Der ewige König

Anthea Roesler

Kurzbeschreibung:
Psalm 93 beschreibt das ewige Königtum JHWHs und die Auswirkungen seiner Schöpfungstat. Der Psalm greift die Schöpfungsthematik aus Gen 1,1-2,4a auf und betont JHWHs Überlegenheit den Chaoswassern gegenüber. Betont wird auch die Heiligkeit des Tempels und die Verlässlichkeit von JHWHs Worten. Es wird aufgezeigt, welche Macht JHWH zugeschrieben wird und welche Auswirkungen dies hat.
Zusätzliche Autoreninformation: Anthea Roesler
Studentin, Universität Kassel
Kategorie:
Bibeltheologische Komm.
Schulform:
Grundschule Hauptschule Realschule Gymnasium
Bibelstellenbezug:
Ps 93
Weitere Schlagworte:
Altes Testament; beten; Gebet; Gott; Gottesbilder; König; Lobpreis; Metapher; Mythologie; Psalm; Schöpfung

1. Erster Leseeindruck

Beim Lesen des 93. Psalms entsteht sofort das Bild eines sehr mächtigen Königs. Auffällig ist, dass die Schilderungen dieses Königs ausschließlich positiv sind. Der Herr und König hat alles getan und tut alles, damit die Erde sicher und fest ist. Keine Gefahr (hier tosende Wasser) kann diese Stabilität brechen. Besonders im letzten Vers zeigt sich die Verehrung JHWHs.

2. Synchrone Zugangsweise: Souveränität und Macht

2.1 Abgrenzung und Kontext

Im Psalter lassen sich die Psalmen nach ihren doxologischen Schlussformeln in 5 Bücher gliedern. Den Rahmen der fünf Bücher bilden Psalm 1 + 2 sowie Psalm 146-150. Das erste Buch umfasst die Psalmen 3-41, das zweite die Psalmen 42-72, das dritte die Psalmen 73-89, das vierte die Psalmen 90-106 und das fünfte Buch die Psalmen 107-145. Psalm 93 steht also im 4. Buch der Psalmen (vgl. Zenger, 2008, 348 - 370 und vgl. Gertz, 2007, 405) und ist der erste Psalm der fast überschriftslosen Psalmenreihe 93-100. Diese Psalmen gehören im Gesamtpsalter zur Gruppe der König – JHWH - Psalmen.

Mit den Nachbarpsalmen 92 und 94  hat Psalm 93 einige Verbindungen. Die Verbindung zu Psalm 92 ist in der Königsmotivik gegeben. JHWH wird als Gott in der Höhe und als Gott von ewiger Dauer beschrieben. Außerdem taucht JHWH in beiden Psalmen als ein treuer Gott auf. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die Erwähnung von JHWHs Präsenz auf der Erde in seinem Haus oder Tempel.

Die Verbindung zu Psalm 94 besteht durch eine seltene, gemeinsame Verbwurzel, die mit tosen/zusammenschlagen/zertreten übersetzt wird. Eine weitere Wurzelverwandschaft besteht in der Erwähnung der Erhabenheit in Psalm 93 und der Stolzen in Psalm 94. In beiden Psalmen ist die Rede von den Gesetzen JHWHs und das Bild vom Thron JHWHs taucht auf. Durchgehend in allen drei Psalmen erscheint die Königsmotivik. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506- 508)

2.2 Aufbau

Psalm 93 besteht aus 5 Versen und beginnt mit dem formelhaften Themasatz „Der Herr ist König“. Es findet ein Sprechrichtungswechsel statt: Während in v1 von JHWH in der 3. Person die Rede ist, wird er in v2 direkt in der 2. Person angesprochen. Ebenso sind v3 und v5 als Anrede gestaltet, wohingegen in v4 erneut von JHWH in der 3. Person gesprochen wird.

v1 und 2 behandeln das Königtum JHWHs, die Folgen seiner Schöpfung und die Permanenz seines Throns. v3 und 4 beschreiben den Schöpfungsmythos, die brausenden, mächtigen Chaoswasser und JHWHs Macht, die noch viel größer ist. Im abschließenden v5 wird ein neues Thema eingeführt, es geht um Gesetz und Tempel. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506 - 508 )

Daraus ergibt sich für Psalm 93 folgende Gliederung:

v1a:       Themasatz: Königtum und Schöpfung (JHWH 3. P.Sg.)

v1b - 2:  Königtum JHWHs; Folgen der Schöpfung; ewiger Thron (JHWH 2. P.Sg.)

v3 - 4:    Chaoswasser und JHWHs Macht (JHWH 2./3. P.Sg.)

v5          Gesetz und Tempel (JHWH 2. P.Sg.)

