gelebt haben als dein Vater.

11Gelten Gottes Tröstungen so gering bei dir und ein Wort, das sanft mit dir verfuhr?

12Was reißt dein Herz dich fort? Was funkeln deine Augen,

13dass sich dein Mut wider Gott richtet und du solche Reden aus deinem Munde lässt?

14Was ist der Mensch, dass er rein sein sollte, und dass der gerecht sein sollte, der vom Weibe geboren ist?

15Siehe, seinen Heiligen traut Gott nicht, und selbst die Himmel sind nicht rein vor ihm.

16Wie viel weniger der Mensch, der gräulich und verderbt ist, der Unrecht säuft wie Wasser!

17Ich will dir's zeigen, höre mir zu, und ich will dir erzählen, was ich gesehen habe,

18was die Weisen gesagt und ihre Väter ihnen nicht verborgen haben,

19denen allein das Land gegeben war, sodass kein Fremder unter ihnen umherzog:

20Der Gottlose bebt sein Leben lang, und dem Tyrannen ist die Zahl seiner Jahre verborgen.

21Stimmen des Schreckens hört sein Ohr, und mitten im Frieden kommt der Verderber über ihn.

22Er glaubt nicht, dass er dem Dunkel entrinnen könne, und fürchtet immer das Schwert.

23Er zieht hin und her nach Brot und weiß, dass ihm der Tag der Finsternis bereitet ist.

24Angst und Not schrecken ihn und schlagen ihn nieder wie ein König, der angreift.

25Denn er hat seine Hand gegen Gott ausgereckt und dem Allmächtigen getrotzt.

26Er läuft mit dem Kopf gegen ihn an und ficht halsstarrig wider ihn.

27Er brüstet sich wie ein fetter Wanst und macht sich feist und dick.

28Er wohnt in zerstörten Städten, in Häusern, wo man nicht bleiben soll, die zu Steinhaufen bestimmt sind.

29Doch wird er nicht reich bleiben, und sein Gut wird nicht bestehen, und sein Besitz wird sich nicht ausbreiten im Lande.

30Er wird der Finsternis nicht entrinnen. Die Flamme wird seine Zweige verdorren, und Gott wird ihn durch den Hauch seines Mundes wegraffen.

31Er traue nicht auf Trug, sonst wird er betrogen sein, und Trug wird sein Lohn werden.

32Er wird ihm voll ausgezahlt werden noch vor der Zeit, und sein Zweig wird nicht mehr grünen.

33Er gleicht dem Weinstock, der die Trauben unreif abstößt, und dem Ölbaum, der seine Blüte abwirft.

34Denn die Rotte der Ruchlosen wird unfruchtbar bleiben, und das Feuer wird die Hütten der Bestechlichen fressen.

35Sie gehen schwanger mit Mühsal und gebären Unglück, und ihr Schoß bringt Trug zur Welt.

Hiobs zweite Antwort an Elifas

161Hiob antwortete und sprach:

2Ich habe das schon oft gehört. Ihr seid allzumal leidige Tröster!

3Wollen die leeren Worte kein Ende haben? Oder was reizt dich, so zu reden?

4Auch ich könnte wohl reden wie ihr, wärt ihr an meiner Stelle. Auch ich könnte Worte gegen euch zusammenbringen und mein Haupt über euch schütteln.

5Ich würde euch stärken mit dem Munde und mit meinen Lippen trösten.

6Aber wenn ich schon redete, so würde mich mein Schmerz nicht verschonen; hörte ich auf zu reden, so bliebe er dennoch bei mir.

7Nun aber hat Er mich müde gemacht und alles verstört, was um mich ist.

8Er hat mich runzlig gemacht, das zeugt wider mich, und mein Siechtum steht wider mich auf und verklagt mich ins Angesicht.

9Sein Grimm hat mich zerrissen, und er war mir Feind; er knirschte mit den Zähnen gegen mich; mein Widersacher funkelt mich mit seinen Augen an.

10Sie haben ihren Mund aufgesperrt wider mich und haben mich schmählich auf meine Backen geschlagen. Sie haben ihren Mut miteinander an mir gekühlt.

11Gott hat mich übergeben dem Ungerechten und hat mich in die Hände der Gottlosen kommen lassen.

12Ich war in Frieden, aber er hat mich zunichte gemacht; er hat mich beim Genick genommen und zerschmettert. Er hat mich als seine Zielscheibe aufgerichtet;

13seine Pfeile schwirren um mich her. Er hat meine Nieren durchbohrt und nicht verschont; er hat meine Galle auf die Erde geschüttet.

14Er schlägt in mich eine Bresche nach der andern; er läuft gegen mich an wie ein Kriegsmann.

15Ich habe einen Sack um meinen Leib gelegt und mein Haupt in den Staub gebeugt.

16Mein Antlitz ist gerötet vom Weinen, auf meinen Wimpern liegt Dunkelheit,

17obwohl kein Frevel in meiner Hand und mein Gebet rein ist.

18Ach Erde, bedecke mein Blut nicht, und mein Schreien finde keine Ruhestatt!

19Siehe, auch jetzt noch ist mein Zeuge im Himmel, und mein Fürsprecher ist in der Höhe.

20Meine Freunde verspotten mich; unter Tränen blickt mein Auge zu Gott auf,

21dass er Recht verschaffe dem Mann bei Gott, dem Menschen vor seinem Freund.

22Denn nur wenige Jahre noch und ich gehe den Weg, den ich nicht wiederkommen werde.

171Mein Geist ist zerbrochen, meine Tage sind ausgelöscht; das Grab ist da.

2Fürwahr, Gespött umgibt mich, und auf ihrem Hadern muss mein Auge weilen.

3Sei du selbst mein Bürge bei dir – wer will mich sonst vertreten?

4Denn du hast ihrem Herzen den Verstand verborgen, darum wirst du ihnen den Sieg nicht geben.

5Zum Teilen lädt einer Freunde ein, doch die Augen seiner Kinder müssen verschmachten.

6Er hat mich zum Sprichwort unter den Leuten gemacht, und ich muss mir ins Angesicht speien lassen.

7Mein Auge ist dunkel geworden vor Trauern, und alle meine Glieder sind wie ein Schatten.

8Darüber entsetzen sich die Gerechten, und die Unschuldigen entrüsten sich über die Ruchlosen.

9Aber der Gerechte hält fest an seinem Weg, und wer reine Hände hat, nimmt an Stärke zu.

10Wohlan, kehrt euch alle wieder her und kommt; ich werde dennoch keinen Weisen unter euch finden!

11Meine Tage sind vergangen; zerrissen sind meine Pläne, die mein Herz besessen haben.

12Nacht will man mir zum Tag machen: Licht sei näher als Finsternis.

13Wenn ich auch lange warte, so ist doch bei den Toten mein Haus, und in der Finsternis ist mein Bett gemacht.

14Das Grab nenne ich meinen Vater und die Würmer meine Mutter und meine Schwester.

15Worauf soll ich denn hoffen? Und wer sieht noch Hoffnung für mich?

16Hinunter zu den Toten wird sie fahren, wenn alle miteinander im Staub liegen.

Bildads zweite Rede

181Da antwortete Bildad von Schuach und sprach:

2Wie lange wollt ihr auf Worte Jagd machen? Habt doch Einsicht; danach wollen wir reden!

3Warum werden wir geachtet wie Vieh und sind so töricht in euren Augen?

4Willst du vor Zorn bersten? Soll um deinetwillen die Erde veröden und der Fels von seiner Stätte weichen?

5Dennoch wird das Licht der Gottlosen verlöschen, und der Funke seines Feuers wird nicht leuchten.

6Das Licht wird finster werden in seiner Hütte und seine Leuchte über ihm verlöschen.

7Seine kräftigen Schritte werden kürzer, und sein eigener Plan wird ihn fällen.

8Ins Garn bringen ihn seine Füße, und über Fanggruben führt sein Weg.

9Das Netz wird seine Ferse festhalten, und die Schlinge wird ihn fangen.

10Sein Strick ist versteckt in der Erde und seine Falle auf seinem Weg.

11Um und um schreckt ihn jähe Angst, dass er nicht weiß, wo er hinaus soll.

12Unheil hungert nach ihm, und Unglück steht bereit zu seinem Sturz.

13Die Glieder seines Leibes werden verzehrt; seine Glieder wird verzehren der Erstgeborene des Todes.

14Er wird aus seiner Hütte verjagt, auf die er vertraute, und hingetrieben zum König des Schreckens.

15In seiner Hütte wird wohnen, was nicht zu ihm gehört; über seine Stätte wird Schwefel gestreut.

16Unten verdorren seine Wurzeln, und oben verwelken seine Zweige.

17Sein Andenken wird vergehen im Lande, und er wird keinen Namen haben auf der Gasse.

18Er wird vom Licht in die Finsternis vertrieben und vom Erdboden verstoßen werden.

19Er wird keine Kinder haben und keine Enkel unter seinem Volk; es wird ihm keiner übrig bleiben in seinen Wohnungen.

20Die im Westen werden sich über seinen Gerichtstag entsetzen, und die im Osten wird Furcht ankommen.

21Ja, so geht's der Wohnung des Ungerechten und der Stätte dessen, der Gott nicht achtet.

Hiobs zweite Antwort an Bildad

191Hiob antwortete und sprach:

2Wie lange plagt ihr doch meine Seele und peinigt mich mit Worten!

3Ihr habt mich nun zehnmal verhöhnt und schämt euch nicht, mir so zuzusetzen.

4Habe ich wirklich geirrt, so trage ich meinen Irrtum selbst.

5Wollt ihr euch wahrlich über mich erheben und wollt mir meine Schande beweisen?

6So merkt doch endlich, dass Gott mir unrecht getan hat und mich mit seinem Jagdnetz umgeben hat.

7Siehe, ich schreie »Gewalt!« und werde doch nicht gehört; ich rufe, aber kein Recht ist da.

