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Passion und Verkündigung

Passion und Verkündigung

Passion

Jesus ist am 14. Nisan des Jahres 30 unmittelbar vor dem Passafest gekreuzigt worden. Dieser Termin, der dem johanneischen Datum folgt, wird durch einen breiten Konsens in der Forschung akzeptiert. Für die Historizität dieser Angabe spricht u.a. die Überlegung, dass es die Römer aus politischer Rücksichtnahme vermieden, zu hohen Festtagen Exekutionen zu vollstrecken. Gerade im häufig brodelnden Judäa konnte so etwas schnell zum Zündfunken am Pulverfass werden.

Das Todesurteil hat der römische Präfekt Pontius Pilatus gesprochen, dem im von der Besatzungsmacht verwalteten Judäa die Kapitalgerichtsbarkeit zukam. Jesus war durch das Synedrium wahrscheinlich des politischen Aufruhrs angeklagt worden. Darauf deutet die unübliche und deshalb wohl historische Kreuzesinschrift "König der Juden" (Mk 15,26). Der Anspruch Jesu, Mittler der Gottesherrschaft zu sein, wurde politisch umgedeutet. Dazu hat möglicherweise beigetragen, dass ein Teil seiner Anhänger messianische Hoffnungen an ihn knüpfte.

Unklar ist, aufgrund welchen nach jüdischem Recht strafbaren Tatbestandes das Synedrium Anklage gegen Jesus erhoben hat. Möglicherweise hat man ihn als falschen Propheten angesehen (vgl. Dtn 13,1-6; 18,9-22). Vieles deutet aber darauf hin, dass es gar kein formelles Verfahren gegen Jesus vor dem Synedrium gegeben hat, da das in Mk 14,53-65 geschilderte Verhör allen jüdischen Prozessprinzipien widerspricht. Das Motiv des Vorgehens der jüdischen Autoritäten gegen Jesus ist dagegen relativ eindeutig zu erkennen. Er rüttelte mit seiner Verkündigung, vor allem mit der Kritik am Tempel, an den Privilegien der Lokalaristokratie. Sie konnte sich bei dem Bemühen, diesen lästigen galiläischen Wanderprediger loszuwerden, vermutlich der Sympathie großer Teile der Jerusalemer Bevölkerung sicher sein, da deren Existenz häufig vom Tempel abhing.

Die Verkündigung Jesu

Die synoptische Tradition ist sich darin einig, dass im Zentrum der Verkündigung Jesu die "Königsherrschaft Gottes" (βασιλεὶα τοῦ θεοῦ/ basileia tou theou) stand (vgl. auch Joh 3,3.5). Er knüpfte dabei an die in der frühjüdischen Tradition verbreitete Vorstellung an, dass Gott gegenwärtig verborgen als König über die Welt herrscht und diese Herrschaft dereinst am Ende der Zeit offenbar werden wird. Im Gegensatz zur Tradition sah Jesus aber bereits seine Gegenwart durch die in seiner Wirksamkeit hereinbrechende Gottesherrschaft geprägt (Lk 11,20; vgl. 10,18). Die entscheidende Heilswende vollzieht sich bereits. Die endgültige Vollendung der Königsherrschaft Gottes steht mit Gewissheit unmittelbar bevor (vgl. Mk 1,15f.; Mt 5,3f.par).

Jesus hat wie Johannes der Täufer ganz Israel als dem Gericht verfallen angesehen (Lk 13,1-5). Das Gottesverhältnis ist von Seiten der Menschen irreparabel zerstört. Gott aber eröffnet den Menschen mit seiner kommenden Herrschaft eine neue Heilschance, die es entschlossen zu ergreifen gilt (vgl. den entschlossen handelnden Haushalter in Lk 16,1-7). Wer diese Chance allerdings verpasst, wird dem Gericht nicht entgehen (Mt 18,23-34).

Es ist bemerkenswert, dass Jesus offenbar nicht auf die jüdische Erwählungstradition zurückgegriffen hat. Er sah Gott als den Schöpfer neu am Werk (Mt 6,25-34). Als Schöpfer wendet er sich seinen Geschöpfen zur Rettung der Verlorenen gnädig zu (Lk 19,10; vgl. Lk 15). Damit war die Verkündigung Jesu, obwohl sie sich an das Volk Israel richtete, latent universalistisch ausgerichtet. Das ermöglichte den frühen Christen später den Schritt in die Völkerwelt.

Die Bezogenheit der Königsherrschaft Gottes auf sein Schöpfersein macht zugleich die Radikalität ihres Anspruchs aus. Jesus konfrontierte den ganzen Menschen mit der anbrechenden Heilswende. Das hatte offenbar zwei Seiten. Zum einen geht es Gott um ganzheitliches Heil. Er will die gesundheitliche Integrität seiner Geschöpfe. Hier haben die Heilungen und Exorzismen Jesu ihren Ort. Gott sagt die Grundbedürfnisse des Lebens zu (Mt 6,25-34). Zum anderen fordert die Gottesherrschaft die ungeteilte Hinwendung des ganzen Menschen. Alle bisherigen Bindungen müssen angesichts der Heilswende aufgegeben werden (Lk 9,57-62).

Dieser Radikalität des Anspruches der Gottesherrschaft entspricht auch die Ethik Jesu. Dabei ist festzuhalten, dass Jesus kein geschlossenes ethisches System entfaltet hat, sondern an konkreten Einzelfällen jeweils einen grundsätzlichen Horizont eröffnete. Maßstab für das Handeln der Menschen ist wiederum Gott als Schöpfer (Mt 5,43-48). Damit stellte Jesus das Gerechtigkeitsverständnis der Welt fundamental in Frage (Mt 20,1-15). Gerecht ist, wer kompromisslos gütig und barmherzig handelt (Lk 10,30-35). So handeln kann nur, wer sein Vertrauen ganz auf Gott und seine anbrechende Herrschaft setzt. Für irdische Lebenssicherung bleibt da kein Platz (Mt 6,24 par).

In diesen Horizont hat Jesus nun auch die Tora gestellt. Das führte dazu, dass er die kultische Tora, vor allem die Reinheitsgebote, relativiert hat. Diese Gebote standen dem Heilswillen Gottes, der gerade den Verlorenen gilt, entgegen. Jesus hat hier offenbar bewusst Grenzen überschritten, die von Pharisäern und Essenern gezogen wurden. Hingegen deutet alles darauf hin, dass Jesus die sozialen Bestimmungen der Tora radikalisiert hat (vgl. Mt 5,23-26.28f.33-37).

Diese soziale Akzentuierung in der Ethik hatte ihre Entsprechung in der besonderen Zuwendung Jesu zu den Unterprivilegierten der Gesellschaft. Ihnen spricht er in besonderer Weise das Heil zu (Lk 6,20f.). Sie hat er ganz bewusst in seine Mahlgemeinschaften mit eingeschlossen (vgl. das hinter Lk 14,16-24par Mt 22,2-10 noch erkennbare Jesusgleichnis).

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