 

2.3 Gattungsbestimmung

Psalm 93 einer bestimmten Gattung zuzuordnen erweist sich als schwierig. In den häufigsten Fällen wird der untersuchte Psalm den Hymnen zugeordnet. Das Problem hierbei ist, dass es keine Selbst- oder Fremdaufforderung zum Lobpreis gibt, wie sie für einen Hymnos typisch wäre. Außerdem fehlt die Beschreibung des Wesens und Wirkens Gottes, ebenfalls ein Gattungsmerkmal für einen Hymnos. Der Sprechrichtungswechsel wäre ein Hinweis auf ein Danklied, hier fehlt aber wiederum der Akt des Dankens. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506- 508) Auch die Möglichkeit einer Thronvision kommt nicht in Frage, weil der Akt der Vision nicht zu erkennen ist. Der Themasatz „Der Herr ist König“ hat zwar kultische Verbindungen, diese sind aber schwierig zu verorten. (vgl. Hossfeld, 2000, 642 - 649)

Es bleibt die  offene Gattungsbestimmung. Bei Psalm 93 handelt es sich um einen bekennenden Lobpreis JHWHs der eine Verbindung mit dem jerusalemer Tempelkult aufweist. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506 - 508 ) Bei der Zuordnung eines Psalms zu einer Gattung ist zu beachten, dass diese Methode auch ihre Grenzen hat. So lässt sich, wie bei Psalm 93, nicht zu jedem Psalm eine eindeutige Gattung bestimmen, denn viele Psalmen sind Mischformen aus den einzelnen Gattungen. Eine Fixierung nur auf die Gattung lässt die Gefahr entstehen, dass das Verständnis des eigentlichen Psalmtextes behindert wird. (vgl. Zenger, 2001, 8- 15)

 

2.4 Auslegung

Das Besondere an Psalm 93 ist, dass der Sprecher oder die Sprechergruppe verschwiegen wird. (vgl. Hossfeld, 2000, 642 - 649)

V.1a besteht aus dem Themasatz „Der Herr ist König“ und meint JHWHs angetretene und dauerhafte Königsherrschaft. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506 - 508) Der Anbruch der Königsherrschaft JHWHs wird als Vorgang, als Aufstieg JHWHs auf den Thron dargestellt. (Betz, 2003, 1762 - 1786) Dieser Themasatz hat ein Eigenleben als eine im Kult beheimatete Formel: Sie kommt sowohl in Ps 96,10 als auch in Jes 52,7 vor. In Psalm 97 und 99 steht der Themasatz wie in Psalm 93 am Anfang. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506 - 508 ). Diese Formel kann auch als Proklamationsruf oder Huldigungsruf betrachtet werden. Sprecher und Anlass dieses Ausrufs bleiben hier allerdings offen. (vgl. Hossfeld, 2000, 642 - 649)

Die Schwierigkeit bei diesem eröffnenden Themasatz besteht darin, dass unterschiedliche Übersetzungsmöglichkeiten existieren. Meistens wird der Beginn des Psalms mit „der Herr ist König“ wiedergegeben. (vgl. Kraus, 1978, 814 - 820) Es kann auch „der Herr ward König / ist König geworden“ übersetzt werden, was Auswirkungen auf die Auslegung hätte. (vgl. Gross, 1989, 146 - 151)

In v1b - 2 wird die Bekleidung JHWHs beschrieben. Die prachtvolle Kleidung soll seine Würde sichtbar machen und den Antritt der Königsherrschaft visuell konkretisieren. (vgl. Hossfeld, 2000, 642 - 649). Dass JHWH sich mit Kraft „gürtet“, deutet darauf hin, dass er in der Rüstung eines Kämpfers thront. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506- 508)

Es folgt eine Beschreibung der Folgen des Herrschaftsantritts JHWHs: Er hat den „Edkreis“ fest gegründet, so dass störende, kosmische Erschütterungen nicht auftreten. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506 - 508) In der Zeit vor der Schöpfung wankte die Erde wegen der Chaoswasser . Diese Erschütterungen bedeuten immer noch die fortgesetzte Bedrohung der Welt, spürbar durch die häufigen Erdbeben in Palästina. (vgl. Kraus, 1978, 814 - 820)

