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Sohn Davids, Menschensohn

Christologische Hoheitstitel Teil 2

Sohn Davids

Anknüpfungspunkt für diesen Titel ist eine starke Strömung alttestamentlich-jüdischer Messiaserwartung. Sie erhofft den eschatologischen Heilbringer anknüpfend an 2Sam 7,16 aus der Nachkommenschaft Davids (vgl. Jes 9,1-6; 11,1-10; PsSal 17,21; 4QFlor I,11-13).

Indem die frühen Christen Jesus als den "Sohn Davids" bezeichneten, wurde er als derjenige benannt, in dem sich diese Verheißung erfüllt hatte. Dabei bezieht sich der Titel vor allem auf die irdische Existenz Jesu (Röm 1,3; 2Tim 2,8), konkret auf seine Wunderwirksamkeit (Mt 12,23; vgl. Mk 10,47f. par.)

Menschensohn

Die ungewöhnliche griechische Wortform υἱὸς τοῦ ἀνθρώπου (hyios tou anthrōpou – Menschensohn) lässt darauf schließen, dass diese Prädikation Jesu aus dem Aramäischen stammt. Da sie zudem mehrfach in Zitaten von oder Anspielungen auf Dan 7,13f. begegnet, ist anzunehmen, dass ihre Bedeutung unter Beachtung dieser Stelle zu erschließen ist. Damit ist der Konsens der Forschung aber auch schon fast erreicht. Es ist sogar strittig, ob "Menschensohn" überhaupt als christologischer Titel bezeichnet werden sollte.

In Dan 7,13f. ist "Menschensohn" kein Titel einer eschatologischen Einzelgestalt. Die menschliche Gestalt, die Daniel schaut, symbolisiert "die Heiligen des Höchsten" (Dan 7,18), steht also für ein Kollektiv. In späteren apokalyptischen Texten erscheint mehrfach die Gestalt eines himmlischen Menschen, dessen Aufgabe im Zusammenhang der endzeitlichen Zusprechung von Gericht und Heil steht (äthHen; syrBar). Nirgendwo aber lässt sich sicher eine vorchristliche Verwendung des Titels "Menschensohn" auf diese Gestalt nachweisen.

Im Neuen Testament wird die Prädikation beinahe ausschließlich in den Evangelien verwandt. Dabei fällt auf, dass sie dort nur im Munde Jesu erscheint. Man kann zwischen drei Gruppen von Aussagen über den "Menschensohn" unterscheiden. Die erste Gruppe spricht von seinem irdischen Wirken (Mk 2,10.28; Lk 9,58; 19,10 u.ö.). Die zweite Gruppe besteht aus Worten über das Leiden (und Auferstehen) des "Menschensohnes" (Mk 8,31 parr.; 9,31 parr.; 10,33f. parr. u.ö.). In der dritten Gruppe von Texten schließlich geht es um die künftige Parusie des "Menschensohnes" (Mk 13,26f. parr. u.ö.). Dabei hat er häufig die Funktion des Richters (Joh 5,27; Apg 7,56 u.ö.). Nur bei dieser Textgruppe ist der Einfluß der apokalyptischen Tradition erkennbar.

Die genauere Analyse der Texte zeigt, dass die Evangelisten die Prädikation an einer Reihe von Stellen sicher als Titel verstanden haben (z.B. Mk 8,38; 13,26; Joh 5,27 u.ö.). Das legt die Annahme nahe, ihn auch an den anderen Stellen als solchen zu verstehen.

Da "Menschensohn" im Aramäischen einfach für "ich" stehen kann, hat man vermutet, dass die Verwendung als Titel erst in der griechischen Gemeinde entstanden sei, die die aramäische Konstruktion mißverstanden habe. Dann ständen am Anfang der Traditionsgeschichte die Aussagen über die irdische Wirksamkeit des Menschensohnes und sein zukünftiges gewaltsames Schicksal, die im Kern auf Jesus zurückgehen könnten. Andere Forscher meinen, Jesus habe den "Menschensohn" als eschatologischen Richter erwartet. Nach der Ostererfahrung sei er dann von der Urgemeinde mit diesem identifiziert worden. Eine eindeutige Klärung scheint angesichts der Quellenlage kaum noch möglich zu sein.

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