8Er hat meinen Weg vermauert, dass ich nicht hinüberkann, und hat Finsternis auf meinen Steig gelegt.

9Er hat mir mein Ehrenkleid ausgezogen und die Krone von meinem Haupt genommen.

10Er hat mich zerbrochen um und um, dass ich dahinfuhr, und hat meine Hoffnung ausgerissen wie einen Baum.

11Sein Zorn ist über mich entbrannt, und er achtet mich seinen Feinden gleich.

12Vereint kommen seine Kriegsscharen und haben ihren Weg gegen mich gebaut und sich um meine Hütte her gelagert.

13Er hat meine Brüder von mir entfernt, und meine Verwandten sind mir fremd geworden.

14Meine Nächsten haben sich zurückgezogen, und meine Freunde haben mich vergessen.

15Meinen Hausgenossen und meinen Mägden gelte ich als Fremder; ich bin ein Unbekannter in ihren Augen.

16Ich rief meinen Knecht und er antwortete mir nicht; ich musste ihn anflehen mit eigenem Munde.

17Mein Odem ist zuwider meiner Frau, und den Söhnen meiner Mutter ekelt's vor mir.

18Selbst die Kinder geben nichts auf mich; stelle ich mich gegen sie, so geben sie mir böse Worte.

19Alle meine Getreuen verabscheuen mich, und die ich lieb hatte, haben sich gegen mich gewandt.

20Mein Gebein hängt nur noch an Haut und Fleisch, und nur das nackte Leben brachte ich davon.

21Erbarmt euch über mich, erbarmt euch, meine Freunde; denn die Hand Gottes hat mich getroffen!

22Warum verfolgt ihr mich wie Gott und könnt nicht satt werden von meinem Fleisch?

23Ach dass meine Reden aufgeschrieben würden! Ach dass sie aufgezeichnet würden als Inschrift,

24mit einem eisernen Griffel in Blei geschrieben, zu ewigem Gedächtnis in einen Fels gehauen!

25Aber ich weiß, dass mein Erlöser** lebt,** und als der Letzte wird er über dem Staub sich erheben.

26Und ist meine Haut noch so zerschlagen und mein Fleisch dahingeschwunden, so werde ich doch Gott sehen.

27Ich selbst werde ihn sehen, meine Augen werden ihn schauen und kein Fremder. Danach sehnt sich mein Herz in meiner Brust.

28Wenn ihr sprecht: Wie wollen wir ihn verfolgen und eine Sache gegen ihn finden!,

29so fürchtet euch selbst vor dem Schwert; denn das sind Missetaten, die das Schwert straft, damit ihr wisst, dass es ein Gericht gibt.

Zofars zweite Rede

201Da antwortete Zofar von Naama und sprach:

2Darum muss ich antworten, und deswegen kann ich nicht schweigen;

3denn ich muss hören, wie man mich schmäht und tadelt, aber der Geist aus meiner Einsicht lehrt mich antworten.

4Weißt du nicht, dass es allezeit so gegangen ist, seitdem Menschen auf Erden gewesen sind,

5dass das Frohlocken der Gottlosen nicht lange währt und die Freude des Ruchlosen nur einen Augenblick?

6Wenn auch sein Scheitel in den Himmel reicht und sein Haupt an die Wolken rührt,

7so wird er doch für immer vergehen wie sein Kot, und die ihn gesehen haben, werden sagen: Wo ist er?

8Wie ein Traum wird er verfliegen und nicht mehr zu finden sein und wie ein Nachtgesicht verschwinden.

9Das Auge, das ihn gesehen hat, wird ihn nicht mehr sehen, und seine Stätte wird ihn nicht mehr schauen.

10Seine Söhne werden bei den Armen betteln gehen, und seine Hände müssen seine Habe wieder hergeben.

11Sind auch seine Gebeine voll Jugendkraft, so muss sie sich doch mit ihm in den Staub legen.

12Wenn ihm auch das Böse in seinem Munde wohlschmeckt, dass er es birgt unter seiner Zunge,

13dass er es hegt und nicht loslässt und es zurückhält in seinem Gaumen,

14so wird sich doch seine Speise verwandeln in seinem Leibe und wird Otterngift in seinem Bauch.

15Die Güter, die er verschlungen hat, muss er wieder ausspeien, und Gott treibt sie aus seinem Bauch heraus.

16Er wird Otterngift saugen, und die Zunge der Schlange wird ihn töten.

17Er wird nicht sehen die Ströme noch die Bäche, die mit Honig und Milch fließen.

18Er wird erwerben und doch nichts davon genießen und über seine eingetauschten Güter nicht froh werden.

19Denn er hat unterdrückt und verlassen den Armen; er hat Häuser an sich gerissen, die er nicht erbaut hat.

20Denn sein Wanst konnte nicht voll genug werden; mit seinem köstlichen Gut wird er nicht entrinnen.

21Nichts entging seiner Fressgier; darum wird sein gutes Leben keinen Bestand haben.

22Wenn er auch die Fülle und genug hat, wird ihm doch angst werden; alle Gewalt der Mühsal wird über ihn kommen.

23Es soll geschehen: Damit er genug bekommt, wird Gott den Grimm seines Zorns über ihn senden und wird über ihn regnen lassen seine Schrecknisse.

24Flieht er vor dem eisernen Harnisch, so wird ihn der eherne Bogen durchbohren!

25Es dringt das Geschoss aus seinem Rücken, der Blitz des Pfeiles aus seiner Galle; Schrecken fahren über ihn hin.

26Alle Finsternis ist für ihn aufgespart. Es wird ihn ein Feuer verzehren, das keiner angezündet hat, und wer übrig geblieben ist in seiner Hütte, dem wird's schlimm ergehen.

27Der Himmel wird seine Schuld enthüllen, und die Erde wird sich gegen ihn erheben.

28Seine Ernte wird weggeführt werden, zerstreut am Tage seines Zorns.

29Das ist der Lohn eines gottlosen Menschen bei Gott und das Erbe, das Gott ihm zugesprochen hat.

Hiobs zweite Antwort an Zofar

211Hiob antwortete und sprach:

2Hört doch meiner Rede zu und lasst mir das eure Tröstung sein!

3Ertragt mich, dass ich rede, und danach spottet über mich!

4Geht denn gegen einen Menschen meine Klage, oder warum sollte ich nicht ungeduldig sein?

5Kehrt euch her zu mir; ihr werdet erstarren und die Hand auf den Mund legen müssen.

6Wenn ich daran denke, so erschrecke ich, und Zittern kommt meinen Leib an.

7Warum bleiben die Gottlosen am Leben, werden alt und nehmen zu an Kraft?

8Ihr Geschlecht ist sicher um sie her, und ihre Nachkommen sind bei ihnen.

9Ihr Haus hat Frieden ohne Furcht, und Gottes Rute ist nicht über ihnen.

10Ihr Stier bespringt und es missrät nicht; ihre Kuh kalbt und wirft nicht fehl.

11Ihre kleinen Kinder lassen sie hinaus wie eine Herde, und ihre Knaben springen umher.

12Sie jauchzen mit Pauken und Harfen und sind fröhlich mit Flöten.

13Sie werden alt bei guten Tagen, und in Ruhe fahren sie hinab zu den Toten,

14und doch sagen sie zu Gott: »Weiche von uns, wir wollen von deinen Wegen nichts wissen!

15Wer ist der Allmächtige, dass wir ihm dienen sollten? Oder was nützt es uns, wenn wir ihn anrufen?«

16»Doch siehe, ihr Glück steht nicht in ihren Händen, und der Rat der Gottlosen ist ferne von mir.«

17Wie oft geschieht's denn, dass die Leuchte der Gottlosen verlischt und ihr Unglück über sie kommt, dass Gott Herzeleid über sie austeilt in seinem Zorn,

18dass sie werden wie Stroh vor dem Winde und wie Spreu, die der Sturmwind wegführt?

19»Gott spart das Unglück des Gottlosen auf für dessen Kinder.« Er vergelte es ihm selbst, dass er's spüre!

20Seine Augen mögen sein Verderben sehen, und vom Grimm des Allmächtigen möge er trinken!

21Denn was liegt ihm an seinem Hause nach seinem Tode, wenn die Zahl seiner Monde zu Ende ist?

22Wer will Gott Weisheit lehren, der auch die Hohen richtet?

23Der eine stirbt frisch und gesund in allem Reichtum und voller Genüge,

24sein Melkfass ist voll Milch, und sein Gebein wird gemästet mit Mark;

25der andere aber stirbt mit verbitterter Seele und hat nie vom Glück gekostet –

26und doch liegen beide miteinander in der Erde, und Gewürm deckt sie zu.

27Siehe, ich kenne eure Gedanken und eure Ränke, mit denen ihr mir Unrecht antut.

28Denn ihr sprecht: »Wo ist das Haus des Fürsten, und wo ist die Hütte, in der die Gottlosen wohnten?«

29Habt ihr nicht befragt, die des Weges kommen, und nicht auf ihre Zeichen geachtet,

30dass nämlich der Böse erhalten wird am Tage des Verderbens und am Tage des Grimms bleibt?

31Wer sagt ihm ins Angesicht, was er verdient? Wer vergilt ihm, was er getan hat?

32Wird er doch zu Grabe geleitet, und man hält Wache über seinem Hügel!

33Süß sind ihm die Schollen des Grabes, und alle Menschen ziehen ihm nach, und die ihm vorangehen, sind nicht zu zählen.

34Wie tröstet ihr mich mit Nichtigkeiten, und von euren Antworten bleibt nichts als Trug!

Des Elifas letzte Rede

221Da antwortete Elifas von Teman und sprach:

2Kann denn ein Mann Gott etwas nützen? Nur sich selber nützt ein Kluger.

3Meinst du, der Allmächtige habe Vorteil davon, dass du gerecht bist? Was hilft's ihm, selbst wenn deine Wege ohne Tadel sind?

4Meinst du: er wird dich wegen deiner Gottesfurcht zurechtweisen und mit dir ins Gericht gehen?