Gott ist nicht König geworden, er war es schon immer. Es gab zwar eine Zeit vor der Schöpfung, in der die Chaosmächte wüteten, aber als die Erde gegründet wurde, stand der göttliche Thron schon. Das bedeutet, dass Gottes Königtum bis weit hinter die menschliche Existenz zurück geht, also hinter das Schöpfungsgeschehen selbst. (vgl.Hossfeld, 2000, 642 - 649) v2 ist als Anrede an Gott formuliert und betont, dass dieser Thron vom Anbeginn an bis in alle Ewigkeit fest steht. JHWH ist also nicht nur der Schöpfer der Welt, sondern er erhält seine Schöpfung auch. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506 - 508) Gottes Herrschaft auf seinem Thron ist die Garantie dafür, dass die Welt fortbesteht, solange JHWH König ist. (vgl. Seybold, 1996, 367 – 370)

In v3-4 wird die kanaanäische Mythologie auf JHWH übertragen und umgeformt. v3 ist als Anrede, v4 als Beschreibung formuliert. In der kanaanäischen Mythologie kämpft der Wettergott Baal gegen Jam / Meer um die Königsherrschaft. Baal ging als Gewinner aus diesem Kampf hervor. Diese mythische Erzählung wird auf JHWH und seinen Kampf gegen die Chaoswasser übertragen. Dieser Kampf findet fortdauernd statt, aber der Sieger steht schon von Anfang an fest, nämlich JHWH. Die Chaosfluten sind sehr stark und mächtig, aber JHWHs Thron steht fest (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506 - 508); er thront in seiner Machtvollkommenheit über den Chaoswassern in der Höhe.

In der babylonischen Mythologie ist eine ähnliche Geschichte überliefert. Am babylonischen Neujahrsfest wurde Marduk als Überwinder der chaotischen Urgewässer gefeiert. Auch von dieser Erzählung könnte das Bild von JHWH, der gegen die Chaosfluten kämpft, abgeleitet worden sein. (vgl. Kraus, 1978, 814 - 820)

v5 stellt eine Anrede dar, in der die Inhalte der Königsvorstellung auf Gesetz und Tempel übertragen werden. JHWHs Gesetze sind zuverlässig und die Heiligkeit seines Tempels wird gepriesen. Außerdem wird die unbegrenzte Dauer von Wort und Herrschaft mit dem letzten Satz „Herr, für alle Zeit“ deutlich gemacht. (vgl. Hossfeld / Zenger, 2002, 506 - 508) Diese Rede vom Tempel knüpft an die Vorstellung von Gottesthron und Gottesberg in der Höhe problemlos an. (vgl. Hossfeld, 2000, 642 - 649)

Ziel des Psalms ist es, JHWH als König und Herrn der Welt zu verkünden. Seine souveräne Macht ist ewig und unumstößlich. Sie ist so groß, dass auch die Chaosmächte die Welt nicht mehr bedrohen können. JHWH wird als ein verlässlicher und treuer Gott dargestellt.

 

3. Diachrone Beobachtungen: Alte Königsprotokolle?

Der 93. Psalm stammt wahrscheinlich aus vorexilischer Zeit, jedoch spricht einiges für den sekundären Charakter von v5. So bilden v1 - 4 eine in sich geschlossene Einheit mit JHWH als Eckposition. v5 geht darüber hinaus. Die Verse 1 - 4 beschreiben den zeitlichen Ablauf vom Anbeginn bis zur Gegenwart und v5 beschäftigt sich mit dem Zeitraum von der Gegenwart bis in die Zukunft. v5 hebt sich auch mit dem neuen Thema Gesetz und Tempel von den  vorhergehenden Versen ab. Bei den Zeugnissen JHWHs, von denen in v5 die Rede ist, ist nicht genau geklärt, ob es sich um Gesetze JHWHs, alte Königsprotokolle oder kultisch- priesterliche Worte handelt. Insgesamt deutet alles auf einen sekundären Charakter von v5 hin, wobei sich der Vers an die poetische Struktur des Grundtextes anpasst. Psalm 93 ist also mit hoher Wahrscheinlichkeit ein vorexilischer Lobpreis, der exilisch-nachexilisch aktualisiert wurde. Die Aktualisierung meint die Verbindung vom kosmischen Charakter des Königtum JHWHs mit Gesetz und Tempel. (vgl. Hossfeld, 2000, 642 - 649)