5Ist deine Bosheit nicht zu groß, und sind deine Missetaten nicht ohne Ende?

6Du hast deinem Bruder ein Pfand abgenommen ohne Grund, du hast den Nackten die Kleider entrissen;

7du hast die Durstigen nicht getränkt mit Wasser und hast dem Hungrigen dein Brot versagt;

8dem Mächtigen gehört das Land, und sein Günstling darf darin wohnen;

9die Witwen hast du leer weggehen lassen und die Arme der Waisen zerbrochen.

10Darum bist du von Schlingen umgeben, und Entsetzen hat dich plötzlich erschreckt.

11Dein Licht ist Finsternis, sodass du nicht sehen kannst, und die Wasserflut bedeckt dich.

12Ist Gott nicht hoch wie der Himmel? Sieh die Sterne an, wie hoch sie sind!

13Du sprichst zwar: »Was weiß Gott? Sollte er durchs Gewölk hindurch richten können?

14Die Wolken sind seine Hülle, dass er nicht sehen kann; er wandelt am Rande des Himmels.«

15Hältst du den Weg der Vorzeit ein, auf dem die Ungerechten gegangen sind,

16die fortgerafft wurden, ehe es Zeit war, und das Wasser hat ihren Grund weggewaschen,

17die zu Gott sprachen: »Heb dich von uns!«? Was sollte der Allmächtige ihnen antun können?

18Hat er doch ihr Haus mit Gütern gefüllt. Aber: »Der Rat der Gottlosen ist ferne von mir.«

19Die Gerechten werden's sehen und sich freuen, und der Unschuldige wird sie verspotten:

20»Ja, unser Widersacher ist vertilgt, und was er hinterließ, hat das Feuer verzehrt.«

21So vertrage dich nun mit Gott und mache Frieden; daraus wird dir viel Gutes kommen.

22Nimm doch Weisung an von seinem Munde, und fasse seine Worte in dein Herz.

23Bekehrst du dich zum Allmächtigen und demütigst du dich und tust das Unrecht weit weg von deiner Hütte

24– wirf in den Staub dein Gold und zu den Steinen der Bäche das Gold von Ofir –,

25so wird der Allmächtige dein Gold sein und wie Silber, das dir zugehäuft wird.

26Dann wirst du deine Lust haben an dem Allmächtigen und dein Antlitz zu Gott erheben.

27Wenn du ihn bitten wirst, wird er dich hören, und du wirst deine Gelübde erfüllen.

28Was du dir vornimmst, lässt er dir gelingen, und das Licht wird auf deinen Wegen scheinen.

29Denn er erniedrigt die Hochmütigen; aber wer seine Augen niederschlägt, dem hilft er.

30Auch wer nicht unschuldig ist, wird errettet werden; er wird errettet um der Reinheit deiner Hände willen.

Hiobs dritte Antwort an Elifas

231Hiob antwortete und sprach:

2Auch heute lehnt sich meine Klage auf; seine Hand drückt schwer, dass ich seufzen muss.

3Ach dass ich wüsste, wie ich ihn finden und zu seinem Thron kommen könnte!

4So würde ich ihm das Recht darlegen und meinen Mund mit Beweisen füllen

5und erfahren die Reden, die er mir antworten, und vernehmen, was er mir sagen würde.

6Würde er mit großer Macht mit mir rechten? Nein, er selbst würde Acht haben auf mich.

7Dann würde ein Redlicher mit ihm rechten, und für immer würde ich entrinnen meinem Richter!

8Aber gehe ich nun vorwärts, so ist er nicht da; gehe ich zurück, so spüre ich ihn nicht.

9Ist er zur Linken, so schaue ich ihn nicht; verbirgt er sich zur Rechten, so sehe ich ihn nicht.

10Er aber kennt meinen Weg gut. Er prüfe mich, so will ich erfunden werden wie das Gold.

11Denn ich hielt meinen Fuß auf seiner Bahn und bewahrte seinen Weg und wich nicht ab

12und übertrat nicht das Gebot seiner Lippen und bewahrte die Reden seines Mundes bei mir.

13Doch er ist der Eine – wer will ihm wehren? Und er macht's, wie er will.

14Ja, er wird vollenden, was mir bestimmt ist, und hat noch mehr derart im Sinn.

15Darum erschrecke ich vor seinem Angesicht, und wenn ich darüber nachdenke, so fürchte ich mich vor ihm.

16Gott ist's, der mein Herz mutlos gemacht, und der Allmächtige, der mich erschreckt hat;

17denn nicht der Finsternis wegen muss ich schweigen, und nicht, weil Dunkel mein Angesicht deckt.

241Warum sind von dem Allmächtigen nicht Zeiten vorbehalten, und warum sehen, die ihn kennen, seine Tage nicht?

2Die Gottlosen verrücken die Grenzen, rauben die Herde und weiden sie.

3Sie treiben den Esel der Waisen weg und nehmen das Rind der Witwe zum Pfande.

4Sie stoßen die Armen vom Wege, und die Elenden im Lande müssen sich verkriechen.

5Siehe, sie sind wie Wildesel: In der Wüste gehen sie an ihr Werk und suchen Nahrung in der Einöde als Speise für ihre Kinder.

6Sie ernten des Nachts auf dem Acker und halten Nachlese im Weinberg des Gottlosen.

7Sie liegen in der Nacht nackt ohne Gewand und haben keine Decke im Frost.

8Sie triefen vom Regen in den Bergen; sie müssen sich an die Felsen drücken, weil sie sonst keine Zuflucht haben.

9Man reißt das Waisenkind von der Mutterbrust und nimmt den Säugling der Armen zum Pfande.

10Nackt gehen sie einher ohne Kleider, und hungrig tragen sie Garben.

11Gleich in den Gärten pressen sie Öl, sie treten die Kelter und leiden doch Durst.

12Fern der Stadt seufzen Sterbende, und die Seele der Säuglinge schreit. Doch Gott achtet nicht darauf!

13Sie sind Feinde des Lichts geworden, kennen Gottes Weg nicht und bleiben nicht auf seinen Pfaden.

14Wenn der Tag anbricht, steht der Mörder auf und erwürgt den Elenden und Armen, und des Nachts schleicht der Dieb.

15Das Auge des Ehebrechers lauert auf das Dunkel, und er denkt: »Mich sieht kein Auge!«, und verdeckt sein Antlitz.

16Im Finstern bricht man in die Häuser ein; am Tage verbergen sie sich und scheuen alle das Licht.

17Ja, als Morgen gilt ihnen allen die Finsternis, denn sie sind bekannt mit den Schrecken der Finsternis.

18Er fährt leicht wie auf dem Wasser dahin, verflucht wird sein Acker im Lande, und man wendet sich seinem Weinberg nicht zu.

19Der Tod nimmt weg die da sündigen, wie die Hitze und Dürre das Schneewasser verzehrt.

20Der Mutterschoß vergisst ihn; die Würmer laben sich an ihm. An ihn denkt man nicht mehr; so zerbricht Frevel wie Holz.

21Er hat bedrückt die Unfruchtbare, die nicht gebar, und hat der Witwe nichts Gutes getan.

22Gott rafft die Gewalttätigen hin durch seine Kraft; steht er auf, so müssen sie am Leben verzweifeln.

23Er gibt ihnen, dass sie sicher sind und eine Stütze haben, doch seine Augen wachen über ihren Wegen.

24Sie sind hoch erhöht; aber nach einer kleinen Weile sind sie nicht mehr da; sie sinken hin und werden hinweggerafft wie alle; wie die Spitzen der Ähren werden sie abgeschnitten.

25Ist's nicht so? Wer will mich Lügen strafen und erweisen, dass meine Rede nichts sei?

Bildads letzte Rede

251Da antwortete Bildad von Schuach und sprach:

2Herrschaft und Schrecken ist bei ihm, der Frieden schafft in seinen Höhen.

3Wer will seine Scharen zählen? Und über wem geht sein Licht nicht auf?

4Und wie kann ein Mensch gerecht sein vor Gott? Und wie kann rein sein ein vom Weibe Geborener?

5Siehe, auch der Mond scheint nicht hell, und die Sterne sind nicht rein vor seinen Augen –

6wie viel weniger der Mensch, eine Made, und das Menschenkind, ein Wurm!

Hiobs dritte Antwort an Bildad

261Hiob antwortete und sprach:

2Wie sehr stehst du dem bei, der keine Kraft hat, hilfst du dem, der keine Stärke in den Armen hat!

3Wie gibst du Rat dem, der keine Weisheit hat, und lehrst ihn Einsicht in Fülle!

4Mit wessen Hilfe redest du? Und wessen Geist geht von dir aus?

5Die Schatten drunten erbeben, das Wasser und die darin wohnen.

6Das Totenreich ist aufgedeckt vor ihm, und der Abgrund hat keine Decke.

7Er spannt den Norden aus über dem Leeren und hängt die Erde über das Nichts.

8Er fasst das Wasser zusammen in seine Wolken, und die Wolken zerreißen darunter nicht.

9Er verhüllt seinen Thron und breitet seine Wolken davor.

10Er hat am Rande des Wassers eine Grenze gezogen, wo Licht und Finsternis sich scheiden.

11Die Säulen des Himmels zittern und entsetzen sich vor seinem Schelten.

12Durch seine Kraft hat er das Meer erregt, und durch seine Einsicht hat er Rahab zerschmettert.

13Am Himmel wurde es schön durch seinen Wind, und seine Hand durchbohrte die flüchtige Schlange.

14Siehe, das sind nur die Enden seiner Wege, und nur ein leises Wörtlein davon haben wir vernommen. Wer will aber den Donner seiner Macht verstehen?

271Und Hiob fuhr fort mit seinem Spruch und sprach:

2So wahr Gott lebt, der mir mein Recht verweigert, und der Allmächtige, der meine Seele betrübt

3– solange noch mein Odem in mir ist und der Hauch von Gott in meiner Nase –:

4Meine Lippen reden nichts Unrechtes, und meine Zunge sagt keinen Betrug.

5Das sei ferne von mir, dass ich euch Recht gebe; bis mein Ende kommt, will ich nicht weichen von meiner Unschuld.

6An meiner Gerechtigkeit halte ich fest und lasse sie nicht; mein Gewissen beißt mich nicht wegen eines meiner Tage.

7Meinem Feind soll es gehen wie dem Gottlosen und dem, der sich gegen mich auflehnt, wie dem Ungerechten.

8Denn was ist die Hoffnung des Ruchlosen, wenn Gott mit ihm ein Ende macht und seine Seele von ihm fordert?

9Meinst du, dass Gott sein Schreien hören wird, wenn die Angst über ihn kommt?

10Oder kann er an dem Allmächtigen seine Lust haben und Gott allezeit anrufen?

11Ich will euch über Gottes Tun belehren, und wie der Allmächtige gesinnt ist, will ich nicht verhehlen.

12Siehe, ihr habt es selber gesehen; warum bringt ihr dann so unnütze Dinge vor?

13Das ist der Lohn eines gottlosen Menschen bei Gott und das Erbe der Tyrannen, das sie vom Allmächtigen bekommen:

14Werden seine Söhne groß, so werden sie eine Beute des Schwerts; und seine Nachkommen werden an Brot nicht satt.

15Die ihm übrig bleiben, wird der Tod ins Grab bringen, und seine Witwen werden nicht weinen.

16Wenn er Geld zusammenbringt wie Staub und schafft Kleider an, wie man Lehm aufhäuft,

17so wird er's zwar anschaffen, aber der Gerechte wird's anziehen, und dem Unschuldigen wird das Geld zuteil.

18Er baut sein Haus wie eine Spinne und wie ein Wächter eine Hütte macht.

19Reich legt er sich nieder, aber wird's nicht noch einmal tun können; tut er seine Augen auf, dann ist nichts mehr da.

20Es wird ihn Schrecken überfallen wie Wasserfluten; des Nachts nimmt ihn der Sturmwind fort.

21Der Ostwind wird ihn wegführen, dass er dahinfährt, und wird ihn von seinem Ort hinwegwehen.

22Das wird er über ihn bringen und ihn nicht schonen; vor seiner Gewalt muss er immer wieder fliehen.

23Man wird über ihn mit den Händen klatschen und über ihn zischen, wo er gewesen ist.

Das Lied von der Weisheit Gottes

281Es hat das Silber seine Gänge und das Gold seinen Ort, wo man es läutert.

2Eisen bringt man aus der Erde, und aus dem Gestein schmilzt man Kupfer.

3Man macht der Finsternis ein Ende, und bis ins Letzte erforscht man das Gestein, das im Dunkel tief verborgen liegt.

4Man bricht einen Schacht fern von da, wo man wohnt; vergessen, ohne Halt für den Fuß, hängen und schweben sie, fern von den Menschen.

5Man zerwühlt wie Feuer unten die Erde, auf der doch oben das Brot wächst.

6Man findet Saphir in ihrem Gestein, und es birgt Goldstaub.

7Den Steig dahin hat kein Geier erkannt und kein Falkenauge gesehen.

8Das stolze Wild hat ihn nicht betreten, und kein Löwe ist darauf gegangen.

9Auch legt man die Hand an die Felsen und gräbt die Berge von Grund aus um.

10Man bricht Stollen durch die Felsen, und alles, was kostbar ist, sieht das Auge.

11Man wehrt dem Tröpfeln des Wassers und bringt, was verborgen ist, ans Licht.

12Wo will man aber die Weisheit finden? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

13Niemand weiß, was sie wert ist, und sie wird nicht gefunden im Lande der Lebendigen.

14Die Tiefe spricht: »In mir ist sie nicht«; und das Meer spricht: »Bei mir ist sie auch nicht.«

15Man kann nicht Gold für sie geben noch Silber darwägen, sie zu bezahlen.

16Ihr gleicht nicht Gold von Ofir oder kostbarer Onyx und Saphir.

17Gold und edles Glas kann man ihr nicht gleichachten noch sie eintauschen um güldnes Kleinod.

18Korallen und Kristall achtet man gegen sie nicht; wer Weisheit erwirbt, hat mehr als Perlen.

19Topas aus Kusch wird ihr nicht gleichgeschätzt, und das reinste Gold wiegt sie nicht auf.

20Woher kommt denn die Weisheit? Und wo ist die Stätte der Einsicht?

21Sie ist verhüllt vor den Augen aller Lebendigen, auch verborgen den Vögeln unter dem Himmel.

22Der Abgrund und der Tod sprechen: »Wir haben mit unsern Ohren nur ein Gerücht von ihr gehört.«

23Gott weiß den Weg zu ihr, er allein kennt ihre Stätte.

24Denn er sieht die Enden der Erde und schaut alles, was unter dem Himmel ist.

25Als er dem Wind sein Gewicht gegeben und dem Wasser sein Maß gesetzt,

26als er dem Regen ein Gesetz gegeben hat und dem Blitz und Donner den Weg:

27damals schon sah er sie und verkündigte sie, bereitete sie und ergründete sie

28und sprach zum Menschen: Siehe, die Furcht des Herrn, das ist Weisheit, und meiden das Böse, das ist Einsicht.

Hiobs früheres Glück

291Und Hiob hob abermals an mit seinem Spruch und sprach:

2O dass ich wäre wie in den früheren Monden, in den Tagen, da Gott mich behütete,

3da seine Leuchte über meinem Haupt schien und ich bei seinem Licht durch die Finsternis ging!

4Wie war ich in der Blüte meines Lebens, als Gottes Freundschaft über meiner Hütte war,

5als der Allmächtige noch mit mir war und meine Kinder um mich her,

6als ich meine Tritte wusch in Milch und die Felsen Ölbäche ergossen!

7Wenn ich ausging zum Tor der Stadt und meinen Platz auf dem Markt einnahm,

8dann sahen mich die Jungen und verbargen sich scheu, und die Alten standen vor mir auf,

9die Oberen hörten auf zu reden und legten ihre Hand auf ihren Mund,

10die Fürsten hielten ihre Stimme zurück, und ihre Zunge klebte an ihrem Gaumen.

11Denn wessen Ohr mich hörte, der pries mich glücklich, und wessen Auge mich sah, der rühmte mich.

12Denn ich errettete den Armen, der da schrie, und die Waise, die keinen Helfer hatte.

13Der Segen des Verlassenen kam über mich, und ich erfreute das Herz der Witwe.

14Gerechtigkeit war mein Kleid, das ich anzog, und mein Recht war mir Mantel und Kopfbund.

15Ich war des Blinden Auge und des Lahmen Fuß.

16Ich war ein Vater der Armen, und der Sache des Unbekannten nahm ich mich an.

17Ich zerbrach die Kinnbacken des Ungerechten und riss ihm den Raub aus den Zähnen.

18Ich dachte: Ich werde in meinem Nest verscheiden und meine Tage so zahlreich machen wie Sand am Meer;

19meine Wurzel reiche zum Wasser hin, und der Tau bleibe auf meinen Zweigen;

20meine Ehre bleibe immer frisch bei mir, und mein Bogen sei immer stark in meiner Hand.

21Sie hörten mir zu und schwiegen und warteten auf meinen Rat.

22Nach meinen Worten redete niemand mehr, und meine Rede troff auf sie nieder.

23Sie warteten auf mich wie auf den Regen und sperrten ihren Mund auf wie nach Spätregen.

24Wenn ich ihnen zulachte, so fassten sie Vertrauen, und das Licht meines Angesichts tröstete die Trauernden.

25Wenn ich zu ihnen kommen wollte, so musste ich obenan sitzen und thronte wie ein König unter der Schar.

Hiobs jetziges Unglück

301Jetzt aber verlachen mich, die jünger sind als ich, deren Väter ich nicht wert geachtet hätte, sie zu meinen Hunden bei der Herde zu stellen,

2deren Stärke ich für nichts hielt, denen die Kraft dahinschwand;

3die vor Hunger und Mangel erschöpft sind, die das dürre Land abnagen, die Wüste und Einöde;

4die da Melde sammeln bei den Büschen, und Ginsterwurzel ist ihre Speise.

5Aus der Menschen Mitte werden sie weggetrieben; man schreit ihnen nach wie einem Dieb;

6an den Hängen der Täler wohnen sie, in den Löchern der Erde und in Steinklüften;

7zwischen den Büschen schreien sie, und unter den Disteln sammeln sie sich –

8gottloses Volk und Leute ohne Namen, die man aus dem Lande weggejagt hatte.

9Jetzt bin ich ihr Spottlied geworden und muss ihnen zum Gerede dienen.

10Sie verabscheuen mich und halten sich ferne von mir und scheuen sich nicht, vor meinem Angesicht auszuspeien.

11Er hat mein Seil gelöst und mich gedemütigt und den Zaum weggetan, an dem er mich hielt.

12Zur Rechten hat sich eine Schar gegen mich erhoben, sie haben meinen Fuß weggestoßen und haben gegen mich Wege angelegt, mich zu verderben.

13Sie haben meine Pfade aufgerissen, zu meinem Fall helfen sie; keiner gebietet ihnen Einhalt.

14Sie kommen wie durch eine breite Bresche herein, wälzen sich unter den Trümmern heran.

15Schrecken hat sich gegen mich gekehrt und hat verjagt wie der Wind meine Herrlichkeit, und wie eine Wolke zog mein Glück vorbei.

16Jetzt aber zerfließt meine Seele in mir, und Tage des Elends haben mich ergriffen.

17Des Nachts bohrt es in meinem Gebein, und die Schmerzen, die an mir nagen, schlafen nicht.

18Mit aller Gewalt wird mein Kleid entstellt, wie der Kragen meines Hemdes würgt es mich.

19Man hat mich in den Dreck geworfen, dass ich gleich bin dem Staub und der Asche.