Aus Psalm 93 geht nicht hervor, zu welcher Gelegenheit er gesungen wurde. Durch die poetische Prägung und den einleitenden Themasatz ist es wahrscheinlich, dass Psalm 93 Teil einer kultdramatischen Aufführung war, welche das Thema Königtum Gottes trug. (vgl. Seybold, 1996, 367 - 370) Wahrscheinlich ist der Psalm im Anschluss an den Einzug der Festgemeinde in den Tempelbezirk, im Kontext der dort stattfindenden Verehrung des Gottkönigs JHWH, gesungen worden. Einzug und Verehrung gehören wahrscheinlich in den Kontext des Laubhüttenfestes. Das Laubhüttenfest ist das Herbstfest Israels, in dem die kultische Übermittlung des Gottesrechts wurzelt. Das würde dann auch das Thema Gesetz und Tempel in v5 erklären. Das Laubhüttenfest muss ein in Jerusalem gefeiertes Fest sein, weil hier die Tradition von JHWHs Königtum verankert ist.

Im jüdischen Gottesdienst späterer Zeit wurde der Psalm am Vorsabbat, also am Freitag, angestimmt. So findet sich u.a. bei Seybold die Anmerkung, dass nach griechischer Überlieferung Psalm 92 und 93 zu den Sabbatpsalmen gehören.

In der jüdischen Sabbatliturgie kommt Psalm 92 eine besondere Bedeutung zu, denn er wird viermal rezitiert. Psalm 92 und 93 werden liturgisch als ein Psalm betrachtet. Dieser zusammengesetzte Psalm leitet den Übergang vom Werktag zum Sabbat ein und lobt und preist Gott. (vgl. Hossfeld, 2000, 642 - 649)

 

4. Stimmen aus der Forschung

4.1 Kultdramatische Aufführung

Die poetische Prägung läßt vermuten, daß das Kernstück – eingeleitet durch die Proklamationsformel (...)- Teil einer kultdramatischen Aufführung gewesen ist, welche dem zentralen Thema des Königtum Gottes gewidmet war. In Proklamation und Illustation werden Aspekte jenes kultischen Theologumenons entfaltet: der Auftritt des Weltkönigs gegen die Chaoswasser.“ (vgl. Seybold, 1996, 368)

4.2 Aktualisierter Lobpreis JHWHs

„Ps 93 1-4 ist ein alter, vorexilischer Lobpreis auf den König JHWH, der durch 5 exilisch -   nachexilisch aktualisiert wurde, indem der kosmische Character des Königtum JHWHs mit Gesetz und Tempel verbunden wurde.“ (vgl. Hossfeld/Zenger, 2002, 506)

4.3 Eröffnender Königspsalm

„Für das tiefere Verständnis von Ps 93 ist es vor allem notwendig, daß er als programmatischer Eröffnungspsalm der planvollen Komposition der JHWH – Königs - Psalmen Ps 93-100 [...] gesehen wird.“  (vgl. Hossfeld, 2000, 649)

 

Literaturverzeichnis

Hossfeld, F.-L., 2000, Psalmen 51- 100 (HThKAT), Stuttgart

Hossfeld, F.-L./Zenger, E., 2002, Psalm 51-100 (Die neue Echter Bibel), Würzburg

Gertz, Jan Christian, 2007, Grundinformation Altes Testament, Göttingen

Gross, Heinrich, 1989, Das Buch der Psalmen, Düsseldorf

Kittel, D. Rudolf, 1914, Die Psalmen (KAT 13), Leipzig

Kraus, Hans-Joachim; 1978, Psalmen (BKAT), Neukirchen-Vluyn

Seybold, Klaus, 1996, Die Psalmen (Handbuch zum Alten Testament), Tübingen

Weiser, Artur, 1897, Die Psalmen, Göttingen

Zenger, Erich, 2008, Einleitung in das Alte Testament, Stuttgart, S. 348- 370

Zenger, Erich, 2001, Von der Psalmenexegese zur Psalterexegese, in: Bibel und Kirche 1/ 2001, 8-15

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