20Ich schreie zu dir, aber du antwortest mir nicht; ich stehe da, aber du achtest nicht auf mich.

21Du hast dich mir verwandelt in einen Grausamen und streitest gegen mich mit der Stärke deiner Hand.

22Du hebst mich auf und lässt mich auf dem Winde dahinfahren und vergehen im Sturm.

23Denn ich weiß, du wirst mich zum Tod gehen lassen, zum Haus, da alle Lebendigen zusammenkommen.

24Aber wird man nicht die Hand ausstrecken unter Trümmern und nicht schreien in der Not?

25Ich weinte ja über die harte Zeit, und meine Seele grämte sich über das Elend.

26Ich wartete auf das Gute, und es kam das Böse; ich hoffte auf Licht, und es kam Finsternis.

27In mir kocht es und hört nicht auf; mich haben überfallen Tage des Elends.

28Ich gehe schwarz einher, doch nicht von der Sonne; ich stehe auf in der Gemeinde und schreie.

29Ich bin ein Bruder der Schakale geworden und ein Geselle der Strauße.

30Meine Haut ist schwarz geworden und löst sich ab von mir, und meine Gebeine sind verdorrt vor hitzigem Fieber.

31Mein Harfenspiel ist zur Klage geworden und mein Flötenspiel zum Trauerlied.

Hiobs Reinigungseid und Appell an Gott

311Ich hatte einen Bund gemacht mit meinen Augen, dass ich nicht lüstern blickte auf eine Jungfrau.

2Was gäbe sonst mir Gott als Teil von oben und was für ein Erbe der Allmächtige aus der Höhe?

3Wäre es nicht Verderben für den Ungerechten und Unglück für den Übeltäter?

4Sieht er nicht meine Wege und zählt alle meine Schritte?

5Bin ich gewandelt in Falschheit, oder ist mein Fuß geeilt zum Betrug?

6Gott möge mich wiegen auf rechter Waage, so wird er erkennen meine Unschuld!

7Ist mein Gang gewichen vom Wege und mein Herz meinen Augen nachgefolgt und blieb etwas hängen an meinen Händen,

8so will ich säen, aber ein anderer soll es essen, und was mir gewachsen ist, soll entwurzelt werden.

9Hat sich mein Herz betören lassen um einer Frau willen und hab ich an meines Nächsten Tür gelauert,

10so soll meine Frau einem andern mahlen, und andere sollen sich über sie beugen.

11Denn das ist eine Schandtat und eine Schuld, die vor die Richter gehört.

12Ja, das ist ein Feuer, das bis in den Abgrund frisst und all meine Habe bis auf die Wurzel vernichtet.

13Hab ich missachtet das Recht meines Knechts oder meiner Magd, wenn sie eine Sache wider mich hatten,

14was wollte ich tun, wenn Gott sich erhebt, und was würde ich antworten, wenn er nachforscht?

15Hat nicht auch ihn erschaffen, der mich im Mutterleibe schuf, hat nicht der Eine uns im Mutterschoß bereitet?

16Hab ich den Bedürftigen ihr Begehren versagt und die Augen der Witwe verschmachten lassen?

17Hab ich meinen Bissen allein gegessen, und hat nicht die Waise auch davon gegessen?

18Nein, ich habe sie von Jugend auf gehalten wie ein Vater, und ich habe sie von Mutterleib an geleitet.

19Hab ich zugesehen, wie jemand ohne Kleid verkommen ist, und den Armen ohne Decke gehen lassen?

20Hat er mich nicht gesegnet, wenn er von der Wolle meiner Lämmer erwärmt wurde?

21Hab ich meine Hand gegen eine Waise erhoben, weil ich sah, dass ich im Tor Helfer hatte,

22so falle meine Schulter vom Nacken und mein Arm breche aus dem Gelenk!

23Denn ich müsste Gottes Strafe über mich fürchten und könnte seine Hoheit nicht ertragen.

24Hab ich das Gold zu meiner Zuversicht gemacht und zum Feingold gesagt: »Mein Trost«?

25Hab ich mich gefreut, dass ich großes Gut besaß und meine Hand so viel erworben hatte?

26Hab ich das Licht angesehen, wenn es hell leuchtete, und den Mond, wenn er herrlich dahinzog,

27dass mich mein Herz heimlich betört hätte, ihnen Küsse zuzuwerfen mit meiner Hand?

28Das wäre auch eine Missetat, die vor die Richter gehört; denn damit hätte ich verleugnet Gott in der Höhe.

29Hab ich mich gefreut, wenn's meinem Feinde übel ging, und mich erhoben, weil ihn Unglück getroffen hatte?

30Nein, ich ließ meinen Mund nicht sündigen, dass ich verwünschte mit einem Fluch seine Seele.

31Haben nicht die Männer in meinem Zelt sagen müssen: »Wo ist einer, der nicht satt geworden wäre von seinem Fleisch?«

32Kein Fremder durfte draußen zur Nacht bleiben, sondern meine Tür tat ich dem Wanderer auf.

33Hab ich meine Übertretungen, wie Menschen tun, zugedeckt, um heimlich meine Schuld zu verbergen,

34weil ich mir grauen ließ vor der großen Menge und die Verachtung der Sippen mich abgeschreckt hat, sodass ich still blieb und nicht zur Tür hinausging?

35O hätte ich einen, der mich anhört – hier meine Unterschrift! Der Allmächtige antworte mir! –, oder die Schrift, die mein Verkläger geschrieben!

36Wahrlich, dann wollte ich sie auf meine Schulter nehmen und wie eine Krone tragen.

37Ich wollte alle meine Schritte ihm ansagen und wie ein Fürst ihm nahen.

38Hat mein Acker wider mich geschrien und haben miteinander seine Furchen geweint,

39hab ich seine Früchte unbezahlt gegessen und seinen Ackerleuten das Leben sauer gemacht,

40bDie Worte Hiobs haben ein Ende.

40b Die Worte Hiobs haben ein Ende.

Die Reden des Elihu (Kapitel 32,1–37,24)

Elihus erste Rede

321Da hörten die drei Männer auf, Hiob zu antworten, weil er sich für gerecht hielt.

2Aber Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, aus dem Geschlecht Ram, ward zornig. Er ward zornig über Hiob, weil er sich selber für gerechter hielt als Gott.

3Auch ward er zornig über seine drei Freunde, weil sie keine Antwort fanden und doch Hiob verdammten.

4Elihu aber hatte gewartet, bis sie mit Hiob geredet hatten, weil sie älter waren als er.

5Als Elihu nun sah, dass keine Antwort war im Munde der drei Männer, ward er zornig.

6Und Elihu, der Sohn Barachels des Busiters, hob an und sprach:

Ich bin jung an Jahren, ihr aber seid alt; darum hab ich mich gescheut und gefürchtet, mein Wissen euch kundzutun.

7Ich dachte: Lass das Alter reden, und die Menge der Jahre lass Weisheit beweisen.

8Aber der Geist ist es in den Menschen und der Odem des Allmächtigen, der sie verständig macht.

9Die Betagten sind nicht die Weisesten, und die Alten verstehen nicht, was das Rechte ist.

10Darum sage ich: Hört mir zu; auch ich will mein Wissen kundtun.

11Siehe, ich habe gewartet, bis ihr geredet hattet; ich habe aufgemerkt auf eure Einsicht, bis ihr die rechten Worte treffen würdet,

12und habe Acht gehabt auf euch; aber siehe, da war keiner unter euch, der Hiob zurechtwies oder seiner Rede antwortete.

13Sagt nur nicht: »Wir haben Weisheit gefunden; Gott muss ihn schlagen und nicht ein Mensch.«

14Mich haben seine Worte nicht getroffen, und mit euren Reden will ich ihm nicht antworten.

15Ach! Betroffen stehen sie da und können nicht mehr antworten; sie wissen nichts mehr zu sagen.

16Und da soll ich warten, weil sie nicht mehr reden, weil sie dastehen und nicht mehr antworten?

17Auch ich will mein Teil antworten und will mein Wissen kundtun!

18Denn ich bin voll von Worten, weil mich der Geist in meinem Inneren bedrängt.

19Siehe, mein Inneres ist wie der Most, den man nicht herauslässt und der die neuen Schläuche zerreißt.

20Ich muss reden, dass ich mir Luft mache, ich muss meine Lippen auftun und antworten.

21Vor mir soll kein Ansehen der Person gelten, und ich will keinem Menschen schmeicheln.

22Denn ich weiß nicht zu schmeicheln; sonst würde mich mein Schöpfer bald dahinraffen.

331Höre doch, Hiob, meine Rede und merke auf alle meine Worte!

2Siehe, ich tue meinen Mund auf, und meine Zunge redet in meinem Munde.

3Mein Herz spricht aufrichtige Worte, und meine Lippen reden lautere Erkenntnis.

4Der Geist Gottes hat mich gemacht, und der Odem des Allmächtigen hat mir das Leben gegeben.

5Kannst du, so antworte mir; rüste dich gegen mich und stelle dich.

6Siehe, vor Gott bin ich wie du, und aus Erde bin auch ich gemacht.

7Siehe, du brauchst vor mir nicht zu erschrecken, und mein Drängen soll nicht auf dir lasten.

8Du hast geredet vor meinen Ohren, den Ton deiner Reden höre ich noch:

9»Ich bin rein, ohne Missetat, unschuldig und habe keine Sünde.

10Siehe, Gott erfindet Vorwürfe wider mich, er betrachtet mich als seinen Feind;

11er hat meine Füße in den Block gelegt und hat Acht auf alle meine Wege.«

12Siehe, darin hast du nicht Recht, muss ich dir antworten; denn Gott ist mehr als ein Mensch.

13Warum willst du mit ihm hadern, weil er auf Menschenworte nicht Antwort gibt?

14Denn auf eine Weise redet Gott und auf eine zweite; nur beachtet man's nicht.

15Im Traum, im Nachtgesicht, wenn der Schlaf auf die Menschen fällt, wenn sie schlafen auf dem Bett,

16da öffnet er das Ohr der Menschen und schreckt sie auf und warnt sie,

17damit er den Menschen von seinem Vorhaben abwende und von ihm die Hoffart tilge

18und bewahre seine Seele vor dem Verderben und sein Leben vor des Todes Geschoss.

19Auch warnt er ihn durch Schmerzen auf seinem Bett und durch heftigen Kampf in seinen Gliedern

20und richtet ihm sein Leben so zu, dass ihm vor der Speise ekelt, und seine Seele, dass sie nicht Lust hat zu essen.

21Sein Fleisch schwindet dahin, dass man's nicht ansehen kann, und seine Knochen stehen heraus, dass man lieber wegsieht;

22so nähert er sich der Grube und sein Leben den Toten.

23Kommt dann zu ihm ein Engel, ein Mittler, einer aus tausend, kundzutun dem Menschen, was für ihn recht ist,

24so wird er ihm gnädig sein und sagen: »Erlöse ihn, dass er nicht hinunterfahre zu den Toten; denn ich habe ein Lösegeld gefunden.

25Sein Fleisch blühe wieder wie in der Jugend, und er soll wieder jung werden.«

26Er wird Gott bitten und der wird ihm Gnade erweisen und wird ihn sein Antlitz sehen lassen mit Freuden und wird dem Menschen seine Gerechtigkeit zurückgeben.

27Er wird vor den Leuten lobsingen und sagen: »Ich hatte gesündigt und das Recht verkehrt, aber es ist mir nicht vergolten worden.

28Gott hat mich erlöst, dass ich nicht hinfahre zu den Toten, sondern mein Leben das Licht sieht.«

29Siehe, das alles tut Gott zwei- oder dreimal mit einem jeden,

30dass er sein Leben zurückhole von den Toten und erleuchte ihn mit dem Licht der Lebendigen.

31Merk auf, Hiob, und höre mir zu und schweige, damit ich reden kann!

32Hast du aber etwas zu sagen, so antworte mir. Sage an, ich will dir gern Recht geben!

33Hast du aber nichts, so höre mir zu und schweige; ich will dich Weisheit lehren.

Elihus zweite Rede

341Und Elihu hob an und sprach:

2Höret, ihr Weisen, meine Rede, und ihr Verständigen, merkt auf mich!

3Denn das Ohr prüft die Rede, wie der Gaumen die Speise schmeckt.

4Lasst uns ein Urteil finden, dass wir miteinander erkennen, was gut ist.

5Denn Hiob hat gesagt: »Ich bin gerecht, doch Gott verweigert mir mein Recht;

6ich soll lügen, obwohl ich Recht habe, und mich quält der Pfeil, der mich traf, obwohl ich doch ohne Schuld bin.«

7Wo ist so ein Mann wie Hiob, der Hohn trinkt wie Wasser

8und auf dem Wege geht mit den Übeltätern und wandelt mit den gottlosen Leuten?

9Denn er hat gesagt: »Es nützt dem Menschen nichts, wenn er Gottes Wohlgefallen sucht.«

10Darum hört mir zu, ihr weisen Männer: Es sei ferne, dass Gott sollte gottlos handeln und der Allmächtige ungerecht;

11sondern er vergilt dem Menschen, wie er verdient hat, und trifft einen jeden nach seinem Tun.

12Ohne Zweifel, Gott tut niemals Unrecht, und der Allmächtige beugt das Recht nicht.

13Wer hat ihm die Erde anvertraut? Und wer hat den ganzen Erdkreis hingestellt?

14Wenn er nur an sich dächte, seinen Geist und Odem an sich zöge,

15so würde alles Fleisch miteinander vergehen, und der Mensch würde wieder zu Staub werden.

16Hast du nun Verstand, so höre das und merke auf die Stimme meiner Reden!

17Kann denn regieren, wer das Recht hasst? Oder willst du den verdammen, der gerecht und allmächtig ist,

18der zum König sagt: »Du heilloser Mann«, und zu den Fürsten: »Ihr Gottlosen«,

19der nicht ansieht die Person der Fürsten und achtet den Vornehmen nicht mehr als den Armen? Denn sie sind alle seiner Hände Werk.

20Plötzlich müssen die Leute sterben und zu Mitternacht erschrecken und vergehen; die Mächtigen werden weggenommen ohne Menschenhand.

21Denn seine Augen sehen auf eines jeden Weg, und er schaut auf alle ihre Schritte.

22Es gibt keine Finsternis und kein Dunkel, wo sich verbergen könnten die Übeltäter.

23Denn es wird niemand gesagt, wann er vor Gott zum Gericht erscheinen muss.

24Er bringt die Stolzen um, ohne sie erst zu verhören, und stellt andere an ihre Stelle;

25denn er kennt ihre Werke und er stürzt sie des Nachts, dass sie zerschlagen werden.

26Er urteilt sie ab wie die Gottlosen an einem Ort, wo viele es sehen,

27weil sie von ihm gewichen sind und verstanden keinen seiner Wege,

28sodass das Schreien der Armen vor ihn kommen musste und er das Schreien der Elenden hörte.

29– Wenn er sich aber ruhig hält, wer will ihn verdammen? Und wenn er das Antlitz verbirgt, wer kann ihn schauen unter allen Völkern und Leuten? –

30So lässt er denn nicht einen Gottlosen regieren, der ein Fallstrick ist für das Volk.

31Wenn einer zu Gott sagt: »Ich hab's getragen, ich will kein Unrecht mehr tun;

32was ich nicht sehe, das lehre du mich; hab ich unrecht gehandelt, ich will's nicht mehr tun«,

33soll er dann nach deinem Sinn vergelten, weil du ja widerrufen hast? Denn du hast zu wählen und nicht ich, und was du erkannt, sage an!

34Verständige Leute werden zu mir sagen und ein weiser Mann, der mir zuhört:

35»Hiob redet mit Unverstand, und seine Worte sind nicht klug.«

36Oh, Hiob sollte bis zum Äußersten geprüft werden, weil er Antworten gibt wie freche Sünder.

37Denn zu seiner Sünde fügt er noch Frevel hinzu. Er treibt Spott unter uns und macht viele Worte wider Gott.

Elihus dritte Rede

351Und Elihu hob an und sprach:

2Hältst du das für recht, nennst du das »meine Gerechtigkeit vor Gott«,

3dass du sprichst: »Was nützt sie mir? Was habe ich davon, dass ich nicht sündige?«

4Ich will dir antworten ein Wort und deinen Freunden mit dir.

5Schau gen Himmel und sieh; und schau die Wolken an hoch über dir!

6Sündigst du, was kannst du ihm schaden? Und wenn deine Missetaten viel sind, was kannst du ihm tun?

7Und wenn du gerecht wärst, was kannst du ihm geben, oder was wird er von deinen Händen nehmen?

8Nur einem Menschen wie dir kann deine Bosheit etwas tun und einem Menschenkind deine Gerechtigkeit.

9Man schreit, dass viel Gewalt geschieht, und ruft um Hilfe vor dem Arm der Großen;

10aber man fragt nicht: »Wo ist Gott, mein Schöpfer, der Lobgesänge gibt in der Nacht,

11der uns klüger macht als die Tiere auf Erden und weiser als die Vögel unter dem Himmel?«

12Da schreien sie über den Hochmut der Bösen, doch er erhört sie nicht.

13Denn Gott wird Nichtiges nicht erhören, und der Allmächtige wird es nicht ansehen.

14Nun gar, wenn du sprichst, du könntest ihn nicht sehen – der Rechtsstreit liegt ihm vor, harre nur seiner!

15Aber nun, da sein Zorn nicht heimsucht und er sich um Frevel nicht viel kümmert,

16sperrt Hiob seinen Mund auf um nichts und hält stolze Reden mit Unverstand.

Elihus letzte Rede

361Elihu hob noch einmal an und sprach:

2Warte noch ein wenig, ich will dich lehren; denn ich habe noch etwas für Gott zu sagen.

3Ich will mein Wissen weit herholen und meinem Schöpfer Recht verschaffen.

4Meine Reden sind wahrlich nicht falsch; vor dir steht einer, der es wirklich weiß.

5Siehe, Gott ist mächtig und verwirft niemand; er ist mächtig an Kraft des Herzens.

6Den Gottlosen erhält er nicht am Leben, sondern hilft dem Elenden zum Recht.

7Er wendet seine Augen nicht von dem Gerechten, sondern mit Königen auf dem Thron lässt er sie sitzen immerdar, dass sie groß werden.

8Und wenn sie gefangen liegen in Ketten und elend, gebunden mit Stricken,

9so hält er ihnen vor, was sie getan haben, und ihre Sünden, dass sie sich überhoben haben,

10und öffnet ihnen das Ohr zur Warnung und sagt ihnen, dass sie sich von dem Unrecht bekehren sollen.

11Gehorchen sie und dienen ihm, so werden sie bei guten Tagen alt werden und glücklich leben.

12Gehorchen sie nicht, so werden sie dahinfahren durch des Todes Geschoss und vergehen in Unverstand.

13Die Ruchlosen verhärten sich im Zorn. Sie flehen nicht, auch wenn er sie gefangen legt;

14so wird ihre Seele in der Jugend sterben und ihr Leben unter den Hurern im Tempel.

15Aber den Elenden wird er durch sein Elend erretten und ihm das Ohr öffnen durch Trübsal.

16So reißt er auch dich aus dem Rachen der Angst in einen weiten Raum, wo keine Bedrängnis mehr ist; und an deinem Tische, voll von allem Guten, wirst du Ruhe haben.

17Wenn du aber richtest wie ein Gottloser, so halten dich Gericht und Recht fest.

18Sieh zu, dass nicht dein Zorn dich verlockt oder die Menge des Lösegeldes dich verleitet.

19Wird dein Geschrei dich aus der Not bringen oder alle kräftigen Anstrengungen?

20Sehne dich nicht nach der Nacht, die Völker wegnimmt von ihrer Stätte!

21Hüte dich und kehre dich nicht zum Unrecht, denn Unrecht wählst du lieber als Elend!

22Siehe, Gott ist groß in seiner Kraft; wo ist ein Lehrer, wie er ist?

23Wer will ihm weisen seinen Weg, und wer will zu ihm sagen: »Du tust Unrecht«?

24Denk daran, dass du sein Werk preisest, von dem die Menschen singen.

25Denn alle Menschen schauen danach aus, aber sie sehen's nur von ferne.

26Siehe, Gott ist groß und unbegreiflich; die Zahl seiner Jahre kann niemand erforschen.

27Er zieht empor die Wassertropfen und treibt seine Wolken zusammen zum Regen,

28dass die Wolken überfließen und Regen senden auf die Menge der Menschen.

29Wer versteht, wie er die Wolken türmt und donnern lässt aus seinem Gezelt?

30Siehe, er breitet sein Licht um sich und bedeckt alle Tiefen des Meeres.

31Denn damit regiert er die Völker und gibt Speise die Fülle.

32Er bedeckt seine Hände mit Blitzen und bietet sie auf gegen den, der ihn angreift.

33Ihn kündet an sein Donnern, wenn er mit Zorn eifert gegen den Frevel.

371Darüber entsetzt sich mein Herz und fährt bebend hoch.

2O hört doch, wie sein Donner rollt und was für Gedröhn aus seinem Munde geht!

3Er lässt ihn hinfahren unter dem ganzen Himmel und seinen Blitz über die Enden der Erde.

4Ihm nach brüllt der Donner, und er donnert mit seinem großen Schall; und wenn sein Donner gehört wird, hält er die Blitze nicht zurück.

5Gott donnert mit seinem Donner wunderbar und tut große Dinge, die wir nicht begreifen.

6Er spricht zum Schnee: »Falle zur Erde!«, und zum Platzregen, so ist der Platzregen da mit Macht.

7So legt er alle Menschen unter Siegel, dass die Leute erkennen, was er tun kann.

8Die wilden Tiere gehen in die Höhle und legen sich auf ihr Lager.

9Aus seinen Kammern kommt der Sturm und von Norden her die Kälte.

10Vom Odem Gottes kommt Eis, und die weiten Wasser liegen erstarrt.

11Die Wolken beschwert er mit Wasser, und aus der Wolke bricht sein Blitz.

12Er kehrt die Wolken, wohin er will, dass sie alles tun, was er ihnen gebietet auf dem Erdkreis:

13Zur Züchtigung für ein Land oder zum Segen lässt er sie kommen.

14Das vernimm, Hiob, steh still und merke auf die Wunder Gottes!

15Weißt du, wie Gott ihnen Weisung gibt und wie er das Licht aus seinen Wolken hervorbrechen lässt?

16Weißt du, wie die Wolken schweben, die Wunder des Allwissenden?

17Du, dem schon die Kleider heiß werden, wenn das Land still liegt unterm Südwind,

18kannst du gleich ihm die Wolkendecke ausbreiten, die fest ist wie ein gegossener Spiegel?

19Zeige uns, was wir ihm sagen sollen; denn wir können nichts vorbringen vor Finsternis.

20Wenn jemand redet, muss es ihm gesagt werden? Hat je ein Mensch gesagt, er wolle vernichtet werden?

21Eben sah man das Licht nicht, das hinter den Wolken hell leuchtet; als aber der Wind daherfuhr, da wurde es klar.

22Von Norden kommt goldener Schein; um Gott her ist schrecklicher Glanz.

23Den Allmächtigen erreichen wir nicht, der so groß ist an Kraft und reich an Gerechtigkeit. Das Recht beugt er nicht.

24Darum sollen ihn die Menschen fürchten, und er sieht keinen an, wie weise sie auch sind.

Die Antwort Gottes (Kapitel 38,1–42,17)

Die erste Rede des HERRN aus dem Wettersturm

381Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

2Wer ist's, der den Ratschluss verdunkelt mit Worten ohne Verstand?

3Gürte deine Lenden wie ein Mann! Ich will dich fragen, lehre mich!

4Wo warst du, als ich die Erde gründete? Sage mir's, wenn du so klug bist!

5Weißt du, wer ihr das Maß gesetzt hat oder wer über sie die Richtschnur gezogen hat?

6Worauf sind ihre Pfeiler eingesenkt, oder wer hat ihren Eckstein gelegt,

7als mich die Morgensterne miteinander lobten und jauchzten alle Gottessöhne?

8Wer hat das Meer mit Toren verschlossen, als es herausbrach wie aus dem Mutterschoß,

9als ich's mit Wolken kleidete und in Dunkel einwickelte wie in Windeln,

10als ich ihm seine Grenze bestimmte mit meinem Damm und setzte ihm Riegel und Tore

11und sprach: »Bis hierher sollst du kommen und nicht weiter; hier sollen sich legen deine stolzen Wellen!«?

12Hast du zu deiner Zeit dem Morgen geboten und der Morgenröte ihren Ort gezeigt,

13damit sie die Ecken der Erde fasste und die Gottlosen herausgeschüttelt würden?

14Sie wandelt sich wie Ton unter dem Siegel und färbt sich bunt wie ein Kleid.

15Und den Gottlosen wird ihr Licht genommen und der erhobene Arm zerbrochen werden.

16Bist du zu den Quellen des Meeres gekommen und auf dem Grund der Tiefe gewandelt?

17Haben sich dir des Todes Tore je aufgetan, oder hast du gesehen die Tore der Finsternis?

18Hast du erkannt, wie breit die Erde ist? Sage an, weißt du das alles?

19Welches ist der Weg dahin, wo das Licht wohnt, und welches ist die Stätte der Finsternis,

20dass du sie zu ihrem Gebiet bringen könntest und kennen die Pfade zu ihrem Hause?

21Du weißt es ja, denn zu der Zeit wurdest du geboren, und deine Tage sind sehr viel!

22Bist du gewesen, wo der Schnee herkommt, oder hast du gesehen, wo der Hagel herkommt,

23die ich verwahrt habe für die Zeit der Trübsal und für den Tag des Streites und Krieges?

24Welches ist der Weg dahin, wo das Licht sich teilt und der Ostwind hinfährt über die Erde?

25Wer hat dem Platzregen seine Bahn gebrochen und den Weg dem Blitz und Donner,

26dass es regnet aufs Land, wo niemand ist, in der Wüste, wo kein Mensch ist,

27damit Einöde und Wildnis gesättigt werden und das Gras wächst?

28Wer ist des Regens Vater? Wer hat die Tropfen des Taus gezeugt?

29Aus wessen Schoß geht das Eis hervor, und wer hat den Reif unter dem Himmel gezeugt,

30dass Wasser sich zusammenzieht wie Stein und der Wasserspiegel gefriert?

31Kannst du die Bande des Siebengestirns zusammenbinden oder den Gürtel des Orion auflösen?

32Kannst du die Sterne des Tierkreises aufgehen lassen zur rechten Zeit oder die Bärin samt ihren Jungen heraufführen?

33Weißt du des Himmels Ordnungen, oder bestimmst du seine Herrschaft über die Erde?

34Kannst du deine Stimme zu der Wolke erheben, damit dich die Menge des Wassers überströme?

35Kannst du die Blitze aussenden, dass sie hinfahren und sprechen zu dir: »Hier sind wir«?

36Wer gibt die Weisheit in das Verborgene? Wer gibt verständige Gedanken?

37Wer ist so weise, dass er die Wolken zählen könnte? Wer kann die Wasserschläuche am Himmel ausschütten,

38wenn der Erdboden hart wird, als sei er gegossen, und die Schollen fest aneinander kleben?

39Kannst du der Löwin ihren Raub zu jagen geben und die jungen Löwen sättigen,

40wenn sie sich legen in ihren Höhlen und lauern in ihrem Versteck?

41Wer bereitet dem Raben die Speise, wenn seine Jungen zu Gott rufen und irrefliegen, weil sie nichts zu essen haben?

391Weißt du die Zeit, wann die Gämsen gebären, oder hast du aufgemerkt, wann die Hirschkühe kreißen?

2Zählst du die Monde, die sie erfüllen müssen, oder weißt du die Zeit, wann sie gebären?

3Sie kauern sich nieder, werfen ihre Jungen und werden los ihre Wehen.

4Ihre Jungen werden stark und groß im Freien und gehen davon und kommen nicht wieder zu ihnen.

5Wer hat dem Wildesel die Freiheit gegeben, wer hat die Bande des Flüchtigen gelöst,

6dem ich die Steppe zum Hause gegeben habe und die Salzwüste zur Wohnung?

7Er verlacht das Lärmen der Stadt, die Schreie des Treibers hört er nicht;

8er durchstreift die Berge, wo seine Weide ist, und sucht, wo es grün ist.

9Meinst du, der Wildstier wird dir dienen wollen und wird bleiben an deiner Krippe?

10Kannst du ihm das Seil anknüpfen, um Furchen zu machen, oder wird er hinter dir in den Tälern den Pflug ziehen?

11Kannst du dich auf ihn verlassen, weil er so stark ist, und überlässt du ihm, was du erarbeitet hast?

12Kannst du ihm trauen, dass er dein Korn einbringt und in deine Scheune sammelt?

13Der Fittich der Straußin hebt sich fröhlich; aber ist's ein Gefieder, das sorgsam birgt?

14Lässt sie doch ihre Eier auf der Erde liegen zum Ausbrüten auf dem Boden

15und vergisst, dass ein Fuß sie zertreten und ein wildes Tier sie zerbrechen kann!

16Sie ist so hart gegen ihre Jungen, als wären es nicht ihre; es kümmert sie nicht, dass ihre Mühe umsonst war.

17Denn Gott hat ihr die Weisheit versagt und hat ihr keinen Verstand zugeteilt.

18Doch wenn sie aufgescheucht wird, verlacht sie Ross und Reiter.

19Kannst du dem Ross Kräfte geben oder seinen Hals zieren mit einer Mähne?

20Kannst du es springen lassen wie die Heuschrecken? Schrecklich ist sein prächtiges Schnauben.

21Es stampft auf den Boden und freut sich, mit Kraft zieht es aus, den Geharnischten entgegen.

22Es spottet der Furcht und erschrickt nicht und flieht nicht vor dem Schwert.

23Auf ihm klirrt der Köcher und glänzen Spieß und Lanze.

24Mit Donnern und Tosen fliegt es über die Erde dahin und lässt sich nicht halten beim Schall der Trompete.

25Sooft die Trompete erklingt, wiehert es »Hui!« und wittert den Kampf von ferne, das Rufen der Fürsten und Kriegsgeschrei.

26Fliegt der Falke empor dank deiner Einsicht und breitet seine Flügel aus, dem Süden zu?

27Fliegt der Adler auf deinen Befehl so hoch und baut sein Nest in der Höhe?

28Auf Felsen wohnt er und nächtigt auf Zacken der Felsen und steilen Klippen.

29Von dort schaut er aus nach Beute, und seine Augen sehen sie von ferne.

30Seine Jungen gieren nach Blut, und wo Erschlagene liegen, da ist er.

Hiobs erste Antwort an den HERRN

401Und der HERR antwortete Hiob und sprach:

2Wer mit dem Allmächtigen rechtet, kann der ihm etwas vorschreiben? Wer Gott zurechtweist, der antworte!

3Hiob aber antwortete dem HERRN und sprach:

4Siehe, ich bin zu gering, was soll ich antworten? Ich will meine Hand auf meinen Mund legen.

5Einmal hab ich geredet und will nicht mehr antworten, ein zweites Mal geredet und will's nicht wieder tun.

Zweite Rede des HERRN aus dem Wettersturm

6Und der HERR antwortete Hiob aus dem Wettersturm und sprach:

7Gürte wie ein Mann deine Lenden! Ich will dich fragen; lehre mich!

8Willst du mein Urteil zunichte machen und mich schuldig sprechen, dass du Recht behältst?

9Hast du einen Arm wie Gott, und kannst du mit gleicher Stimme donnern wie er?

10Schmücke dich mit Pracht und Hoheit; zieh Majestät und Herrlichkeit an!

11Streu aus den Zorn deines Grimmes; schau an alle Hochmütigen und demütige sie!

12Ja, schau alle Hochmütigen an und beuge sie und zertritt die Gottlosen in Grund und Boden!

13Verscharre sie miteinander in der Erde, und versenke sie ins Verborgene,

14so will auch ich dich preisen, dass dir deine rechte Hand helfen kann.

15Siehe da den Behemot, den ich geschaffen habe wie auch dich! Er frisst Gras wie ein Rind.

16Siehe, welch eine Kraft ist in seinen Lenden und welch eine Stärke in den Muskeln seines Bauchs!

17Sein Schwanz streckt sich wie eine Zeder; die Sehnen seiner Schenkel sind dicht geflochten.

18Seine Knochen sind wie eherne Röhren, seine Gebeine wie eiserne Stäbe.

19Er ist das erste der Werke Gottes; der ihn gemacht hat, gab ihm sein Schwert.

20Die Berge tragen Futter für ihn, und alle wilden Tiere spielen dort.

21Er liegt unter Lotosbüschen, im Rohr und im Schlamm verborgen.

22Lotosbüsche bedecken ihn mit Schatten, und die Bachweiden umgeben ihn.

23Siehe, der Strom schwillt gewaltig an: er dünkt sich sicher, auch wenn ihm der Jordan ins Maul dringt.

24Kann man ihn fangen Auge in Auge und ihm einen Strick durch seine Nase ziehen?

25Kannst du den Leviatan fangen mit der Angel und seine Zunge mit einer Fangschnur fassen?

26Kannst du ihm ein Binsenseil an die Nase legen und mit einem Haken ihm die Backen durchbohren?

27Meinst du, er wird dich lang um Gnade bitten oder dir süße Worte geben?

28Meinst du, er wird einen Bund mit dir schließen, dass du ihn für immer zum Knecht bekommst?

29Kannst du mit ihm spielen wie mit einem Vogel oder ihn für deine Mädchen anbinden?

30Meinst du, die Zunftgenossen werden um ihn feilschen und die Händler ihn verteilen?

31Kannst du mit Spießen spicken seine Haut und mit Fischerhaken seinen Kopf?

32Lege deine Hand an ihn! An den Kampf wirst du denken und es nicht wieder tun!

411Siehe, jede Hoffnung wird an ihm zuschanden; schon wenn einer ihn sieht, stürzt er zu Boden.

2Niemand ist so kühn, dass er ihn zu reizen wagt. – Wer ist denn, der vor mir bestehen könnte?

3Wer kann mir entgegentreten und ich lasse ihn unversehrt? Unter dem ganzen Himmel ist keiner!

4Ich will nicht schweigen von seinen Gliedern, wie groß, wie mächtig und wohlgeschaffen er ist.

5Wer kann ihm den Panzer ausziehen, und wer darf es wagen, ihm zwischen die Zähne zu greifen?

6Wer kann die Tore seines Rachens auftun? Um seine Zähne herum herrscht Schrecken.

7Stolz stehen sie wie Reihen von Schilden, geschlossen und eng aneinander gefügt.

8Einer reiht sich an den andern, dass nicht ein Lufthauch hindurchgeht.

9Es haftet einer am andern, sie schließen sich zusammen und lassen sich nicht trennen.

10Sein Niesen lässt Licht aufleuchten; seine Augen sind wie die Wimpern der Morgenröte.

11Aus seinem Rachen fahren Fackeln, und feurige Funken schießen heraus.

12Aus seinen Nüstern fährt Rauch wie von einem siedenden Kessel und Binsenfeuer.

13Sein Odem ist wie lichte Lohe, und aus seinem Rachen schlagen Flammen.

14Auf seinem Nacken wohnt die Stärke, und vor ihm her tanzt die Angst.

15Die Wampen seines Fleisches haften an ihm, fest angegossen, ohne sich zu bewegen.

16Sein Herz ist so hart wie ein Stein und so fest wie der untere Mühlstein.

17Wenn er sich erhebt, so entsetzen sich die Starken, und vor Schrecken wissen sie nicht aus noch ein.

18Trifft man ihn mit dem Schwert, so richtet es nichts aus, auch nicht Spieß, Geschoss und Speer.

19Er achtet Eisen wie Stroh und Erz wie faules Holz.

20Kein Pfeil wird ihn verjagen; die Schleudersteine sind ihm wie Spreu.

21Die Keule achtet er wie einen Strohhalm; er spottet der sausenden Lanze.

22Unter seinem Bauch sind scharfe Spitzen; er fährt wie ein Dreschschlitten über den Schlamm.

23Er macht, dass die Tiefe brodelt wie ein Topf, und rührt das Meer um, wie man Salbe mischt.

24Er lässt hinter sich eine leuchtende Bahn; man denkt, die Flut sei Silberhaar.

25Auf Erden ist nicht seinesgleichen; er ist ein Geschöpf ohne Furcht.

26Er sieht allem ins Auge, was hoch ist; er ist König über alle stolzen Tiere.

Hiobs letzte Antwort an den HERRN

421Und Hiob antwortete dem HERRN und sprach:

2Ich erkenne, dass du alles vermagst, und nichts, das du dir vorgenommen, ist dir zu schwer.

3»Wer ist der, der den Ratschluss verhüllt mit Worten ohne Verstand?« Darum hab ich unweise geredet, was mir zu hoch ist und ich nicht verstehe.

4»So höre nun, lass mich reden; ich will dich fragen, lehre mich!«

5Ich hatte von dir nur vom Hörensagen vernommen; aber nun hat mein Auge dich gesehen.

6Darum spreche ich mich schuldig und tue Buße in Staub und Asche.

Gott rechtfertigt Hiob gegenüber seinen Freunden

7Als nun der HERR diese Worte mit Hiob geredet hatte, sprach er zu Elifas von Teman: Mein Zorn ist entbrannt über dich und über deine beiden Freunde; denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

8So nehmt nun sieben junge Stiere und sieben Widder und geht hin zu meinem Knecht Hiob und opfert Brandopfer für euch; aber mein Knecht Hiob soll für euch Fürbitte tun; denn ihn will ich erhören, dass ich nicht töricht an euch handle. Denn ihr habt nicht recht von mir geredet wie mein Knecht Hiob.

9Da gingen hin Elifas von Teman, Bildad von Schuach und Zofar von Naama und taten, wie der HERR ihnen gesagt hatte. Und der HERR erhörte Hiob.

Hiobs gesegnetes Ende

10Und der HERR wandte das Geschick Hiobs, als er für seine Freunde Fürbitte tat. Und der HERR gab Hiob doppelt so viel, wie er gehabt hatte.

11Und es kamen zu ihm alle seine Brüder und alle seine Schwestern und alle, die ihn früher gekannt hatten, und aßen mit ihm in seinem Hause und sprachen ihm zu und trösteten ihn über alles Unglück, das der HERR über ihn hatte kommen lassen. Und ein jeder gab ihm ein Goldstück und einen goldenen Ring.

12Und der HERR segnete Hiob fortan mehr als einst, sodass er vierzehntausend Schafe kriegte und sechstausend Kamele und tausend Joch Rinder und tausend Eselinnen.

13Und er bekam sieben Söhne und drei Töchter

14und nannte die erste Jemima, die zweite Kezia und die dritte Keren-Happuch.

15Und es gab keine so schönen Frauen im ganzen Lande wie die Töchter Hiobs. Und ihr Vater gab ihnen Erbteil unter ihren Brüdern.

16Und Hiob lebte danach hundertundvierzig Jahre und sah Kinder und Kindeskinder bis in das vierte Glied.

17Und Hiob starb alt und lebenssatt.